Aktivistin, Künstlerin und Regisseurin Simone Dede Ayivi. (Quelle: privat/S. Dede Ayivi)
privat/S. Dede Ayivi
Audio: Radioeins | 06.07.2020 | Interview mit Simone Dede Ayivi | Bild: privat/S. Dede Ayivi Download (mp3, 7 MB)

Interview | Interaktive Karte "tearthisdown.com" - "Die kolonialen Denkmäler und Straßennamen müssen weg"

Der deutsche Kolonialismus steckt immer noch in vielen Straßenschildern. Darauf macht die interaktive Karte "tearthisdown.com" aufmerksam. Die Berliner Künstlerin Simone Dede Ayivi hat das Projekt mit initiiert und fordert, Geschichte endlich sichtbar zu machen.

Die BVG plant, den U-Bahnhof Mohrenstraße umzubenennen. Den Schritt begründen die Berliner Verkehrsbetriebe auch mit der aktuellen Diskussion um die Black Lives Matter Proteste. Ist das eine PR-Aktion, die den Schwung von Black Lives Matter mitnimmt, oder finden Sie das sinnvoll?

Sinnvoll finde ich es allemal. Und es ist ja auch nicht was, was aus dem Nichts kommt, sondern viele schwarze Initiativen oder Expertinnen zum Thema Postkolonialismus und Erinnerungskultur haben schon sehr, sehr lange darauf hingewiesen, dass der U-Bahnhof umbenannt werden muss und natürlich auch die dazugehörige Straße. Und die BVG ist eigentlich mit der Diskussion vertraut. Dass das jetzt passiert, hat natürlich damit zu tun, dass das Thema gerade so groß in den Medien ist und dass da auch viel Druck auf der Straße ist.

Die digitale Karte tearthisdown.com markiert diese Orte zunächst. Was ist das Ziel?

Das ist eine Initiative vom Peng Kollektiv und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Und beide arbeiten schon lange zu dem Thema. Interessant daran fanden wir, die Möglichkeit zu schaffen, erst all diese Orte zu sammeln und einen Überblick zu bekommen. Und vor allem die Menschen dazu anzuregen, denn das ist ja ein partizipatives Projekt. Jeder kann Straßennamen oder Denkmäler eintragen, aus der eigenen Nachbarschaft zum Beispiel. Wir wollten die Menschen dazu anhalten, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und sich zu überlegen: Wie viel Kolonialismus steckt eigentlich in meiner Nachbarschaft?

Wie groß ist denn das Ausmaß des Problems? Jetzt hat man es ja zahlenmäßig in der Karte mal sichtbar. Hat Sie das überrascht?

Nein, ich beschäftige mich jetzt schon eine Weile mit dem Thema. Positiv überrascht und erfreut hat mich, dass es tatsächlich so viele Rückmeldungen gibt, dass es so viel positives Feedback auf die Karte ist und so viele Menschen, die nutzen. Wir hatten 275 neue Eintragungen innerhalb der ersten 24 Stunden. Menschen rufen uns tatsächlich an und fragen nach, wollen genauere Infos haben. Und deswegen werden wir die Karte jetzt auch noch ausbauen. Einfach weil es tatsächlich inzwischen ein Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte gibt, die ansonsten als Thema immer ein bisschen untergegangen ist.

Jetzt ist die Sichtbarmachung wahrscheinlich ja nur der erste Schritt. Was sollte darüber hinaus passieren?

Die Denkmäler und die Straßennamen müssen weg. Und es muss um ein "Um-Erinnern" gehen, um einen Perspektivwechsel. Sie sollen nicht ersatzlos verschwinden, sondern im Gegenteil: Geschichte soll endlich sichtbar gemacht werden, indem wir zum Beispiel an Stelle eines Kolonialverbrechers jemanden ehren, der in dieser Region antikolonialen Widerstand geleistet hat, oder Menschen, die sich um antirassistische Belange verdient gemacht haben. Das ist die Forderung, und die hat ja zum Beispiel sehr gut geklappt in Berlin-Kreuzberg, am May-Ayim-Ufer. Das hieß ja irgendwann mal Groeben Ufer, da erinnert sich kaum noch wer dran. Und das ist es ja nicht nur so, dass die Straße nach einer afrodeutschen antirassistischen Aktivistin und Lyrikerin umbenannt wurde. Es gibt ja auch eine große Stele, auf der erklärt wird, warum umbenannt wurde, was die Geschichte dieses Ufers ist und wie die Zusammenhänge sind. Das heißt vorher, mit dem einfachen Namen von der Groeben, war die Geschichte eigentlich nicht wirklich sichtbar. Was blieb, war die Ehrung eines Kolonialverbrechers. Und jetzt wurde Geschichte wirklich sichtbar und greifbar gemacht durch die Umbenennung.

Sprechen wir nochmal kurz über die U-Bahnstationen. Da gab zum Teil Kritik. Und zwar lautete die, die Bürger seien nicht mit einbezogen worden bei der Umbenennung. Wer soll denn eigentlich entscheiden, wie meinetwegen U-Bahnstationen, aber auch Straßen umbenannt werden?

Na ja, es ist jetzt schon ein bisschen merkwürdig zu sagen, die Bürger seien nicht mit einbezogen worden, weil das waren ja Bürgerinitiativen, die genau diese Umbenennung gefordert haben. Und zwar eigentlich, seit sie von Thälmann-Platz in M-Straße umbenannt wurde. Seit Anfang der 90er Jahre haben sich ja Bürgerinitiativen, Nachbarinnen, Berlinerinnen dagegen gewehrt, dass diese Straße diesen unsäglichen, kolonial rassistischen, brutalen Namen trägt.

Schaut man sich die Straßen an, die bei tearthisdown in Berlin verzeichnet sind – Lüderitzstraße, Walderseestraße: Ohne die Karte wüssten die meisten von uns ja gar nicht, dass das Namen mit Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte sind. Ist das nicht das eigentliche Problem, dass man das nicht in der Schule lernt?

Das ist ein Riesenproblem, und das ist auch etwas, was sich dringend verändern muss. Es gab einfach sehr lange keinen Fokus auf der deutschen Kolonialgeschichte. Es gibt diese Erzählung, Deutschland hätte ja nicht so viele Kolonien gehabt, die außerdem nach dem Ersten Weltkrieg, ja direkt verloren, es sei also nur eine kurze Zeit gewesen... Dass Deutschland aber tatsächlich ein wichtiger und auch brutaler kolonialer Akteur war, ist irgendwie etwas, was jetzt erst so ins Bewusstsein kommt. Das hat natürlich auch mit einem Mangel an Bildung schon in frühen Jahren zu tun. Kolonialgeschichte kam jetzt bei mir im Unterricht nicht groß vor. Umso glücklicher bin ich, dass es jetzt einfach diese Zusammenschlüsse von HistorikerInnen gibt, die dann im außerschulischen Bildungsbereich ganz viel dazu arbeiten. Und ich hoffe natürlich, dass das Thema auch in den Schulbüchern breiter behandelt werden wird in Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: Radioeins, 06.07.2020, 10:15 Uhr


Kommentarfunktion am 06.07.2020, 21:12 Uhr geschlossen

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19 Kommentare

  1. 19.

    Hassen die Deutschen ihr Land so sehr
    oder was steckt dahinter?
    Reicht es nicht, dass wir überall bei den
    Zahlern an der Spitze sind?

  2. 18.

    Ich weiß nicht warum immer so ein Affentheater gemacht wird. Berlin hat nun mal Geschichte, so wie andere Städte und Länder auch. Hört doch Bitte mit dem Scheiß auf. Wir haben größere Probleme im Moment und das Weltweit...... Covid 19.

  3. 17.

    Ich finde die Einlassungen der Frau Ayivi nicht verkehrt. Dies vor allem, weil es ihr um ein erklärendes Ersetzen geht, das ich in dieser Debatte für eine gute Idee halte. Der alleinige Austausch von Namen würde Geschichte sicher nicht sichtbarer machen und somit vermutlich auch dem erweiterten Anliegen der "Initiative schwarze Menschen in Deutschland " nicht gerecht.

    Dessen ungeachtet stimme ich auch meinen Vorrednern zu: Es gibt noch diverse andere, ganz ähnliche Baustellen: Ich erinnere hier zum wiederholten Mal an die Treitschkestraße in Steglitz. Es gäbe da noch so einiges zu tun.

  4. 16.

    Lüderitz? So heißt doch eine Hafenstadt in Namibia!

  5. 14.

    Haben wir nichts besseres zu tun, als uns mit Straßennamen zu ändern...... Dies gehört nun mal zur Geschichte. Warum immer nur in Berlin bzw Deutschland. Ich rege mich im Ausland auch nicht über irgendwelche Namen u Denkmäler auf. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.

  6. 13.

    Und wenn schon umbenannt werden soll, dann sollte nicht gekleckert werden, sondern der ganz große Wurf erfolgen.
    Benennt endlich diese Stadt um, bei dieser Geschichte finden sich tausende Gründe.
    Mein Vorschlag ist und bleibt Kulkatta (in Gedenken an einen großen weisen Mann). Die Straßen können ja durchnummeriert werden. Bitte nicht vergessen, die bööööse 8 auslassen, am besten gleich alle geraden Zahlen, oder so.
    Und als Nächstes dann bitte das Stadtwappen vornehmen. Ein einziger Bär mit schwarzem Fell ist viel zu wenig, da geht noch mehr !

  7. 12.

    Es ist jetzt gut, es reicht !
    Kein anderes Land lässt das alles mit sich machen, kein anderes Volk.
    Es gibt keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung auch nicht zur begeisterten Selbstaufgabe.
    Herr Rodatz, sind Sie stolz darauf, dass Beethoven, Goethe, Schiller, Kant, Röntgen .... deutsche Staatsbürger waren ? Ich vermute mal nicht, denn sie lebten vor Ihrer Zeit und Sie hatten an deren Erfolgen und Erfindungen keinen Anteil.
    Aber für die Nationalsozialisten und die Kolonialisten schämen Sie sich, oder ? und wie ist es bei Ihren Kindern, Enkeln, Urenkeln ?
    Wir tragen keine Schuld, sondern Verantwortung und dieser Verantwortung werden wir bereits gerecht. Und jetzt ist gut.

  8. 11.

    Geschichte kann man durch Auslöschen nicht sichtbar machen.

  9. 10.

    Immer wieder verwendet sie das Wort "müssen" ... muss umbenannt werden, muss sich verändern, muss weg.

    Liebe Frau Künstlerin: In einer Demokratie "muss" gar nichts. Alles kann, aber nichts "muss", nur weil manche das so sehen.

    Die Idee des Müssens hat immer auch etwas autoritäres / totalitäres an sich ... Es gibt nur den einen, alternativlosen Pfad, der keinesfalls durch Kompromisse verwässert werden soll.

    Als Debattenbeitrag ist das herzlich willkommen, aber die Forderung nach einem "Müssen" ist kontraproduktiv.

  10. 9.

    "Die Debatte über Rassismus und Sexismus wird noch viele ermüden" sagt die Dame im Deutschlandfunk. Ich bin jetzt schon ziemlich müde.

  11. 8.

    Dieses alles muß weg hatten wir zwei mal in der jüngsten Geschichte.
    Das bekam uns gar nicht!

  12. 6.

    Eine Straße kann auch mal anders heißen, aber ich finde es schon krass, mit welcher Arroganz hier einfach mit dem Umschreiber durch die Stadt gezogen werden soll.
    Das kann man 1.000 mal als Initiative verpacken.
    Ich finde das respektlos.
    2. Punkt: Ich kenne die Deutsche Vergangenheit und sehe auch viel zu dem Theme auf n-tv usw. Ich verdränge das nicht, aber man muss der heutigen Generation, die dafür nichts kann, auch nicht ständig diese vorwerfen.
    Ich finde es nervig. Wir sind weder unwissend noch ungebildet.
    Jeder Karneval der Kulturen bzw. Afrika-Fest auf dem Alex usw. bringt aufgrund des positiven Charakters viel mehr. Da kommt man zusammen, wird auch als Deutscher anerkannt, und man erkennt selbst, dass jeder Mensch einfach gleich ist.

  13. 5.

    Dann sollte man bei dieser Gelegenheit auch gleich sämtliche Hinweise auf den "DDR-Unrechtsstaat" beseitigen, da gibt es viel zu tun.
    Dann müsste man sicherlich auch noch Dinge aus der Kaiserzeit oder der Hugenotten-Ära weg. Man könnte dann, je nach Gusto, die Liste endlos erweitern....
    Haben denn diese s.g. "Künstler" keine ernstzunehmende Arbeit um, entsprechend ausgelastet, nicht auf so einen Blödsinn zu kommen?
    Alle diese Dinge, Hinweise, Namen, etc. sind Teil der deutschen Geschichte und die Betrachtungsweise der Vergangenheit ändert sich halt immer wieder mit dem jeweiligen Blickwinkel.
    Aber deshalb können wir doch die Geschichte nicht umschreiben.

  14. 4.

    Was das soll mit diesen (plötzlichen) Straßenumbenennungsmist. Diese Strassennamen gehören zur Deutschen Geschichte, oder soll die Geschichte auch umgeschrieben werden, damit gar niemand sieht das wir auch eine Geschichte haben. Und ja, denke auch Künstler überziehen es reichlich.

  15. 3.

    Wissen Sie, Herr Lehmann, wie immer im Leben, haben Sie teilweise Recht. Man sollte sich nie schämen, wer oder was man ist. Stolz darauf zu sein, nun ja, das bleibt jedem einzelnen überlassen. Ich denke, man (frau) sollte auf das stolz sein, was man selber erreicht oder bewegt hat. Nur weil man irgendeiner Gruppe etnisch oder kulturell angehört, ist sicherlich kein Grund für Stolz. Allerdings, Unrecht anzuprangern und daraufhin zu arbeiten, um im Rahmen des Möglichen, dies zu ändern, das sollte eigentlich die Pflicht eines jeden Bürgers unserer Gesellschaft sein. Fragen Sie sich selbst, wieso Sie es nicht auch so empfinden.
    Einen freundlichen Gruß!
    Hinrich Rodatz

  16. 2.

    Diese so genannten "Kunstler" gehen mir langsam auf den Keks. Und ich weiß, dass es ganz vielen so geht.
    Vorschlag: Sucht euch mal eine sinnvolle RICHTIGE Arbeit, steht morgens auf und geht malochen. Dann seid ihr abends müde und kommt vor lauter Langeweile auf keine überflüssigen Ideen.

  17. 1.

    Es ist Ein fürchterlicher Trend, die deutsche Sprache und Geschichte unkenntlich zu machen. Den Schuh der Scham und Schuldigkeit muss sich kein Deutscher anziehen. In der Weltgeschichte gibt es kein Land, kein Volk welches nicht in ähnlicher Form gewachsen ist. Be proud to be like you be!

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