Archivbild: Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (l-r), Gregor Seyffert, Künstlerischer Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin und Ralf Stabel, Geschäftsführender Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
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Kommentar - Scheeres muss Verantwortung für den Ballettschulskandal übernehmen

Die in den nun vorliegenden Abschlussberichten beschriebenen Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin sind schockierend. Doch dass die Schulverwaltung sie nicht verhindert hat, ist der eigentliche Skandal, kommentiert Tina Friedrich.

An der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik wurden Kinder im Grundschulalter über ihre körperlichen und seelischen Leistungsgrenzen hinausgetrieben. Die Abschlussberichte von Expertenkommission und Clearingstelle machen das erneut klar, auch in den Zwischenberichten wurde es bereits deutlich.

Warum die Kinder leiden mussten, offenbarte erst der Bericht der Wirtschaftsprüfer. Kinder im Grundschulalter – und das muss an dieser Stelle wirklich noch einmal gesagt werden – wurden gequält, damit der Schulleiter und ein paar Lehrer schöne Reisen machen konnten, und iPads und Smartphones bekamen. "Großzügiges" Ausgabeverhalten nennen die Wirtschaftsprüfer das.

Wünsche auf dem Rücken der Kinder erfüllt

Eine Großzügigkeit, für die die Kinder überlange Tage ebenso in Kauf nahmen wie Demütigungen und seelische Verletzungen, wenn sie den Anforderungen nicht gerecht wurden. "Es gibt eine Grenze zwischen Härte und Unmenschlichkeit", formulierte es zu Beginn der Affäre eine ehemalige Schülerin unter Tränen. Spätestens mit dem Aufführungsdruck durch das Landesjugendballett wurde diese Grenze überschritten.

Die Auftritte im In- und Ausland sollten den Kindern und Jugendlichen auf ihrem Karriereweg helfen. Doch kurzfristig halfen sie wohl vor allem dem ehemaligen Schulleiter, dem künstlerischen Leiter und dem einen oder anderen Dozenten. Sie haben sich ihre Wünsche buchstäblich auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen erfüllt, denn normalerweise wäre für all die schönen Sachen, die sie sich geleistet haben, nicht genug Geld dagewesen. Dafür wurden Kinder auch schon mal dazu gedrängt, auf notwendige medizinische Untersuchungen zu verzichten.

Kinder und Eltern mussten selbst sehen, wie sie klarkamen

Das alleine ist ein Skandal, der hätte verhindert werden können. Die Schule untersteht, wie alle anderen Schulen in Berlin auch, der Schulaufsicht. In diesem Fall sogar direkt der Senatsschulverwaltung. Immer wieder wendeten sich Eltern und einzelne Mitarbeiter an die zuständigen Beamten. Doch die kümmerten sich nicht weiter um die Vorwürfe, dass das Kindeswohl gefährdet sei, oder leiteten die Beschwerden zumindest nicht weiter. Denn es geschah: Nichts. Kinder und Eltern mussten selbst sehen, wie sie mit dem Druck und den daraus resultierenden Verletzungen und psychischen Problemen klarkamen. Verantwortlich fühlte sich offenbar niemand.

Ob es dadurch in den vergangenen Jahren zu offenen Rechtsbrüchen gekommen ist, das wird sich erst noch zeigen. Sicher ist jedoch, für all das, was jetzt auf den Tisch kommt, trägt Bildungssenatorin Scheeres die politische Verantwortung.

Bei der Kontrolle auf ganzer Linie versagt

Die Gründung des Landesjugendballetts war eines ihrer Lieblingsprojekte. "Ich bin sehr stolz darauf", ließ sie sich 2017 in einer Berliner Boulevardzeitung zitieren. Stolz darauf, dass anmutige Mädchen und Jungen weltweit als Kulturbotschafter für Berlin auftreten. Ein Prestigeprojekt, für das nicht wenige Schülerinnen und Schüler mit ihrem Wohlbefinden bezahlt haben. Die Anforderungen wurden härter, aber die Einnahmen stiegen.

Die Schulverwaltung, allen voran die Schulaufsicht, war offenbar vom glamourösen Bühnenleben so geblendet, dass sie beide Augen zudrückte. Sie hat in der Frage der Kontrolle der Ballettschule auf ganzer Linie versagt. Direktor Stabel, so hat es den Anschein, konnte dort nach Gutsherrenart tun und lassen, was er wollte. Selbst einfachste Kontrollmechanismen, beispielsweise bei der Dienstreiseabrechnung, griffen nicht. Und über Missstände wollte er schon gar nicht reden, auch wenn er inständig darum gebeten wurde.

Der eigentliche Skandal geht über die Schule hinaus

Hier hätte die Schulaufsicht eingreifen müssen. Doch deren Verantwortliche haben das System Stabel erst möglich gemacht.

Es braucht keine neuen Kontrollmechanismen oder Gesetze. Es braucht nicht einmal eine neue Struktur, in der die Schule eingebettet wird. Die Instrumente sind alle da. Sie müssen nur genutzt werden: Kontrolle der Schulleitung, echtes Beschwerdemanagement, Respekt vor der Fürsorgepflicht. Nichts davon ist im Fall der Ballettschule geschehen. Das ist der eigentliche Skandal. Dafür müssen nicht nur die Schulleitung, sondern auch die zuständigen Mitarbeiter der Schulverwaltung bis hin zur Senatorin zur Verantwortung gezogen werden.

Sendung: Abendschau, 07.09.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Tina Friedrich

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20 Kommentare

  1. 18.

    Die Clearingstelle ist mit erfahrenen Vertretern einer Kinderschutzorganisation bestückt. Die Vorschläge zur Verbesserung und zur Kontrolle liegen vor und sind teilweise bereits veröffentlicht. Bitte nachlesen!

  2. 17.

    Wir wissen es, denn wir sind in der Schule und sehen die Veränderungen jeden Tag. Wir wussten ja gar nicht mehr, wie Normalität geht.

  3. 16.

    Der Skandal ist älter als Frau Scheeres Dienstzeit. Die mafiösen Strukturen wurden bereits Mitte der 2000er Jahre aufgebaut, unter Pieper ausgebaut und vor inneren Kritikern abgeschirmt. Seitdem der Skandal vom Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses entdeckt wurde, ist dessen Verfolgung und Aufarbeitung in Arbeit. Wer also heute jemanden ganz alleine die Schuld von früher in die Schuhe schieben will, der macht es sich entweder zu einfach oder hat selbst Dreck am Stecken. Oder beides!

  4. 15.

    Die Vertuschung läuft weiter. Im Bericht der von Scheeres eingesetzten Kommission werden keinen personellen Konsequenzen für die Schulaufsicht benannt, geschweige denn das Totalversagen oder die gütliche Mithilfe der Beamten erwähnt. Es wurde schon genug Staub für die Verwaltung aufgewirbelt: verbotene Kinderarbeit, damit sich einige wenige die Taschen füllen konnten, manipulierte Zeugnisse und ein intransparenter Studiengang. All das hat der Kommissionsbericht schön ausgeklammert. Man will ja schließlich nicht gegen die eigene Dienstherrin vorgehen. Das Ausklammern des Landesjugendballetts konnte Scheeres nicht verhindern, das hätte das Faß auf der politischen Ebene sonst zum Überlaufen gebracht. Die Senatorin und die Beamten der Schulaufsicht sollten zurücktreten, aber da sie ja in einem Jahr sowieso weg ist, wird in dieser Richtung nichts mehr passieren. Ob sich an der SBB grundlegende Dinge ändern werden, wer weiß das schon???

  5. 14.

    Frau Scheeres ist vollkommen fehl am Platz.
    Da ist sie auch nicht die Einzige in diesem Senat

  6. 13.

    Wenn man sich im Kindesalter - ich war 9 bzw. 10 jährig - zusammen mit den Eltern für diese Spezialschule entschieden und den langen Weg der drei Eignungsprüfungen zusammen mit 9 anderen Jungen überstanden hat, wenn man im Internat untergebracht war und intensiv an sich gearbeitet hat, um das einst gesteckte Ziel zu erreichen und parallel zu hoffen, dass Körper, Geist und Seele mitspielen und man gut durch die Pubertät kommt, wenn man beachtet hat, was einem schon bei den Eignungsprüfungen eindringlich gesagt wurde, bspw. dass die Schulnote neben dem Sport keine drei sein darf, und all dieser Wille und die erforderliche frühe Selbstdisziplin dazu führen, das man sein Abschluss erfolgreich meistert, dann benötigt man nicht diese unsäglichen Berichte der Medien, insbesondere des rbb 24, und kann auch gut auf die vielen Kommentare Unbeteiligter verzichten. Meinen damaligen Entschluss werde ich nie bereuen und das Selbsterlebte kann man mir nicht nehmen ...

  7. 12.

    Ja, durch die profitorientierte Ausbeutung bekommt der Skandal eine zusätzliche Dimension. Denn Kinderarbeit ist verboten. @rbb Was sagen Experten des Deutschen Kinderschutzbundes, des Kinderhilfswerkes oder des Instituts für Menschenrechte dazu? Die Bildungsverwaltung?
    "Die UN-Kinderrechtskonvention zählt zu den am meisten unterzeichneten Menschenrechtsverträgen. Im Zentrum der Konvention steht die Anerkennung von Kindern als Trägern von Menschenrechten. Der Staat hat in all seinem Handeln das beste Interesse von Kindern beziehungsweise des individuell betroffenen Kindes zu berücksichtigen.
    Die Umsetzung der Kinderrechtskonvention ist Aufgabe der Vertragsstaaten in ihren jeweiligen Staatsgebieten. Sie sind zur Achtung (respect), zum Schutz (protect) und zur Gewährleistung (fulfill) der in der Konvention festgehaltenen Rechte verpflichtet."
    www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/vereinte-nationen/menschenrechtsabkommen/kinderrechtskonvention-crc/

  8. 11.

    Ich schließe mich da komplett an...
    Seit Jahren habe ich mich über Berlins Bildungssenat und Frau Scheeres im Bespnderen aufgeregt. Habe versucht als Elternsprecher Einfluss zu nehmen... Hat denn Frau Scheeres denn wenigstens daraus etwas zu befürchten? Ich glaube nicht... Auch hier wird die Sache auf Kosten, nicht nur der Ballettschüler, ausgetragen. Tausende Kinder, und teilweise jetzt schon Erwachsene müssen in ihrem weiteren Leben die Unfähigkeit der Senatsbildungsverwaltung ausbaden. Danke für nichts, Frau Scheeres. Hoffentlich wird es ab kommenden Jahres besser, wenn Frau S. endlich ihren Hut nimmt...

  9. 10.

    Es ist immer wieder erschütternd solche Berichte lesen zu müssen. Die zuständigen Ämter und Behörden versagen in ganzer Breite. Geltungsbedürftige Mitarbeiter der Schule füllen sich ohne Gewissensbisse die eigenen Taschen. Das kuriose an der Angelegenheit ist, keiner will etwas bemerkt haben. Skrupellosigkeit und Raffgier nehmen in unserem Land immer mehr zu und kaum jemand tut etwas dagegen, aber alle sind danach tief erschüttert. Aber wir regen uns über Korruption in anderen Ländern auf.

  10. 9.

    Ich danke Ihnen sehr für Ihren Beitrag. Vor ca. 15 Jahren musste ich selbst sehen, wie dieses Missbrauchssystem an unserer Schule installiert wurde. Als wir 2007 das erste Mal zusammen und schriftlich auf diese Missstände aufmerksam machten, hatten wir noch keine Ahnung von den Ausmaßen von Beteiligung und Vertuschung. Unsere damaliger Schulrat war mit von der Partie, auf den Schulamtsleiter selbst bin ich gar nicht gekommen. Ich bin dem aktuellen Senat und besonders den ihn tragenden Berliner Regierungsparteien dankbar, dass sie dem endlich ein Ende bereiten und nun auch in den eigenen Reihen ermitteln.

  11. 8.

    RRG kann es einfach nicht. Das durchzieht alle Bereiche und der Leidtragende ist immer der Bürger. In diesem Falles sogar unsere Kinder.
    Hoffentlich tritt die Dame nun endlich zurück.

  12. 7.

    Kinderarbeit, Ausbeutung von Schutzbefohlenen - nicht nur die beiden Leiter haben an Bildungs- und sozialen Einrichtungen nix zu suchen. Frau Scheeres sollte soviel Rückgrat haben und die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens (Wegsehen und Dulden) zu ziehen. Ein Vorbild in Sachen politischen Verantwortungsbewusstseins hat ja unlängst Katrin Lompscher gelebt. Würde Sandra Scheeres dem folgen, wäre das tiefe Aufatmen durch die Erzieherinnen und Erzieher, Eltern, Lehererinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler in ganz Berlin laut zu hören.

  13. 6.

    Der Beitrag von Frau Friedrich ist ein Kommentar und als solcher gekennzeichnet. Die darauf basierende Fakten sind hier dargestellt:
    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2020/09/berlin-ballettschule-bericht-kommission-clearingstelle.html

  14. 5.

    Frau Scheeres ist auch unfähig die Relation zwischen sportlichen/tänzerischen Spitzenleistungen und bürokratischen Randbedingungen zu erkennen. Topleistungen werden nicht mit "hast du fein gemacht" sondern mit knallharten Anforderungen realisiert. Das wissen alle Beteiligten (Eltern/Kind) und diese sind dann auch sehr stolz, wenn die Erfolge eintreffen. Eine Teilnahme, z.B. bei Olympia bzw. ein Engagement am Bolschoi-Theater könnten das Ziel eines jungen, talentierten Kindes sein.

  15. 4.

    Der Bericht ist unter berlin.de vollständig zu lesen. Ganz interessant wird es unter Punkt 11. 'Aufnahme der Schülerinnen und Schüler.' Die Schule nimmt Kinder auf, die nicht geeignet sind und profitiert davon finanziell je besetzten Schulplatz. Wenn diese Kinder gehen (müssen), kommt vortrainierter Nachschub aus dem Ausland und dafür ist das Geld da. Selbst die ungeeigneten Kinder mit Bühnenausstrahlung werden erst skrupellos für die Auftritte ausgenutzt, bis sie dann gehen müssen. Für die Auftritte sind sie gut genug, für die Ausbildung nicht geeignet.

  16. 3.

    Hier wollen Eliten ausgebildet werden? In einer Leistungsgesellschaft werden Leistungen verlangt. Die Reporter sollten mal eine Revue oder einen Zirkus begleiten - oder mal nachdenken mit welchen Aufwand man den Pulitzerpreis erwarten kann. Allen Beteiligten war dies bereits bei der Bewerbung klar.
    In anderen Eliteschulen der Stadt, wie Bach oder Händel ist es seit 30 Jahren genau Gleich - nur so funktionieren Spezialschulen. Von Sportschulen brauchen wir erst garnicht anfangen.

  17. 2.

    Frau Tina Friedrich,
    leider geht aus Ihrem Artikel nicht hervor, wie sich die Dozenten die Wirtschaftlichen Vorteile durch quälen der Kinder ergeben haben sollen.
    Einen Zusammenhang, den Sie zwar herstellen, aber nicht belegen scheint es zwischen quälen und persönlicher Bereicherung daher eher nicht zu geben.
    Wo kam das Geld her um sich all die schönen Sachen zu leisten?
    Und was waren das genau für schöne Sachen?
    Um wie viel Geld handelt es sich genau?
    Was war der Anteil der Schüler in der Beschaffung der schönen Sachen?
    Ihr Artikel wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.
    Sehr schade...

  18. 1.

    Leider existiert hier auf keiner Ebene ein Verantwortungsgefühl . Schulen und Kitas in Berlin werden mit pauschalen Floskeln und laienhaften Plänen abgewimmelt. Wie es den Kindern in dieser Situation geht, ist für viele nicht relevant. Hauptsache man kann werbewirksamen im Rampenlicht stehen. Das ist untragbar.

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