Das ist Flo. Das Bild schaut über seine Schulter in die Ferne. Flo hat für einen blutkrebskranken Menschen eine periphere Stammzellentnahme gemacht. (Quelle: privat)
Audio: Fritz | 27.07.2020 | Jule Kaden | Bild: privat

Stammzellspende bei Leukämie - Wenn sich plötzlich der genetische Zwilling meldet

Nicht nur Blutspenden sind durch Corona zurückgegangen, auch die Datenbank für potenzielle Knochenmark- und Stammzellspender hat ein Problem. Jule Kaden hat Flo begleitet. Vor Jahren hatte er sich registriert - dann kam der Anruf.

"Gestern Abend hatte ich gar keinen Bock mehr, weil die Schmerzen mich genervt haben", sagt Flo am Morgen seiner Stammzellspende in einer Sprachnachricht. Wenige Stunden später ist sein Gemüt wieder im Normalzustand – stets freundlich, gut gelaunt und sehr bedacht, wenn er erzählt. Ein reflektierter, dreißigjähriger, bodenständiger Typ aus Berlin ist Flo: die dunklen Haare kurz, in den Ohren Tunnels und immer ein sympathisches Lächeln. Wenn er nicht gerade – quasi – einem Menschen bestmöglich das Leben rettet, bouldert, reist und liest er gern.

8.000 statt 25.000 Neuregistrierungen

Durch die Corona-Pandemie ist deutschlandweit die Zahl der Neuregistrierungen potentieller Knochenmark- und Stammzellspender von 25.000 im Monat auf 8.000 zurückgegangen. Dabei kann damit weltweit Menschen, die Blutkrebs haben, das Leben gerettet werden. An Blutkrebs zu erkranken ist gar nicht so selten: In Deutschland bekommt alle 15 Minuten ein Mensch diese Diagnose.

Flo hat sich vor etwa sechs Jahren registrieren lassen. Durch Social Media ist er auf das Thema Stammzell- und Knochenmarkspende aufmerksam geworden. Ende 2019 kriegt er fast zeitgleich via Anruf, SMS und Brief die Benachrichtigung, dass er der möglicherweise lebensrettende genetische Zwilling für einen Leukämie-Erkrankten ist.

Bis zum Zwillings-Match kann es ein paar Jahre dauern

Am besten heute registrieren, sagt die DKMS. Je früher man sich registriere, desto länger könne man helfen, denn nur fünf Prozent der potenziellen Stammzellspender matchen innerhalb der ersten zehn Jahre nach Registrierung mit einem erkrankten, genetischen Zwilling. "Für junge Spender beträgt die Wahrscheinlichkeit etwa ein Prozent innerhalb des ersten Jahres nach der Typisierung."

In den meisten Fällen geht es ohne OP

Bei der Benachrichtigung wurde Flo direkt nochmal gefragt, ob er immer noch spenden wolle: "Ich hatte das gar nicht mehr auf dem Schirm. Klar habe ich zugestimmt." Für ihn stand das außer Frage. "Die größte Neuigkeit für mich war, dass man einem Leukämiepatienten auch übers Blut helfen kann und nicht nur dieses fiese über den Rücken." Als er es dann erfuhr, waren dennoch beide Methoden für ihn okay: periphere Stammzellentnahme oder Knochenmarkspende. Die periphere Stammzellspende ist in über 80 Prozent der Fälle möglich. Das heißt, es ist keine Operation über den Rücken beziehungsweise Beckenkamm notwendig, sondern die Stammzellen werden aus dem Blut gezogen - wie bei Flo.

Rückenschmerzen sind normal

Vor der Spende als solcher hatte Flo überhaupt keine Angst, denn er spendet seit Jahren schon Blut und Plasma. Nicht ganz geheuer war ihm jedoch die Vorbereitung für seine periphere Stammzellspende. Damit die funktioniert, musste sich Flo einige Tage vorher zweimal täglich selbst ein Medikament spritzen. "Bei der ersten Spritze, die ich mir selbst geben musste, habe ich auch ein bisschen gezittert", sagt er und lacht dabei.

Durch das Medikament wird die Produktion von Stammzellen im Knochenmark und deren Ausschwemmung ins Blut angekurbelt. Flo bekam nach zwei Tagen heftige Rückenschmerzen, die dann mal Richtung Herz wanderten, oder auch stark in die Waden gezogen sind. Das sei aber normal und sogar gut, denn es zeige, dass genügend Stammzellen vorhanden seien, sagt er. Dennoch: "Ich hatte so gar keinen Bock mehr am letzten Abend. Das war meine schlimmste Nacht mit den bisher schlimmsten Schmerzen", erzählt Flo.

Wie eine etwas längere Plasmaspende

Den Spendentag selbst fand Flo dann "total entspannt". Die periphere Stammzellentnahme ist vom Prinzip her eine bis zu dreistündige, also etwas längere, Plasmaspende. Aus dem einen Arm geht das Blut raus, die Stammzellen werden rausgefiltert und in den anderen Arm läuft das Blut zurück. Während der Spende habe Flo schon häufiger darüber nachgedacht, wem er wohl spende und damit womöglich das Leben rette: "Gerade wenn es ein kleines Kind ist, oder eine junge Person, die noch viel davon hat, ist das ganz schön emotional." Am Ende resümiert Flo: "Auch wenn ich die Schmerzen durch das Medikament kurzzeitig richtig zum Kotzen fand, würde ich jederzeit wieder spenden." Zum einen hören die Schmerzen mit der Stammzellentnahme auf, zum anderen bleiben keine Nebenwirkungen. Für ihn ist sowieso das Wichtigste: "Wie easy kann Leben retten sein? Der kurzzeitige Schmerz ist doch nichts gegen das, was Blutkrebskranke erleiden müssen."

In zwei Jahren könnte er seinen "Zwilling" kennenlernen

Für die nächsten zwei Jahre ist Flo für eventuelle weitere Spenden für seinen Patienten reserviert. Wenige Tage nach der Spende erfuhr er sogar, an wen seine Zellen gingen: An eine Frau aus Kanada. Mehr dürfen Erkrankte und Spender erst einmal nicht voneinander erfahren. In zwei Jahren dürften sie – wenn beide das wollen – miteinander Kontakt aufnehmen. Das ist jedoch von Land zu Land verschieden. Flo hätte auf jeden Fall Lust: "Das ist schon ziemlich spannend. Ich glaube, wenn derjenige weinen würde, weine ich auch."

Sendung: Fritz, 27.07.2020,

Beitrag von Jule Kaden

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4 Kommentare

  1. 3.

    Vielen Dank Flo für Deinen Zuspruch. Leider glaube ich nicht mehr daran meine Stammzellen je noch zur Verfügung stellen zu können, da ich jetzt seit Jahren an eine Immuntrombozytopenie leide. Aber Du hast mir einen Denkanstoß gegeben. Werde bei meinen nächsten Termin mein Onkologen fragen ob es dennoch möglich ist. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. LG.

  2. 2.

    Hallo Lothar, das tut mir sehr leid wie man damals mit dir umgegangen ist. Aber ich finde es toll dass du Blut und Plasma gespendet hast und auch bereit gewesen bist, Stammzellen zu spenden. Abhängig von deinem Alter, kannst du aber auch heute noch Stammzellspender werden und dich registrieren lassen. Völlig gleich was dir irgendwer anderes sagt und auch als Homosexueller.
    Liebe Grüße
    Flo

  3. 1.

    Wie selbstverständlich habe ich über viele Jahre hinweg Blut und Plasma gespendet. Das, obwohl ich schwul bin. Später im Betrieb erkrankte eine Kollegin an Leukämie. Alle wurden befragt ob sie daran teilnehmen möchten, um eventuell als Spender in Frage zu kommen. Auch für mich war es selbstverständlich daran teilnehmen zu wollen. Als ich mich eintragen lassen wollte, sagte mein Vorgesetzter unverblümt zu mir: Du doch nicht. Das war dann auch das Signal, weshalb der Betrieb mich über viele Jahre hinweg gemobbt hat. Zu schade, denn jetzt ist es mir gleich und mein Interesse daran habe ich längst verloren.

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