Der Angeklagte Gregor S. (r) und sein Verteidiger Eckart Wähner stehen bei der Fortsetzung des Prozesses um die tödliche Messerattacke gegen den Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Video: Abendschau | 08.07.2020 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Verminderte Schuldfähigkeit - Mörder von Fritz von Weizsäcker zu zwölf Jahren Haft verurteilt

Vor knapp acht Monaten tötete ein 57-Jähriger den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker. Nun ist er vom Berliner Landgericht zu einer Haftstrafe sowie der Unterbringung in einer Psychiatrie verurteilt worden. Dabei wurde eine verminderte Schuldfähigkeit berücksichtigt.

Der Mann, der den Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker erstochen hat, ist wegen Mordes verurteilt worden. Das Berliner Landgericht verhängte am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und ordnete eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Bei dem Urteil berücksichtigte die Schwurgerichtskammer eine verminderte Schuldfähigkeit des 57 Jahre alten Angeklagten, sonst wäre bei Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe zwingend.

Der Mann hatte Mitte November den Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in der Schloßparkklinik in Berlin-Charlottenburg erstochen. Heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen habe der Angeklagte gegen Ende eines Vortrags dem Arzt ein Messer in den Hals gerammt, begründeten die Richter ihre Entscheidung.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Innerhalb einer Woche kann Revision beantragt werden.

"Sinnlose Tat eines psychisch nicht unerheblich gestörten Mannes"

Der 57-jährige Angeklagte aus Andernach in Rheinland-Pfalz wurde außerdem wegen versuchten Mordes an einem Polizisten verurteilt. Der Polizist, der privat bei dem Vortrag war, bei dem Weizsäcker erstochen wurde, wollte den Angreifer stoppen und war von diesem mit mehreren Stichen schwer verletzt worden. In dem Prozess trat der Polizist als Nebenkläger auf.

Mit dem Urteil entsprach das Gericht weitgehend der Forderung der Anklage. Die Staatsanwältin hatte 14 Jahre Haft und die Unterbringung in der Psychiatrie gefordert. Sie sprach von einer sinnlosen Tat "eines psychisch nicht unerheblich gestörten Mannes". Tatsächlich sei es ihm darum gegangen, sich selbst durch die Tat "aus dem Sumpf seines Alltags zu ziehen".

Als Mordmotiv sah die Staatsanwaltschaft Hass auf die Familie des Getöteten, insbesondere auf den früheren Bundespräsidenten. Er habe als "Kollektivschuld" Tote im Vietnam-Krieg rächen wollen. Dabei habe er sich auf eine frühere Tätigkeit von Richard von Weizsäcker in den 1960er Jahren für ein Pharmaunternehmen bezogen.

Gutachter stellt Zwangsstörung fest

Ein Sachverständiger hatte vergangene Woche im Prozess ausgesagt, dass der Angeklagte unter einer Zwangsstörung und einer kombinierten Persönlichkeitsstörung leide. Diese Störung existiere sehr lange und sei bei dem Angeklagten "sehr eingefressen". Die Prognose sei "nicht sehr günstig". Von ihm könnte demnach weiterhin Gefahr ausgehen, so der Gutachter; zudem sträube sich der Angeklagte gegen eine erforderliche Therapie.

Auch wenn in die Gefühlswelt des Angeklagten nach der Tat Ruhe eingekehrt sei, bleibe die Struktur seiner Erkrankung erhalten, erklärte der Experte. Er gehe davon aus, dass seine Steuerungsfähigkeit bei der Tat erheblich vermindert gewesen sei. Die Schuldfähigkeit hatte in dem Prozess eine zentrale Rolle gespielt.

"Tat nicht aus Wahn begangen": Geständnis ohne Reue

Der Angeklagte hat die Attacke gestanden, dabei aber keine Reue gezeigt. In einer von mehreren Erklärungen zu den Vorwürfen hieß es: "Ich habe meine Tat nie bereut." Er habe sich im Recht gefühlt. Zugleich beklagte er sich, er werde "vergleichsweise für Pillepalle an den Pranger gestellt". Nachdem der forensische Psychiater sein Gutachten vorgetragen hatte, erklärte der Angeklagte: "Ich habe die Tat aus politischer Überzeugung und nicht aus Wahn heraus begangen." Weil er nicht an den früheren Bundespräsidenten kam, habe er die Familie ins Visier genommen. Ein Anschlag auf die Familie sei seit 30 Jahren sein "Lebensziel" gewesen.

Immer wieder störte der Angeklagte durch Zwischenrufe die Plädoyers - wie er zuvor häufig die Befragung von Zeugen gestört hatte. Er selbst hatte sich in seinem Geständnis als Zwangsneurotiker, Ex-Nazi und verkrachte Existenz beschrieben. Von dem psychiatrischen Gutachter fühlte er sich "falsch interpretiert". Er sei nicht krank, so der Angeklagte.

Mehrere Zeugen hatten im Prozess das Bild eines Mannes mit vielen Widersprüchen gezeichnet. Eine Ex-Nachbarin beschrieb den Angeklagten als Einzelgänger und Neurotiker mit Händewasch-Zwang. Er sei entweder laut und aggressiv oder in sich gekehrt gewesen. Frühere Kollegen berichteten, der Angeklagte habe Klinken nur mit einem Taschentuch angefasst oder in seiner Wohnung Lichtschalter mit einem Fuß betätigt. Als Packer in einem Logistikzentrum sei er aber auch hilfsbereit und freundlich gewesen.

Sendung: Abendschau, 08.07.2020, 19:30 Uhr

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12 Kommentare

  1. 12.

    Wenn Sie mit "Amerika" die USA meinen, so zeigt sich gerade am polizeilichen Vorgehen sowohl die Eskalationswirkung, was soziale Auseinandersetzungen angeht, als auch keinerlei Abschreckungswirkung auf der anderen Seite, wo es um wirkliche Verbrechen geht. Im Gegenteil: Die USA sind m. W. dasjenige Land, in dem auf die Einwohnerzahl bezogen pro Kopf am Meisten im Gefängnis sitzen.

    Oberflächliche Bewältigung ist eben etwas anderes als wirkliche Lösung. Hier aber, im Fall der Ermorderung Fritz von Weizsäckers, kann kein Staat der Welt - weder das franquistische Spanien, noch das heutige Russland oder die damalige Sowjetunion, noch irgendwer sonst - so eine Tat wirklich verhindern. Damit werden Illusionen genährt, um den Preis der Verhärtung des sozialen Lebens.

  2. 11.

    Ich komme nicht mehr aus dem Kopfschütteln raus, das ist typisch Deutschland.
    Unbeschreiblich Unfassbar unmöglich

  3. 10.

    Warum dauert es in diesem Fall nur ein Jahr während arme Berliner im Durchschnitt sieben Jahre lang warten müssen bis ein Prozess stattfindet?

  4. 9.

    Schade, dass bei so etwas nicht das amerikanische Recht als Vorbild gewählt wurde! Sonst wird auch alles aus Amerika kopiert und wenn es Demonstrationen sind! 12 Jahre für ein Menschenleben, ich muss.....

  5. 8.

    Erst Gefängnis, dann Entlassung aus dem Knast durch direkte Überführung in die Klappse. Was aber nicht heißt, dass er da nicht mehr rauskommt. Das entscheiden dann die Mediziner.

  6. 7.

    Es hat auch schon etwas Inquisitorisches. Er zieht jeden zur "Verantwortung", belastet jeden (hier: der Familie) mit Schuld, der dem tatsächlichen oder vermeintlichen Agieren von Boehringer Ingelheim nicht widersprochen hat. Da sind dann nach seiner Auffassung alle mit drin, außer den Minderjährigen, weil die noch keine Verantwortung tragen.

    Er billigt sich somit zu, stellvertretend für ein Gemeinwesen zu handeln, mithin Angekläger und Richter in einem zu sein, weil die Gesellschaft als solches nach seiner Überzeugung versagt.

    Das scheint mir "das Thema" zu sein. Da gibt es mitsamt allerlei Vor(vor...)formen Parallelen in alle Richtungen hin.

  7. 6.

    Lt. Abendschau heute,erst Gefängnis,dann Psyiatrie. Aber der Anwalt des Täters hat wohl schon Rechtsmittel angekündigt. Es ist also für die Familie und den Nebenkläger leider noch nicht vorbei.

  8. 5.

    Er wird zunächst in eine Forensiche Klinik eingewiesen und dort behandelt. Der Zeiraum ist dabei nicht festgelegt und richtet sich nach dem Behandlungserfolg. Anschließend muss er die 12-Jährige Haftstrafe antreten. Es kann also sein, dass der Täter weitaus mehr als die verhängte Strafe "weggeschlossen" bleibt. So zumindest mein Wissenstand.

  9. 4.

    Erklärt es mir, kommt er NACH dem Gefängnis in die Psychiatrie oder ist er nur 12 Jahre in der Klapse und spaziert mit 69 spätestens wieder durch Berlin??

  10. 3.

    Ich gehe davon aus, das dieser Mann nie wieder in Freiheit kommt und in einem Landeskrankenhaus stibt...nur so ist dieser Urteilsspruch zu ertragen.

  11. 2.

    @Mein Post

    Beim Motiv meine ich nicht allein die Rache gegenüber den Vater sondern warum er sich am Vater rächen wollte, also der Ursprung den Sohn aus Ersatzrache umzubringen. Warum musste also einer für die vermeintliche Schuld eines anderen sterben. Das wäre für mich wichtig festzustellen, damit die Angehörigen, Freunde usw. auch verstehen und abschließen können. Ein Urteil nur für sich hat noch nie jemanden geholfen!

  12. 1.

    Ich persönlich würde die tatsächlich vorhandene Gestörtheit des Angeklagten und den inhaltlichen Vorwurf des Angeklagten v. a. gegenüber Richard von Weizsäcker trennen.

    Keinem einzigen Menschen steht es zu, Herr über Leben und Tod eines anderen zu sein. Einzige Ausnahme wäre ggf. der Tyrannenmord. Beispielsweise der leider fehlgeschlagene Versuch Georg Elsers im Bürgerbräukeller. Die Art und das Ausmaß der "Verwickeltheit" Richard von Weizsäckers in den Vietnam-Krieg seitens Boehringer Ingelheim, um es mal zurückhaltend zu formulieren, wäre eine gezielte Anfrage an die Familie wert gewesen, die ja nicht zu Unrecht eine hohe moralische Integrität besitzt.

    Das überstieg offenbar die Phantasie und die ethischen Ansprüche des Angeklagten. So bleibt er bei sich: unfähig der Wege und als selbstbetitelter "Heroe" gegenüber der Familie sich den Vollstreckungsbefehl ausgestellt zu haben.

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