Vorgarten in einem Neubaugebiet bei Ludwigsfelde mit weißen Kieselsteinen (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Audio: Antenne Brandenburg | 16.09.2020 | Susanne Hakenjos | Bild: rbb/Susanne Hakenjos

Trend zu Schottergärten in Brandenburg - Warum versteinerte Vorgärten zunehmend zum Problem werden

Pflegeleicht und modern oder Gärten des Grauens? Die Gestaltung von Vorgärten mit Split oder Kies anstelle von Grünpflanzen beschäftigt in Brandenburg jetzt auch die Politik. Die Stadt Ludwigsfelde prüft eine Gestaltungs-Satzung für striktere Vorgaben. Von Susanne Hakenjos

Weiß glänzen Kieselsteine in der Sonne: Der große Vorgarten im Ludwigsfelder Neubau-Gebiet Rousseaupark ist eine nahezu reine Steinfläche. Lediglich einige winzige immergrüne Gehölze, dazu einsame Blümchen ragen aus dem Kies. Die Bewohnerin findets praktisch und den Kontrast schick: "Weißer Kies, weil das zu unserem weiß-grauen Haus passt", erklärt die junge Eigenheimbesitzerin: "Da haben wir ein Vlies drunter gelegt, damit das Unkraut nicht durchkommt. Und so hoffen wir, dass es lange schön und gut aussieht – und es ist pflegeleicht." Außerdem ist der Schottergarten auch noch kostengünstiger als das Verlegen von Rollrasen, begründet sie die Entscheidung. Weitere Gärten voll mit Split, dunklem Schiefer, grauen oder melierten Kieselsteinen finden sich auch um die Ecke und vor allem dort, wo in den vergangen Jahren viele neue Einfamilienhäuser gebaut worden sind.

Trend zur Versteinerung der Vorgärten nimmt zu

Der Trend zur Versteinerung der Vorgärten fällt auf und verbreitet sich offensichtlich gerade unter frisch gebackenen Eigenheimbesitzern. Die Bewohner sind berufstätig, sehen keine Zeit für Gartenarbeit, Steine gelten als modern und pflegeleicht. "Das wird immer mehr", berichten Ludwigsfelder aus anderen Ortsteilen: "Unsere Nachbarn haben sowas" und "Das sieht gut aus", bekommt man zu hören.

Eine Einschätzung, die aber auch auf Widerspruch stößt: Als gewöhnungsbedürftig, langweilig, kalt, sogar "tot" werden die geschotterten Vorgärten von anderen Ludwigsfeldern wahrgenommen, mancher hat "gar kein Verständnis dafür." Im Rathaus der 27.000 Einwohner-Stadt im Kreis Teltow-Fläming hat Bürgermeister Andreas Igel (SPD) Handlungsbedarf erkannt: Tonnen von Split und Kies im Vorgarten seien nicht einfach nur "Geschmack-Sache": "Wir sehen ja, dass es zunimmt - und wenn die Grünreduzierung in einem solchen Ausmaß passiert, dann ist es objektiv keine Geschmacks-Frage. Dann ist es eine Frage von Lebenskultur und von Stadtklima und da muss man dann auch eingreifen."

Viele Steine – wenig Leben

Die Frage ist - wie: Konkret verboten ist ein Schotter-Vorgarten nach der Brandenburger Bauordnung bislang nicht. Eine Feststellung könne nur im Einzelfall getroffen werden - insbesondere auf Begrünung, Bepflanzung und Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens, heißt es vom Infrastrukturministerium. Nicht zulässig ist in jedem Fall eine wasserundurchlässige Folie unter den Steinen, etwa Teichfolie, stellt Simone Engler, stellvertretene Pressesprecherin des Infrastrukturministeriums, klar. In der Regel wird allerdings ein wasserdurchlässiges Vlies aus Kunststofffasern genutzt.

Doch auf die Steine knallt die Sonne, heizt sie auf. Die spärlichen Pflänzchen werden gegrillt, vertrocknen schnell, selbst wenn das Vlies unterm Stein Wasser durchlässt. Lebensraum für Pflanzen und Tiere sind solche Flächen nicht, sagt Christiane Schröder, Geschäftsführerin des NABU-Landesverbands Brandenburg: "Es ist ein totes Gelände, wo Tiere keine Zuflucht finden, man zerstört damit auch die Bodenfauna, die Regenwürmer und Kleinstorganismen, die man im Boden hat, all die werden dadurch beeinträchtigt. Durch den Schotter heizen sich die Flächen auf und man hat dadurch auch keine so gute Grundwasserbildung, insofern ist das ungünstig."

Entwicklung stoppen: Einfluss über Gestaltungssatzungen

Von einem "Schottergarten-Verbot" auf Privatgrundstücken wie vom Land Baden-Württemberg im Juli durch Änderung des Landesnaturschutzgesetzes eingeführt, oder von den bayrischen Kommunen Erlangen oder Würzburg und Kommunen in Nordrhein-Westfalen über ihre Bebauungspläne beschlossen, ist Brandenburg weit entfernt. Heiner Kemp, kommunalpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag dringt daher darauf, dass Städte und Gemeinden aktiver werden.

Die Kommunen können konkrete Vorgaben zur Grundstücksgestaltung über ihre Bebauungspläne machen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit einer städtischen Gestaltungssatzung. Rückwirkend die Bebauungspläne zu ändern, hält Bürgermeister Igel aus Ludwigsfelde aber für keine Option. Dafür prüft seine Verwaltung aktuell die Möglichkeit einer künftig dann für die ganze Stadt geltende Gestaltungssatzung: "Und natürlich würde eine solche Satzung dann striktere und klare Vorgaben zu einer tatsächlichen Bepflanzung machen: Damit würden auch Standards definiert, wie man gestalten muss! Und da reden wir bei Grünanteil auch von einem bepflanzten Grünanteil und nicht von einer Solitärpflanze und ansonsten faktisch ökologisch versiegeltem Raum."

Ein mit Steinen gestalteter Vorgarten in einem Neubaugebiet bei Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)Der Trend zur Steinwüste im Vorgarten ist "keine reine Geschmacks-Frage", sagt Bürgermeister Andreas Igel

Vor allem aber auch mehr Aufklärung über Alternativen, etwa durch Bürgerforen, kündigt der Bürgermeister an. Ebenso aber auch mehr Kontrolle vor Ort: In den Neubaugebieten soll jetzt insgesamt genauer hingeschaut werden, was den Anteil der bebauten und unbebauten Flächen auf den Grundstücken angeht. Damit soll der dort bereits durch die Bebauungspläne festgelegte Grün-Anteil der Grundstücke nachkontrolliert werden. Auch die Baudezernentin des Kreises Teltow-Fläming, Dietlind Biesterfeld, begrüßt verstärkte Aufklärung. Es liege auch in der Hand der Städte und Gemeinden im Rahmen ihrer Bauplanungshoheit Regelungen zu treffen.

Schottergärten machen keine Arbeit? Jedenfalls nicht gleich

Mehr Einfluss über kommunale Gestaltungssatzungen und mehr Aufklärung findet auch der NABU gut: Auch darüber, dass die Annahme, die Steinlandschaften seien weniger arbeitsintensiv als etwa Staudengärten, letztlich eine Illusion sei: Auch auf Schotterflächen trage der Wind Pflanzen-Samen, Staub und Blätter ein, und "damit es sauber und ordentlich aussieht, geht man dann mit Gift ran, was ja gänzlich schädlich ist", erläutert Christiane Schröder. Unkrautvernichter sind zudem illegal. Oder schwere Technik wie Laubbläser, Hochdruckreiniger oder Abflammgeräte kommen zum Einsatz: "Man geht dann mit schwerer Technik ran, um das raus zu pusten oder zu saugen, also der Pflegeleichtaspekt stimmt aus unserer Sicht wirklich nicht."

Bestätigt wird das von Ludwigsfelder Hausbesitzern. "Am Anfang sieht es schön aus, wenn es alles noch so weiß ist, aber wenn es nachher grün wird durch Algen- und Moosbewuchs, dann ist es nicht mehr so schön", berichtet ein älterer Ludwigsfelder. Ein anderer bestätigt: "Und pflegeleichter ist es eigentlich auch nicht." Ein mit Stauden bepflanzter Vorgarten sei dagegen ökologisch wertvoll und wirklich pflegeleicht, erklärt NABU-Landesgeschäftsführerin Schröder: "Einfach mal Thymian, Fetthenne und Mauerpfeffer und pflegleichte Stauden einpflanzen" - und schon könnte es sein, dass die (Stein-)Wüste nächstes Jahr wieder blüht.

Sendung: Antenne Brandenburg, 16.09.2020, 11:10 Uhr

Beitrag von Susanne Hakenjos

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

46 Kommentare

  1. 46.

    An dem Beispiel Schottergärten kann jeder sehen wie die Grünen sind. Anstatt zu handeln wird der Auftrag an anderer weitergegeben. Welche folgen die Grüne Untätigkeit hat kann jeder auch am Seddiner See dem brandenburgischen Aralsee feststellen. Der See und die ganze Umland vertrocknet weil ein paar Reiche meist aus Berlin Golf (Golf- und Country Club Seddiner See) spielen wollen in der Brandenburger Wüste.

  2. 45.

    Hmm, gestern war ich in einem Dorf in der Prignitz. Und da war das ganze Grauen auch schon auf dem Vormarsch, in den Vorgärten der kleinen alten Katen, die eigentlich Reihenhäuser sind. Einer fängt an, die anderen finden es schick und ziehen nach.

  3. 44.

    Nur mal so eine Frage an die Politik und NABU und blablabla........wieviel Fläche wird eigentlich bei Tesla versiegelt?

  4. 43.

    Es betrifft ja nicht nur Schottergärten. Auch andere versiegelte Flächen mit Gehwegplatten, Gebäuden und anderem, die eine flächendeckende und homogene Versickerungsmöglichkeit behindern, sind nach bestehender Bauordnung nur in Grenzen möglich. Allein die Kontrolle der Komunen und anderer Behörden könnte schon einiges wieder für die Verbesserung der Bodenflora ergeben. Da sind von vielen Mitbürgern in der Vergangenheit die gesetzlichen Vorgaben deutlich überschritten worden. Solange die Politik keine klare Kante zeigt und auch offensichtliche Verstöße in der Vergangenheit aufzeigt und ahndet, wird sich nicht viel ändern.
    Aber dazu muß man natürlich, wie der Volksmund so schön sagt, den Arsch auch in der Hose haben.

  5. 42.
    Antwort auf [Alexandra Strittmatter] vom 20.09.2020 um 22:04

    „ Darum nahmen wir schwarzen Marmorkies, der reflektiert nicht die Sonnenstrahlen und nimmt auch weniger Wärme auf.“
    Das ist falsch! Ja, schwarzer Marmorkies reflektiert kaum Sonnenstrahlen, aber genau deswegen speichert er ja deren Energie und wandelt diese in Wärme um. Schwarzer Kies wird daher heißer als weißer Kies.

  6. 41.

    Ab und an einer dieser Steingärten wäre ja kein Problem. Aber die Masse macht es. Hier im Speckgürtel werden riesige Neubaugebiete aus dem Boden gestampft, die zum Großteil von Großstädtern bezogen werden. Da gibt es häufig kein Interesse an Pflanzen. Auch an allem anderen nicht, was das Zusammenleben hier mal ausgemacht hat. Aber besonders eben nicht an der Natur. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Und bei der Bebauung alter Wochenendgrundstücke oder dem Erwerb von Bestandsimmobilien in der gewachsenen Siedlung wird erstmal alles Grün entfernt. Man zieht nach Brandenburg, möchte aber eigentlich nicht in Brandenburg leben, sondern nur Berlin erweitern.

  7. 40.

    Den verlogenen Hauptmann von Köpenick kennen wir hier auch. Aber uns hier den Wald vernichten um dort solch seltsame Amiautos produzieren zu können wird Folgen haben. Nicht nur ökologisch vor Ort sondern auch politisch. Was kostete der BER und wozu ist der nun gut ? Als Teslabaustelle !

  8. 39.

    Ab und an einer dieser Steingärten wäre ja kein Problem. Aber die Masse macht es. Hier im Speckgürtel werden riesige Neubaugebiete aus dem Boden gestampft, die zum Großteil von Großstädtern bezogen werden. Da gibt es häufig kein Interesse an Pflanzen. Auch an allem anderen nicht, was das Zusammenleben hier mal ausgemacht hat. Aber besonders eben nicht an der Natur. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Und bei der Bebauung alter Wochenendgrundstücke oder dem Erwerb von Bestandsimmobilien in der gewachsenen Siedlung wird erstmal alles Grün entfernt. Man zieht nach Brandenburg, möchte aber eigentlich nicht in Brandenburg leben, sondern nur Berlin erweitern.

  9. 38.

    Der Garten ist der Spiegel der Seele seines Besitzers.

  10. 37.

    Toll für Sie, dass Sie 2 Brunnen haben und das Wasser aus der Tiefe pumpen, wahrscheinlich auch gleich das Grundwasser ihrer Nachbarn mitverbrauchen. Was ist das für eine Milchmädchenrechnung?
    Wo ist der ökologische Nutzen?

  11. 36.

    Solche Todwüsten gehören verboten,wer schon meint mit seinem Eigenheim Fläche zu versiegeln muss per Satzung verpflichtet sein den Rest zu begrünen ,am besten mit einheimischen,trockenresistenten Pflanzungen,die dann fast gar keine Arbeit machen,wenn sie erstmal zusammengewchsen sind und eine natürliche Schattegare erzeugen. Wenn Leute da keine Ahnung haben....sonst kann ja auch alles gegoogelt werden...man kann sich da schlau machen

  12. 35.

    Tonnen hab ich, aber das beste ist, ich habe 2 sehr tiefe Brunnenbohrungen und da kann ich bewässern wie ich will, nach Herzenslust.

  13. 32.

    Das war kein Wald, das waren Nutzhölzer. Da ist das, was jetzt darauf entsteht, tausend Mal umweltfreundlicher.

  14. 31.

    Der graue Schottergarten liegt doch wohl hinter dem Haus. Immerhin sind die Trittscheiben echt BIO. (Holzscheiben ). Aber einen Gartenschlauch hat der auch. - Zum Schotter nässen ? Schlimm so etwas.

  15. 30.

    Habe gestern unsere Cotoneasterfläche gestutzt. Die ist nie künstlich bewässert worden und sieht aber gesund aus.

  16. 29.

    Schon sind wir in der Stadt oder auf Autobahnen. Da versiegelt man mehr. Andere Länder haben viel mehr Eigenheimbesitzer als wir hier in Deutschland. Hier ist aber das Problem: Viel Leerstand auf dem Land und da muss was getan werden. Ist es vorstellbar, dass man eine Flüchtlingsfamilie dort ansiedelt, die eine kleine Landwirtschaft betreibt ? Alle wollen in die Stadt; das geht nun mal nicht.

  17. 28.

    Das sind für mich keine Vorgärten.
    Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

  18. 27.

    Nach dem Motte „Geiz ist Geil“

Das könnte Sie auch interessieren

Symbolbild: Eine Uhr wurde auf zwei Uhr zurückgestellt. (Quelle: dpa/K. Hildebrand)
dpa/K. Hildebrand

Zeitumstellung am Sonntag - Alles auf Normalzeit

Am Wochenende wird die Uhr um eine Stunde zurückgedreht. Mit der Normalzeit wird es zwar früher hell, dafür aber schon am späten Nachmittag wieder dunkel. Eigentlich sollte die Zeitumstellung im nächsten Jahr abgeschafft werden, doch das lässt weiter auf sich warten.