Georgiy Khokholyev (Quelle: Jan Feldmann)
Bild: Jan Feldmann

Interview | Georgiy Khokholyev zu jüdischem Leben - "Mir ist die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit"

Berlin zieht viele junge Juden an - auch den 22-jährigen Georgiy Khokholyev, der sich in der Jüdischen Studierendenunion engagiert. Ein Gespräch über das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit und den Wunsch, dass Jüdischsein in Deutschland normal wird.

rbb|24: Herr Khokholyev, man hört immer wieder, Berlin habe eine besonders große Anziehung auf Jüdinnen und Juden, gerade auf junge – ist das so?

Georgiy Khokholyev: Ja, das ist tatsächlich so. Denn Berlin ist eine der wenigen Städte in Deutschland, in denen es eine gewisse jüdische Infrastruktur gibt. Das bedeutet, es gibt viele Communitys aus verschiedenen Richtungen. Es gibt außerdem koschere Läden und Restaurants. Vor allem orthodoxe Juden, die nach ganz bestimmten Regeln leben, haben es deshalb in Berlin viel einfacher als irgendwo auf dem Land.

Welche Rolle spielt das Thema Shoah und Vergangenheitsbewältigung im Alltag für Sie?

Für mich, und ich kann ja wirklich nur für mich persönlich reden, ist die Shoah-Aufarbeitung und das Gedenken an die NS-Zeit kein Thema, mit dem ich mich täglich beschäftige. Ich beschäftige mich mehr damit, was in Deutschland heute passiert. Ich bin hier zur Schule gegangen und weiß, dass Deutschland viel dafür getan hat, das ganze Thema aufzuarbeiten. Aktuell ist mir das Thema Zukunft wichtiger als die Vergangenheit - die man natürlich trotzdem nicht aus den Augen verlieren sollte.

Gibt es typisches jüdisches Leben in Berlin? Etwas, das die meisten Juden, die hier leben, gemeinsam haben?

Man hat gemeinsam, dass man Jude ist. Das ist das Interessante am Judentum, dass es nicht nur eine Religion ist, sondern auch eine Volkszugehörigkeit, eine Ethnie. Das verbindet uns. Egal, ob man eher orthodox oder eher liberal ist – am Ende des Tages sind und bleiben wir Juden und halten zusammen. Das ist zumindest mein Gefühl.

Ist es anstrengend, in Berlin jüdisch zu sein?

Das kommt darauf an, wie öffentlich man sein Judentum zeigt. Ich habe zwei Jahre lang meine Kippa öffentlich getragen – das war schon anstrengend. Die Menschen kamen mit Fragen, die für mich selbstverständlich waren. Da musste ich mich selbst daran erinnern, dass nicht jeder alles über das Judentum weiß. Es wird wenig darüber berichtet, dass das Judentum in Deutschland immer noch existiert und dass es nicht nur orthodoxe Juden gibt - sondern dass wir eigentlich ganz normal aussehen.

Es kamen auch viele Leute auf mich zu, die es toll fanden, dass ich Kippa trage. Das hat mir zwar ein positives Gefühl gegeben, aber es hat mir auch gezeigt, dass es eben nicht normal für die Leute ist. Ich glaube, die Kopfbedeckung von muslimischen Frauen ist im Stadtbild deutlich normaler für die Menschen.

Durch Neukölln mit der U-Bahn fahren und eine Kippa oder einen Davidstern tragen – geht das unbehelligt?

Ich war ein Mal in Neukölln, da hatte ich meine Kippa an und wurde weder blöd angeschaut noch angemacht. Da habe ich einen Vintage-Flohmarkt an der Sonnenallee besucht. Und dann war ich ein zweites Mal da - kürzlich am Hermannplatz, weil mich ein Freund eingeladen hat in ein Restaurant dort in der Nähe. Da trug ich die Kippa ohnehin schon nicht mehr in der Öffentlichkeit. Als ich aus der U-Bahn kam, sah ich als erstes einen "Free Palestine"-Schriftzug. Ich habe mich da sehr sehr unwohl gefühlt. Ich habe meinen Davidstern, den ich normalerweise offen trage, unter mein T-Shirt gepackt und habe meiner Begleitung gesagt, sie soll dasselbe tun. Dann gingen wir da entlang - und die Leute lächeln, reden nett mit uns. Und man weiß nicht, ob es so bleiben würde, wenn man sagen würde, dass man Jude ist. Dann wird man automatisch mit Israel identifiziert. Und das ist ein heikles Thema.

Als Jude werden Sie pauschal mit Israel in Verbindung gebracht, sagen Sie. Mit welchen anderen Vorurteilen sind Sie konfrontiert?

Ich bin immerhin fast zwei Meter groß und 100 Kilo schwer – mir sagt man sowas selten direkt ins Gesicht. Aber ich höre schon mein ganzes Leben lang Dinge wie: "Ihr habt doch eh alle Geld, beschwer dich doch nicht." Es gab auch immer wieder Shoah-Witze. Als Kind oder Jugendlicher denkt man nicht so sehr darüber nach. Aber wenn das nicht aufhört, merkt man irgendwann, dass es keine Witze sind und man fühlt sich ganz schnell unwohl.

Israel liegt andererseits in Berlin ja auch im Trend. Man hört Freunde schwärmen vom Urlaub in Tel Aviv, bestellt Schakschuka [Eiergericht mit Tomatensauce, Anm.d.Red.] im Cafe und schaut Serien wie "Unorthodox" auf Netflix. Hilft oder nervt das?

Wenn man Serien wie "Unorthodox" oder "Fauda" nimmt, dann hilft das in dem Sinne, dass das Judentum und Israel in den Köpfen der Leute in einen anderen Kontext gerückt wird - statt immer nur den Blick auf Israel und Palästina zu richten. Es hilft also eher.

Haben Sie einen Plan B, falls es in Deutschland oder Berlin zu schlimm wird, das Land und die Gesellschaft zu weit nach Rechts rücken?

Das ist eine wichtige Frage - und auch die kann ich wiederum wirklich nur für mich persönlich beantworten. Es gibt auf jeden Fall einen Plan B. Es gibt sogar einen Plan C. Aber ich kann nicht ganz genau sagen, wann es soweit wäre. Denn ich bin glücklich, in Deutschland zu sein. Ich bin in der Ukraine geboren und in Deutschland aufgewachsen. Das Land hat meinen Großeltern geholfen, es hat mir die Möglichkeit gegeben, mich zu entfalten und die Person zu werden, die ich heute bin - und dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich würde, bis es wirklich gar nicht mehr geht, hier bleiben und dafür kämpfen, dass das Deutschland, das ich kenne und woran ich glaube, bestehen bleibt. Plan B und C, in Richtung Schweiz, Israel oder Amerika zu gehen, gibt es nichtsdestotrotz. Das ist nichts, woran ich jeden Tag denke. Aber es gab schon Abende, an denen ich im Bett gelegen habe und darüber nachdachte: Was mache ich, wenn es hart auf hart kommt?

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, was wäre das?

Das einzige, was ich mir wirklich wünsche, ist die Normalisierung des Judentums in Deutschland. Dass man nicht immer nur mit zwei Möglichkeiten assoziiert wird: a) die, die mal ermordet wurden oder b) die, die in Israel irgendwas machen. Sondern dass man bei Juden denkt: Das sind die, die auch in Deutschland leben.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

Sendung: Abendschau, 15.09.2020, 19:30 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Danke für das Interview, Herr Khokholyev, und für Ihr Danke an Deutschland. Ich hoffe, Sie müssen nie, nie ernsthafter über die Pläne B und C nachdenken. Am besten gar nicht. Ich bin Deutscher, genau wie Sie, und wenn ich über Pläne B und C nachdenken müsste, dass ist unvorstellbar.

  2. 2.

    Vielen Dank für das Interview!

  3. 1.

    Das Interview beeindruckt mich und lässt mich auf die Zukunft hoffen. Auch wenn es nur wenige solcher jungen Menschen gibt, mit diesem Weitblick, verwurzelt im Hier und Jetzt, so retten vielleicht gerade diese Menschen ein Stück dieser Welt.

    "Ich würde, bis es wirklich gar nicht mehr geht, hier bleiben und dafür kämpfen, dass das Deutschland, das ich kenne und woran ich glaube, bestehen bleibt" - wenn wir alle davon ein bisschen hätten...

    Viel Erfolg, viel Durchhaltevermögen wünsche ich - und dass Ihnen nie etwas Böses widerfahren möge!

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