Heide-Steppenrüssler (Coniocleonus nebulosus (Linnaeus, 1758) aus der Kyritz-Ruppiner Heide. (Quelle: Jörg Müller)
Bild: Jörg Müller

Seit 70 Jahren verschollen geglaubt - Der Heide-Steppenrüssler ist zurück in Brandenburg

Die Ruppiner Heide im Nordwesten Brandenburgs ist ein riesiges Gebiet - es war daher ein großer Zufall, dass ein Biologe dort nun auf einen lange vermissten Krabbler stieß: Der stark gefährdete Heide-Steppenrüssler mag es warm und trocken.

Der Heide-Steppenrüssler hält sich oft bedeckt, bei kühlem Wetter verharrt er reglos. Ein 14 Millimeter winziger Käfer mit dem schönen Titel Coniocleonus nebulosus, der es trocken und warm mag. Schon wegen seiner rötlich-braunen Musterung passt er in sonnenverdorrte Gefilde, dort vermuteten ihn heimische Forscher auch jahrzehntelang. Seit 1950 galt der Heide-Steppenrüssler in Brandenburg als passé.

Dann ging der Biologe und Käferinteressierte Jörg Müller auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Wittstock im Landkreis Ostprignitz-Ruppin spazieren, er hat genau im Blick, was in der heutigen Kyritz-Ruppiner Heide auf dem Boden wächst und kreucht.

Eines Tages im Spätsommer, berichtete Müller am Mittwoch, fischte er den rötlichen Langrüssel aus seinem Kescher. "Zuerst konnten wir das Tier nicht zuordnen, da ich mit einem solchen Fund nicht gerechnet habe", lässt sich Müller in einer Mitteilung der Heinz-Sielmann-Stiftung vom Mittwoch zitieren, die die Naturlandschaft im Kreis Ostprignitz-Ruppin betreut. Der auferstandene Lazarus fand sich auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten.

Luftaufnahme der Kyritz-Ruppiner-Heide (Quelle: Geoforschungszentrum Potsdam)
4.000 Hektar Heide und kein Mensch - wo könnte sich ein scheuer Käfer besser verbergen? | Bild: Geoforschungszentrum Potsdam

Gut getarnt, weil ohne Gift

Der Steppenrüssler also verpasste in seiner Heide die DDR, die Wende und alles was seitdem geschah. Vielleicht ignorierte er den Lauf der Dinge auch einfach. Über seine Vorlieben und Angewohnheiten ist wenig bekannt, die Larven entwickelten sich höchstwahrscheinlich in den Wurzelstöcken der Besenheide, vermutet Fachmann Müller. "Der Heide-Steppenrüssler ist eine Art, die ganz eng an das Vorkommen der Besenheide gebunden ist. Verschwindet die Heide, verschwindet auch der Käfer", sagte er über das sensible Biotop.

Eine Vielzahl der Tierarten dort sei hervorragend an die trockenen, heißen Bedingungen angepasst und komme nur in diesen Lebensräumen vor. "In der umgebenden Landschaft finden sie keinen Platz mehr."

Wie aber konnte der totgeglaubte Winzling sich so lange unbemerkt aus der Affäre ziehen? Nun, die abgelegene Heide im Nordwesten Brandenburgs ist 4.000 Hektar groß, da konnte man den seltenen Käfer gut und gerne übersehen. Auf der Liste der größten gebäudefreien Gebiete Deutschlands liegt sie auf dem sechsten Platz. Dazu kommt: Er ist wie viele andere entfernte Rüsselverwandte hervorragend getarnt, weil er nicht über Gifte verfügt, mit denen er sich Feinden erwehren könnte.

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9 Kommentare

  1. 9.

    Putziges Viech. Aber das Langrüsslige Stockrosen-Spitzmäuschen ist noch putziger:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Langrüssliges_Stockrosenspitzmäuschen

    Dort haben übrigens die Frauen den Längsten.

  2. 8.

    Tja..., als Entomologe, der jährlich mehrfach das Vergnügen hat, verschollene Käferarten wiederzufinden, fragt man sich ebenfalls, warum gerade der Fund in verschiedenen Medien gefeiert wird. Erfreulich - keine Frage! Aber ein Profiteur des Klimawandels? Eher fraglich...
    Eine solche Meldung suggeriert vermutlich, dass die Experten nur mal richtig hinschauen müssten. Ein Gedanke, der nicht ganz von der Hand zu weisen, wo doch nur wenige Kenner meist in ihrer Freizeit um die Kenntnis der heimischen Insektenfauna bemüht sind.
    Die jährlich neu einwandernden Arten (meist aus dem Süden) und die eingeschleppten Arten aus ferne Gefilden sorgen dafür, dass die Artenzahl wächst. Das täuscht leicht darüber hinweg, dass es vielen Arten schlecht geht und sie mit massiven Verschlechterungen der Lebensbedingungen zu kämpfen haben - in der Agrarlandschaft, aber auch in Forst und Wald, eigentlich überall. Trockenheit ist für Gewässer-, Sumpf- und Moorbewohner ein zusätzliches Problem.

  3. 7.

    Vielleicht korrigiert der RBB mal die erste Überschrift. Wenn der Käfer seit 1940 verschollen ist, dann war er seit 80 und nicht seit 70 Jahren als ausgestorben betrachtet worden.

    Ansonsten ist das aber eine sehr interessante Nachricht. Schade, dass mein Großvater als Mitglied des Internationalen Entomologischen Vereins dies nicht mehr miterleben konnte. Als Käferforscher hat er die Sammlung des Senckenberg-Museums in Frankfurt am Main aufgebaut.

  4. 6.

    Na, dann kann Tesla ja nun einpacken. Schluss, Aus, keine Bautätigkeiten in Brandenburg mehr bis 2030.

  5. 5.

    Endlich mal eine positive Nachricht zwischen dem ganzen Covod19 Gejammere. Sei gegrüßt, Du Rüsseltier, und verschwinde nicht so schnell wieder

  6. 3.

    Ist doch ein Grund gegen das Atomendlager an dieser Stelle!

  7. 2.

    Werbung für den Klimawandel? Großes Kino! In Brandenburg und Berlin leisten Entomologen jährlich gute Arbeit und vermehren die Zahl an Arten ständig. Dabei kommen hauptsächlich Arten hinzu, die es warm und trocken mögen. Arten der kühleren und nassen Standorte werden hingegen immer seltener. Die Gründe sind vielseitig, der Klimawandel spielt aber sicher auch hier eine entscheidende Rolle. Lokal aber wohl eher die Landnutzung.

    Ich frage mich nun, warum es also dieser Fund in die Medien schafft? Werbung für die Sielmann-Stiftung?

  8. 1.

    Ein für ausgestorben gegehaltener Käfer, der es trocken und warm mag, ist wieder entdeckt!
    Endlich mal eine positive Folge des Klimawandels?

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