Archivbild: Das Landgericht Berlin am 05.01.2018 (Bild: imago images/Ulli Winkler)
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Inforadio | 15.09.2020 | Ulf Morling | Bild: imago images/Ulli Winkler

Urteil am Berliner Landgericht - Knapp sechs Jahre Haft für tödlichen Späti-Überfall in Wilmersdorf

Bei einem Überfall auf einen Spätkauf in Berlin-Wilmersdorf wurde 2017 ein junger Mann erstochen. Am Dienstag wurde ein 24-Jähriger in dem Fall verurteilt - der mutmaßliche Haupttäter ist jedoch weiter auf freiem Fuß. Er soll in der Türkei als Polizist arbeiten. Von Ulf Morling

Wegen eines Überfalls auf einen vietnamesischen Spätkauf in Berlin-Wilmersdorf im November 2017 hat das Landgericht Berlin am Dienstag einen 24-Jährigen verurteilt. Fünf Jahre und neun Monate muss der mehrfach vorbestrafte Moussa E. ins Gefängnis - wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und fahrlässiger Tötung. Der Vorwurf, den Sohn der Späti-Betreiberin ermordet zu haben, wie ursprünglich angeklagt, ließ sich für das Gericht allerdings nicht mit ausreichender Sicherheit belegen, hieß es im Urteil.

Wie es im Urteil heißt, hatten am Tatabend drei junge Männer und zwei Frauen in einem geliehenen Audi Q5 vor dem Späti in der Bundesallee gehalten, um ihn zu überfallen und danach mit dem erbeuteten Geld noch gemeinsam "einen schönen Abend zu verbringen". Die Verkäuferin des Spätis, eine zierliche Vietnamesin, wurde nach Geschäftsschluss auf dem Weg in die nahegelegene Familienwohnung bedroht. Als sie um Hilfe schrie, eilte ihr jüngster Sohn Duc T. (21) herbei und wurde von dem mutmaßlichen Haupttäter Mahmut A. mit einem Stich in den Hals getötet. Die überfallene Mutter erlitt dadurch einen Schlaganfall und liegt seitdem im Wachkoma. Sie ist 24 Stunden am Tag pflegebedürftig.

Flüchtiger Hauptverdächtiger jetzt türkischer Polizist?

Von insgesamt fünf Beteiligten an dem Verbrechen, "das eine Familie zerstörte", so der Anwalt der Familie Sven Peitzner, sind mit dem jetzigen Schuldspruch vier Mittäter verurteilt. In einem ersten Prozess kamen 2018 zwei Frauen mit Bewährungsstrafen davon. Sie waren am Tatabend mit den Haupttätern unterwegs und sollen von dem geplanten Späti-Überfall gewusst haben. Der 24-jährige Fahrer des Fluchtautos war im selben Prozess als "treibende Kraft" für den Überfall zu einer Haftstrafe von vier Jahren und zwei Monaten verurteilt worden.

Mit dem Schuldspruch vom Dienstag, im inzwischen zweiten Prozess gegen den vierten Beteiligten des tödlichen Überfalls, bleibt der in die Türkei geflüchtete Mahmut A. als letzter mutmaßlicher Täter noch unbestraft. Wahrscheinlich werde es keinen dritten Prozess geben gegen den Mann, der den jüngsten Sohn der Spätkauf-Betreiberin mit einem Messerstich tötete, so der Anwalt der vietnamesischen Familie. "Der Haupttäter arbeitet jetzt bei der Polizei in der Türkei, wie uns Zeugen berichteten", sagt Rechtsanwalt Peitzner und zeigt Fotos, auf denen A. in Uniform mit langläufigen Gewehren und Pistolen vor einem Streifenwagen posiert. Dass der mutmaßliche Mörder in der Türkei davonkomme, sei eine Tragödie für die Familie, sagt Rechtsanwalt Peitzner.

Vater beschreibt Verdächtigen als "Psychopathen"

Der Späti in der Wilmersdorfer Bundesallee war die Existenzgrundlage der vietnamesischen Familie. Die überfallene Mutter (54), ihr Ehemann und die drei inzwischen erwachsenen Kinder hatten gemeinsam den Laden betrieben. Während die Tochter Assistentin der Geschäftsführung eines Unternehmens ist, ist ihr noch lebender Bruder Geschäftsführer eines Restaurants. Der erstochene 21-jährige Sohn war Rechtsanwaltsfachangestellter bei einem Patentanwalt.

Die männlichen drei Täter des Überfalls sind allesamt mehrfach vorbestraft. Der in der Türkei untergetauchte mutmaßliche Messerstecher war darüber hinaus als Intensivtäter ausreisepflichtig und war trotzdem nicht abgeschoben worden. Sein Vater hatte im Prozess als Zeuge ausgesagt und seinen eigenen Sohn als "Psychopathen" beschrieben, dem er fast alles zutraue. Dieser habe immer ein Messer dabei. Der Vorsitzende Richter zeigte sich bei der Begründung des Urteilsspruchs verwundert: Er habe in 30-jähriger Berufserfahrung als Richter noch niemals einen solchen Vater erlebt, der derart schonungslos über seinen Sohn gesprochen habe.

Angeklagter entschuldigt sich

Moussa E. war nach der Tat zwei Jahre lang im Libanon untergetaucht, bis er nach Deutschland freiwillig zurückkehrte und noch am Flughafen festgenommen wurde. "Ich hatte mich mit der Zeit entschieden, mich der Situation zu stellen", sagt der 24-Jährige. In seinen letzten Worten vor dem Urteil entschuldigte sich der Angeklagte bei der Familie des Getöteten.

Der Vater des erstochenen Duc T. konnte an dem seit Juni laufenden Prozess nicht teilnehmen, da er wegen Corona in Vietnam festhänge, so die Angaben der Familienanwälte. Zu Urteilsverkündung war die ältere Schwester des Getöteten zugegen. Wegen ihrer emotionalen Betroffenheit konnte sie sich nach dem Prozess nicht äußern.

Sendung: Inforadio, 15.09.2020, 16:00 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

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5 Kommentare

  1. 5.

    Bei der Strafverfolgung sollte sich nun Herr Maas bei seinem türkischen Ministerkollegen einsetzen, den er vor einigen Wochen als "Freund" bezeichnet hat um zu dem er "Du" sagt.

  2. 4.

    Ich wüsste schon gerne, warum es da so schwierig ist, einen Vorsatz nachzuweisen. Für den juristischen Laien klingt das wirklich absurd: da wollte er doch nur einen bewaffneten Raubüberfall begehen, und dann landete fahrlässig sein Messer im Hals des Opfers... nee.

  3. 3.

    Dieses milde Strafmaß schockiert mich ebenso wie diese abscheuliche Tat.
    Und der Hauptverdächtige arbeitet ja jetzt genau für den richtigen da unten.
    Abstoßend ist sowas.

  4. 2.

    Das wir Menschen wie Moussa E. und Mahmut A. überhaupt bei uns ertragen müssen ist schon schwer genug, jetzt dieses milde Urteil zu akzeptieren fällt noch schwerer.

  5. 1.

    Lächerlich. Man fühlt sich ausgeliefert, wenn man die Urteile für mehrfach vorbestrafte, gewaltbereite Menschentöter hlrt. Käme er in Deutschland in Haft, ist er mit unter 30 wieder draußen. Die vietnamesische Familie ist für ihr Leben schwer bestraft.

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