Ein Schild weißt den Weg zu dem Mahnmal "Gleis 17" im Stadtteil Grunewald. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
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"Mahnmal Gleis 17" - Stiftung errichtet "Gedenk-Campus" am S-Bahnhof Grunewald

Die Moses-Mendelssohn-Stiftung will unweit des S-Bahnhofs Grunewald und dem dortigen Mahnmal "Gleis 17" einen großen Campus errichten. Dort sollen Studierende leben, forschen - und sich erinnern. Genau von hier waren Tausende Berliner Juden deportiert worden.

Angrenzend an das Mahnmal "Gleis 17" am Berliner S-Bahnhof Grunewald will die Moses-Mendelssohn-Stiftung einen sogenannten Gedenk-Campus errichten. Nach eigenen Angaben sollen dort eine Kombination von Erinnerungsstätte, Forschungseinrichtung sowie 150 möbilierte Apartments für Studierende entstehen.

Der Campus solle an die mehr als 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden erinnern, die ab Herbst 1941 von Gleis 17 in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert wurden, hieß es.

Bei der Stiftung hoffe man auf einen Baubeginn in zwei Jahren und "mit viel Glück" auf die Eröffnung des Geländes im Jahr 2025, sagte Elke-Vera Kotowski von der Mendelssohn-Stiftung rbb|24 am Dienstag. Das Gelände sei von einer Bahntochter erworben worden und nun würden, bevor man den Bauantrag stellen könne, die Erstellung der notwendigen Gutachten starten.

Studierende sollen sich mit Ort auseinandersetzen

Die Stiftung habe für das Projekt ein Gelände erworben, das neben dem Mahnmal Gleis 17 liege, hieß es weiter. Im Berliner "Tagesspiegel" [tagesspiegel.de] hatte der zuständige Stadtrat aus Charlottenburg-Wilmersdorf, Oliver Schruoffeneger (Grüne), das "inhaltlich schöne Projekt" ausdrücklich begrüßt. Der Bezirk befürworte das Vorhaben, hieß es.

Bautechnisch geplant und realisiert wird das Campus-Projekt nach Stiftungs-Angaben durch die Frankonia Vermögensverwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft.

Auf dem Campus sollen Studierende unterschiedlicher Disziplinen und aus verschiedenen Ländern gemeinsam wohnen und lernen. "Die unmittelbare Nähe zum Mahnmal Gleis 17 soll für angehende Wissenschaftler Motivation sein, sich mit dem historischen Ort auseinanderzusetzen", teilte Julius H. Schoeps mit, Vorstandsvorsitzender der Moses-Mendelssohn-Stiftung und Gründungsdirektor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam (MMZ).

Für die konkrete Ausgestaltung des Konzepts verantwortlich ist demnach die Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Elke-Vera Kotowski. Sie sagte rbb|24, die Stiftung wolle mit dem Campus dafür sorgen, dass der Ort endlich "kontextualisiert" werde. Er solle aber weiter für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben, betonte sie.

Campus soll nach "Nesthäkchen"-Autorin Ury bennant werden

Von der Stiftung hieß es, fest stehe schon, dass die entstehenden Studierenden-Apartments nach Persönlichkeiten benannt würden, die im deutsch-jüdischen Kontext von Bedeutung sind. Der Campus selbst wird nach der Kinderbuchautorin Else Ury (1877-1943) benannt, Verfasserin der Kinderbuchreihe "Nesthäkchen". Ury wurde im Alter von 65 Jahren von Berlin aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 13. Januar 1943 ermordet.

In einem der drei geplanten Gebäude will die Stiftung eine Dauerausstellung zu den historischen Hintergründen des "Mahnmals Gleis 17" entwickeln. Hier soll auch eine Datenbank entstehen, die alle Informationen der von Gleis 17 sowie den übrigen Berliner Bahnhöfen Deportierten in Erinnerung ruft. Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

Es soll auch eine "Allee der Gerechten" entstehen

In Anlehnung an die "Allee der Gerechten" in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem soll auf dem Gelände im Grunewald zudem ein "Hain der Gerechten" entstehen. Dort soll jener Menschen gedacht werden, die sich trotz der drohenden Sanktionen durch die NS-Diktatur der verfolgten Jüdinnen und Juden angenommen haben.

Die Stiftung will das Vorhaben mit eigenem Personal und Projektmitteln betreiben, setzt aber bei einzelnen Projekten auf Kooperationen und Vereinbarungen mit anderen Gedenkorten im Berliner Raum. Kooperationen soll es zudem mit den Hochschulen der Region geben.

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich empfinde die Formulierung "schönes Projekt" etwas zwiespältig, selber würde ich wohl von einem inspirativen Projekt reden. Eine gleiche, m. E. gedankenlose Formulierung, wurde schon seinerzeit beim Mahnmal der ermordeten Juden Europas unweit des Brandenburger Tores verwendet.

    Immer noch, so mein Eindruck, ist das Gleis 17 nahezu eine terra incognita. Gewiss finden wohl zuweilen Schulklassen ihren Weg dorthin, für den so bezeichneten Normalbürger ist das weitgehend unbekanntes Land. Dabei kann genau hier der ach so gewöhnliche Vollzug im erschreckenden Ausmaß nachvollzogen werden. Eine Organisation, die auf Ablauf ausgerichtet ist, fragt nicht nach den Drinsitzenden und deren Fahrziel. Und sei es, dass Eisenbahningenieure sachlich-neutrale Gutachten aufsetzen, dass die vordere Achslast verstärkt werden müsse, weil das "Transportgut" die Angewohnheit habe, sich in der vorderen Wagenhälfte zu befinden.

    Es waren Menschen. Menschen in Richtung Theresienstadt, Auschwitz ...

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