Anastassia Pletoukhina (Quelle: privat)
Audio: Inforadio | 09.10.2020 | Interview mit Anastassia Pletoukhina | Bild: privat

Interview | Ein Jahr nach dem Anschlag in Halle - "Ich bin wütend darauf, dass das immer wieder passiert"

Am 9. Oktober 2019 tötete ein antisemitischer Attentäter in Halle zwei Menschen im Umfeld einer Synagoge. Sein eigentliches Ziel waren die Betenden, darunter Anastassia Pletoukhina. Über den Anschlag, die Folgen und ihre Rolle als Nebenklägerin spricht sie im Interview.

rbb: Frau Pletoukhina, wie geht es Ihnen heute ein Jahr nach dem Anschlag in Halle?

Anastassia Pletoukhina: Ein Jahr nach dem Anschlag in Halle, aber auch jetzt nach dem Überfall auf den jungen Mann in Hamburg, der aus einer Synagoge herausgegangen ist und mit einer Schaufel attackiert wurde, fühle ich mich recht wütend. Wütend darauf, dass das immer wieder passiert. Und dass wir als Gesellschaft immer sehr überrascht darauf reagieren und gleichzeitig aber als jüdische Gemeinschaft feststellen müssen, dass es leider unsere sehr traurige Realität ist.

In Hamburg sind Sicherheitsbeamte eingeschritten. In Halle hat genau das gefehlt. Macht Sie das auch noch einmal besonders wütend, dass man diese Menschen immer noch braucht, obwohl Sie ja eigentlich auch Ihre Religionsfreiheit wie jeder andere auch ausüben könnten, ohne dass Polizei jedes Mal vor der Synagoge stehen müsste?

Da müssen wir eher differenzieren. In Halle war es eine ganz andere Situation, auch weil die polizeiliche Überwachung in dem Umfang nicht vorhanden war. Die Polizei ist auch erst später gekommen, nachdem der Attentäter versucht hat, in das Gebäude einzudringen, um die 50 anwesenden Beterinnen und Beter zu töten. Stattdessen hat er aus eigener Wut und Verzweiflung andere Menschen, die ihm in die Quere kamen, umgebracht.

Wir müssen deshalb als Gesellschaft eine größere Forderung an die Behörden stellen, dass die Beterinnen und Beter in erster Linie ins Visier genommen werden und nicht nur Objekte überwacht werden. Es muss darum gehen, dass immer wieder Teile unserer Gesellschaft in Gefahr sind und nicht nur Gebäude, die immer noch geschändet werden. Erst in dieser Woche wurde eine Schriftrolle am Haus eines Berliner Rabbiners aufgebrochen und mit einem Hakenkreuz beschmiert, mitten in Berlin. Das kommt natürlich vor. Und dass ist sehr erschütternd. Aber noch viel erschütternder ist es zu wissen, dass Menschen, die in diesen Häusern wohnen und die auch in die Synagogen zum Beten gehen, unter Lebensgefahr teilweise stehen.

Sie sind ja mit vielen befreundet, die vor einem Jahr mit Ihnen in Halle waren. Wie geht es denen? Wie unterhalten Sie sich auch jetzt ein Jahr danach? Ist das immer noch ein Thema oder wollen viele gar nicht mehr drüber reden?

Es kommt darauf an, wie diese Personen gepolt sind und wie sie dieses Erlebnis auf der persönlichen Ebene verarbeiten. Es gibt Personen, die sehr medial präsent und aktiv sind. Sie wollen sich nicht in die Opferrolle begeben, sondern den Diskurs, wie über das Attentat in Halle gesprochen wird, welche Position die jüdische Gemeinschaft insgesamt im deutschen gesamtgesellschaftlichen Rahmen hat, ansprechen. Sie wollen auch Forderungen an die Gesellschaft stellen, empathischer zu sein, die jüdische Gemeinschaft nicht ständig als etwas Exotisches zu betrachten und nicht immer auf die Vergangenheit zu verweisen, sondern schauen, wie die jüdische Gemeinschaft heute inmitten unserer Gesamtgesellschaft lebt.

Viele Nebenklägerinnen und Nebenkläger bestimmen auch den Ablauf vom Prozess gegen den Attentäter in Halle, um eben diesen Fokus nicht nur auf den Täter als solchen zu legen, sondern zu sagen: Okay, unserer Gesellschaft fehlt noch so viel, und wir können gemeinsam so intensiv daran arbeiten, dass wir eine gerechtere Gesellschaft gemeinsam schaffen können. Und andere sind wiederum sehr mit dem eigenem Leben beschäftigt, was auch absolut berechtigt ist und verarbeiten das eher für sich und möchten öffentlich nicht so intensiv auftreten. Und ich bin sehr froh, dass so viele unterschiedliche Herangehensweisen in dieser Situation vorhanden sind.

Sie geben immer wieder Interviews und schreiben Artikel, wie beispielsweise in der "Jüdischen Allgemeinen" über den Anschlag in Halle. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, darüber zu reden, vor allem für die, die es nicht können?

Ich würde nicht sagen, dass ich für jemanden – außer mich selbst und meiner eigenen Erfahrung – sprechen darf. Mir ist aber gleichzeitig wichtig, eine Stimme von vielen zu sein, die in diesem Kontext laut werden. Die Diversität der jüdischen Perspektiven aufzuzeigen und darüber zu reden und dadurch vielleicht auch in die Wahrnehmung von der Gesamtgesellschaft durchzudringen, als etwas, was nicht exotisiert ist, sondern einfach dazu gehört.

Sie sind eine der 43 Nebenkläger bei dem Prozess. Bisher waren Sie aber noch nicht dabei im Gerichtsaal. Warum nicht?

Es ist tatsächlich ein persönlicher Grund, warum ich bisher nicht vor Ort war. Ich befinde mich derzeit in der Abschlussphase meiner Doktorarbeit. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich darauf fokussieren muss. Es ist für mich aber auch ein Zeichen, dass ich mein Leben nicht von diesem Attentat bestimmen lassen möchte. Ich möchte meine Promotion abschließen, und dafür habe ich mir jetzt die Zeit genommen. Ich werde aber an den folgenden Verhandlungstagen teilnehmen, zumal auch noch andere Bekannte und Freunde von mir höchstwahrscheinlich noch aussagen werden.

Wie bereiten Sie sich dann auf diesen Tag vor? Sie werden zum ersten Mal dem Attentäter gegenüber sitzen.

Da ich nicht weiß, wie ich spontan darauf reagieren werde, habe ich die Reise noch nicht auf mich genommen. Bisher habe ich mich nur über meine Anwältinnen und Anwälte vertreten lassen. Ich werde einfach mal hinfahren und schauen, was es mit mir macht. Ich habe mich im vergangenen Jahr von dem Attentäter emotional sehr stark distanziert. Ich bin der festen Überzeugung, dass er ein Produkt unsere Gesellschaft ist. Ich bin eher daran interessiert, wie es dazu kommen konnte, dass er so eine Tat verüben konnte und damit uns so erschüttert hat. Er hat aber auch unter anderem die Behörden mit der Tat eiskalt erwischt und überrascht, sodass vor Ort nicht so schnell reagiert werden konnte, wie ich das vielleicht als Bürgerin erwartet hätte. Ich habe aber festgestellt, dass die Nebenklägerinnen und Nebenkläger mit ihren Aussagen, den Fokus vom Attentäter dermaßen weggelenkt haben, das hat mich persönlich sehr bewegt. Und ich glaube, das hat auch den Diskurs sehr stark geprägt. Und ich hoffe, wenn ich da bin, dass ich auch ein Teil davon sein werde.

Was ist in dem Prozess bisher passiert, dass Sie überrascht oder wütend gemacht hat?

Ich warte einfach mal ab, wie sich das entwickelt. Dadurch, dass so viele Nebenklägerinnen und Nebenkläger durch sehr starke Anwältinnen und Anwälte vertreten werden, die auch ganz klar Forderungen an die Richterin stellen oder auch ganz klar Grenzen setzen und Richtungen vorgeben, ist sehr viel in Bewegung. Deswegen würde ich jetzt eher sagen, dass ich gespannt beobachte und unterstütze wo ich kann, so dass dieser Prozess signifikant wird und nicht nur dabei bleibt, diesen jungen Mann zu verurteilen, sondern dass es auch größere Wellen schlägt.

Zu Beginn des Prozesses haben Sie genau diese Bedenken geäußert, dass es sein kann, dass man sehr stark auf den Täter schaut, auf das, was er gemacht hat, aber nicht das strukturelle Problem, was dahinter steckt.

Würden Sie sagen, das hat sich jetzt verändert seit der Prozess läuft oder sind die Bedenken immer noch da? Oder haben Sie jetzt das Gefühl, da könnten wir später noch mal drauf schauen, um zu sagen, hier haben wir etwas gelernt.

Es gibt tatsächlich sehr viele Baustellen, auf die während des Prozesses hingewiesen wird. Und ich hoffe sehr, dass das aufgegriffen wird. Ich kenne mich juristisch nicht so gut aus, inwiefern das in diesem Prozess rechtlich erfolgen kann. Mir fällt aber auch auf anderen Ebenen auf, dass durch die mediale Präsenz viele Berührungsängste aufgebrochen werden. Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft noch an unserer Kritikfähigkeit arbeiten können, sodass wir auch tatsächlich die vielleicht nicht so gut gelaufenen Sachen verbessern können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Anastassia Pletoukhina führte Birgit Raddatz, Inforadio.

Der Text ist eine redaktionell bearbeitete und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 09.10.2020, 10:45 Uhr

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5 Kommentare

  1. 5.

    Alle der größten rechtsextrem motivierten Attentate der letzten Jahre hatten eine große Gemeinsamkeit: es waren durchweg fehlgeleitete, asoziale Einzelgänger, die sich bereits vorher abseits der Gesellschaft gestellt und sich im Internet radikalisiert haben. Das ist eine vollkommen neue Form und Gefahr des Rechtsextremismus. Man beobachtet dies teilweise auch beim islamistisch geprägten Extremismus, weniger aber bei linken Extremismus. Die fehlenden offensichtlichen Verbindungen und Verstrickungen machen es den Behörden aber nahezu unmöglich, diese Täter im Vorhinein ausfindig zu machen. Unsere Sicherheitsbehörden haben schlicht keine Antwort darauf oder werden durch Datenschutz ausgebremst. Es braucht hier eine völlig neue internationale Zusammenarbeit. Gerade das linke politische Spektrum sucht das aus Angst vor einem zu mächtigen Staat aber zu verhindern. Es ist ein Teufelskreis mit vielen sinnlosen Bekundungen, aber wenig Taten.

  2. 4.

    Es gibt sie, diese irgendwie misratenen Schwachköpfe, die so etwas planen und umsetzen ( wollen ). Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass jemand aus unserem Ort zu so etwas fähig ist. Es ist gerade in größeren Städten sinnvoll wenn man miteinander spricht. Man gewinnt dann schon einen Eindruck u. kann Hinweise geben. Ich habe heute vormittag das Interview gehört und es ist immer noch in meinen Gedanken

  3. 3.



    es fehlt eine gesamtgesellschaftliche Ächtung von Gewalt aus der rechten und linken Ecke

    Solange Übergriffe von Moslems auf Juden unter den Tisch gekehrt wird und Linksextreme Gewalttäter von Grünen in Kreuzberger Bezirksparlament geschützt werden, sind das alles nur heuchlersche Bekundungen

    .

  4. 2.

    Ich bin der Meinung, dass alle Menschen vor allen Gewalttätern gleichermaßen geschützt werden sollen und das diese Taten gleichermaßen verabscheuungswürdig sind, unabhängig davon welcher Hautfarbe, Religion, Nationalität oder Ethnie Opfer oder Täter angehören. Diese im Rechtssinne selbstverständliche Tatsache vermisse ich in der medialen und politischen Beachtung vieler Straftaten.

  5. 1.

    Was für ein erbärmliches Würstchen der Attentäter doch ist, nur leider sind besonders diese subordinierten Würstchen, die ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe bringen und außer Selbstmitleid so gar kein Gefühl haben, die schlimmsten. Wir müssen auf sie achten, alle. Und sie im Zaume halten, eine Frage des Überlebens wie man sieht.

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