Jasmin El-Mahny, evangelische Pfarrerin
Audio: rbbKultur | 26.09.2020 | Interview mit Jasmin El-Manhy | Bild: privat/Urban Ruths

Interview | Berliner Pfarrerin Jasmin El-Manhy - "Wir gehören zusammen"

Die Kirche kann Menschen verbinden - aber dafür müssen auch alle verstehen, was gesprochen wird, meint Jasmin El-Manhy. Die Pfarrerin mit deutsch-ägyptischen Wurzeln hat in ihrer Gemeinde in Prenzlauer Berg auch schon das Krippenspiel auf Arabisch lesen lassen.

rbb: Frau El-Manhy, Sie wünschen sich, dass sich die evangelische Kirche viel stärker interkulturell ausrichtet. Sie würden zum Beispiel gern englischsprachige Gottesdienste anbieten. Gibt es dafür überhaupt eine Zielgruppe?

Jasmin El-Manhy: Ich glaube schon, Stadtmitte ist ein Kirchenkreis mit einer hohen Fluktuation. Wir haben viele Touristen und Touristinnen hier. Viele junge Leute, die für eine Zeit nach Berlin kommen, um hier zu studieren oder auch hier zu arbeiten. Und das sind die Menschen, für die wir im Moment kein Angebot haben, einfach weil die Gottesdienste auf Deutsch stattfinden. Ich erlebe das beispielsweise bei Taufen. Ich frage immer nach, ob es in der Familie noch eine andere Sprache gibt. Und wenn dem so ist, lasse ich die Lesungen gerne mal zweisprachig machen.

Das ist etwas, was in den Gottesdiensten nicht vorkommt, aber zur Lebenswirklichkeit der Leute hier gehört: Mehrsprachigkeit oder eben auch dass Menschen gar kein Deutsch sprechen, sondern Englisch und überall in Berlin damit gut klarkommen. Aber in unserer Gemeinde nicht.

Vor einigen Jahren haben Sie mit Ihrer Gemeinde ein interkulturelles Weihnachtsprojekt umgesetzt und das Krippenspiel auf Arabisch aufgeführt. Erinnern Sie sich noch, wie Sie darauf gekommen sind? Und was genau haben Sie sich im Vorfeld davon versprochen?

Es ging dieses Wort "Willkommenskultur" um, also wie heißen wir Menschen in unserem Land willkommen, die geflüchtet sind? Und darüber habe ich nachgedacht, wie wir als Gemeinde dieses Willkommen aussprechen können. Zu Weihnachten erreichen wir einfach sehr, sehr viele Menschen, und deswegen dachte ich, wenn wir das Krippenspiel auch auf Arabisch lesen, dann heißen wir diese Menschen Heiligabend auch in unserer Gemeinde willkommen. Wir haben auch Plakate gemacht, auf denen dieser Gottesdienst auf Arabisch angekündigt wurde.

Das Thema dieses Gottesdienstes war "Fürchtet euch nicht". Das haben wir auch in Arabisch in die Kirche gehängt, auf großen Holztafeln an die Empore.

Ich glaube, dass die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen für manche eben auch beängstigend ist und dass eine Weihnachtsbotschaft, in diesen zwei Sprachen gesprochen, etwas Versöhnendes aufmacht. Weihnachten wird von Frieden gesprochen. Die Frage ist ja, wie begegnen wir uns? Verlieren wir die Angst voneinander oder wie kommen wir zusammen? Und was verbindet uns?

Das heißt, der arabische Text wurde beim Krippenspiel vorgelesen?

Ja, wir hatten einen jungen Mann, der aus Syrien geflüchtet war und Mitglied unserer Gemeinde ist. Und wir haben immer ein paar Sätze auf Deutsch, und dann hat er eben auf Arabisch gelesen und die Kinder haben gesungen und szenisch die Weihnachtsgeschichte dargestellt.

Wie waren die Reaktionen der Kinder und Eltern auf diese Idee?

Es wurde sehr positiv aufgenommen, vor allem von den Kindern und Jugendlichen. Die Sprache hat eigentlich alle sehr verzaubert, vielleicht weil sie fremd ist aber eben auch schön. Und weil man sie sonst einfach nur in anderen Zusammenhängen hört. Man hat sie eben in den Nachrichten gehört. Aber auch in den Ländern, aus denen die Menschen flüchten, wird diese Geschichte erzählt und Weihnachten gefeiert.

Und als das Krippenspiel zur Aufführung kam, an welche Momente erinnern Sie sich da? Das war ja auch ein ganz besonderes Weihnachten in Berlin, im Jahr 2016.

Ein paar Tage vor Heiligabend gab es den Anschlag auf dem Breitscheidplatz auf dem Weihnachtsmarkt. Das hat uns natürlich alle sehr erschreckt. Zu diesem Zeitpunkt hing in der Kirche schon das Schild "Fürchtet euch nicht" in arabischer Schrift. Wir haben uns gefragt, was macht das mit den Menschen, wenn sie in die Kirche kommen und an so einem prominenten Ort erstmal arabische Schrift sehen, die sie nicht verstehen? Und wie greifen wir das auf? Arabisch wird mit Islam assoziiert und es handelte sich um einen islamistischen Anschlag.

Irgendwie flogen die Gefühle durcheinander. Es waren eigentlich die Jugendlichen, die gesagt haben, wir machen das jetzt erst recht. Weil das vielleicht auch etwas ordnet und ganz klar ist, was unsere Botschaft ist "Fürchtet euch nicht". Dass wir uns keine Angst machen lassen und dass diese Angst der Begegnung oder der Versöhnung oder dem Frieden nicht im Wege stehen darf.

Welche Reaktionen gab es von den Zuschauern auf das Krippenspiel?

Ganz viel Tränen der Rührung. Das war wirklich emotional, weil das dieses Mitfühlen mit den Menschen, die am Breitscheidplatz waren, im Raum stand - und die Situation, in der sich das Land befindet. Es hat so viel aufgenommen, dass die Jugendlichen und die Kinder das so gespielt haben und uns dieses Anliegen so nahe gebracht haben: Wir gehören zusammen. Es gibt Dinge, die uns verbinden. Und diese beiden Sprachen zu hören, das war einfach ein sehr berührender Moment.

Inzwischen haben Sie noch ein weiteres fremdsprachiges Krippenspiel initiiert: Auf Aramäisch, der Sprache Jesu. Gibt es dieses Jahr wieder ein interkulturelles Krippenspiel?

Es gibt viele Ideen, aber durch die besonderen Bedingungen sind wir einfach erst mal auf der Suche, wo wir überhaupt, Gottesdienst feiern können. Zu uns kommen Heiligabend rund 7.000 Menschen, und im Moment passen in unsere größte Kirche etwa 200 Menschen. Das muss erst mal geklärt werden.

Warum ist es Ihnen so ein großes Anliegen, interkulturelle Arbeit in Ihrer Gemeinde
zu machen?

Ich wünsche mir wirklich sehr, dass die evangelische Kirche interkultureller wird. Es ist wichtig, dass wir uns miteinander verbinden und dass wir das, was uns am wichtigsten ist, miteinander teilen. Ich glaube, dass es eine wirkliche Begegnung und ein wirkliches Gespräch eröffnet, wenn wir die Dinge, die uns selbst am meisten berühren und beschäftigen, mit anderen teilen. Und zwar nicht mit denen, die genauso denken wie wir, sondern mit denen, die andere Erfahrungen gemacht haben und aus anderen Lebenszusammenhängen kommen. Das ist der einzige Weg, der zu einem Verständnis füreinander führt. Und wir sind die, die diese Kultur prägen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Jasmin El-Manhy führte Vera Kröning.Menzel, rbbKultur.

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung eines Hörfunk-Interviews, das Sie oben im Audio-Player nachhören können.

Sendung: rbbKultur, 26.09.2020, 19:04 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ja, vielen Dank. Es gibt kleine und große Wunder. Und die heutige Zeit scheint in all ihren Berechnungs-, Kalkulations- und Abwägungsstrategien eher blind, beide zu sehen.

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