Norbert Voß, Vorsitzender des Vereins Bürger für den Lietzenseepark, schneidet Götterbäume auf einer Böschung (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
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Video: rbb|24 | 30.08.2020 | Vanessa Klüber | Bild: rbb/Oliver Noffke

Invasive Art in Berliner Parkanlagen - Das Dilemma mit dem Götterbaum

Ein Riss im Beton reicht, um einen Keimling zu beherbergen: Der Götterbaum ist genügsam, widerstandsfähig und in Berlin allgegenwärtig. In Parkanlagen wird er oftmals mit Hingabe bekämpft. Dabei ist er in der Zukunft womöglich unvermeidlich. Von Oliver Noffke

Der Regen vermasselt Norbert Voß die gute Laune nicht. Das übernimmt der Götterbaum. Beziehungsweise dessen unzählige Sprösslinge, die sich über den Lietzenseepark ausgebreitet haben. Einige sind recht einfach zu erreichen, sie stehen direkt neben den Wegen. Bemerkt er einen, setzt Voß dort, wo das zarte Holz aus der Erde stößt, seine Rosenschere an. Ein scharfes Schnapp und dem Rentner huscht ein vergnügtes Lächeln über die spitzen Lippen. Dann hält er Ausschau nach dem nächsten Exemplar, um es ebenfalls zu kappen. Meist muss er sich dafür nur ein wenig drehen. Götterbäume wachsen in Gruppen.

Ailanthus altissima, so die lateinische Bezeichnung, ist ein Neophyt, eine vom Menschen künstlich verbreitete Pflanze, die neue Lebensräume erobert. Ursprünglich stammt der Baum aus Ostasien, nun wächst er weltweit. Er gilt außerdem als Invasive Art. Der Götterbaum ist recht anspruchslos, kommt gut mit Trockenheit zurecht oder kargen Böden, mit Hitze und dem Smog der Stadtluft. Seinen Keimlingen reicht ein Spalt im Beton, um Wurzeln zu schlagen. Leicht verlotterte Grünanlagen, um die sich keiner kümmert, stehen irgendwann voller Sprösslinge.

Am Sportforum stehen dichte Hecken aus Götterbäumen; das SEZ an der Ecke Danziger Straße und Landsberger Allee wird geradezu umwuchert, als stünde der Bau aus zittrigem Beton und rostigem Stahl in einem Dschungel; der Schotter der S-Bahnstrecken ist übersät mit den jungen Trieben. Wer seinen Blick für die Merkmale des Götterbaums geschärft hat, wird sich nicht mehr durch Berlin bewegen können, ohne ihm ständig zu begegnen.

Blick in den nördlichen Teil des Lietzenseeparks (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Romantisches Westberliner Kleinod: 1920 wurde der Lietzenseepark angelegt | Bild: rbb/Oliver Noffke

Ein historisches Gartendenkmal im Kampf mit der Gegenwart

Norbert Voß ist Vorsitzender des Vereins Bürger für den Lietzenseepark, einer Gruppe von mehr als 200 Anwohnern, die sich der Pflege dieser Grünfläche im Herzen Charlottenburgs verschrieben haben. Eigentlich findet Voß den Götterbaum recht ansehnlich. Insbesondere bei den Sprösslingen kommen die federhaften Zweige mit ihren parallelen Blattreihen gut zur Geltung. Von oben betrachtet, wirken die Jungpflanzen wie eine Spirale, aus deren Mitte sich die neuen Zweige drehen. Nach außen hin werden sie von immer größer werdenden Zweigen umtanzt. Innen ist die Spirale rötlich und verläuft zu ihren Rändern in ein sattes Froschgrün. Hübsch anzusehen, ist auch die dunkle Borke, die im rechten Licht silbrig glänzt und schuppenartige Muster zeigt. "Aber hier hat der nichts zu suchen. Das ist ein Gartendenkmal."
Die Rosenschere schnappt zusammen.

Wenn Irene Fritsch, die zweite Vorsitzende des Anwohnervereins, über den Lietzenseepark spricht, verströmt sie geradezu mütterliche Gefühle. Mehrere Bücher hat sie über den Park geschrieben. Historisches, Krimis. Sie weist auf die mäandernden Pfade hin, die vom Gartendirektor Erwin Barth vor genau 100 Jahren ersonnen wurden. Oder sie hebt den Erholungswert für die Anwohner hervor, an dem ihr Verein maßgeblichen Anteil hat. "Vor 16, 17 Jahren sah das hier ganz anders aus", sagt Fritsch. "Alles war übersät mit Zigarettenstummeln, überall lag Dreck. Das ging so nicht weiter, also habe ich angefangen, am Parkeingang zu fegen."

Auf den ersten Blick ist der Lietzenseepark heute wieder das romantische Kleinod, als das er ersonnen wurde. An dem geschwungenen doppelten See rascheln Trauerweiden im Wind. Verschlungene Wege führen scheinbar zufällig zu Orten, an denen sich weite Sichtachsen öffnen, auf einen Pavillon oder schmucke Gründerzeitbauten. Dass der schöne Blick vom Götterbaum verstellt wird, war von Gartendirektor Barth nicht vorgesehen.

Gekommen, um zu bleiben

Seit vergangenem Jahr gilt der Götterbaum ganz offiziell als Bedrohung für Europas ursprüngliche Flora. Die EU führt ihn auf ihrer Liste Invasiver Arten von unionsweiter Bedeutung [Informationen dazu in englischer Sprache unter: ec.europe.eu/environment]. Dort befindet er sich in recht schlechter Gesellschaft. Der Riesenbärenklau etwa wird aufgeführt. Ein haushohes Kraut, das ein raffiniertes Gift absondert. Bei Sonnenschein löst es auf der Haut schmerzende Quaddeln aus. In der Lausitz kann man sich derzeit vielerorts wieder an dem Riesenbärenklau verbrennen. Invasive Arten vermehren sich nicht nur erfolgreich, sie verdrängen auch, was ist. Deshalb gelten sie als Bedrohung für die bestehende Artenvielfalt. Im Tierreich wird dieser Konflikt ziemlich brutal ausgetragen.

Waschbären und Nilgänse hat die EU bereits vor Jahren auf ihre Liste gesetzt. Tiere, die vielen als putzig gelten. Dabei überträgt der Waschbär Tollwut, räubert durch die Nester bedrohter Vogelarten oder stemmt Schildkröten bei lebendigem Leib die Panzer auf, um ihre Innereien zu verdrücken. Er ist der Albtraum für die letzten brandenburgischen Bestände von Kiebitz und Europäischer Sumpfschildkröte. Nilgänse wiederum sind sehr erfolgreich darin, neue Brutgebiete zu erobern. Unter anderem weil sie es verstehen, den Nachwuchs anderer Wasservögel geschickt von den Eltern zu trennen. Um dann so lange auf die Küken einzuhacken, bis sich wiederum der allesfressende Waschbär freuen kann.

Invasive Tiere und Pflanzen in Berlin und Brandenburg

Etwas gemächlicher, aber ebenso folgenreich können invasive Pflanzenarten auftreten. Der Trumpf des Götterbaums ist seine knollenartige Wurzel. Aus ihr kann er immer wieder neue Triebe bilden. So vermehren sich selbst die Exemplare, die noch zu jung sind, um Blüten oder Früchte auszubilden. Wächst ein Götterbaum ungestört, hängen die Samen zu Hunderten in roten Büscheln an den Zweigen. Auch das ein durchaus schöner Anblick. Hat sich der Götterbaum einmal etabliert, ist ihm nur noch schwer beizukommen.

Die Früchte eines weiblichen Götterbaums an der Neuen Kantstraße in Berlin-Charlottenburg (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Hübsch und erfolgreich in der Ausbreitung: reifende Götterbaumsamen in Berlin | Bild: rbb/Oliver Noffke

Ein problematischer Baum, der bereits Lenné viel Freude bereitete

Damit die Vision von Barth wieder erblühen kann, wurde mit dem Pflegewerk für den Lietzenseepark ein Leitfaden erstellt. Darin heißt es: "Die Zusammensetzung des Artenspektrums soll sich wieder dem ursprünglichen Charakter annähern." Bäume, die der Gartenplaner nicht vorgesehen hatte, aber nun im Park wachsen, wie Eiben, Ahorn oder Hainbuchen, sollen demnach mittelfristig zurückgedrängt werden. "Zugunsten von lichteren Baumarten wie Birke und Robinie." Ausgerechnet die Robinie. Sie ist ebenfalls ein Neophyt, wurde vor etwa 300 Jahren aus Nordamerika eingebracht. In der Schweiz wird sie seit vergangenem Jahr auf einer schwarzen Liste geführt, dort vermehrt sie sich oft übermäßig und drängt ursprüngliche Arten zurück. In Deutschland ist sie der Baum des Jahres 2020.

Dass eingebrachte Arten aus anderen Gefilden Schäden anrichten können, war zu Zeiten von Barth kaum jemandem bewusst. Peter Joseph Lenné, der weltbekannte General-Gartendirektor, der im 19. Jahrhundert Preußens grüne Schätze angelegt hat, pflanzte den Götterbaum "sehr, sehr gerne in seinen Anlagen in Berlin und Potsdam", erzählte Ingo Kowarik vor Kurzem in einem ausführlichen Interview mit Inforadio. Er ist Professor für Ökosystemkunde und Pflanzenökologie an der TU Berlin. Die rapide Veränderung des Klimas wird der Götterbaum nutzen, so Kowarik. "Jetzt in unseren Dürresommern, in vielen öffentlichen Parkanlagen, an Straßen sehen Sie, wie Bäume leiden. Wie sie braun werden, wie sie zum Teil sogar absterben." Diese Entwicklung nennt er dramatisch. "Wenn Sie die Götterbäume sehen in der Nähe, die sehen super aus, denen geht es richtig gut." Er sei ein richtig guter Stadtbaum.

Ein Freiwilliger vom Verein Bürger für den Lietzensee hält die Knollenwurzel eines Götterbaums in die Höhe (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Vom Glück, den Götterbaum bei der Wurzel zu packen | Bild: rbb/Oliver Noffke

Während Kastanie, Eiche und Kiefern in unseren Breiten massenhaft an Hitze und Schädlingen zugrunde gehen, trotzt ein Baum der sich anbahnenden Klimakatastrophe, der seit dem Beschluss der EU nicht mehr in Europa verkauft werden darf. Würden Mitarbeiter des Zolls bei Reisenden auf seine Samen stoßen, müssten sie diese konfiszieren. In Berlin wächst er unterdessen an jeder dritten Ecke.

Sisyphos, aber mit Rosenschere

"In der Böschung kommen wir an unsere Grenzen", sagt Norbert Voß und zeigt auf das Unterholz an den steilen Flächen neben der Neuen Kantstraße. Sich dort zu bewegen, ist anstrengend. Aber das ist nicht das eigentliche Problem. "Eine Zeitlang haben wir dort die Wurzeln der Götterbäume ausgegraben. Aber das Grünflächenamt möchte nicht, dass wir das machen, weil sonst der Hang destabilisiert wird." An vielen Orten im Park können die Vereinsmitglieder nur das Sichtbare entfernen. Dort, wo gefahrlos Wurzeln entfernt werden können, ist es eine Knochenarbeit.

Nach nicht einmal einer Stunde Arbeit liegen auf den Wegen des Lietzenseeparks so viele abgeschnittene Götterbaumsprösslinge, dass man etwa zehn Fuhren mit der Schubkarre abtransportieren kann. Norbert Voß, Irene Fritsche und ihre Mitstreiter haben sich dabei nicht einmal 100 Meter durch das Unterholz vorangekämpft. Schon in wenigen Monaten werden sie an gleicher Stelle neue mannshohe Götterbäumchen vorfinden und von vorn beginnen. Das ist ihnen bewusst. Aus den Wurzeln, die sie nicht ausgraben können oder sollten werden frische Triebe sprießen.

Und wenn nicht, dann wird ein etwa 20 Meter hoher Götterbaum, der an der Ecke Lietzenseeufer und Neue Kantstraße steht, die Art über den Park verteilen. Seine Samen leuchten bereits rot in der Sonne. In wenigen Wochen werden sie sich wie kleine Hubschrauber durch den Wind drehen. Ein Spalt im Asphalt, ein Hohlraum im S-Bahnschotter oder ein Loch im trockenen Boden - das wird ihnen genügen, um eine Wurzel auszutreiben.

Ein Götterbaum mit reifenden Früchten an der Ecke Lietzenseeufer und Neue Kantstraße (Quelle: rbb/Oliver Noffke)
Lietzenseeufer Ecke Neue Kantstraße, ein Götterbaum hängt voller reifer Samen | Bild: rbb/Oliver Noffke

Beitrag von Oliver Noffke

9 Kommentare

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  1. 9.

    Nein, dies dürfen Sie natürlich NICHT. Die Götterbäume im Straßenland sind offiziell unter Verwendung von Steuergeldern angepflanzt worden und gehören der Allgemeinheit. Sie scheinen mir etwas hysterisch mit dem Thema Götterbaum umzugehen.

  2. 8.

    Ich kann ja noch halbwegs nachvollziehen, wenn in einem gepflegten Park oder Garten unerwünschte Pflanzen herausgerissen werden, damit das für manche Menschen dann anscheinend schöner aussieht.

    Was ich nicht verstehe, ist die allgemeine Verärgerung über einen Baum, der sich hier klimatisch wohl fühlt, mit Umweltbelastungen gut klar kommt, grün bleibt und sich gut vermehrt.
    Wo ist da das Problem?

  3. 7.

    Wir nutzen eine sehr effektive MEthode, die zwar etwas anstrengender ist, aber nicht weniger erfolgreich: Handarbeit. Und wo es größer ist, Säge, Schaufel, Spaten.
    ISt besser als jedes beschissene chemische Gift.

  4. 6.

    Allgemein soll der Einsatz von Giften auch auf Grünflächen für alle vermieden werden: "Zu diesen Flächen gehören insbesondere: Öffentliche Parks (ohne Spiel- und Liegewiesen),
    Funktionsflächen auf Golfplätzen,
    Friedhöfe,
    Öffentliche Gärten,
    Grünanlagen in öffentlich zugänglichen Gebäuden (Innenraum),
    Sport- und Freizeitplätze,
    Schul- und Kindergartengelände,
    Spielplätze
    Flächen in unmittelbarer Nähe von Einrichtungen des Gesundheitswesens
    Spiel- und Liegewiesen
    Öffentlich zugängliche Gewächshäuser
    Straßenbegleitgrün
    Öffentlich zugängliche Wege und Plätze
    Auf diesen Flächen halten sich Personen unterschiedlichen Alters und Gesundheitszustands auf, die eines besonderen Schutzes bedürfen. Deshalb ist die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in diesen Gebieten so weit wie möglich zu minimieren oder zu verbieten."
    www.berlin.de/pflanzenschutzamt/ueberwachung/anwendung-von-pflanzenschutzmitteln/

  5. 5.

    Mehrmals jährlich mähen Stattgärtner halbwüchsige Götterbäume ab. Nur wenige Wochen später stehen sie schon fast genau so groß wie zuvor wieder da.
    Die Wurzeln lassen sich bei jungen Pflanzen recht leicht mit ausreißen und meistens genügt das für eine nachhaltige Entfernung und so stellt sich die Frage, warum Stadtgärtner nicht so vorgehen.
    Aus meiner Sicht müssten jedoch Elternbäume konsequent abgetötet werden, um die Aussaat entscheidend zu reduzieren.
    Dazu empfiehlt sich meines Erachtens zuvorderst deren Ringelung.
    Genieße ich als Bürger das Recht, selbst gegen diese Neophyten vorzugehen oder bedarf es dazu einer Genehmigung?

  6. 4.

    Es gäbe ja eine Methode, diese Pflanze selektiv sehr einfach loszuwerden. Nämlich mit einem Breitbandherbizid, mit dem man im Frühjahr einige Blätter gezielt einsprüht. Einmal pro Pflanze und diese stirbt samt Wurzel in 2-3 Wochen komplett ab. Ausgraben nicht nötig.

    In meinem Garten hatte ich wilden Hopfen in meinen Sträuchern und Hecken. Man konnte die Wurzeln garnicht vollständig entfernen, weil sie zwischen den anderen Pflanzen wuchsen. Aber Blätter einzeln mit einer kleinen Sprühflasche zu besprühen, ist kein Problem. Mit einer Pappe dahinter habe ich verhindert, dass auch andere Blätter etwas abbekommen. Einfach, schnell und effizient. Und ohne ungewollte Schäden. Aber seit letztem Jahr gibt es Glyphosat nur noch für Landwirte zu kaufen. Der Kleingärtner kann nun invasive Pflanzen nicht mehr damit loswerden. Aber Gartenbauämter hätten schon noch die Möglichkeit, Herbizide zu nutzen. Nicht mit der großen Giftschleuder, wie die Landwirte, aber ganz gezielt mit geringsten Mengen.

  7. 3.

    Der Honig vom Götterbaum ist aber sehr lecker. :p

  8. 2.

    Und doch,diese Unarten stammen alle aus einer Einzigen/ nur wenigen Zellen großen Population. Es wird sich nur das vermehren, wasdiebesten Anpassungen zum Umfeld findet. Vielleicht ist es ein Modell für die trockenen KiefernWälder auf den TruppenÜbungsplätzen.

  9. 1.

    Der entscheidende Hinweis kommt zu kurz: um das Gewächs los zu werden müssen die Wurzeln großflächig entfernt werden. Die Pflanze verfügt über eine starke Stockausschlagfähigkeit. Schon wenige Zentimeter lange, im Erdreich verbliebene Stücke, reichen der Pflanze zum Neuausschlag.
    Wie hilfreich das entfernen der Triebe ist kann am Händelplatz in Steglitz und der gesamten Umgebung bestaunt werden, dort wächst die Pflanze jetzt in Buschform großflächig.

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