Straßenschild "Mohrenstraße" in Berlin (Quelle: dpa/Thomas Bartilla)
Audio: Inforadio | 09.07.2020 | Juliane Kowollik | Bild: dpa/Thomas Bartilla

Bezirk Mitte - Umbenennung der Mohrenstraße könnte noch Jahre dauern

Während die BVG nach neuen Namen für den U-Bahnhof Mohrenstraße sucht und ihren Vorschlag "Glinkastraße" selbstkritisch betrachtet, tritt der Bezirk Mitte auf die Bremse. Bis die Straße anders heißt, könnten Jahre vergehen. Von Kira Pieper und Frank Preiss

Die von der BVG geplante Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße führt beim Verkehrsunternehmen mittlerweile zu Ratlosigkeit: Nachdem auch der vorgeschlagene Name "Glinkastraße" auf heftige Kritik gestoßen ist, da der Namensgeber, der russische Komponist Michail Iwanowitsch Glinka, ein Antisemit gewesen sein soll, gehen der BVG allmählich die Ideen aus.

Wie BVG-Pressesprecherin Petra Nelken nochmals im Gespräch mit rbb|24 erklärte: "U-Bahn-Stationen müssen dem Fahrgast Orientierung bieten. Deswegen sind sie nach umliegenden Straßen oder Plätzen benannt."

Auch andere Namen wurden diskutiert

Da die Mohrenstraße nun nicht mehr in Frage kommt, sollte die Glinkastraße neue Namensgeberin der Station werden. Doch das entpuppte sich als heikel. "Vielleicht war der Vorschlag, den U-Bahnhof in Glinkastraße umzubenennen, naiv. Aber wir haben pragmatisch gedacht, schließlich ist die Glinkastraße in der Nähe."

Auch der Name Mauerstraße sei diskutiert worden, so Nelken. "Wir haben uns aber dagegen entschieden, weil das Touristen in die Irre führen könnte. Sie erwarten bei diesem Namen, dass sie sich direkt an der Berliner Mauer befinden." Allerdings sei diese noch 500 Meter entfernt. "Der Name Mauerstraße geht auf die alte Stadtmauer Berlins zurück", so Nelken. Auch die Wilhelmstraße sei als Namensgeberin nicht in Frage gekommen: "Es gibt im BVG-Netz schon zwei Bushaltestellen, die so heißen. Eine weitere Station würde für viele Irrtümer sorgen", so die BVG-Sprecherin.

Station hat bereits eine bewegte Namensgeschichte

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Station in Berlin-Mitte umbenannt wird. Die Station Mohrenstraße hat bereits eine bewegte Namensgeschichte hinter sich: Bei seiner Eröffnung 1908 hieß der U-Bahnhof Kaiserhof, dann ab 1950 Thälmannplatz und ab 1986 Otto-Grotewohl-Straße. Seit 1991 ist nun die Mohrenstraße namensgebend.

Wäre vielleicht eine Rückumbenennung denkbar? "Wohl kaum", sagt Nelken und erklärt warum: Die Station sei immer dann umbenannt worden, wenn die jeweilige angrenzende Straße oder der angrenzende Platz einen neuen Namen bekam. Und auch das sei nie grundlos passiert: Den Kaiserhof gab es nach dem Krieg nicht mehr. Der Thälmannplatz bekam einen neuen Namen, als der Ernst-Thälmann-Park im Prenzlauer Berg eröffnet wurde und Verwechslungen ausgeschlossen werden sollten. Und der Name Otto-Grotewohl-Straße sei nach der Wende getilgt worden, schließlich war ein DDR-Politiker Namensgeber, so Nelken.

Umbenennung könnte noch Jahre entfernt sein

Umbenennungen von Straßen sind derweil Aufgabe des jeweiligen Bezirks: "Die Mohrenstraße trägt ihren Namen ungefähr seit 1700", sagt Christian Zielke von der Pressestelle des Bezirks Mitte rbb|24. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Kritik an dem Namen gegeben, seit den 1960er Jahren gilt der Begriff "Mohr" als rassistisch und diskriminierend. Doch eine Bestrebung zur Umbenennung habe es trotzdem nie gegeben, sagt Zielke.

Die Initiative für eine Straßenumbenennung müsse letztlich die Bezirksverordnetenversammlung ergreifen, dies sei aber noch nicht geschehen, so Zielke: "Bislang liegt dem Bezirksamt Mitte kein Antrag aus der Bezirksverordnetenversammlung vor, der eine Umbenennung der Mohrenstraße fordert." Das Bezirksparlament habe aber bereits entschieden, dass das Bezirksamt Mitte noch in diesem Jahr mit einer öffentlichen Präsentation über die Geschichte der und die Positionen zur Mohrenstraße informieren solle. Das werde auch in jedem Fall so geschehen, so Zielke. Anschließend werde man sich mit Anliegern, Betroffenen und Historikern über mögliche neue Namen austauschen und partizipativ zu Entscheidungen kommen.

Bis die Mohrenstraße dann aber tatsächlich anders heißen könnte, brauche es noch einige Zeit, möglicherweise sogar Jahre, so Zielke: "Da gegen eine Umbenennung Widerspruch eingelegt und geklagt werden kann, kann sich die Umbenennung jahrelang bis zu ihrer Wirksamkeit hinziehen."

BVG möchte bis Dezember entscheiden

Zu spät wäre das für die BVG, sie will ihre U-Bahnstation schon früher umbenennen, am liebsten bis Dezember. Denn da wird die verlängerte U5 eröffnet und das U-Bahn-Netz ändert sich ohnehin. BVG-Sprecherin Nelken hofft derweil, mit der Umbenennungsidee wenigstens "eine Diskussion angestoßen zu haben" und betont abermals: "Wir sind offen für Diskussionen."

Hintergrund: So kam die Mohrenstraße zu ihrem Namen

Berlin, Mohrenstrasse Festdeko / Foto Berlin-Mitte, Mohrenstrasse. - Festdekoration anlaesslich des 25jaehri- gen Regierungsjubilaeums Kaiser Wilhelms II. am 15.Juni 1913 (Quelle: dpa/P.A.Lebrun)
dpa/P.A.Lebrun

Erstmals taucht der Straßenname "Mohrenstraße" auf einer Karte aus dem Jahr 1710 auf. Die Straßenkarte zeigt die ehemalige "Friedrichstadt", die 1691 angelegt wurde. Laut Wikipedia erhielt die Mohrenstraße ihren Namen Ende Mai 1707. Das geht aus Joachim Ernst Bergers (1666–1734) Chronik der Friedrichstadt hervor, in der er schreibt: "A Eodem [1707] im Ausgang besagten Monaths [May], bekahmen die Gaßen, dem publico zum besten, ihre Nahmen." Der von Berger genannte neunte Straßenname ist die Mohren-Straße.

Warum die Straße einst diesen Namen bekam, ist unter Historikern umstritten. Am plausibelsten ist ein Erklärungsansatz, der auf das Jahr 1683 verweist. Bei seiner Rückkehr aus Ghana, wo er das Fort Großfriedrichsburg organisieren sollte, soll damals der Major Otto Friedrich von der Groeben Einheimische mit nach Berlin genommen haben. Sie wurden anschließend in Berlin und Potsdam als Diener oder Musiker zur Unterhaltung feudaler Haushalte eingesetzt und sollen in der heutigen Mohrenstraße gewohnt haben. Auch in den folgenden Jahren sollen immer wieder Afrikaner dort einquartiert worden sein, darunter junge Männer, die als Musiker dem preußischen Heer dienten.

In der Mohrenstraße stellte übrigens der Chocolatier Heinrich Rausch ab 1863 Pralinen her und eröffnete einen Schoko-Laden. Letztlich entstand daraus 1894 die Marke Sarotti. Der "Sarotti-Mohr" als Emblem und Hommage an den Firmensitz Mohrenstraße wurde 1918 erfunden, ehe er nach deutlicher Rassismus-Kritik im Jahr 2004 ersetzt wurde. Aus dem Sarotti-Mohr, der unterwürfig auf einem Tablett Pralinen serviert, wurde der Sarotti-Magier der Sinne. Er wirft auf einer goldenen Mondsichel Sterne in die Luft - und hat eine goldene Hautfarbe.

Beitrag von Kira Pieper und Frank Preiss

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32 Kommentare

  1. 32.

    3oo Jahre Geschichte, wie kann man nur so respektlos über vergangene Zeiten urteilen! London hätte kaum noch einen Strassennamen, würde man alle Eroberer, Kolonialherren und Sklavenhändler aus dem Strassenbild tilgen! Obwohl viele es natürlich verdient hätten! Geschichte muß erklärbar bleiben! Berlin hat andere Probleme!

  2. 31.

    GENAUSO ist es Bingo! Eine kleine Gruppe von Aktivisten und "Möchtegern Selbstverwirklichern" zwingt der Mehrheit ihren Willen auf! Und die von der Mehrheit gewählten "Volksvertreter" in der BVV - setzen aber nicht die Interessen und den Willen der Mehrheit um, sondern fügen sich den wenigen "Moechtegernverwirklichern" = Demokratie 2020 - Toll!

  3. 30.

    Was soll Jahre dauern ? Einen neuen Namen finden oder den Alten den wir alle kennen einfach beibehalten? Wem schadet MOHREN Str. eigentlich ? In unserem Sprachgebrauch hatte dieser Begriff nichts diffamierendes . Ich bin 72 Jahre auf diesem Globus und für mich war Mohr kein Schimpfwort sondern ein Mensch wie ich ! Also was soll Quatsch ?

  4. 29.

    Wie wäre es mit einem Volksentscheid? Da können wir noch ein paar Tausend Euro mehr für diese sinnlose Aktion verpulvern.

  5. 28.

    Wie wäre es denn, wenn aus der Mohrenstr. die MÖHRENSTR. würde ?
    Wahrscheinlich kommt dann irgendwer auf die Idee, dass das zu sexistisch ist.
    Ich glaube, die spinnen hier langsam alle !
    Letzte Möglichkeit : Straßennamen durch Zahlen ersetzen.

  6. 27.

    Bis ein allseits akzeptierter Name gefunden ist, schlage ich vor, dass die BVG den Bahnhof schließt und mit ihren Zügen dort durchführt. Kein Halt, kein sichtbarer Bahnhofsname, kein Ärgernis.

  7. 25.

    Ich stelle immer wieder fest, es gibt zu viele Menschen, die lange Weile haben. Mohrenstraße ist die Mohrenstraße. und gut ist.....Sommerloch eben hatten wir letztes Jahr auch.

  8. 24.

    Warum können wir nicht eiiiiiinmal zu unserer Vergangenheit stehen? Es muss doch nur geschichtlich richtig vermittelt werden, warum z.B. der Bahnhof so heißt. Deutschland hat eine sehr komplizierte Geschichte. Das muss der jungen General vermittelt werden. War denn alles gut in der Zeit der Schlösser und Burgen?
    Davon und von den entsprechenden Restaurationen kriegen wir wohl nie genug!

  9. 23.

    Mohrenstr. hin oder her, viel viel schlimmer finde ich, das im Jahr 2020 immer noch Bundeswehr Kasernen nach NS Offizieren/Generälen benannt sind!!! Darüber spricht niemand, warum eigentlich?

  10. 22.

    natütlich dauert die Umbenennung . Zuerst braucht man mal eine Kommision ,dann eine Langzeitstudie über die Folgen der Umbenennung für Gewerbetreibende ,Anwohner, Fahrgäste , Touristen ..... und dann braucht man ja natürlich auch einen neuen Namen.

  11. 21.

    Ich verstehe das ganze Theater gar nicht. Das Wort Mohr nutzt heutzutage doch niemand mehr. Zumindest kenne ich niemanden. Bin selbst in den 90er Jahren geboren und musste das Wort erst mal googeln. Die jüngeren Generationen wissen damit erst recht nichts anzufangen, geschweige denn denken etwas rassistisches.
    Wieso dann nicht einfach einen der vorherigen Namen verwenden? Die alten Schilder liegen vielleicht sogar noch irgendwo im Lager...

    @toberg: Ich frage mich auch warum der Bahnhof 1991 so umbenannt wurde. Bei dem Theater hätte man denken können, der Name wäre schon Jahrzehnte vorher vergeben worden.

  12. 20.

    Werden eigentlich auch die Anwohner mal gefragt, ob sie Lust haben, überall ihre Adressdaten aktualisieren zu müssen?

    Warum darf hier eine kleine Gruppe von Menschen der Mehrheit seinen Willen aufzwingen?

    Ich empfinde das als undemokratisch und unethisch, wie hier vorgeganen wird.

  13. 19.

    Im europäischen Ausland sagen eine Menge Menschen, auch HistorikerInnen, daß die Deutschen Vorbild sein für ihren kritischen Umgang mit der eigenen Geschichte. Ich betrachte seit vielen Jahren den Umgang der einzelnen Nationen mit ihrer Geschichte und denke, an dieser Meinung ist etwas dran.
    Nur in Deutschland herrscht - wie sollte es anders sein - große Unzufriedenheit. Eine Straße nach den dort - vermutlich - lebenden Menschen zu benennen, ist in der Bundesrepublik ehrenvoll gemeint. Sollen wir sie People-of-color-Straße nennen? Geht nur, wenn auch die Mohrenstraße so benannt wird. Alle deutschen Bezeichnungen scheinen als abwertend zu gelten.
    Meines Erachtens wäre ein Erklärungsschild am Straßenschild sehr gut. Das könnte ergänzt werden durch eine größere Tafel auf dem Fußweg.
    Den Sarotti-Knaben haben wir alsKinder geliebt und keineswegs als devot empfunden, sondern als fröhlich. Daß er dennoch unerwünscht ist, verstehe ich.

  14. 18.

    Mein Gott, was für ein Theater. Macht einfach aus " Mohrenstrasse ", Möhrenstrasse und gut ist. Kostengünstig mit 2. Punkte gemacht. Evtl., ist davon auszugehen, dass sich die Möhre darüber freut.

  15. 17.

    Nachdem ich vor rd.zwei Wochen am Bahnhof Zoo frustriert erleben musste, wie fünf Busse der Linie M49 hintereinander ausfielen, denke ich, dass die BVG ganz andere Probleme hat.

  16. 16.

    Offenbar sind im Nahverkehr Berlins alle sonstigen Probleme gelöst, sodass man sich jetzt um die äußerst wichtige, politisch korrekte Namensgebung der Haltestellen kümmert. Wohl dem, der keine anderen Sorgen hat.

  17. 15.

    Ich weiß nicht recht. Ist der ganze Umbenennungshype nicht etwas übertrieben?
    Gerade wenn man erwartet, dass sich die heutige Gesellschaft mit der Geschichte auseinandersetzen soll, müsste doch der Name grade bleiben, wie er ist. Sozusagen als "Mahnstrasse".
    Bitte nicht falsch verstehen! Nur was nützt es, sie umzubenennen, wenn sich in den Köpfen nichts ändert? Ist das dann nicht sogar noch viel eher eine Verdrängung / Verleumdung der Geschichte?
    Ganz ehrlich, für mich war die Mohrenstrasse die Mohrenstrasse, so wie Müller-/Schulze-/Meier-Straße, eben einfach ein Name, mit dem ich absolut nichts anderes, schon gar nichts rassistisches assoziiert habe. Ich glaube, dass geht vielen Menschen so, auch in Berlin geborene ... ?... Ja, was soll ich da jetzt sagen, was ist erlaubt und wird allen gerecht? Für mich sind es Berliner mit dunkler/schwarzer (?) Hautfarbe.

  18. 14.

    Haben wir keine anderen Probleme als die Umbenennung einer Straße, die schon mehrere hundert Jahre diesen Namen trägt ?

  19. 13.

    ...als nächstes wird darüber diskutiert, ob das Olympiastation abgerissen wird, es reicht langsam.

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