Ulli Zelle vor dem Terminal A - Flughafen Tegel | rbb
Video: Abendschau | 07.07.2020 | Bild: rbb

Interview | rbb-Reporter Ulli Zelle über Flughafen-Doku - "Für viele Dauerflieger war Tegel ein zweites Wohnzimmer"

Der Flughafen Tegel war eigentlich schon immer eine Kulturinstitution. Bevor er im Herbst schließt, ist rbb-Reporter Ulli Zelle für eine Dokumentation noch einmal tief in die Geschichte dieses besonderen Flughafens eingestiegen, mit dem ihn auch persönlich viel verbindet.

Zusammen mit Silke Cölln haben Sie den Dokumentarfilm "Tegels letzter Sommer" gedreht, der am Dienstagabend im rbb-Fernsehen läuft, ein Film über den Flughafen Tegel in seinem – vermutlich – letzten Sommer. Macht Sie das persönlich ein bisschen wehmütig?

Ulli Zelle: Ein bisschen schon, weil ich Tegel tatsächlich gemocht habe, weil ich mit dem Flughafen auch sehr gute Erinnerungen verbinde. Rein privat schon, man ist von dort in den Urlaub geflogen, aber auch beruflich, weil ich dort viele Stars und Prominente empfangen durfte, die über Tegel nach Berlin kamen. Insofern liegt er mir schon am Herzen. Ich verstehe aber auch alle, die sagen: Gott sei Dank ist dieser Flughafen bald zu. Weil dieser Krach über dem Kurt-Schumacher-Platz oder über Spandau, Reinickendorf, Pankow – das verstehe ich, dass die Leute das nicht länger hören wollen.

Gedreht wurde in den vergangenen Wochen und Monaten wegen Corona im fast schon stillgelegten Flughafen. Was war das für eine Erfahrung?

Eine unglaubliche Atmosphäre. Wir haben auch sehr schöne Bilder eingefangen. Wenn man sieht, dass dieses Sechseck dort leer ist, keine Autos dort stehen, auf der Auffahrt keiner hochkommt, die ganzen Finger leer sind, die Flugzeuge Kappen haben, dann ist das schon sehr merkwürdig. Und dann haben wir Aufnahmen gemacht im Morgengrauen, wenn der Nebel noch über dem Rollfeld wabert. Das Einzige, was sich bewegt, ist dieses Radar auf dem Tower, das war fast gespenstisch.

Monument der vergangenen Zukunft

Welche emotionale Bedeutung hatte Tegel für Berliner und Berlin-Reisende? Im Film werden ja einige Prominente interviewt dazu.

Dieser Flughafen hat ja politisch eine große Bedeutung. Viele wissen wahrscheinlich gar nicht, dass er zur Zeit der Blockade in nur wenigen Tagen aus dem Boden gestampft wurde, weil man dringend eine neue Landebahn brauchte. 2,5 Kilometer in wenigen Tagen, das war damals die längste Landebahn in Europa. Er war quasi Brückenpfeiler der Luftbrücke, und da sind ja auch viele politische Größen gelandet. Ob Obama oder der Papst oder John F. Kennedy oder Marlene Dietrich: Sie sind ja alle über Tegel gekommen. Tegel ist das Tor zur Welt, aber die Welt ist auch durch dieses Tor zu uns nach Berlin gekommen.

Für die ehemaligen Regierenden Bürgermeister, Eberhard Diepgen oder auch Walter Momper, für die war Tegel quasi ein Dienstflughafen. Die mussten dort empfangen, die mussten dort begrüßen. Die mussten vor allen Dingen dann nach der Wende pendeln, sehr häufig zwischen Berlin und Bonn. Und für die Geschäftsleute ist Tegel letztendlich ein zweites Wohnzimmer gewesen. Diese Dauerflieger, die kannten sich ja alle im Flugzeug, konnten sich ja schon fast mit Namen begrüßen. Man hat viele Prominente auch im Flugzeug gesehen, jeden Tag. Ich glaube, für alle, die in dieser Stadt - zumindest im Zentrum - wohnen, hatte er eine große funktionale Bedeutung, aber auch eine große emotionale Bedeutung.

Das Tolle an dem Flughafen, so wie er jetzt ist, eröffnet wurde, ist ja, dass er die wahnsinnig kurzen Wege hat. Also vom Auto bis zum Flugzeug, 15 Meter ungefähr.

Vielleicht sind es ein paar mehr. Aber wenn man wirklich erst mal drin ist im Terminal und dann im Finger, dann muss man ja nur am Gepäckband vorbei. Das ist der Flughafen der kurzen Wege. Das ist eine geniale Entscheidung der Architekten Gerkan und Marg gewesen, diese Sechsecke so zu konstruieren, dass die Maschinen ringsherum andocken konnten. Du konntest reinfahren in dieses Sechseck, rumfahren und dein Auto stehen lassen, zumindest früher, oder dich absetzen lassen und bist dann einfach rein. Es ist ein Flughafen, der wirklich zum Fliegen gedacht war und nicht zum Einkaufen. Heute werden die Flughäfen ja so gebaut, dass man da erst mal zickzack gehen muss durch irgendwelche Läden und Geschäfte, das fällt in Tegel einfach weg. Er war übrigens auch zu klein für die gehobene Sicherheit. Da hat man ja auch nicht daran gedacht, dass man so viele Kabinen braucht, um die Leute abzuklopfen und abzuchecken.

Archivbild: Der Flughafen Tegel 1969 (Bild: dpa/akg)
Archivbild: Der Flughafen Tegel im Jahr 1969. | Bild: dpa/akg

Tegel war ja ursprünglich auch für zwei Millionen Passagiere geplant, am Schluss waren es 22 Millionen im Jahr in Spitzenzeiten. Wie erstaunlich war dieses Durchhalten? Eigentlich hätte der Flughafen ja aus allen Nähten platzen müssen.

Walter Momper hat gesagt, das war letztendlich das Wunder von Tegel, dass der das geschafft hat. Er hat es ja nicht in seiner Urform geschafft, also das Terminal A hat es nicht allein geschafft, sondern es mussten die Terminals B, C, D hinzukommen, die ganze sogenannten Blechkisten, in denen es immer zu laut, zu heiß und zu ungemütlich war. Und er hatte natürlich auch seine Probleme. Es klemmte oft, und dann gab es lange Schlangen. Oder als die Aschewolke aus Island kam, da ging plötzlich nichts mehr in Tegel. Oder wenn gestreikt wurde. Oder ganz früher, ältere Westberliner wissen es vielleicht noch, gab es mal Smog, da lag die Stadt unter einer Dunstglocke, da ging natürlich nichts in Tegel. Auch darauf gehen wir im Film ein, auf die ganzen Problematiken, die Tegel hatte, und auf die kleinen Katastrophen und Pannen.

Sendung: "Tegels letzter Sommer", 07.07.2020, 20:15 Uhr

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16 Kommentare

  1. 16.

    Die Mehrheit der abstimmungsberechtigten Berliner, die damals in einem Volksentscheid ohne jegliche rechtliche Bindung abgestimmt haben, wurde damals leider nicht erreicht.
    56 Prozent von 77 Prozent der Abstimmungsberechtigten ist wohl kaum die Mehrheit der Berliner!
    simple Mathematik.

  2. 15.

    Die Mehrheit der Berliner Bevölkerung hat in einer früheren Abstimmung ganz klar FÜR DEN ERHALT DES FLUGHAFENS TEGEL votiert. Wie der RRG Senat damit umgeht ist zutiefst beschämend. Ich persönlich werde TXL sehr vermissen, ein weiteres Stück Berlin geht verloren......schade

  3. 14.

    Ne wirklich... echt super Reportage. Dadaurch, dass diese Reportage qualsi im Corona-Halbschlaf mit Rückblicken auf die gute alte Airportzeit von TXL entstand, hatte die schon was von Entdzeitstimmung an sich. Und Ulli Zelle als Altmeister der Berliner Kiezreportagen hat echt ein gutes Händchen für Lebensgefühle, Lebensgeschichten und hartem Knochenjob der Akteure wie auch der Zuschauer. Diese Reportage im Archiv bitte auf Wiedervorlage in 10 Jahren legen!

  4. 13.

    Dankeschön für den Tipp.
    Das muss ich zum Glück nicht, da der Flughafen Tegel am 09.11.2020 schließen wird.

  5. 12.

    Der Spandauer Friedhof "In den Kisseln"liegt genau in der Einflugschneise,da ist nix mit Ruhe.Selbst der Pfarrer an der Gruft musste schon inne halten,da gerade ein Flugzeug kam.

  6. 9.

    Na, wenn Sie ihre Ruhe haben wollen checken Sie auf den Friedhof ein.
    Ich habe 35 Jahre in Haselhorst gwohnt und mich haben die Flieger nie gestört.

  7. 8.

    Tja, es soll Menschen geben, die berufsbedingt viel und auch weiter unterwegs sind Auch eine jährliche Flugreise ist nichts Verwerfliches. Das paßt natürlich nicht in manches stark eingeschränkte Weltbild. Tegel ist/war ein leistungsfähiges, durchdachtes Fenster zur Welt. Und wer erst während des Flugbetriebs in die Umgebung gezogen ist, sollte bzgl. der Schließung eigentlich gar kein Stimmrecht gehabt haben.

  8. 7.

    Der "Vielflieger" ist eine hoffentlich aussterbende Gattung, mithin sein als "Wohnzimmer" schöngeredeter Schrottflughafen Tegel überflüssig. Dieser miefige und peinliche Provinzflughafen, der Tausende Anwohner seit Dekaden mit dem Lärm der startenden und landenden Flugzeuge terrorisiert, muss geschlossen werden!

  9. 6.

    Abgesehen von den letzten Corona-Wochen, fliege ich jede Woche ab TXL und kenne den Flughafen Tegel daher mit all seinen Annehmlichkeiten sowie den "Ecken und Kanten" sehr gut.
    Was dort bei der hohen Auslastung von den Mitarbeitern geleistet wird, muss am BER erst mal bewiesen werden!
    TXL wird vermisst werden!

  10. 5.

    Ein schöner Bericht, bin gespannt auf den Film. Zu einer anderen Zeit musste ich selber MoMiFr fliegen, es war schon sch.. genug, um 4 rauszumüssen für den 6:10 Uhr Flieger. Aber Dank der besonderen Architektur von Tegel verlor man wenigstens keine Zeit am Flugplatz. Das machte es erträglicher. Ich glaube nicht, dass der BER das näherungsweise bieten kann.

  11. 4.

    Keine Angst, Tegel wird auch am 09.11.2020 weiterhin vorhanden sein.
    Nur der Flughafen Tegel kann endlich im Herbst geschlossen werden, damit z.B. in Pankow die Menschen endlich ihre Ruhe haben.

  12. 3.

    Alles hat seine Zeit, auch TXL hatte seine Zeit. Es ist gut, dass eine Doku dies für die Nachwelt auch so konserviert.
    Fliegen wird auch weiterhin nötig sein. Die Kontinente driften ja eher auseinander als zusammen. Ob die Fliegerei in dem Maße wieder abhebt, wie TXL dies in Glanzzeiten einst erlebt hat, liegt an uns allen.

  13. 2.

    Schöner Bericht mit Ulli Zelle, nur die Überschrift stimmt nicht, "Tegel war". Noch ist Tegel da und was im Herbst kommt sollte man erst mal abwarten. Kommt immer anders wie man denkt.

  14. 1.

    Ja, vielflieger, darauf kann man stolz sein.

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