Der Eingangsbereich des Berliner Landgerichts am 30.04.2013 (Bild: dpa/Wolfgang Kumm)
Audio: rbb | 13.08.2020 | Ulf Morling | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Mutter und Kind schwer verletzt - Nach Mordurteil startet Prozess gegen Kreuzberger Raser neu

Im September 2017 erfasste ein Raser in Berlin-Kreuzberg eine Mutter mit Kind, beide wären fast gestorben. Das Berliner Landgericht verurteilte den Mann zu 13 Jahren Haft, doch der Bundesgerichtshof kassierte das Urteil. Seit Freitag wird neu verhandelt. Von Ulf Morling

Mit über 75 Stundenkilometern soll der angeklagte Autofahrer auf der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg vor der Polizei geflüchtet sein, der Kofferraum beladen mit gestohlenen Baumaschinen. Im morgendlichen Berufsverkehr, kurz vor acht Uhr, raste der 35 Jahre alte Djordje S. mit seinem Fahrzeug durch eine Tempo-30-Zone.

Die fünfjährige Didem* war zur selben Zeit an der Hand ihrer Mutter unterwegs zur Kita. Sie überquerten die Straße bei grüner Fußgängerampel. Das Auto erfasste die 27 Jahre alte Mutter und ihr Kind, die bis zu 20 Meter durch die Luft flogen. Wären nicht zufällig zwei Krankenschwestern vor Ort gewesen und hätten die beiden nicht sofort wiederbelebt, wäre zumindest Didem gestorben. So hieß es im erstinstanzlichen Urteil.

Wegen zweifachen versuchten Mordes wurde Djordje S. vor zwei Jahren vom Berliner Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt. Seit Freitag wird der Fall jedoch am Landgericht neu verhandelt - der Bundesgerichtshof hatte das Urteil aufgehoben. Der Angeklagte war vor allem wegen des verurteilten zweifachen Mordversuchs in Revision gegangen.

"Intensivtäter im Straßenverkehr"

Der Serbe, der kurz nach seiner letzten Abschiebung wieder nach Berlin gekommen war, hatte im Prozess ein Teilgeständnis abgelegt. Als "Intensivtäter im Straßenverkehr" war Djordje S. bezeichnet worden. Der bereits sieben Mal auch einschlägig Vorbestrafte habe sich "betrunken und ohne Führerschein auf Teufel komm raus einer Polizeikontrolle entzogen".

Nach dem erstinstanzlichen Urteil über 13 Jahre Haft - unter anderem wegen Trunkenheit im Straßenverkehr, Fahrens ohne Führerschein, zweifachen versuchten Mordes, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, gefährlicher Körperverletzung und Unfallflucht - sagte der Onkel des bei dem Unfall schwerstverletzten Kindes wörtlich: "Es duftet nach Gerechtigkeit."

Revision des Täters hatte Erfolg

Im Oktober letzten Jahres entschied der für Verkehrssachen zuständige 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs jedoch, dass das Urteil nicht zu halten sei. Der Prozess müsse von einer anderen Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts wieder aufgerollt werden. Grund: Nach Ansicht der Karlsruher Richter sei nicht erwiesen, dass man dem Angeklagten zu Recht den Vorwurf des zweifachen versuchten Mordes an der damals lebensgefährlich verletzten Mutter und ihrer Tochter mache.

Damit entschied der 4. Strafsenat anders als wenige Monate später bei dem Hauptangeklagten im Ku'damm-Raser Prozess. In diesem Fall hatte derselbe Senat das Mord-Urteil mit lebenslanger Haftstrafe für den Hauptangeklagten bestätigt. Dieser Raser hatte Anfang 2016 in der Tauentzienstraße mit weit über 150 Stundenkilometern einen bei "Grün" mit seinem Auto querenden Senior durch den Zusammenstoß ermordet. Gegen den zweiten wegen des tödlichen Autorennens Verurteilten muss allerdings ebenfalls noch einmal in Berlin verhandelt werden, hatten die Karlsruher Richter entschieden.

Rasen in Tempo-30-Zone: Kein versuchter Mord?

Im ursprünglichen Urteilsspruch wurden "über 75 Stundenkilometer" festgestellt, mit denen Djordje S. in der Tempo-30-Zone die Mutter und ihre fünfjährige Tochter erfasste und lebensgefährlich verletzte. Schwer vorstellbar, finden Moabiter Richter, dass darin nicht ein "bedingter Tötungsvorsatz" (Mord) gesehen werden kann. Obendrein soll die Ampel dem Angeklagten seit mindestens 37 Sekunden "Rot" gezeigt haben, die Fußgängerampel sei seit zehn Sekunden "Grün" gewesen. Unter anderem aber diese Feststellungen der ersten Verurteilung durch das Berliner Landgericht seien allerdings "nicht tragfähig", hieß es vom BGH in der Begründung zum Aufheben des Urteils.

So sei "widersprüchlich", ob die Mutter, ihr Kind und weitere Fußgänger "tatsächlich" auf der Fußgängerfurt vom Angeklagten wahrgenommen wurden, oder ob sie vielleicht von auf der Straße stehenden Autos verdeckt waren. Zum Tötungsvorsatz hatte das Landgericht im erstinstanzlichen Urteil darüber hinaus erklärt, dass "keine Zweifel daran bestünden, dass dem Angeklagten angesichts der sehr hohen Geschwindigkeit bewusst gewesen sei, dass ein getroffener Fußgänger sehr wahrscheinlich tödlich verletzt werden würde".

Auch eine angenommene Geschwindigkeit von über 75 Stundenkilometer vor dem Unfall sei nicht nachvollziehbar, so die Karlsruher Richter. Der Verkehrssachverständige habe lediglich einen als "hoch wahrscheinlich" erachteten "oberen Wert der Geschwindigkeitsspanne von 53 bis 75 km/h" festgestellt.

Zeugen und Opfer müssen erneut aussagen

Die 22. Große Strafkammer des Berliner Landgerichts muss jetzt den Prozess um den versuchten Mord an der bei dem Autounfall schwerstverletzten Mutter mit ihrem Kind noch einmal von vorn beginnen. Alle Zeugen, auch die beiden Opfer, müssen wieder vor Gericht über die Geschehnisse berichten. Psychologen und Psychiater gehen davon aus, dass Opfer auch durch solche Vernehmungen retraumatisiert werden können, weil sie das Geschehene noch einmal durchleben müssen.

Acht Verhandlungstage bis zum 7. September sind vom Gericht derzeit geplant. Djordje S. sitzt seit seiner Festnahme nach dem Unfall am 21. September 2017 in Untersuchungshaft.

* Name von der Redaktion geändert

Beitrag von Ulf Morling

25 Kommentare

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  1. 25.

    Alles gut soll die das Strafmaß mindern sagen wir auf 10 Jahre und dann aber gleich abschieben nach Serbien und dann dort ins Gefängnis. Ich glaube das ist etwas anderes als unsere hoteleinrichtungen! Aber leider wird auch das nicht gehen wegen irgendwelcher Menschenrechts Geschichten! Wo sind nur die Rechte der Opfer geblieben?

  2. 24.

    Eine Fahrlässige Straftat kann per se kein Verbrechen sein sondern stellt höchstens ein Vergehen dar. Ihre Forderung ist daher leider vollkommen überzogen. Die bestehenden gesetzlich möglichen Strafen reichen vollkommen aus, sie müssen vor Gericht aber auch angewendet werden. Das hat in diesem Fall das Landgericht getan. Leider ist der BGH dem aber nicht gefolgt und da sehe ich schon Sachverhalt erfüllt, dass die Bevölkerung mit ihrem gesunden Gerechtigkeitsempfinden die Begründung der Revision nicht mehr nachvollziehen kann, weil das Urteil täterfreundlich und realitätsfern ist. Wenn geparkte Autos einem Raser zum Vorteil gerechnet werden, dann fragt sich der geneigte Bürger warum das so ist. Im Normalfall muss man dann nämlich noch vorsichtiger und rücksichtsvoller fahren. Das wurde vom BGH aber völlig ausgeblendet und eher aus Verteidigersicht gewichtet. Das muss sich wieder ändern, generell härtere Strafen treffen die Falschen.

  3. 23.

    Wenn Sie dieser Ansicht sind, "Verfahrensfehler hin oder her.", ist das eine Sache. Ein Gericht darf sich diese Ansicht niemals leisten. Das macht doch u.a. einen Rechtsstaat aus und unterscheidet ihn von der Willkürherrschaft.

  4. 22.

    Das ist doch so gewollt, denke ich mal . Geschützt werden heute nur noch die Täter, nicht aber die Opfer ! Wie kann es sonst sein, das dieses Urteil weg versuchten Mordes vom BGH aufgehoben wird ? Die Sache ist doch klar, der Mann hatte keinen Führerschein und war alkoholisiert. Dann auf 30er Strecke mit 75 km/h , was für Beweise brauchen die denn noch ...

  5. 21.

    @Alle
    Da ist leider was dran. Achten Sie doch mal darauf, wie über schnelles Fahren (Entschuldigung, sportliches Fahren) geredet wird. Auf der Arbeit, in der Kneipe, beim Grillen, bei Familienfesten. Und was darüber geschrieben und gesendet wird. Rasen kann man mit fast jedem Auto, aber seien Sie nicht überrascht, wenn ein Nissan Micra eher selten darin vorkommt.
    Wozu sind den Autos auf dem Markt, die egal wie schwer, unter 10 sec. aus dem Stand auf 100km/h sind und locker 200 oder 250 rennen? Bestimmt nicht als Symbol der verantwortungsvollen Selbstkontrolle.

  6. 20.

    Genau so würde ich mir das auch wünschen, das diese Verdammte Raserei als Verbrechen eingestuft wird . Vor allem der Mann hatte keinen Führerschein und war alkoholisiert, was gibt es denn da neu zu verhandeln. Damit werden nur die Opfer wieder von neuem traumatisiert ...

  7. 19.

    Mal angenommen, ein Straftatbestand "fahrlässige Raserei" wird eingeführt und als Verbrechen mit einer Freiheitsstrafe von mindesten einem Jahr bewehrt: Wollen wir wetten, dass es ein großes Jaulen gibt, wenn die Ersten verurteilt wurden? Von wegen:
    - wie der Staat uns freie Bürger gängelt
    - typisch links-grüne Klientel-Politik (Autohasser!)
    - Tempolimit an dieser Stelle ist nur Abzocke
    - die Straße war breit genug
    - ich hatte doch keinen Unfall gebaut
    - Ich hatte Alles im Griff

  8. 18.

    Es ehrt Sie, dass Sie sich mit der Materie auseinandersetzen und hier nicht bloßen Volkswillen schwadronieren - gut so!
    Fast die ganze Norm (§ 315d) ist als Vergehen klassifiziert und hier käme das Gericht auf max. 5 Jahr Haft. Alledings gibt die Regelung des Abs. 5 (= Verbrechen) die Möglichkeit auf bis zu 10 Jahre Haft zu erkennen. Problem wird hier die schwere Gesundheitsschädigung sein, denn die ist immer auf (zumindest eine gewisse) Dauer angelegt. Mein leider unbefriedigender Tipp: Es könnte durchaus auf Abs. 4 hinauslaufen, denn das Rennen war zwar vorsätzlich auch in der Form des eklatanten Tempoverstoßes aber die Gefahr nach Abs. 2 kann durchaus noch (grob) fahrlässig verursacht worden sein.

  9. 17.

    Ja, ich schrieb ja auch über "Mindeststrafmaße für bestimmte Delikte". Das Delikt der fahrlässigen Raserei sollte als "Verbrechen" eingestuft werden, damit dann das Minimum von einem Jahr Haft verbindlich gilt, und kein weichgespült-idealistisches Gericht sich da trotz allem noch mildernde Umstände aus den Fingern saugen kann.

  10. 16.

    Nicht zu fassen!
    Wo kommen nur immer diese gewieften Täteranwälte her, die, in diesem Fall eine Revision erreichen?
    Mir tun die Opfer und ihre Angehörigen leid. Alles noch mal von vorn.
    Wo soll da noch Hoffnung auf Gerechtigkeit bleiben?

  11. 15.

    Genau das ist das Problem mit der links-grünen ideologischen Klientel-Politik.
    Die gesamte Grundeinstellung ist völlig daneben und die Bürger werden nicht mehr geschützt.

  12. 14.

    Ob Sie jetzt rechts oder links oder sonstwas sind, spielt hier überhaupt keine Rolle.
    Zu Ihrem Vorschlag: "vor allem auch gesetzlich definierte Mindeststrafmaße für bestimmte Delikte".
    Mensch Gerd, so schlau war der Gesetzgeber auch ohne Ihren Geistesblitz, vgl. § 12 StGB!
    Es ist doch immer wieder beklagenswert wie viele Ahnungslose hier ihren Senf dazugeben, denn ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz.

  13. 13.

    An diesem Rechtssystem, dem Intensivtäter offen und hämisch ins Gesicht lachen können, daß diese Karrieren mit beispielloser Ignoranz fördert und deren Opfer mit der selben Ignoranz verhöhnt, zweifle ich schon lange.

    Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. die sogenannte, der politischen Korrektheit wegen, viele Jahre ignorierte, sogenannte Clankriminalität. Und mir soll bitte keiner erzählen, daß niemand in der Legislativen und der Exekutiven davon gewusst hat, was für Strukturen sich da über viele Jahre entwickelt und verfestigt haben.

  14. 12.

    Ja, ich sehe das auch so: Deutschland hat eine Raserkultur, die in solchen Fällen ihre extremen Auswüchse findet. Der Täter hätte ebenso deutscher Abstammung, nicht vorbestraft sein können - auch Alkohol und andere Drogen bräuchte es dazu nicht. Auf unseren Autobahnen ist extremes Rasen erlaubt, es darf mit Anerkennung rechnen wer mit kurzer Fahrtzeit von A nach X prahlt, hier wird belächelt, wer irgendeine Form von Tempolimit fordert.

  15. 11.

    Einfach nur unfassbar und unglaublich, jetzt werden die Täter noch in Watte gepackt, was ist das für ein Rechtssystem

  16. 9.

    Das ist das Problem der deutschen Justiz.
    Immer nur „du, du und das nächste Mal, aber dann.“ Da lachen sich die Täter ins Fäustchen.
    Ich war mit meinen Schülern oft am Landgericht in der Turmstraße bei Gerichtsverfahren. Die Schüler waren immer nach Verlesen des Strafregisters erstaunt, dass es wieder nur mit Sozialstunden, Verwarnungen oder bestenfalls mit Bewährung weiterging.
    So haben Strafverfahren keine Wirkung. Die Opfer fühlen sich verhöhnt und die Täter machen immer weiter.

  17. 8.

    Ich verstehe echt unsere Rechtsprechung nicht. Mit total überhöhter Geschwindigkeit gefahren , Menschen verletzt ... was , aber auch wirklich was gibt es da zu Diskutieren ? Kein Wunder das bei diesen Pille Palle strafen die Leute teilweise machen was sie wollen auf den Straßen!!!!
    Das grosse Problem in Deutschland ist einfach, das man als Opfer doppelt die A - Karte hat. Täter hat schwere Jugend, war betrunken , oder sonst was und schon bekommt er jedes Dutzi Dutzi ... och du armer vom Staat .

  18. 7.

    Die Richter vom Landgericht Moabit haben schon richtig geurteilt. Mir ist Schleierhaft was die Richter vom Bundesgerichtshof an dem Urteil falsch finden. Der Mann ist in einer Tempo 30 Zone entschieden zu schnell gefahren und da ist es wünscht ob 53 oder 75 km/h. Zumal dieser Mensch ja kein unbeschriebenes Blatt ist: Diebesgut im Fahrzeug, trotz Abschiebung wieder hier etc. Der Ku-Damm-Raser muss auch in den Knast, und zwar lebenslänglich, was ja nur so heißt. Und 13 Jahre sind wohl das Mindeste. Verfahrensfehler hin oder her.

  19. 6.

    Der Täter weiß sich sehr heimisch in einer Fahrkultur, die Rasen keineswegs ächtet, sondern - soweit es "nur" bis zu 30 km/h zu schnell ist - als Inbegriff des Aktiv-Seins begreift. Wie viel getunte Fahrzeuge gibt es? Wieviel Abbildungen in einschlägigen Zeitschriften darüber, die ja allesamt ihr Publikum finden? Wie viel Schlagzeilen gibt es um angebliche Abzocke, wenn der Geblitzte nicht etwa 40 km/h zu schnell gewesen sei, sondern "nur" 35 km?

    Djordje S. wird seinen Kreis einschlägiger Männer immer finden, die sein Fahrverhalten völlig normal finden - gleich, ob zugezogen oder schon immer hier lebend.

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