Drei Personen laufen entlang der Spree in Berlin (Quelle: imago images/Florian Gaertner)
Bild: imago images/Florian Gaertner

Stadtplanung - Wie Berlin zu einer gendergerechten Stadt wird

Das sogenannte Gender-Mainstreaming ist schon lange Strategie der Berliner Politik. Auch wenn es viele Bürger und Bürgerinnen vielleicht gar nicht bemerken, kommen die Maßnahmen allen zugute. Von Steven Meyer

Bei einem Spaziergang durch die deutsche Hauptstadt fällt schnell auf, dass die meisten Straßen nach Männern benannt sind – insgesamt 3.000 Straßen haben einen männlichen und nur 500 bis 600 einen weiblichen Namen. Im Rest Deutschlands sieht es sogar noch schlechter aus: Im Jahr 2015 kamen laut einer Analyse auf einen weiblichen Straßennamen 14 Männernamen. Die patriarchale Geschlechterordnung spiegelt sich unweigerlich in der Stadtplanung und im Aufbau unserer Städte wider.

Ein pinkfarbener Pump befindet sich auf einem Straßenschild des Frauenschuhwegs in Berlin-Rudow, aufgenommen am 29.04.2016. (Quelle: dpa/Sascha Steinach)
Der Rudower Frauenschuhweg ist nach der gleichnamigen Orchidee benannt. | Bild: dpa/Sascha Steinach

Das Ziel ist Gerechtigkeit

Mittlerweile wird viel über Geschlechtergerechtigkeit gesprochen und diskutiert, Gender-Mainstreaming ist die politische Strategie, die diese herstellen soll. Gender-Planning nennt sich dabei die konkrete Methode, die diese in der räumlichen Planung durchsetzen möchte. Das Instrument soll in der Entwicklungs- und Umsetzungsphase von Projekten dabei helfen zu prüfen, ob die unterschiedlichen Sichtweisen von Männern und Frauen berücksichtigt wurden – und ob die künftige Nutzung gleichberechtigt wird.

Es geht darum, bei jeder politischen Entscheidung die Auswirkungen auf alle Geschlechter in den Blick zu nehmen. Internationales Recht so wie nationales Recht verpflichten Deutschland zur Umsetzung der Strategie – so auch in Berlin.

Frauen nutzen den öffentlichen Nahverkehr häufiger

Öffentlicher Personennahverkehr, Parks, Spielplätze oder Friedhöfe – überall soll Gender in den Blick genommen werden. Ziel ist es, Orte zu schaffen, die barrierefrei sind, gut erschlossen, vernetzt und bedarfsgerecht interpretier- und nutzbar sind. Jahre der Erfahrung und unzählige Studien haben gezeigt, dass Orte von Männern und Frauen unterschiedlich genutzt werden und dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse an öffentliche Orte haben. So nutzen Frauen den öffentlichen Nahverkehr beispielsweise häufiger, weil sie statistisch gesehen mehr Wege haben und seltener ein eigenes Auto.

Wie aber kann man Projekte von vornherein so planen, dass sie allen zugute kommen? "Während des Prozesses und vor der Umsetzung eines Projekts suchen wir vor Ort nach Stellvertreterinnen und Stellvertretern aller Bevölkerungsgruppen", sagt Barbara Willecke. Sie ist Landschaftsarchitektin mit Büro in Berlin und sitzt im Fachfrauenbeirat der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ihr Team sei in der Anfangsphase eines Projekts, also bevor überhaupt ein Entwurf angefertigt werde, vor Ort, spreche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern – und arbeite dabei mit Menschen jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft: "Wir sehen die Bewohner*innen als Expertinnen und Experten ihres Alltags und erfragen ihre Bedarfe", sagt Willecke. Ziel sei es, passgenaue Planungen umzusetzen.

Eine Frau holt am 07.11.2018 auf dem alten Garnisonsfriedhof am Columbiadamm im Bezirk Kreuzberg Wasser aus einem Brunnen. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Eine Frau holt auf einem Friedhof in Kreuzberg Wasser aus einem Brunnen. | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Wer einen Ort nutzt, weiß am besten, was er braucht

Ein Beispiel, wie Gender-Planning dann konkret angewendet werden kann: Ältere Frauen sind diejenige Personengruppe, die Friedhöfe zu einem großen Anteil besuchen und pflegen. In Wien wurden im Zuge dieser Strategie Friedhöfe besser beleuchtet und mit niedrigeren Wasserentnahmestellen, mehr Sitzgelegenheiten und befestigten Wegen ausgestattet. Denn die Bedürfnisse älterer Frauen unterscheiden sich häufig von denen der Mehrheitsgesellschaft. Die Wege waren vorher also zu unbefestigt, die Wasserhähne zu hoch.

"Die Menschen, die die Orte anschließend nutzten, wissen am besten, was sie vom Park oder Spielplatz in der Nachbar*innenschaft brauchen", sagt Willecke. Dieser Prozess dauere dann, je nach Projekt und Budget, einige Monate. Sie ist sich aber sicher, dass Geld so präziser eingesetzt werden könnte – und man am Ende durch die Vermeidung langwieriger Diskussionen oder Bürgerinitiativen sogar Geld spare. Zur Zeit beschäftigt sie der Leopoldplatz in Berlin. Dort wurden nun mehr Elemente zum Verweilen verwirklicht, mehr Licht und ein Platz für Urban Gardening sowie ein Streetball-Feld geschaffen.

Noch sind die Ergebnisse von Gender Planning kaum sichtbar

Dass sich die Ergebnisse von Gender-Planning bereits in deutschen Innenstädte zeige, bezweifelt Barbara Willecke dagegen: "Große Projekte werden häufig durch Wettbewerbe vergeben, die oft keinen Beteiligungsprojekte voraussetzen." Das ändere sich zwar langsam, Verwaltung und Politik sorgen sich aber noch immer davor, dass Projekte bei zu breiter Beteiligung zu kompliziert werden.

Dabei reiche die Gestaltung öffentlicher Räume allein nicht aus, es ginge vielmehr darum, die Bedürfnisse verschiedenster Gruppen vorher in den Blick zu nehmen und so möglichst große räumliche Gerechtigkeit zu erreichen. "Wenn wir die Menschen nicht miteinbeziehen, können wir sie anschließend nicht dazu zwingen, etwas gut zu finden."

Kommentar

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55 Kommentare

  1. 55.

    Der großteil der Kommentierenden scheint den Artikel nicht vollständig gelesen oder nicht verstanden zu haben, sonst würde hier nicht wieder so viele nur von Sprache, Toiletten, Kosten, Profit und "Genderwahn" (übrigens ein aus der rechten Ecke kommender Begriff)schreiben...

  2. 54.

    Genau. Für Gerechtigkeit sind soziale Änderungen nötig. Wo die immer und überall benachteiligten sozial Schwächeren überwiegend Frauen sind, helfen solche Symbole überhaupt nicht. Gebt das Geld den alleinerziehenden Müttern, denen das Gericht einen Anspruch auf Unterhalt zuspricht, denen dann aber keine Behörde echt hilft, das Geld auch zu bekommen.

  3. 53.

    Hat sich schon mal jemand gefragt ,wer diesen Quatsch bezahlt und davon profitiert !!!???

  4. 52.

    Ihrem Beitrag kann man nur zustimmen. Ob als Frau oder Mann. Dieser Irrsinn mit dem *innen sollte endlich aufhören . Das ist ein krampfhafter Versuch irgendeine gendergerechte Sprache den Menschen aufzuzwingen der an jeder Realität vorbeigeht.
    Zu der Rolle der Frauen im Beruf sei zu sagen, bei der Vergabe einer Stelle sollte der zum Zuge kommen der für diese Stelle am besten geeignet ist und die beste Leistung zu bringen verspricht. Ob der Bewerber nun weiblich oder männlich ist. Es sollte nur die Leistung zählen.
    Aber was ist z.B. von einem Justizsenator zu erwarten, der es als seine wichtigste Aufgabe bei der Amtsübernahme ansah, in den Justizvollzugsanstalten für Männer gendergerechte Toiletten einbauen zu lassen. Was kann man von solchen verwirrten Politikern an rationalen Entscheidungen erwarten. Solche Politiker erklären viel Irrationales in der Politik.

  5. 51.

    Danke für diese Hilfestellung - und ja, die Sprache ist nicht ganz korrekt - die ist ja auch noch nicht im Duden*in angekommen :-) Ich hoffe, dass wird auch nie passieren - ich befürchte, aber, dass sich der Wahnsinn*in noch weiter Bahn*in brechen wird.

  6. 49.

    Liebe*r Moinsen oder neutral @4, Ihre Gendersprachkentnisse sind noch nicht perfekt. Der Artikel sollte auch gegendert werden . Also; der/die Eimer*in....der/die Brunnen*in; besonders im Plural muss darauf geachtet werden z.B. Eimer* innen. Bei Brunnen bin ich selbst noch unsicher...die Brunn*innen oder Brunnen*innen? Bei Strassennamen*innen erscheint es mir einfacher, denn DIE Straße ist ja weiblich, deshalb muss nicht gesternt werden, was natürlich die Frage nach der gendergerechten männlichen Form aufwirft. Usw.......interessant, dass unsere nicht vorhandenen Probleme von anderen gelöst werden wollen.

  7. 48.

    @genervter Berliner: Für die Leute im Gender-Wahn gehört das Gendern zu den allerwichtigsten Bedürfnissen überhaupt. Und die machen sich breiter und breiter.
    Wer dieses Bedürfnis nicht hat, ist bestenfalls indiskutabel. Auf jeden Fall ein Idiot, ein Spießer.
    Unsinn, was rede ich da?! Es muß heißen:
    In dieser Weise Argumentierende sind Idiot*innen und Spießer*innen.
    Und Gendern ist was für Nicht-Spießer*innen.
    Tut mir leid. Ich kann dieses Gerede nicht mehr ertragen.

  8. 47.

    Grundsätzlich muss ich ihnen beipflichten, jedoch frage ich mich warum aus feministischer Sicht noch nie dieses Relikt aus dem Patriarchat der Kirche gestritten wurde, auch der Begriff nie "vergendert" wurde? Also "Erlöser*in" hätte auch was.
    Ihr Problem mit der Menstruation in der Schwerlosigkeit kann jedoch als gelöst angesehen werden. Drei Namen dazu:
    1963 Valentina Tereschkowa, 1982 die Kosmonautin Swetlana Sawitskaja und 1983 Sally Ride.
    Also nich' immer olle Kamelle rauskramen.

  9. 46.

    Alles halbe Sachen, wenn alles so gleich ist, gibt es dann auch eine Einheitstoilette, gemeinsam Umkleide beim Sport, Frauenquote im Bergwerk, Männerparkplätze...
    Lasst endlich die Menschen Menschen sein.

  10. 45.

    Diese Genderentwicklung nervt gewaltig. Mit der Umbenennung von Begriffen ändert man gar nichts, das ist Augenwischerei. Solange das eigene Verhalten und der gegenseitige Respekt untereinander nicht als Selbstverständlichkeit gelebt wird bringt uns dieses Gendergetue nichts. Ich als Frau wäre schon zufrieden wenn für gleiche Arbeit gleiche Gehälter gezahlt würden. In der katholischen Kirche herrscht großer Nachholbedarf. Was zählt man dort als Frau? Ebenso wünsche ich mir für muslimische Frauen die gleichen Rechte, die auch Männer haben. Genitalverstümmelungen müssen stärker verfolgt und hart bestraft werden. Kinderehen sind eine Straftat! Die genannten Punkte sind für unsere Gesellschaft und unser Verhältnis untereinander hochproblematisch und sollten bekämpft werden. Hört bitte mit der Umbenennung von Straßennamen auf und dieser abgehackte Sprachstil macht beim Lesen keine Freude. Ich fühle mich auch beim Begriff 'Bürger' oder 'Leser' angesprochen.

  11. 44.

    Hat die Stadt keine anderen Probleme?

  12. 43.

    Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, dann ist "Gender-Planning" (noch so ein dusseliger Anglizismus) nichts Anderes als menschgerechte Planung und Gestaltung unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes und der Kenntnisse, die die Spezialisten im Studium bzw. in der Lehre hoffentlich erworben haben. Eigentlich nicht nachzuvollziehen, dass das in der Praxis etwas ganz Neues zu sein scheint.
    Dabei sollten meiner Meinung nach die finanziellen Mittel vorrangig für prktisch nützliche Maßnahmen verwendet werden und nicht für sprachakrobatische Übungen. Denn wenn wir endlich eine menschgerecht gestaltete Stadt haben, dann ist es doch egal, nach wem Straßen und Plätze benannt sind, so lange die Person es verdient hat, auf diese Weise geehrt zu werden.

  13. 42.

    Bitte macht Berlin zu einer bürgergerechten Stadt. Wenn danach noch Geld und Personal übrig ist, könnt ihr euch gern an euren Genderspielen erfreuen, liebe Politiker und Redakteure. Aber zuerst sind die Bedürfnisse der Bürger dran!

  14. 41.

    R2G glaubt, dass Geld vom Himmel fällt. Keine Autos mehr in der Stadt, viele brauchen es um zur Arbeit zu kommen aber Hauptsache es wird gegendert.
    Wer wählt die bloß? Ich nicht!

  15. 40.

    Ganz schön viel Worte von Ihnen, um zu behaupten, eine wissenschaftlich-rational grundierte Stadtplanung unter der Berücksichtigung der Nutzungsanforderung der einen Hälfte der Stadtgesellschaft - das sind Frauen - sei ein "Wolkenkuckucksheim"
    Ihr Beitrag ist geradezu eine Bestätigung dafür, warum eine geschlechtergerechte Stadtplanung auf der Basis historischer, wissenschaftlicher und rationaler Erkenntnisse unbedingt angezeigt ist.
    So sehr wie Sie bar jeder Evidenz behaupten das sei bloß "Ideologie" um Ihnen irgendwelche nicht näher bezeichneten Privilegien zu nehmen. Arbeiten Sie einmal an Ihren Verlustängsten. Statt sie zum Gegenstand und Ausgangspunkt für die Gestaltung unseres Gemeinwesens zu machen.
    Männer sind einfach zu emotional und irrational um ein Land zu führen und zu gestalten. Immer und immer wieder gehen sie von ihren irrationalen Befindlichkeiten aus. Das ist wirklich mühsam.

  16. 39.

    Gendergerechte Planung? Sehr eigenartig. Nicht für alle? Eine Planung ist dann gut und richtig, wenn sie nicht einseitig aufgebaut ist. Rechtliche Aspekte spielen eine große Rolle. Die Demographie im Planungsraum muss immer berücksich-tigt werden. Und das, was auf meine Planung einwirken kann. Nur so geht es und nicht anders! Danach dann bitte nicht aus dem "Wolkenkuckucksheim", auf die Planung schauen, sondern unter realen Aspekten. Vor allem ist ein Planer (auch Frauen(!) sind Planer) auch ein Mensch mit einem Privatleben und sollte sich als Normalbürger in seiner eigenen Planung wohl fühlen!!! Sich die eigenen Ergebnisse zumuten können! Planungspsychologisch denken! Das habe ich als Anfänger von einem sehr erfolgreichen Planer gelernt, BdLA. - Mit *innen ist kein Problem gelöst! Wer Frauen nicht als Teil unserer Gesellschaft akzeptieren kann, lebt falsch. Frauen sind nicht selten besser ausgebildet sind. Die Krux ist nur, dass trotz Top Ergebnisse, häufig weniger verdient! Fast übe

  17. 38.

    versuchs doch mal so:
    Ich bräuchte dringend Elektrike*innen oder Fliesenleger*innen und such ein Heizungsmonteur*innen wäre nicht schlecht ....;-)
    ODER GEH in den nächsten Heimwerkermarkt....und bau selber....:-)))))

  18. 37.

    Krammen wir doch uralte Sprachtheorien, die sich nie interdisziplinär beweisen mussten heraus, machen daraus ne Pseudowissenschaft und planen unsere Städte danach. In Berlin wird ideologisches Puppenhaus gespielt. Politisches Globuli als religiöses Substitute, denn politischer Glaube versetzt bekanntlich Berge und nicht Taten. Beim Gender Planen steht der Besuch der Frau auf dem Friedhof im Fokus, nicht das der Mann statistisch 4 Jahre früher stirbt. So sieht Gleichberechtigung - made in west germany 68 - aus. Chapeau.

  19. 36.

    Welchen "Genderunsinn" meinen Sie denn noch?
    Mal eben die Folgen aus der Realtät von paar tausend Jahren bestreiten? Frauen haben kein politisches Wahlrecht, nicht das Recht ihr Leben zu wählen, sind nicht in den Gremien vertreten die Budgets verteilen. Haben Medikamentenforschung ausschliesslich für männliche Körper hinzunehmen. Müssen die soziale Arbeit mitdenken und erbringen, die gernegroße Männer mit ihren rudimentären betriebswirtschaftlichen Kenntnissen und Haltungen nicht in ihre Exceltabellen einpflegen. Dabei aber verkünden sie bauten eine Volkswirtschaft. Was wissen wir über den Menstruationszyklus in Schwerelosigkeit? Weshalb so wenig wie die Pille für den Mann gebaut sein müsste?
    Sie haben natürlich Recht. Das ändert sich nicht durch Strassennamen. Aber wer schon bei Strassennamen, gleicher Bezahlung, oder der Verwendung weiblicher Sprache ausflippt, der will eben vor allem über die Tatsachen nicht sprechen noch sie ändern, in denen es um die Interessen von Frauen geht.

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