"Achtung. Lebensgefahr! Brückenabbruch" steht auf einem Schild an einem Bauzaun auf der Elsenbrücke. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Audio: Inforadio | 17.09.2020 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Annette Riedl

Abriss der Berliner Elsenbrücke - Einfach wegknacken geht nicht

Wenn Brücken marode sind, wird es häufig eng. Eine dieser Problembrücken ist die Berliner Elsenbrücke. Derzeit wird mit viel Aufwand der Abriss des einen Brückenteils vorbereitet. Denn so einfach lässt sich die Spreeüberquerung nicht entfernen. Von Thomas Rautenberg

Es ist laut auf der Elsenbrücke zwischen den Berliner Ortsteilen Alt-Treptow und Friedrichshain. Und das liegt nicht nur an den Autos, die sich hinter der provisorischen Leitplanke über den verbliebenen Teil der Spreequerung stauen. Vor allem machen die schweren Baumaschinen Krach, mit denen der südöstliche Teil der Brücke in Richtung Friedrichshain zum Abriss vorbereitet wird. Eine Asphaltfräse hat gerade die alte Fahrbahndecke herunter gekratzt. Es staubt, riecht nach Feuer und heißem Teer. Aus den Brückenrändern werden große Betonstücke herausgesägt. Wo früher Radler langgefahren sind, klaffen jetzt Löcher. Es geht 10 bis 15 Meter in die Tiefe. Hier sollen Pfeiler in die Spree rein, die dann die Brücke halten, erklärt Arne Huhn, Brückenbau-Chef bei der Berliner Senatsverkehrsverwaltung.

Arne Huhn, Brückenbau-Chef in der Senatsverwaltung (Bild: Thomas Rautenberg/ rbb)
Arne Huhn, Brückenbau-Chef der Senatsverkehrsverwaltung | Bild: Thomas Rautenberg/ rbb

Verformungen sind zulässig

Einfach wegknacken, wie bei anderen maroden Überfahrten, geht bei der Elsenbrücke nicht. Zuerst muss eine Art Stützkorsett gebaut werden, dass die Tausenden Tonnen Beton der defekten Elsenbrücke beim Abriss auffangen kann. "Spannbetonbrücken an sich sind schon komplizierte Bauwerke. Doch bei der Elsenbrücke gibt es einen i-Punkt obendrauf: Wenn ich an einer Stelle schneide, fällt die Brücke auf der kompletten Länge ein, weil die Spannglieder komplett einmal durchgehen", erklärt Huhn die Bauweise der Elsenbrücke. Deshalb müsse man dafür sorgen, wenn an einer Stelle geschnitten wird, dass die Brücke an den anderen Stellen gehalten wird.

Besonders schwierig ist das oberhalb der Spree. Zwei Brücken-Teilstücke von je 65 Metern Länge und einem Gewicht von mehr als 800 Tonnen müssen während des Abbruchs stabilisiert werden. Massive Stahlrohre, die von oben durch die alte Fahrbahn in den Spreeboden gebohrt wurden, spielen dabei die entscheidende Rolle, wie Arne Huhn weiter erklärt. "Die haben eine tragende Aufgabe", sagt er. Des Weiteren sorgten Hydraulikpressen dafür, dass die Tragekonstruktion stabil bleibe, um Verformungen und Verschiebungen auszusteuern. "Im Rückbau geht es letztendlich zwar auch um Sicherheit, aber nicht im Millimeter-Bereich, sondern wir wollen, dass das Bauwerk nicht einstürzt. Deshalb sind ein paar Verformungen zulässig."

Teile der Elsenbrücke in Berlin sind schon rausgesägt (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Teile der Elsenbrücke sind bereits rausgesägt | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Zeit im Nacken

Rückblick August 2018: Bei Routinekontrollen entdecken Ingenieure einen etwa 25 Meter langen und knapp zwei Millimeter dicken Riss in der Brückenkonstruktion. Offenbar sind Spannglieder, also dicke Stahlseile, die die Konstruktion auf Spannung halten, im Inneren der Brücke gerissen. Die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet, die östliche Hälfte der Elsenbrücke wird sofort gesperrt. Da eine Sanierung unmöglich ist, muss die Spreequerung, über die täglich bis zu 60.000 Autos fahren, abgerissen und neu gebaut werden. Kostenpunkt: knapp 70 Millionen Euro. Die Zeit saß und sitzt nach wie vor allen im Nacken, sagt Projektleiter Huhn, "weil eine große Gefahr für die Wasserstraße und alle angrenzenden Bereichen da ist." Von daher könne man nicht warten, sondern muss schnellstmöglich reagieren. "Wir haben schon sehr viel auf Grund der Dringlichkeit und der besonderen Randbedingungen beschleunigt", so Huhn.

In die Elsenbrücke wurden bereits Löcher für die Stützen gesägt (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Platz für die Stützpfeiler | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Spree ab Montag für Schiffsverkehr gesperrt

Am kommenden Montag soll es soweit sein: Der alte Brückenteil stadteinwärts wird zersägt und die tonnenschweren Teile Zentimeter für Zentimeter auf fünf große Schwimmpontons heruntergelassen. Auf der Spree geht bis zum 14. Oktober nichts mehr. Die Durchfahrt wird für die Schifffahrt komplett gesperrt. Der Autoverkehr läuft weiterhin über den verbliebenen Teil Richtung Treptow.

Ist der Abriss erledigt, wird sofort der geplante Bau einer Behelfsbrücke beginnen. Ende des kommenden Jahres soll die fertig sein und den Fahrzeugverkehr aufnehmen. Und zwar solange, bis der derzeit noch intakte Brückenteil abgerissen und neu gebaut wird. Eile sei und bleibe geboten, sagt Arne Huhn von der Senatsverkehrsverwaltung. "Auch der andere Überbau, der im Moment im Verkehr ist, ist in keinem guten Zustand mehr. Er ist so, dass wir ihn noch in Betrieb lassen."

Ansicht der Elsenbrücke in Berlin von unten (Quelle: rbb/Thomas Rautenberg)
Ansicht der Elsenbrücke von unten | Bild: rbb/Thomas Rautenberg

Bis 2028 soll ales fertig sein

Man habe aber ein umfangreiches Monitoring aufgebaut, "das sowohl Länge- und Höhenverschiebung, sowie die Verkippung und Verdrehung der Brücke misst", so Huhn. Zusätzlich höre ein spezielles Ultraschall- und akustisches Verfahren in die Spannglieder rein und teile über optische Signale mit, falls ein Spannglied reißen sollte. Das wäre ein Worst-Case-Szenario. Denn wenn ganz viele Spannglieder reißen würde, ginge die Tragfähigkeit verloren und die Brücke würde einstürzen, "was wir alle natürlich nicht wollen", erklärt der Brückenbau-Chef weiter.

Auch beim Ersatz-Neubau der Allendebrücke in Köpenick hatte man gehofft, dass die noch funktionsfähige Überfahrt solange durchhalten würde, bis der erste neue Brückenteil freigegeben werden kann. Doch auch der machte schlapp. Das hieß Vollsperrung mit Endlosstaus in alle Richtungen. Mittlerweile ist der westliche Brückenteil fertig. In diesem Jahr noch soll der Abriss der östlichen Überfahrt folgen.

Dass es bei der Elsenbrücke besser laufen wird, kann der Berliner Brückenbauchef Arne Huhn nur hoffen. "Wenn ich alles vorher wissen würde, könnte ich auch Lotto spielen", sagt er.

Ende kommenden Jahres soll die Allendebrücke in Köpenick fertig sein. An der Elsenbrücke wird dann noch gebaut: Abriss, Behelfsbrücke, der Neubau beider Überfahrten unter vollem Verkehr wird. Bis 2028 soll dann alles fertig sein.

Sendung: Inforadio, 17.09.2020, 09:25 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

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6 Kommentare

  1. 6.

    Die Stadt ist seit über 50 Jahren Geisel des motorisierten Individualverkehrs. Dank an Frau Günther und iht Team, dsss sie sich so engagiert für eine wieder lebenswerte, menschengerechte Stadt einsetzen. Sie haben all unsere Unterstützung verdient.

  2. 5.

    Wow, 2028, da gibt es ja schon autonomen Straßenverkehr, da brauchen wir die gar nicht mehr.
    Grüße an Thomas

  3. 4.

    Die Menschen dieser Stadt und ihre Gesundheit sind schon seit vielen Jahrzehnten eine Geisel des MIV. Es wäre jetzt ein wenig viel des Lobes, den Verantwortlichen im Senat für ihr mutiges Eintreten für eine Veränderung zum Besseren hin zu danken - dafür ist doch zu viel Verzagtheit und Zurückzucken zu beobachten. wenn das Mimimi der kleinen aber lauten Gruppe von Ewiggestrigen einsetzt. Aber immerhin traut sich jemand mal an die ersten Schritte...

  4. 3.

    "Bis 2028 soll dann alles fertig sein".
    Na hoffentlich zeitgleich mit der Verlängerung der Stadtautobahn bis zur Frankfurter Allee. Wie gut, dass ab nächstem Jahr die Autobahngesellschaft des Bundes für Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen zuständig sein wird. Dann kann Frau Günther mit ihrem wie auch immer gearteten Neubau der Elsenbrücke wenigstens nicht den Weiterbau der A 100 blockieren.

  5. 2.

    Und in weiser Voraussicht zur maximalen Schikane hat die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr die Oberbaumbrücke auf jeweils 1 Spur reduziert. Die Stadt wird zur Geisel von Frau Günther.

  6. 1.

    Na dann, viel Glück den Brückenbauern. Und uns Berlinern viel Geduld für das nächste Jahrzehnt.
    Ich bin mal gespannt, ob es eine Information über das tatsächliche Schadensbild der Brücke geben wird. Dem Beitrag zufolge ist es bisher eine Vermutung das die Verspannung schlappmacht.

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