Prozessauftakt um Mord im Kleinen Tiergarten - Angeklagter soll im Auftrag Russlands gemordet haben

Archiv - Polizeifahrzeuge stehen am 23.08.2019 im Kleinen Tiergarten nachdem ein Mann erschossen wurde. (Bild: imago-images/Olaf Wagner)
Audio: Inforadio | 07.10.2020 | Ulf Morling | Bild: imago-images/Olaf Wagner

Im August 2019 wird ein Tschetschene mit georgischem Pass im Kleinen Tiergarten mit zwei Kopfschüssen hingerichtet. Der mutmaßliche Täter steht ab Mittwoch vor Gericht. Er soll im Auftrag Russlands gemordet haben, lautet der Vorwurf der Bundesanwaltschaft. Von Ulf Morling

Auf dem Fahrrad soll Vadim K. im August 2019 von hinten an sein Opfer in der Berliner Parkanlage Kleiner Tiergarten heran geradelt sein. Laut Bundesanwaltschaft zog der 55-Jährige seine "Glock 26", die mit einem Schalldämpfer versehen war, drückte einmal ab, kam wie der später getötete Tornike K. zu Fall und schoss dem 40-Jährigen dann noch zweimal in den Kopf. K. starb und der Angeklagte wurde wenig später festgenommen.

Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt davon, dass der jetzt wegen Mordes angeklagte Russe im Auftrag Moskaus gehandelt hatte: "Staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation" hätten K. den Auftrag erteilt, Tornike K. "zu liquidieren". Er habe sich von der Ausführung des Auftragsmordes Geld erhofft, oder habe sich rächen wollen für die frühere Gegnerschaft und militärische Kämpfe des in Russland als islamistischen Terroristen eingestuften Opfers gegen den russischen Staat. 25 Prozesstage sollen bis Ende Januar auch klären, ob der russische Staat hinter dem mutmaßlichen Mord steckt.

Falscher Pass, lange Reise

Vadim K.s benutzter Pass mit Alias-Personalien wird erst einen Monat vor der Berliner Tat ausgestellt, und zwar am 18. Juli 2019 durch die Einwanderungsbehörde der Russischen Föderation, wollen die Ermittler herausgefunden haben. Kurz darauf soll Vadim K. im Moskauer Generalkonsulat Frankreichs ein Schengen-Visum beantragt haben, was er am 30. Juli erhält. Sechs Tage vor der hinrichtungsgleichen Tötung im Kleinen Tiergarten fliegt Vadim K. von Moskau nach Paris, so die deutschen Ermittler. Am 20. August 2019 setzt K. seine Flugreise schließlich nach Warschau fort. Wie er weiter nach Berlin kommt, sei ungeklärt, teilt die Bundesanwaltschaft mit. Zur Einreise in den Schengen-Raum soll K. jedenfalls den Pass mit Alias-Personalien benutzt haben.

"Den staatlichen Tötungsauftrag führte Vadim K. schließlich am Mittag des 23. August 2019 aus", heißt es bei der Bundesanwaltschaft. Auf das arg- und wehrlose Opfer Tornike K. sei dreimal geschossen worden und an den Folgen der beiden Kopfschüsse sei das Opfer gestorben. Laut Ermittlern beobachteten Zeugen, wie der Angeklagte danach eine Perücke, ein Fahrrad und eine Waffe in der Spree versenkt habe. DNA-Spuren und auch ein unter Zeugenschutz stehender angeblicher bulgarischer Journalist sollen die Täterschaft K.s und die staatsterroristischen Hintergründe nun angeblich auch gerichtsfest erhellen und den Angeklagten überführen können.

Opfer ein islamistischer Terrorist?

Seit 2016 hat der georgische Staatsbürger mit tschetschenischen Wurzeln, Tornike K., in Deutschland als Asylbewerber gelebt. Der 40-Jährige soll von russischen Behörden als Terrorist behandelt worden sein. Im 2. Tschetschenienkrieg von 2000 bis 2004 soll K. als Anführer einer "tschetschenischen Miliz gegen die Russische Föderation gekämpft" haben, ermittelte die Bundesanwaltschaft. 2008 soll nur wegen der Friedensverhandlungen im georgisch-russischen Krieg seine Einheit zur Verteidigung Südossetiens nicht zum Einsatz gekommen sein. Laut russischen Geheimdienstquellen soll er Mitglied der terroristischen Vereinigung "Kaukasisches Emirat" gewesen sein und unter anderen Mitglieder in Georgien ausgebildet und geschleust haben.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen hatte die Bundesregierung der russischen Führung immer wieder fehlende Kooperation in dem Fall vorgeworfen und unter anderem wenige Wochen nach der hinrichtungsgleichen Tat zwei russische Diplomaten ausgewiesen. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte auf einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel den im Kleinen Tiergarten Getöteten als "Banditen" und "Mörder" bezeichnet und im Gegenzug zwei deutsche Diplomaten aus Russland ausgewiesen.

Am 4. Dezember 2019 hatte das Ermittlungsverfahren die Bundesanwaltschaft von der Berliner Staatsanwaltschaft an sich gezogen. In der am 18. Juni 2020 vor dem Staatsschutzsenat des Kammergerichts erhobenen Anklage macht die Bundesanwaltschaft als Verantwortlichen für den Auftragsmord schließlich "staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation" aus, die die Liquidierung angeordnet haben sollen. Was das Motiv des Angeklagten gewesen sein soll, ist allerdings den Ermittlern wohl nicht klar. In der Anklage vermuten sie, dass er eine "finanzielle Entlohnung erhoffte", oder die politischen Ziele seiner russischen Auftraggeber teilte, einen politischen Gegner vernichten zu wollen, der gegen Russland gekämpft habe.

Große internationale Aufmerksamkeit für den Prozess – auch wegen Nawalny

Der Prozess vor dem 1. Strafsenat des Kammergerichts findet aus Sicherheitsgründen im Hochsicherheitssaal 700 des Kriminalgerichts Moabit statt. Coronabedingt ist die Zahl teilnehmender Journalisten auf etwa 50 begrenzt. Unter anderen weil Russland als Drahtzieher des Mordes durch die Bundesanwaltschaft verdächtigt wird und das Land aktuell verdächtigt wird, auch dem russischen Oppositionellen Aleksej Nawalny nach dem Leben getrachtet und möglicherweise einen Giftanschlag auf ihn veranlasst zu haben, mussten die Presseplätze ausgelost werden. In einen Audioraum wird darüber hinaus der Ton des Prozesses für die meisten der zugelassene Pressevertreter übertragen.

Neben den fünf Richtern und zwei Ergänzungsrichtern, den Vertretern der Bundesanwaltschaft und zwei Verteidigern, gibt es zwei Dolmetscher für die russische Sprache im Gerichtssaal. Zu den sieben Nebenklägern gehören auch die Kinder und Geschwister des Getöteten. Allein die Bundesanwaltschaft hat in ihrer Anklage 41 Ermittlungsbeamte und 31 weitere Zeugen benannt. Ob die Öffentlichkeit bei der Zeugenbefragung zu geheimdienstlichen Erkenntnissen ausgeschlossen wird, ist noch nicht entschieden.

25 Prozesstage sind bis Ende Januar derzeit terminiert. Ob vom Kammergericht über den möglicherweise staatsterroristischen Hintergrund des mutmaßlichen Mord bis dahin sicher entschieden werden kann, bezweifeln erfahrene Prozessteilnehmer bereits jetzt.

Sendung: Inforadio, 07.10.2020, 06:00 Uhr

Beitrag von Ulf Morling

3 Kommentare

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  1. 3.

    So ist das mit den Verkürzungen: Da wird dann in Frankreich, Italien, Finnland oder sonstwo die Verlautbarung verlesen, "Berlin" wolle seine über 80 Millionen Einwohner mit noch spezifischeren Maßnahmen vor Corona schützen.

  2. 2.

    Was für eine Überschrift - ich glaube nicht, dass er im Auftrag eines ganzen Landes gehandelt hat ....

  3. 1.

    Sie haben meinen Beitrag noch nicht veröffentlicht - passt er nicht ins Konzept.

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