Symbolbild: Eine Ballettschuhe (Quelle: imago images/MiS)
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Abschlussberichte veröffentlicht - Staatliche Ballettschule Berlin soll umfassend reformiert werden

Mangelnde demokratische Strukturen und Kontrolle sowie psychische Gewalt: Das ist das Fazit der Untersuchung des Berliner Ballettschulskandals. Nun soll der Reformprozess beginnen. Von Tina Friedrich

Die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik müsse wieder als Schule begriffen werden, bilanziert Klaus Brunswicker - die starke Konzentration auf den künstlerischen Bereich gehe zulasten der Kinder. So lautet eine der vielen Erkenntnisse des Leiters der Expertenkommission, die den Ballettschulskandal um die Vorwürfe der Kindeswohlgefährdung aufklären sollte.

Brunswicker stellte am Montag in Anwesenheit von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) seinen Abschlussbericht vor. Auch Elke Nowotny präsentierte ihren Bericht, mit dem sie die Arbeit der Clearingstelle beendete. Sie ging der Frage nach, ob und wie an der Ballettschule tatsächlich Kindeswohl gefährdet wurde.

Unerträgliche psychische Gewalt

Das Urteil fällt in beiden Fällen klar aus: Es gibt massive strukturelle Probleme an der Ballettschule, die in vielen Bereichen zu Lasten der Kinder gehen. Die Beschreibungen beinhalten psychische Gewalt, die Kinder, besonders am Übergang zur Pubertät, nicht aushalten könnten. Aber auch Beleidigungen und Beschimpfungen unter der Gürtellinie, sexualisierte Gewalt, Schläge im Training.

Besonders eindrücklich aus Sicht der Kinderschutzexpertin Nowotny: Wichtige medizinische Untersuchungen seien von den betreuenden Lehrkräften teilweise als nicht notwendig erachtet worden, wenn es um Auftritte ging. Ehemalige Schülerinnen, heute erwachsene junge Frauen, hätten am Telefon vor Erleichterung darüber geweint, dass die belastenden Ereignisse aus ihrer Schulzeit nun ans Licht kommen.

Landesjugendballett ausgliedern

Insbesondere die starke körperliche und seelische Belastung soll nun strukturell abgemildert werden. Kinder sollen nicht länger weit über ihre Leistungsgrenze hinaus beansprucht, und Bühnenauftritte in ein neues pädagogisches Konzept eingebettet werden.

In diesem Zusammenhang empfiehlt die Kommission auch, das Landesjugendballett nicht mehr als Teil der Schule zu verstehen, sondern in eine Jugendcompagnie auszugliedern. Zu dieser Kompanie sollen die Schülerinnen und Schüler der Ballettschule einen privilegierten Zugang bekommen. Einen ähnlichen Vorschlag hatten auch die Wirtschaftsprüfer bereits gemacht, die im Auftrag der Senatsverwaltung für Bildung die Finanzen der Schule untersucht haben. Bildungssenatorin Scheeres kündigte an, diesen Vorschlag zu prüfen.

Demokratische Strukturen wiederherstellen

Den nun angestoßenen Veränderungsprozess sollen Schüler, Eltern und Lehrer mitbestimmen dürfen, unter der Begleitung eines Fachbeirats. Überhaupt sollen demokratische Strukturen an der Schule wieder eine stärkere Rolle spielen. Das formulierte Brunswicker als sein dringlichstes Anliegen. "Das ist eine Frage der Haltung, das kann man sofort umsetzen", sagte er.

Auch Vertrauenspersonen, die wirklich eigenständig arbeiten dürfen, seien notwendig. Es könne nicht sein, so Brunswicker, dass der Schulleiter beispielsweise Beratungslehrer "kaltstellt, weil es einen Konflikt gibt". Der Schule fehle insgesamt ein Ausbildungskonzept, die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verließen, wäre für eine andere Institution eine Katastrophe. Deshalb schlägt er vor, die Probezeit von bislang einem halben Jahr auf die ersten beiden Schuljahre auszudehnen.

Tanzpädagogen, die bisher oft nach dem Ende ihrer aktiven Tänzerkarriere an die Schule kamen, um die praktischen Fächer zu unterrichten, müssten künftig verstärkt pädagogische Fähigkeiten nachweisen, eventuell durch ein verpflichtendes Referendariat, das einem Engagement an der Ballettschule vorausgeht.

Kinderschutzkonzepte im Schulgesetz vorschreiben

Kern der Reformen ist ein Kinderschutzkonzept, das nun erarbeitet werden soll. Bisher sind solche Regelwerke nur Empfehlungen für Schulen. Scheeres will jetzt Kinderschutzkonzepte an den Berliner Schulen generell gesetzlich vorschreiben.

Wie schnell das alles umgesetzt werden kann, ist allerdings noch offen. In Wien, wo es an der Staatsopern-Ballettakademie 2019 ähnliche Vorwürfe und Untersuchungen gegeben hat, gehen Experten von einem fünf Jahre langen Reformprozess aus. Dringende Veränderungen könnten innerhalb von zwei Jahren umgesetzt werden, heißt es im Wiener Konzept. Und so dämpft auch Sandra Scheeres die Hoffnungen auf schnelle Schritte. "Zu verändern, was sich über Jahre festgesetzt hat, wird Zeit brauchen", sagt sie.

Brunswicker schlägt dann im Sinne der Gleichberechtigung der beiden Ausbildungszweige Ballett und Artistik noch eine sofort umsetzbare Maßnahme vor: Die Schule soll in "Staatliche Schule für Ballett und Artistik" umbenannt werden.

 

Sendung: Abendschau, 07.09.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Tina Friedrich

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1 Kommentar

  1. 1.

    Danke!

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