U-Bahnhof Nollendorfplatz bei Nacht mit schwul-lesbischer Regenbogen-Lichtinstallation an der Kuppel (Quelle: dpa/Moritz Vennemann)
Audio: rbb88,8 | 24.09.2020 | Interview mit Bastian Finke | Bild: dpa/Moritz Vennemann

Interview | Bastian Finke, "Nachtbürgermeister" im Regenbogenkiez - "Homophobie und Transphobie gibt es leider auch im Regenbogenkiez"

Seit März sind im Regenbogenkiez in Berlin-Schöneberg "Nachtbürgermeister" und "Nachtlichter" unterwegs. Bastian Finke ist einer von ihnen. Im Interview erzählt er von den Aufgaben und wie der Kiez sich in den letzten 100 Jahren gewandelt hat.

rbb: Herr Finke, ich dachte, Nachtbürgermeister ist ein super Job. Man ist immer im Nachtleben unterwegs. Aber so ist es gar nicht. Sie managen die Nacht. Aber das heißt nicht, dass sie dabei immer nachts auf Tour sein müssen.

Bastian Finke: Genau. Wir sind in der Regel tagsüber beschäftigt und unterwegs. Wir haben am Spielplatz im Regenbogenkiez ein "Tiny House", das uns vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg gestellt wird. Und von dort aus machen wir schon auch Touren durch den Kiez und reden über diese Touren auch mit Anwohnenden und Gewerbetreibenden. Aber wir halten dort vor allem auch die Stellung, um Menschen Auskunft zu geben und Informationen, die sich dann direkt an den Nachtbürgermeister und an die Mitarbeiter vor Ort wenden.

Was sind das für Auskünfte? Es gibt ja keine Nacht ohne Polizeieinsätze. Es geht aber nicht nur um Kriminalität?

Es geht auch um die Lärmbelastung, Vermüllung, um wildes Herumpinkeln. Es geht um Beschädigungen. Es geht aber auch um Drogenprobleme.

Was ist dabei konkret Ihre Aufgabe?

Wenn jemand konkret käme und sagt, mir ist das und das letzte Nacht hier passiert, dann hören wir uns das natürlich erst mal an. Wir gucken auch vor allem, wie geht es dem Opfer? Und was können wir noch tun zu seiner Unterstützung? Und dann kommt natürlich auf jeden Fall die Frage, Anzeige erstatten ja oder nein. Wenn ja, wohin sich wenden und vor allem auch dann an Beratungsstellen vermitteln, die das Opfer weiter unterstützen können.

Ich bin viel in der Gegend unterwegs und empfinde es als nicht sehr kriminell und gefährlich. Dennoch heißt es immer, da gibt es viel Kriminalität. Was ist denn jetzt objektiv der Wert dort?

Seit Corona ist mit Sicherheit auch vieles anders geworden. Wir erleben auch den Kiez so, dass hier zurzeit weniger Kriminalität stattfindet. Wir hatten höhere Zahlen in den letzten Jahren. Was eben damit einher geht, dass vor allem betrunkene Menschen leichte Opfer sind. Es geht aber auch um Diebstahlsdelikte. In manchen Fällen geht es auch um Raubüberfälle und Körperverletzung. Es geht auch um Homophobie und Transphobie, Beleidigungen, blöde Sprüche, die man auf der Straße hört. Das gibt es leider auch im Regenbogenkiez.

Wie ist der Regenbogenkiez entstanden?

Der Kiez ist vor hundert Jahren entstanden. Gemeinsam mit Historikern haben wir hier angefangen, den Regenbogenkiez zu recherchieren, aufzuarbeiten. Dabei sind wir auf bis zu 40 bis 45 Lokale gestoßen, die es bereits in den 20er und 30er Jahren hier im Regenbogenkiez gegeben hat. Es war eine sehr attraktive Gegend. Hier gab es den "Topp-Keller", wo Claire Waldoff mit ihrer Freundin rauschende Partys gefeiert hat. Marlene Dietrich und Klaus Mann verkehrten hier. Christopher Isherwood hat im Kiez gewohnt und in seinen berühmten Büchern, unter anderem "Leb wohl, Berlin", die Szenen am Nollendorfplatz geschildert.

Neben der "Scala" in der Martin-Luther-Straße, gab es ganz viele bekannte Orte. Dazu gehört vor allem auch das schillernde, frivole Leben der LSBT-Szene. Und das hat zum Glück auch nach dem Krieg wieder begonnen, natürlich unter den Repressalien des Straf-Paragraphen 175, des Verbotes der männlichen Homosexualität. Da gibt es auch Geschichten, wie hier in den 1950er-Jahren die Polizei mit zivilen Fahndern Kneipen observiert haben.

Kann sich die jüngere Generation das alles noch vorstellen?

Nein, für die Jüngeren ist das alles Geschichte. Und die freuen sich auch über die heutigen Angebote, die wir hier in der Szene haben. Wir haben bis zu 100 Adressen hier allein im Regenbogenkiez. Darunter fallen eben nicht nur Bars, Kneipen und Clubs, sondern dazu gehören auch Geschäfte, Kleingewerbe, Rechtsanwaltskanzleien oder Ärzte. Das ist etwas ganz Besonderes. Und es ist der älteste Kiez weltweit.

Im Kiez sind auch sogenannte Nachtlichter unterwegs. Was unterscheidet die vom Nachtbürgermeister?

Die Nachtlichter sind Parkläufer, die vor allem am Wochenende von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag durch den Kiez streifen und dann auch konkret mit Menschen sprechen, wenn es zu Konflikten kommt oder wenn die Leute zu laut sind oder wenn sie sich nicht richtig benehmen, dass sie dann einfach auch mit den Leuten reden. Das sind die Nachtlichter am Wochenende.

Wie gut funktioniert das?

Diese Mitarbeiter sind geschult. Sie sind nicht das Ordnungsamt oder die Polizei. Sie suchen die Konfliktvermittlung in der Kommunikation mit den Menschen. Und das kommt sehr gut an. Wir bekommen sehr gute Rückmeldungen, auch von Gästen und Szene-Besuchern, dass sie sich auch von diesen Personen angenommen und aufgehoben fühlen. Und dass sie auch ein bisschen zu mehr Sicherheit beitragen. Dass sie eben auch die Polizei rufen unter dem Motto, wenn andere weggucken, gucken sie hin und reagieren auch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sendung: rbb88,8, 23.09.2020, 18:40 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.
    Antwort auf [SB] vom 25.09.2020 um 16:54

    Nein, das stimmt so nicht. Auch in anderen Bezirken wie in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und besonders Neukölln kommt es leider immer wieder zu Übergriffen auf Homosexuelle, Lesben und Transgender. In Schöneberg befindet zwar der Regenbogenkiez und die Angriffe auf Schwule muß man häufig, aber nicht immer, auch in Verbindung mit der dortigen Stricher und Drogenszene sehen. So etwas ist auf gar keinen Fall gutzuheißen.

  2. 1.
    Antwort auf [Nico] vom 25.09.2020 um 14:48

    Google Maps ist kein Alleskönner. Wer sich nur darauf oder auch auf sein Navi verläßt, ist selber schuld.

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