Symbolbild: Kontrolle in einer Shishabar (Quelle: imago-images/Olaf Wagner)
Audio: Inforadio | 15.10.2020 | Jule Käppel | Bild: www.imago-images.de/Olaf Wagner

Kampf gegen Clankriminalität in Neukölln - Betreiber von Shisha-Bars fühlen sich durch Kontrollen schikaniert

Im Kampf gegen die sogenannte Clankriminalität kontrolliert Berlin verstärkt Gewerbe der arabischen Community. Nun formiert sich Widerstand gegen diese "Strategie der Nadelstiche": Barinhaber fühlen sich schikaniert und diskriminiert. Von Jule Käppel

Im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität zeigt sich Berlin von seiner unerbittlichen Seite. Mit massivem Polizeiaufgebot kontrollieren Ämter und Behörden regelmäßig Shisha-Bars, Cafés und Barber-Shops. "Unter 20 bis 30 Autos und ohne Maschinengewehre kommen die nicht mehr rein. Die denken, die sind hier in Bagdad, das ist wirklich so extrem", erzählt Shisha-Bar-Besitzer Hamoudi aus Neukölln aufgebracht. Er reagiert mittlerweile emotional auf die Gewerbekontrollen, denn seinen Laden krempelt das Amt mit Hilfe eines Polizeiaufgebots regelmäßig um.

"Strategie der Nadelstiche" politisch gewollt

In der Küche der Shisha-Bar hätten die Behörden bei einem der Einsätze die Decke durchbrochen. Ein etwa handtellergroßes Loch ist noch zu sehen. "Das bleibt fürs nächste Mal", sagt der 32-Jährige resignierend. Denn ein Ende der Gewerbekontrollen ist unwahrscheinlich.

Diese Einsätze sind politisch gewollt. Sie sollen als "Strategie der Nadelstiche" kriminelle Angehörige arabischstämmiger Familien stören und Straftaten verhindern. Auf der Sonnenallee klagt ein Inhaber: "Da werden alle in einen Topf geschmissen. Ich handle weder mit Drogen, noch mit Frauen, habe keine Anzeigen – gar nichts, gar nichts!" Doch auch zu ihm kommen immer wieder die Behörden mit Polizei in voller Montur.

"Ich hab' mich gefühlt wie eine Kriminelle"

Der Abend ist dann gelaufen – auch für die Gäste. Melly hat einen solchen "Verbundeinsatz" miterlebt, als sie eine Shisha-Bar besuchte. "Ich hab' mich gefühlt wie eine Kriminelle, die festgehalten wird – eben auch dadurch, dass wir nicht telefonieren, nicht aufstehen durften." Das sei ein ungutes Gefühl gewesen. "Meine Freundin wollte auf die Toilette gehen. Das wurde ihr verweigert. Sie wurde sogar richtig unsanft von dem Polizisten wieder in den Stuhl zurückgedrückt." Andere Zeugen solcher Einsätze berichten davon, dass sie eine halbe Stunde die Hände hochhalten mussten.

Bar-Inhaber Hamoudi hält die Einsätze für Schikane. Nach dem Interview lässt er seinen echten Namen für diese Reportage ändern. Der Bar-Besitzer aus Neukölln fürchtet sich vor einem Racheakt der Behörden. Die immer wiederkehrenden Polizei-Einsätze haben sein Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat zerstört und er versteht nicht, was seine Shisha-Bar mit Clankriminalität zu tun haben soll.

LKA Berlin: keine flächendeckenden Kontrollen

Auf die Vorwürfe reagiert das Landeskriminalamt Berlin. "Es kann sein, dass sich unbescholtene Bürger dort aufhalten und begleitend den Einsatz zu spüren bekommen", sagt Patrizia Haynes und betont, dass die Grundrechte nicht beeinträchtigt werden dürften. Sie leitet beim LKA das Zentrum für Analyse und Koordination zur Bekämpfung krimineller Strukturen. Einfacher gesagt: Auf ihrem Schreibtisch landen alle Erkenntnisse zur sogenannten Clankriminalität.

Sie spricht zum ersten Mal öffentlich über ihre Arbeit und erläutert, dass keine "flächendeckenden Kontrollen" stattfänden. Sachliche Erwägungen und Erkenntnisse der zuständigen Behörden in den Bezirken seien die Grundlage. Die Polizei käme als "Amtshilfe" dazu, um den störungsfreien Ablauf zu sichern.

Staatsanwaltschaft erfährt, wo sich Schwerkriminelle häufig aufhalten

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sind solche Einsätze lohnenswert. Indem bei den Kontrollen alle Personalien aufgenommen werden, erfährt sie zum Beispiel, welche Gäste in den Bars anwesend waren. So wollen die Ermittlungsbehörden herausfinden, wo sich Schwerkriminelle in welcher Konstellation häufig aufhalten.

Haynes vom LKA erläutert: "Die Angehörigen, die der Clankriminalität zuzurechnen sind, begehen nicht nur die größten Verstöße, sondern auch ganz kleine Dinge." Durch die Kontrollen ergäben sich auch Zufallsfunde, Straftaten und Ordnungswidrigkeiten. Wenn der Kontrollierte ein Angehöriger krimineller Strukturen sei, "ist es für uns der Clankriminalität zuzuordnen, die wir bekämpfen wollen."

Berlin will jeden Regelverstoß der Szene ahnden und erfassen. Dazu sollten im vergangenen Jahr rund 380 Kontrolleinsätze beitragen. Die Ergebnisse der Kontrollen dokumentiert die Jahresbilanz 2019 zur Bekämpfung der Clankriminalität. Darin sind nicht nur 970 Strafanzeigen aufgelistet, sondern auch 5.900 Ordnungswidrigkeiten. Davon waren rund 5.400 Verstöße gegen die Verkehrsordnung.

Linken-Politikerin Schulz: unsauber und rassistisch

Landen also Menschen, die in Neukölln aus dem Verkehr gezogen werden, plötzlich in der Clan-Statistik? Die Linken-Politikerin Jorinde Schulz sieht dafür Anzeichen: "Wenn du dich an einem bestimmten Ort aufhältst, eine migrantische Geschichte hast und eine kleine Sache oder Straftat begehst, wirst du in den Clankriminalitäts-Topf geworfen." Es sei unsauber und rassistisch, was da geschehe. Sie setzt nach: "In Berlin gibt es 1.000 Orte, an denen Ordnungswidrigkeiten begangen werden, aber das nennt man nicht Deutschen-Kriminalität."

Mit der Initiative "Kein Generalverdacht" sammelt sie Unterschriften gegen pauschale Verdächtigungen und gegen, wie sie sagt, "Razzien" in der migrantischen Community, die als Gewerbekontrollen getarnt seien.

Neuköllner Bezirksbürgermeister treibt Kontrollen voran

Diese "Strategie der Nadelstiche" oder auch "Null-Toleranz-Politik" genannt, treibt seit zwei Jahren ein Mann maßgeblich voran: der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel (SPD). Ihm geht es darum, "die kriminellen Aktivitäten von der Straße runterzubekommen," und er sagt, "dass es sich für Menschen aus dem Milieu nicht mehr lohnt, in die Lokale in der Sonnenallee, in der Karl-Marx-Straße, Hermannstraße zu gehen." Das Ziel sei, das kriminelle Umfeld zu bekämpfen. Mit den Kontrollen in seinem Bezirk möchte er dieses Ziel erreichen.

Hikel weiß, was an diesen Abenden passiert, denn er war selbst häufig mit dabei. Die zahlreichen, zum Teil schwer bewaffneten Polizisten seien eine Vorsichtsmaßnahme, weil Kriminelle plötzlich Verstärkung aus den eigenen Reihen rufen könnten. Auch die immer wiederkehrenden Einsätze hält er für richtig und nimmt die Betreiber in die Pflicht: "Man weiß ja mittlerweile, in welchen Bars und Kneipen so etwas häufiger stattfindet. Das hat ja in der Regel eine Vorgeschichte, und so etwas wissen natürlich auch diejenigen, die dort mit drin sind." Einige positive Beispiele in Neukölln hätten eine Loslösung von kriminellen Aktivitäten gezeigt.

Barbetreiber: wenige Kriminelle bringen Läden in Verruf

Angesprochen auf die Kontrollen, erzählt ein Shisha-Café-Inhaber von der Sonnenallee, wie er akribisch darauf achtet, wer ein- und ausgeht: "Wenn ich jetzt zum Beispiel weiß, der ist jede Woche in der Zeitung, und keine Ahnung, was er macht – Klauen und Überfälle - natürlich lass' ich ihn dann nicht bei mir in den Laden rein. Warum? Der wird bestimmt von der Polizei observiert, und am Ende habe ich die Polizei hier bei mir."

Er wehrt sich gegen Stigmatisierung. Trotzdem findet der 26-jährige Familienvater und Geschäftsmann, die Kontrollen müssen sein, weil sich nicht alle auf der "Arabischen Straße" an die Regeln hielten. "Es gibt hier Cafés, in denen krumme Geschäfte" laufen, erzählt er bei einer Zigarette in seinem Lokal. Wenige Kriminelle brächten Läden wie seinen in Verruf.

Vielleicht wird er aus seinem Shisha-Café für Männer ein romantisches Pärchen-Restaurant mit Wasserpfeifen machen. Die ständige Alarmstellung und die Kontrollen lassen ihn nachts nicht mehr schlafen. Und die Berliner Politik will den hohen Kontrolldruck aufrechterhalten.

Beitrag von Jule Käppel

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35 Kommentare

  1. 35.

    Parallelen. Als es der Mafia in New York in den 70er langsam an den Kragen ging, hieß auch auf einmal Rassismus. Es wurden Anti-Rassismus Demos von italienischen Einwandererverbänden organisiert die von den Kriminellen unterstützt oder instrumentalisiert wurden. Ironie. Ein Mafia-Familienchef "Colombo Sr" wurde dann auf einer dieser Demos von anderen Clans erschossen wurde. Die deutsche Politik sollte die kriminellen Blaupausen, die immer wieder im Kampf gegen das organisierte Verbrechen aus Amerika oder in Italien auftauchen, nun langsam studiert haben. Ich befürchte Linke und Grüne geben sich eher ihrer Ignoranz hin, als von Anderen Regionen zu lernen. "Interkulturelles Lernen" wird ja immer hoch gehalten. Doch es scheint nur erwünscht, wenn es Sonnenschein und ein ideologisches Happy End gibt.

  2. 34.

    Anstatt Probleme mit einem bestimmten Klientel endlich mal ehrlich anzugehen, wird seitens der Linken wieder nur die mittlerweile ermüdende Rassismuskeule geschwungen. Wieviele Jahrzehnte soll denn die ständig andauernde Verharmlosung eigentlich noch andauern? So blind kann man gar nicht mehr sein. Unfassbar.

  3. 33.

    >>Betreiber von Shisha-Bars fühlen sich durch Kontrollen schikaniert<<
    Hier ist ein umdenken der Kontrollierten erforderlich, das Kontrolle-Ergebnis, man sei "von Amts wegen sauber",
    ist doch auch nicht zu verachten.

  4. 32.

    Über Shisha Bars wäre eigentlich grundsätzlich zu reden, sie verdienen an einem Rauchgenuss,der x mal schädlicher ist als Zigarettenrauchen, außerdem -und das nur nebenbei - sind sie eher integrationsfeindlich.

    In einigen Ländern Asiens hat man daher Shisha-Bars aus gesundheitlichen Gründen schon längst verboten, aber das geht offenbar in Berlin überhaupt nicht, leider

  5. 31.

    Besonderes Kennzeichen der meisten Shisha-Bars sind ja schon mal Milchglasscheiben. Allein das Abschotten nach außen hin sendet bereits gewisse Signale. Man fragt sich, wer dort verkehrt, der nicht gesehen werden möchte bzw. was hinter den Scheiben wohl für Geschäfte ablaufen...

  6. 29.

    Ja, die ganz Linken fanden kriminelles Handeln schon immer gut. Bis vor 31 Jahren auch das Schießen auf Menschen an der innerdeutschen Grenze oder heute auf Reiche. Was uns mit RRG im Bund blüht, lässt das ahnen. Und danach sagen wir wieder, dass hätte man weder gewollt, noch gewusst. Nee!

  7. 28.

    Weiter so !!! Die Dinger schießen neuerdings überall aus dem Erdboden in Geschäftslagen wo man sich fragt, wie geht das....
    wenn man sich dann das Publikum inkl. Fahrzeuge ansieht, weiß wirklich jeder, woher und wie das Geld fließt.
    Deswegen weiter kontrollieren am besten täglich mehrmals wenn es möglich wäre ....

  8. 27.

    Das ist auch mehr als notwendig.
    Dieser Senat geht viel zu sanft mit diesen Leuten um.

  9. 26.

    Die Kontrollen könnten auch mal in Tegel und in der Residenzstrasse bis nach Moabit durchgeführt werden. Das lohnt sich. Nur so als Tipp.

  10. 25.

    Genau so ist es! Hätte es nicht besser formulieren können. Es muss noch wesentlich härter und öfter durchgegriffen werden.

  11. 24.

    In meinen Augen sind die Kontrollen noch zu wenig im Kampf gegen die organisierte Krinaltät.

  12. 23.

    Geldwaschmaschinen sollten - so schnell und dauerhaft wie möglich - still gelegt werden. Denn sie sind letzten Ende asozial. Auch in Neuköllln! Großen DANK an Herrn Hikel!

  13. 22.

    Es wird Zeit das was gegen Clan und dessen Unterstützer was unternommen wird. Man fragt sich immer wo her das Geld kommt, weil ja fast jeder mit einem neuen Mercedes, BMW oder anderen Luxuswagen vorgefahren kommen, als wenn ihnen die Straße gehört. Aber jammern auf dem hösten Niveau können Sie immer.

  14. 21.

    Ja, die (Neuköllner) Linken haben sich schon mehrfach mit der Behauptung, polizeiliche Aktionen gegen Clankriminalität sei Rassismus, die Eselskappe selbst verpasst. Jolinde Schulz unterstreicht mit dem dreisten Blödsinn, den sie da erzählt, nun einmal mehr, warum diese Partei in der Regierung nichts zu suchen hat.
    Augen auf beim Wählen im nächsten Jahr: Gerade auch Wählerinnen und Wähler, die diese Partei aus Tradition oder ehrenwerten Motiven sozialer Gerechtigkeit wählen, müssen Sich doch eigentlich fragen, was für Leuten sie da zu Mandaten und Pöstchen verhelfen und ob das noch ihre Partei ist.

  15. 20.

    Es ist allgemein bekannt, dass kriminelle Clans nur allzu gerne Shisha-Bars zur Verschleierung ihrer illegalen Aktivitäten benutzen. Der Staat muss jetzt ganz andere Seiten aufziehen, um dieser Kriminalität Herr zu werden. Wer nichts zu verbergen hat, lässt sich auch ruhigen Gewissens überprüfen.

  16. 19.

    Richtig so und weitermachen. Bei uns gibt es in der Straße einen Friseursalon neben dem anderen, nebst Shishabars ,Wettbüros etc.Nicht das die Läden nicht sehr modern und ordentlich aussehen. Aber Kunden sind dort relativ dünn gesät, wie auch.Wenn mir jetzt jemand erzählt, das diese Läden kostendeckend arbeiten, kann ich nur lachen.Geldwäsche wird hier im hohen Ausmaß betrieben, leider ist so sowas schwer nachweisbar. Wie gesagt weitermachen mit den Kontrollen.

  17. 18.

    Ehrlich: Die Rassismus-Keule zieht einfach nicht mehr. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Wer schwerstkriminell ist, bekommt es halt irgendwann mit dem Rechtsstaat zu tun, Ethnie hin oder her.

    Linke und Grüne befeuern permanent diese Opferrollenmentalität und handeln damit selbst in gewisser Weise rassistisch, weil sie Menschen mit Migrationshintergrund als stets zu beschützende, unmündige, arme kleine Haustiere begreifen, die nicht für sich selbst sprechen können. Es ist ein klar hierarchisches, hegemoniales Welt- und Selbstbild: Ihr seid hilflos, ihr braucht uns und wir kümmern uns um euch. Man spricht den Menschen die Kapazität zur Selbstverantwortung ab.

    Ja, es gibt auch linken Rassismus. Der ist perfider, komplexer und weniger dokumentiert als der offene Rassismus von rechts, aber es gibt ihn.

  18. 16.

    Es gibt leider viel zu viele rechtsterroristische Anschläge, könntest du bitte mal mit deiner Community Tacheles reden? Immerhin sind das alles Deutsche, die diese Taten begehen

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