ILLUSTRATION - Die Finger eines älteren Mannes gleiten am 22.11.2011 in Waltringhausen über die Zeilen eines Buches für Leseanfänger. (Quelle: dpa/Kai Remmers)
Video: Brandenburg aktuell | 08.09.2020 | Bild: dpa/Kai Remmers

Interview | Alphabetisierung - "Lesen und schreiben zu können, ist kein Selbstzweck"

Rund zwölf Prozent aller berufstätigen Erwachsenen haben massive Lese- und Schreibprobleme. Alleine im Landkreis Uckermark sind das 15.000 Menschen. Carsten Ablass vom Bildungszentrum in Prenzlau macht sich dafür stark, dass sich das ändert.

rbb|24: Herr Ablass, Sie organisieren im Grundbildungszentrum Uckermark Kurse, in denen Erwachsene Lesen und Schreiben lernen können. Wer kommt zu Ihnen?

Carsten Ablass: Zu uns kommen Menschen, die ein bisschen, aber nicht ausreichend gut lesen und schreiben können. Die Kreisvolkshochschule ist hier im Landkreis der einzige Anbieter von Alphabetisierungskursen. Sie sind kostenlos und offen für alle, die älter sind als 16. Junge Leute erreichen wir aber sehr schlecht.

Warum?

Wenn Leute direkt aus der Schule kommen, deren Erfahrungen dort nicht so toll bis traumatisch waren, wollen sie erstmal nicht wieder in eine Art Schule gehen. Wir machen die Erfahrung, dass sie eher im späteren Lebensalter zu uns kommen, ab Mitte, Ende 20. Das Durchschnittsalter liegt bei uns bei mehr als 40 Jahren. Aber wir haben auch Teilnehmer, die 60 und älter sind.

Wie komme ich denn durchs Leben, wenn ich nicht lesen oder schreiben kann?

Es ist eine Einschränkung in fast allen Lebensbereichen. Wer einen Artikel drei oder viermal lesen muss, um ihm annähernd zu verstehen, liest ihn am Ende gar nicht. In der Konsequenz gehen vorhandene Fähigkeiten im Laufe des Lebens relativ schnell zurück. Wenn ich es mal flapsig sage: Sie meiden Lesen und Schreiben wie der Teufel das Weihwasser, weil alles super anstrengend ist. Wie Sie trotzdem zurechtkommen? Unsere Erfahrung ist: Alle haben Helfer. Wenn in einer Ehe beispielsweise nur der Mann Lese- und Schreibprobleme hat, dann erledigt seine Frau alles, was damit zu tun hat. Muss diese Frau nun etwa ins Krankenhaus, dann läuft zu Hause die Post auf und die Familien merken, dass es so nicht weitergehen kann.

Wie viele Bewohner der Uckermark haben Lese- und Schreibprobleme?

Im bundesdeutschen Durchschnitt gehören mehr als zwölf Prozent der Erwachsenen im erwerbstätigen Alter zu Menschen mit geringer Literalität. Rechnet man das auf die Uckermark um, dann sind es hier schätzungsweise 10.000 Menschen. In einer Stadt mit 15.000 Einwohnern haben etwa 1.000 massive Lese- und Schreibprobleme. Erwachsene, die gar nicht lesen und schreiben können, gibt es in Deutschland übrigens nur sehr wenige, etwa 300.000. Aber es gibt mehrere Millionen, die eben nicht ausreichend gut lesen und schreiben können.

Schämen sich die Menschen dafür?

Auf jeden Fall. Mehr als 90 Prozent verstecken das, weil sie negative Reaktionen oder Unverständnis erfahren haben. Es wird als schwere Niederlage begriffen, dass sie das Lesen und Schreiben nicht gelernt haben. Deswegen sind die Mechanismen, das zu verstecken, oft unglaublich ausgefeilt. Von "Brille vergessen" bis hin zu verbundenen Armen bei Terminen, wo man ahnt, dass man vielleicht etwas schreiben oder lesen müsste. Man trifft Vorsorge, um nicht in die Bredouille zu geraten. Selbst Familienangehörige wissen es manchmal nicht. Das ist für die meisten sehr stressig. Die wenigsten können es offen zugeben.

Wie finden die Leute in Ihre Kurse?

Betroffene wissen oft gar nicht, dass es solche Alphabetisierungskurse gibt. Deswegen sind wir angewiesen auf Menschen, die den Anstoß geben und die Person zu uns an die Volkhochschule schicken. Das können Familienangehörige sein oder auch Arbeitsberater, Familienhelfer, Arbeitskolleginnen, Chefs.

Wie schnell lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Lesen und Schreiben?

Jeder, der zu uns in die Beratung kommt, verbessert sich. Wie schnell oder gut jemand lesen und schreiben lernt, lässt sich schwer verallgemeinern. Bei Menschen, die schonmal besser lesen und schreiben konnten, aber die Fähigkeiten über die Jahre verloren haben, reicht manchmal ein halbes Jahr Kursteilnahme. Aber in der Regel kommen die Teilnehmer mehrere Semester hintereinander.

Man braucht also Durchhaltevermögen.

Das stimmt. Aber schon kleine Fortschritte können das Leben erleichtern. Es geht nicht unbedingt darum, am Ende ein Buch zu lesen. Es hilft schon, beim Bäcker die Infotafeln zu verstehen oder einen Einkaufszettel schreiben zu können. Das geht oft recht schnell. Unsere Kurse haben fünf bis zehn Teilnehmer. In der Gruppe wird individuell gelernt, jeder nach seinem Tempo. Deswegen ist das auch für Menschen erfolgreich, die immer gescheitert sind in der Schule. Für viele ist es eine große Erleichterung zu sehen, dass sie vorankommen, ihnen das Lernen Spaß macht. Lesen und schreiben zu können, ist kein Selbstzweck. Die Menschen sollen damit ihren Alltag sinnvoll gestalten können. Das ist nur möglich, wenn man sich informieren kann – und dafür muss man lesen und schreiben können. Dann kommt man vielleicht nicht nur irgendwie durchs Leben, sondern auch erfüllter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Ula Brunner.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 08.09.2020, 19:30 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Deswegen sind die Bilder immer so groß in vielen Zeitungen.

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