Viara hat Unterschlupf in "Evas Haltestelle" gefunden. (Quelle: Vanessa Klüber/rbb|24)
Video: rbb|24 | 26.10.2020 | Material: Vanessa Klüber | Bild: Vanessa Klüber/rbb|24

Obdachlosenhilfe für Frauen - "Besoffene wollen dich töten oder beklauen"

Obdachlose Frauen suchen Schutz in Unterkünften wie "Evas Haltestelle" im Wedding, um nicht um ihre körperliche Unversehrtheit zu fürchten. Durch die Pandemie wurden die Plätze halbiert. Der Senat verspricht neue Räume, noch sind sie nicht da. Von Vanessa Klüber

"Als Frau auf der Straße zu leben, ist scheiße", sagt Viara. "Das ist kein Leben." Sie ist obdachlos und kommt regelmäßig zur Notunterkunft für Frauen, "Evas Haltestelle", im Wedding. Hier werden obdachlose Frauen auch tagsüber betreut, bekommen warmes Essen, ein Bett, und können sich und ihre Sachen waschen. Und: Sie werden nicht bedroht.

"Besoffene Leute machen Probleme, wollen dich töten oder dich beklauen", beschreibt Viara das Leben auf der Straße. Davor habe sie große Angst. In der Unterkunft hier, die Männern verwehrt ist, fühle sie sich wohl, sagt sie. Sie knautscht ihren kleinen, weißen Bären. Den hat ihr heute eine andere Frau in der Unterkunft für ihr sechs Monate altes Baby mitgegeben, das im Krankenhaus liegt.

Sex gegen Unterkunft

Die anderen Frauen sind zurückhaltend, wollen nicht in den Medien auftauchen. Die meisten von ihnen hatten Erfahrungen mit Gewalt durch Männer, sagt Anna Birtler, sie ist Sozialarbeiterin in "Evas Haltestelle", der zum Sozialdienst katholischer Frauen e.V. gehört. Statt eine Unterkunft zu suchen, seien Frauen ohne Obdach häufig "nett" zu Männern im Austausch für ein Bett zum Schlafen – Sex gegen Unterkunft.

Bei den Frauen, die das "niedrigschwellige Angebot" hier wahrnehmen, "ist ordentlich was schiefgelaufen im Leben", beschreibt Birtler die Situation der Frauen – dennoch sei das Aufsuchen einer Unterkunft der erste Schritt in die Emanzipation. "Sie haben sich zumindest für diese Nacht entschieden, kein zweifelhaftes Angebot anzunehmen."

In "Evas Haltestelle" bekommen die Frauen Beratung, wie es im Leben weitergehen kann, zum Beispiel, wie sie in ein Wohnheim vermittelt werden können.

Betten in "Evas Haltestelle" (Quelle: Vanessa Klüber/rbb|24)

Bestehende Plätze halbiert, neue Räume sollen her

Die Corona-Pandemie erschwert die Situation für die Frauen, aber auch für die Sozialarbeiterinnen im Haus. Zum Standort im Wedding dürfen beispielsweise nur noch zehn statt 20 Frauen kommen, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Nicht jede, die klingelt, darf hier übernachten. Im Gemeinschaftsraum diskutieren Sozialarbeiterinnen mit einer Frau, auf die das zutrifft und erklären ihr, wo noch Plätze frei sind und schicken sie dorthin. Weil sich die Kälteplätze halbieren, müssen doppelt so viele Räume in Berlin geschaffen werden. "Das ist noch nicht erreicht", sagt Anna Birtler.

Zum Start der Kältehilfe am 1. Oktober versprach die Berliner Senatorin für Soziales, Elke Breitenbach (Linke) im rbb, sie werden genauso viele Kälteplätze wie im letzten Jahr finanzieren, nämlich 1.000: "Es wird Mehrkosten geben. Und der Finanzsenator und ich haben uns darauf verständigt, dass die pandemiebedingten Mehrkosten getragen werden." Ende Oktober bekräftigt die Senatsverwaltung für Soziales ihre Versprechen. Bis zum 1.11. sollen die 1.000 Plätze zur Verfügung stehen. Darunter Räume der Gebewo - Soziale Dienste in der Storkower Straße in Pankow, Hostels wie zum Beispiel das Hotel Sezer in Treptow-Köpenick oder die Pension Reiter in Friedrichshain-Kreuzberg.

Mehrkosten von insgesamt 3,3 Millionen Euro für die Kältehilfe hätten die Bezirke rückgemeldet, teilte die Seantsverwaltung rbb|24 mit. Die pandemiebedingten Mehrkosten, "sofern Sie angemessen sind", sollen "komplett übernommen werden", heißt es in der Mitteilung.

"Evas Haltestelle" hat eine Zusage des beantragten Geldes am Kreuzberger Standort, auf die Zusage am Weddinger Standort warten die Organisatorinnen der Einrichtung noch.

Maske überall und immer

Der Betrieb von "Evas Haltestelle" kostet durch die Pandemie nicht nur mehr, die Sozialarbeiterinnen haben auch mehr Aufwand. Sie müssen immer wieder darauf hinweisen, dass in den Räumen Maske getragen werden und Abstand gehalten werden muss. Einzelne Essensausgabe statt Buffet, Maske überall, außer im Bett.

"Die Frauen, die den ganzen Tag draußen unterwegs sind, kommen hier in Anführungszeichen nach Hause, sind knülle, wollen einfach nur noch ihre Ruhe." Die meisten Frauen seien grundsätzlich einverstanden mit den Regeln. "Aber ihre Aufnahmefähigkeit erfordert viel Geduld von den Kolleginnen", sagt Birtler. Über die Frage, ob sie selbst Angst habe, sich anzustecken, lacht sie herzhaft. "Dafür habe ich keine Zeit." In "Evas Haltestelle" sei man nie im Lockdown oder im Homeoffice gewesen. "Wir haben einfach immer weitergearbeitet."

Der Winter ist noch nicht einmal da. Die Nachfrage nach Kälteplätzen wird wohl noch steigen.

Beitrag von Vanessa Klüber

23 Kommentare

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  1. 23.

    Ja, genau! Und Männer könnten sich dadurch Plätze in Geburtskliniken ... und dank Frauenquote Posten in Unternehmen ergattern ... und viel wichtiger .... Frauenparkplätze!
    *Ironie aus*
    Also das Sie hier das Transsexuellengesetz ins Spiel bringen, ist ja wohl mehr als lächerlich!

  2. 22.

    Wie bei vielen Problemen bringt das gegeneinander Ausspielen von Menschen nach angeborenen Eigenschaften nur Eskalation, aber keine Lösung. "Die Männer" oder "die Frauen" sind ebenso sinnlose Adressaten pauschaler Vorwürfe wie z.B. "die Deutschen oder "die Ausländer*". Menschen auf der Straße leiden offenbar immer unter Gewalt. Der Großteil der Gewalt geht dabei offenbar tatsächlich von einem Teil obdachloser oder sesshafter Männer aus. Und offenbar findet auch ganz geschlechterspezifische Gewalt einzelner Männer gegenüber obdachlosen Frauen statt. Zum Schutz hiervor ist z.B. Evas Haltestelle eine tolle Institution, deren Arbeit großen Respekt verdient und über die berichtet werden soll. Auch, weil sie aber nur einen Teil der Frauen aufnehmen können bleibt darüber hinaus die Frage, ob man ganz allgemein Menschen in der Obdachlosigkeit vor Gewalt schützen kann. Und wie Menschen die es wollen wieder sesshaft werden können. Gibt es hierbei geschlechtsspezifische Probleme und Lösungen?

  3. 20.

    Lassen Sie mich raten ... Sie beschweren sich bestimmt auch darüber, dass es einen "Frauentag" gibt, oder? Faszinierend, wie sehr sich manche Männer angegriffen fühlen, wenn sie mal nicht im Rampenlicht stehen. Ich kann Sie beruhigen: Ihnen und den obdachlosen Männern wird hier nichts weggenommen. Dass mehr Männer obdachlos sind weiß jeder. Deswegen dreht es sich ja auch immer um sie. Dass es in diesem Artikel jetzt mal ausnahmsweise um die obdachlosen Frauen geht mag Sie schockieren, aber Sie müssen jetzt einfach mal tapfer sein und das aushalten. Ganz tief durchatmen. Dann regt Sie der nächste Artikel, in dem es ausnahmsweise mal um Frauen geht vielleicht nicht mehr so sehr auf.

  4. 19.

    Großartiger, sehr treffender Kommentar, den man(n) nur voll und ganz unterstützen kann!

  5. 18.

    Auch von Ihnen lese ich hier erstmal nur Schlagworte, platte Verallgemeinerungen, unnötiges gegeneinander Ausspielen der Geschlechter und selbstbezogene Empörung ("wir Frauen"). Ich vermute, dass mindestens die Hälfte obdachloser Männer besser nachfühlen kann wie es betroffenen Frauen geht als die meisten Frauen aus geordneten Verhältnissen das können. Tun Sie etwas Konkretes, um obdachlosen Frauen zu helfen?

  6. 17.

    Männer!! Ich bin entsetzt. Es bestätigen sich mal wieder alle Vorurteile. Statt betroffen zu sein, sich über die Hilfe zu freuen, den Frauen alles Gute zu wünschen oder vielleicht sogar Hilfe anzubieten, lese ich nur Mimimimi und Gemecker, warum es keinen Artikel über männl.Obdachlose gibt, die sind selbst schuld, dass die Frau ja keine „Einheimische“ sein kann, denn echte deutsche Frauen werden ja nie obdachlos usw.
    Was seid ihr nur für erbärmliche empathielose Menschen?!
    Es gibt genug Studien, Dokus und Artikel über Männer ohne Obdach, aber dieses EINE Mal geht es halt um uns Frauen.
    Frauen, die lieber obdachlos sind, als sich von ihren Männern weiter quälen zu lassen, Frauen denen schreckliches widerfahren ist, und Frauen, die sicherlich nicht freiwillig ohne warmes Zuhause sind, egal ob „Bio-Deutsch“ oder warum auch immer hier gestrandet. Jedes Leben zählt. Reicht ihnen die helfende Hand, nicht den Penis!

  7. 16.

    In meinem Umfeld ist es so wie bei ihnen (bin übrigens eine Frau). Aber man muß ja auch arbeiten und auf die Strasse gehen und wohnt zwischen anderen Menschen und da habe ich viel erlebt und erlebe vieles was mich daran erinnert, dass ich "nur" eine Frau bin. Gebe ihnen Recht, jeder sollte Schutz bekommen der ihn braucht und unter diese mischen sich dann immer ein paar wenige, die von zweifelhaftem Charakter sind und die für den Rest eine Gefahr darstellen. Auch Männer werden hauptsächlich von Männern bedroht und ermordet (im Krieg besonders).

  8. 15.

    Hallo Frank!

    Zitat aus: https://www.thetimes.co.uk/article/seven-sex-attacks-in-womens-jails-by-transgender-convicts-cx9m8zqpg

    “Transgender prisoners are five times more likely to carry out sex attacks on inmates at women’s jails than other prisoners are, official figures show.”

    Es ist in der Tat schon mehrfach vorgekommen, daher würde ich meine Befürchtungen nicht einfach wegwischen.

    Maik

  9. 14.

    Ich weiss nicht, in welchen Kreisen Sie verkehren, aber in meinem beruflichen und privaten Bekannten- und Freundeskreis sind Männer mit den von Ihnen angedeuteten Ansichten inzwischen eine verschwindende Minderheit. Trotzdem ist typisch maskuline Gewalt natürlich nicht aus der Welt, und insofern sind spezielle Schutzräume für Frauen legitim. Müllers Frage nach der Ursache für die dreifach höhere Obdachlosigkeit bei Männern finde ich dennoch interessant. Und dito den Anspruch, dass auch nicht-gewalttätige männliche Obdachlose Schutz vor Gewalt haben sollten.

  10. 13.

    Hallo Brigitte,

    wie Sie "Evas Haltestelle" unterstützen können, können Sie auf der Internetseite https://skf-berlin.de/ nachlesen.

    Viele Grüße
    rbb|24

  11. 12.

    sorry ganz so schlimm ist es nicht, sondern: jeden 3. Tag wird 1 Frau von ihrem Mann oder einem Patrner getötet in DE.

  12. 11.

    Laut Bericht wird offenbar eine nennenswerte Zahl Frauen von den Unterkünften abgewiesen. Wenn also Mitarbeiter* der Einrichtung den Eindruck haben, dass jemand, welchen Geschlechts auch immer, den Schutzcharakter einer Unterkunft gefährdet, kommt die Person offenbar nicht rein. Das von Ihnen skizzierte Problem halte ich daher für kaum relevant. Zudem ist die Wahl der persönlichen geschlechtlichen Identität für viele Menschen von recht grundsätzlicher Wichtigkeit. Ich glaube daher nicht, dass eine relevante Zahl von Männern mit agressiv-maskulinem Verhalten das Geschlecht wechselt, nur um Zutritt zu einer bestimmten Unterkunft zu erhalten. Und wie gesagt - ggf darf er/sie eben nicht rein.

  13. 10.

    Auch auf Karriere Posten sind Männer überproportional vertreten und sie regieren die Welt, es gibt sehr wenig Frauen an der Spitze von Staaten. Frauen wird eine andere Rolle zugedacht: sie sollen unsichtbar sein und sich dem Mann unterordnen!!!! Es ist schwere als Frau Karierre zu machen und frau ist mehr Gewalt ausgesetzt, wenn sie außerhalb der Gesellschaft (auf der Straße) lebt--aber natürlich auch sonst. Weil die Mehrheit der Männer meint es wäre doch ganz einfach als Frau "such dir einen Typen , sei ihm gefällig und dann ist alles wunderschön und total easy". Wer nicht wie die Mehrheit ist oder sein will bekommt von konformistischen Menschen Gewalt zu spüren, entweder psychisch oder physisch. Jeden Tag werden 3 Frauen von ihren Männern getötet in DE. Weil in DE anscheinend immer noch das Recht des physisch stärkere gilt, wie bei den Affen.

  14. 9.

    Vor Hintergrund dieses Berichtes sollte man erwaehnen, dass sich die Gruenen aktiv dafuer einsetzen, dass jederman sein Geschlecht einfach durch einen Gang zum Standesamt aendern kann:

    > https://www.gruene-bundestag.de/themen/lesben-schwule/selbstbestimmung-fuer-alle

    Dies wuerde bedeuten, dass ein obdachloser Mann sich durch einen einfachen Gang zum Standesamt Zugang zu Obdachlosenunterkuenften fuer Frauen und somit zu deren Schutzraeumen verschaffen kann.

    Ich weiss nicht, ob den Gruenen hier wirklich bewusst ist, was sie hier einfordern.

    Maik

  15. 8.

    Womit könnte man diese Einrichtungen als Privatperson unterstützen? Was wird -außer Geld -vielleicht gebraucht? An wen könnte man sich wenden? freundliche Grüße Brigitte

  16. 7.

    Momentan stehen viele Hotels und Pensionen leer. Wie wärs denn vorübergehend damit lieber Senat!?

  17. 6.

    Ich lese von Ihnen nur Schlagworte, aber keine konstruktiven Ideen. Zudem wollen Sie noch all jenen ein schlechtes Gewissen machen, die mit ihren Steuern Sozialleistungen finanzieren. Was schlagen Sie konkret vor?

  18. 5.

    "Als Frau..." Aha. Demnach ist ist es für einen Mann also nicht so schlimm, auf der Straße zu leben? Warum? Weil ein Mann weniger Wert ist? Obdachlosigkeit betrifft vor allem Männer. Frauen machen lediglich ein Viertel der Obdachlosen aus. Werden wir hier demnächst auch einen Artikel lesen, in dem explizit beschrieben wird, wie es Männern in der Obdachlosigkeit geht, und warum in dieser Gesellschaft ausgerechnet so viele Männer auf die Straße geschmissen werden? Oder lohnt sich das nicht, weil es ja nur Männer sind?
    Ist den Machern des Artikels eigentlich klar, wieviel unsäglicher Sexismus aus dieser Haltung trieft?

  19. 4.

    Die gesamte Kältehilfe ist eine verlogene Kiste, in der es nur noch um Kohle geht.
    Da wird immer über die vielen Schlafplätze gesprochen, in die kein (obdachloser)Mensch gehen würde oder will.
    Sämtliche Kapazitäten für Tagesangebote wurden von den Sozialunternehmern schlichtweg gestrichen, da es hier ja kein Geld zu verdienen gibt. Die Kältehilfe ist rein Alibi, Lug und Trug für das ruhige Gewissen der nicht obdachlosen Menschen.

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