Gerichtsfoto: Der Hochstapler (links), neben seiner Verteidigerin im Gerichtssaal. (Quelle: rbb/U. Morling)
Bild: rbb/U. Morling

Angeklagte berichtet mit Stolz von seinen Taten - Vorbestrafter Hochstapler betrog Aidshilfe und Justizkasse

Anderthalb Jahre betrog ein 32-jähriger Hochstapler die Berliner Justizkasse, die Aidshilfe, Reiseunternehmen und Vermieter von Luxuskarossen. 55-fachen Betrug gesteht der bereits zweimal einschlägig Vorbestrafte jetzt vor dem Landgericht. Von Ulf Morling

Am 1. September 2018 beginnt die Betrugsserie: Über einen Reiseveranstalter bucht Steven M. eine einwöchige Pauschalreise nach Gran Canaria für 1.100 Euro. Als Konto für seine Lastschriftzahlung sucht er im Internet die Kontodaten der Berliner Justizkasse heraus und gibt sie an. Es funktioniert. Drei Tage später sitzt M. im Flieger nach Spanien, die Justizkasse bucht ihr unberechtigt abgehobenes Geld zurück und der Reiseveranstalter bleibt auf seinem Schaden sitzen. Nach ähnlichem Muster agiert Steven M. 55 Mal und räumt es zum Prozessauftakt ein. Eine mehrjährige Haftstrafe wegen gewerbsmäßigen Betruges stehen für ihn im Raum.

Neid und Bewunderung der anderen gespürt

Als Fotografen den Gerichtssaal vor dem Beginn seines Prozesses betreten, posiert M. in seiner Gefangenenbox: er stellt sich in Positur neben seine Verteidigerin Pamela Pabst. Sie ist das, was M. immer werden wollte: berühmt. Während Pamela Pabst - von Geburt an blind- als Anwältin Deutschlands Vorbild (nicht nur) für die ARD-Serie "Die Heiland – Wir sind Anwalt“ ist, schafft es M. im wirklichen Leben nur bis in die erste Runde von "The Voice of Germany" und fliegt dann raus. Der Rest seines Erwachsenenlebens ist fast nur Betrug, mehr Schein als Sein.

Bereits verurteilt, weil er sich als Richter ausgab

Früher gab er sich als Richter oder Staatsanwalt aus und wurde verurteilt, im dritten Prozess seines Hochstaplerlebens geht es um sein Wirken als vermeintlicher Produktionsleiter von Germanys next Topmodel kids, als angeblicher Mäzen der Aidshilfe und als junger Mann, der mit Chauffeur in einem Mercedes der S-Klasse vorfährt, bevorzugt dort, wo viele Menschen sehen, wie ihm die Tür der Luxuskarosse aufgehalten wird und er "den Neid und die Bewunderung der Passanten" aufsaugen kann, wie ein Schauspieler den Applaus nach einer Vorstellung.

Alle seine Opfer - ob Unternehmen oder Bekannte - hat M. betrogen, insgesamt um 72.793, 47 Euro, erklärt die Staatsanwaltschaft. "Unbegreiflich war mir dieses tiefe Vertrauen, was die Leute mir gegenüber entwickelten", sagt Steven M. selbstbewusst und unterkühlt. Erst einer der Kripo-Beamten schildert als Zeuge, was M. mit "tiefem Vertrauen seiner Opfer" meinen könnte: M. hatte sich 1.100 Euro geliehen bei einen flüchtig Bekannten, dem er die Lügengeschichte auftischte, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs habe. Als nach Monaten der Bekannte sein Geld wieder brauchte und drängender wurde, gab sich M. am Telefon als sein eigener Vater aus und erzählte dem erschütterten Bekannten, dass Steven gestorben sei. "Der hat sich dann nicht mehr gemeldet und ich hatte Ruhe", sagt Steven M. in seinem Geständnis im Gerichtssaal.

"Ich wollte auf die Bühne im Theater des Westens."

Neben exklusiven Reisen, die M. mit Geld von fremden Konten begleichen wollte, soll er sich auch Dutzende Konzert-, Kino- und Veranstaltungskarten für über siebentausend Euro erschlichen haben. Damit habe er vor Freunden protzen wollen, die er mitgenommen habe zu Konzerten von Dieter Bohlen oder Celine Dion. Die skrupelloseste Tat aber waren vielleicht die des vorgetäuschte Erwerbs eines Hotels im brandenburgischen Guben von einem Ehepaar, dem wirtschaftlich das Wasser bis zum Hals stand. Um als zukünftige Mieter in einer kleinen Wohnung des Hotels wenigstens lebenslanges Wohnrecht zu haben, zahlte das Paar dem Angeklagten 1.000 Euro Kaution. Er hatte den Eheleuten zuvor eine gefälschte Überweisung über 2,5 Mio. Euro vorgelegt, die seinen Hotelerwerb belegen sollte.

Als Millionenspender kostenlos zur Aids-Gala

Um kostenlos zur Aids-Gala im Theater des Westens hinein gelassen zu werden, hatte M. die Geschäftsführerin der Berliner Aidshilfe e.V. belogen: Er leide an einem Hirntumor und wolle eine Million Euro spenden. "Ich habe das nicht erzählt, um kostenlos in die Aids-Gala eingelassen zu werden. Ich wollte auf der Bühne im Scheinwerferlicht stehen", versucht M. im Prozess den Staatsanwalt zu korrigieren. Doch das Misstrauen der Aids-Hilfe rettete die Organisation vor dem Betrüger, der später sogar angeblich 1,5 Millionen Euro spenden wollte.

Ein leitender Ermittlungsbeamter sagt am Ende seiner Aussage im Gerichtssaal zu der zehnstündigen Vernehmung des Angeklagten nach seiner Festnahme Anfang Juni: "Ich hatte das Gefühl, dass er stolz war auf die Sachen, die er gemacht hat."

Am 15. September wird der Prozess im Landgericht fortgesetzt. Hochstapler Steven M. hat eine langjährige Haftstrafe zu erwarten.

Sendung: Inforadio, 11. 9. 2020, 17.40 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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