Ein Kleiner Panda in seinem Gehege im Tierpark. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Video: Abendschau | 02.07.2020 | Georg Berger | Bild: dpa/Britta Pedersen

65 Jahre Berliner Tierpark - Wie der Tierpark aus dem "Dornröschenschlaf" erwacht

Mit 65 geht das Arbeitsleben eigentlich so langsam zu Ende - für den Tierpark Berlin gilt diese Regel so nicht: Nach Jahrzehnten des vor sich Hindämmerns wird hier an vielen Ecken geschraubt, umgebaut und modernisiert. Von Sylvia Tiegs

Obertierpfleger Michael Horn ist schon seit sechs Uhr im Dienst, aber voller Energie: Heute ist Schafschur im Berliner Tierpark. Bei den kleinen, weißen Skudden und den dicken, schwarzen Hissar-Schafen kommt die Wolle runter. Eine Heidenarbeit - aber Horn freut sich drauf. Denn endlich kommt der niegelnagelneue Anhänger zum Einsatz: ein glänzender, schnittiger Profi-Transporter aus Großbritannien, mit Rampe und verstellbarer Trennwand. Ein Träumchen.

Michael Horn kann gar nicht aufhören, zu ruckeln und zu schieben - für ihn bedeutet der Trailer mehr, als man es zunächst denken mag: Der kleine Anhänger steht für den großen Aufbruch. Und darauf hat Obertierpfleger Michael Horn - weiß-grauer Rauschebart und Lachfalten um die Augen - lange gewartet: "Auch wir im Tierpark werden moderner", sagt er und lacht. "Der Tierpark, sag ich mal so, lag in den letzten 20 Jahren eher im Dornröschenschlaf." Das habe sich mit dem Wechsel der Geschäftsführung vor sechs Jahren geändert. "Da haben wir auf einmal Dinge kennengelernt, übernommen - und sind dabei sie umzusetzen -, die wir vorher zwar kannten, aber immer nur aus anderen Einrichtungen."

Besucherzahlen gestiegen

Ob Beschilderung für die Besucher, Restaurants oder die Art der Tierhaltung: Vieles war unansehnlich geworden oder nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Nach 65 Jahren nicht verwunderlich, wenn nur nicht so lange so wenig dagegen getan worden wäre. Unter dem neuen Zoo-Chef Andreas Knieriem erneuert sich der Tierpark jedoch Stück für Stück, innen und außen. Das kommt an, sagt Florian Sicks, stellvertretender zoologischer Leiter, nicht ohne Stolz. "Die Besucherzahlen sind stark gestiegen - von knapp unter einer Million auf im letzten Jahr etwa 1,8 Millionen", zieht Sicks Bilanz.

Der Tierpark ziehe inzwischen auch mehr Menschen aus anderen, westlicher gelegenen Bezirken an - auch wenn die Berliner ihren Kiez nicht so gern verlassen, schiebt Sicks grinsend hinterher. Er selbst stammt aus Frankfurt am Main. Seine Erfahrung: Vor allem westlich sozialisierte Besucher haben immer wieder Probleme mit der Geografie. "Das klingt manchmal so - Tierpark Friedrichsfelde - als wären wir da fast an der polnischen Grenze. Wir sind aber mitten in Berlin", versichert Sicks. "Der Weg ist nicht weit."

"Gerade in den ersten Jahren stand alles auf der Kippe"

Besucher loben im Tierpark oft die Weitläufigkeit, das Park-Feeling, das viele Grün. Viele waren schon als Kind Dauerbesucher - so wie Marco Rosenfeld, Reviertierpfleger bei den Gebirgs-Huftieren. Er hat 1988 im Tierpark seine Lehre gemacht. Für ihn ist der Tierpark ein Stück Heimat. Doch lange war nicht sicher, ob das auch bleibt: Nach dem Mauerfall gab es in Berlin plötzlich vieles doppelt, auch zwei Zoos - den in Tiergarten und den Park in Friedrichsfelde. Warum nicht den jüngeren im Osten schließen?

Marco Rosenfeld weiß noch, wie sich das angefühlt hat in den 1990er Jahren. "Gerade in den ersten Jahren, ich habe es ja als Lehrling auch live miterlebt, stand das hier alles auf der Kippe", blickt er auf die Debatten um den Tierpark zurück. Die Finanzierung sei unklar gewesen, eine Umwandlung in einen Freizeitpark stand zur Diskussion. "Aber bei dem Konzept, wie das jetzt so läuft, mache ich mir gar keine Gedanken", sagt Rosenfeld jetzt.

In der Tat steht der Tierpark schon lange nicht mehr zur Debatte. Auch nicht seine Grundstruktur, die ihn vom Zoo im Westen grundlegend unterscheidet: die Weite. Und damit auch, dass die Tiere hier weiter weg von den Besuchern sind. Wer mehr Nähe möchte und nicht gerne läuft, ist hier falsch, konstatiert Revierpfleger Marco Rosenfeld.

Größter Tierpark Europas

160 Hektar Fläche hat der Tierpark - er ist damit immer noch der größte in Europa. Der Zoologische Garten hat nur 35 Hektar. "Wenn man nicht viel Zeit zur Verfügung hat, dann empfehle ich immer: Geht in den Zoo, da habt ihr in kurzer Zeit sehr viel tolle Sachen gesehen", sagt Obertierpfleger Michael Horn. "Und wenn ihr einen Tag Auszeit nehmen wollt: Dann kommt ihr hierher."

Aber nur Grün soll es natürlich auch nicht sein: So zieht beispielsweise Eisbär-Nachwuchs Hertha viele Besucher an. Marco Rosenfelds Herz allerdings gehört einem Takin, einer Rindergemse aus China. Kosename: Takinchen. Die Pfleger mussten sie nach dem Tod der Mutter von Hand aufziehen. Inzwischen sind daraus 250 Kilo behaartes Lebendgewicht geworden.

Das Gehege von Takinchen wird derzeit umgebaut. Bei den Malaienbären ist das schon passiert. Früher Kellerwohnung, jetzt Villa: so beschreibt Oberpfleger Michael Horn die neue Anlage mit Wasser, Luft und Pflanzen. Die Bären fänden's toll.

Insgesamt hat sich der Tierpark nach 65 Jahren aufgemacht, nicht alles anders, aber vieles besser zu machen. Bald soll hier auch das legendäre Alfred-Brehm-Haus wiedereröffnen, umgebaut für acht Millionen zur Regenwald-Welt mit Baumkängurus. Revierpfleger Marco Rosenfeld freut sich drauf - und wünscht seinem Tierpark zum Geburtstag: "dass wir uns weiterentwickeln, es uns wirtschaftlich gut geht und dass die Einrichtung einfach Bestand hat." So wie in den letzten Jahren: "dass es einfach Berg uff jeht."

Eine Geschichte so wild wie mancher Bewohner

Beitrag von Sylvia Tiegs

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6 Kommentare

  1. 5.

    Hallo Markus. Autogramm gerne. Da hätte ich sogar eine kleine Überraschung für Dich im Petto. Zeichnen muß ich erst selbst richtig lernen;-) Hierzu bietet sich der Tierpark sehr schön an. Hast Du eigentlich Heikes und meine Mailadressen nicht erhalten? Rückfrage halten an rbb24. LG.

  2. 3.

    Vielen Dank Fr. Tiegs für diesen sehr schönen Artikel. 65 Jahre Tierpark Friedrichsfelde. Dornröschenschlaf. All das macht mich umso mehr neugierig. Anfang Herbst mit Skizzenbock unterwegs. Schön. Ich freue mich schon darauf.

  3. 2.

    Also ich finde ja toll, wie Herr Knierim den Tierpark umgestaltet. Doch Ihre Frage erschließt sich auch mir nicht....

  4. 1.

    Mag sein. Für mich interessanter, weil klimarelevant: Der Tierpark erschließt - nach dem Botanischen Garten - die Nutzung von Terra Preta. Kohlenstoffsenke, Schließung von Stoffkreisläufen, könnt Ihr bitte davon berichten?

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