Zwei Schuhmacher in ihrer Werkstatt (Jasmine Springer)
Bild: Jasmine Springer

Vom Schuhputzer zum Schuhmacher - "Ein Monatsgehalt für neue Schuhe auszugeben, ist heute Luxus"

Im KaDeWe putzte Matieu Cortin maßgefertigte Schuhe. Daraus erwuchs die Idee, mit seiner Kollegin eine eigene Schuhmacher-Werkstatt aufzubauen und das alte Handwerk aufzupolieren. Jetzt haben sich die beiden in Kreuzberg etabliert. Von Judith Jenner

In der Werkstatt an der Fidicinstraße in Berlin-Kreuzberg duftet es nach Leder. Auf einem Tisch stapeln sich Muster. Nähmaschinen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Größe versetzen zurück in eine Zeit vor "Fast Fashion" und industrieller Massenproduktion.

Überhaupt nicht antiquiert wirken dabei die beiden Inhaber: Luna Schröer und Matieu Cortin. Vor drei Jahren haben sie sich mit ihrem Laden selbständig gemacht. Luna Schröer ist mit ihrem Label Lunamo auf maßgefertigte Taschen spezialisiert, während Matieu Cortin unter dem Namen Fidicinschuh in Handarbeit Schuhe herstellt.

Jobben im KaDeWe als Schuhputzer

Nach seinem Kunststudium in Braunschweig arbeitete Matieu Cortin als freischaffender Bildhauer in Berlin in einem eigenen Atelier. Um die Miete zu bezahlen, jobbte er im KaDeWe als Schuhputzer. "Das habe ich fünf Jahre gemacht und die Kunden oft gefragt, wie lange sie ihre Maßschuhe tragen", erinnert er sich der 40-Jährige.

Am faszinierendsten fand er eine ältere Dame, die als Balletttänzerin gearbeitet hatte: Sie trug ein Paar Maßschuhe, das bereits 40 Jahre alt war und aussah wie neu. "Ich konnte mir das nur so erklären, dass sie eher geschwebt als gelaufen ist", sagt er lachend.

Irgendwann dachte sich Matieu Cortin, er könnte in seinem Atelier eigene Schuhe anfertigen. Mit einem Buch über Schuhmacherei und etwas Werkzeug, das er auf eBay ersteigerte, ging es los. Mehr als die Mode interessierte ihn am Anfang die Technik dieses alten Handwerks. Um tiefer einzusteigen, absolvierte er ein Praktikum und später eine Ausbildung bei einem Schuhmacher. Anschließend arbeitete er in der Schuhmacherei der Berliner Opernhäuser und stellte die Schuhe für Inszenierungen auf den Berliner Bühnen her.

"Dass Frauen Schuhe machen, ist noch nicht lange der Fall"

Vor drei Jahren eröffnete Matieu Cortin zusammen mit Luna Schröer seinen eigenen Laden. Die 28-Jährige lernte das Handwerk bei der ältesten Schuhmacherei in Frankfurt am Main und beendete sie in Potsdam. "Dass Frauen Schuhe machen, ist noch nicht lange der Fall", sagt sie. "Traditionell haben sie nur die Schäfte genäht, aber das ändert sich gerade - und es gibt immer mehr Schuhmacherinnen."

Für sie sei es eines der wenigen Handwerke, bei dem man aus verschiedenen Materialien etwas komplett Neues schafft. Dafür braucht es allerdings auch Geduld: Wenn eine Naht falsch sitzt, ist möglicherweise der ganze Schuh hin.

Nach der Ausbildung spezialisierte sich Luna Schröer auf Handtaschen. "Dass eine 1,80 Meter große Frau wie ich nicht die gleiche Shopping Bag wie eine 1,60-Frau tragen sollte, ist eigentlich recht naheliegend", findet sie. Viele Kundinnen wünschen sich passgenaue Klassiker in ihrer Größe oder eine Mischung aus zwei Modellen.

Paar für 1.800 Euro und mehr

Auch Matieu Cortin orientierte sich bei seinen Entwürfen anfangs an Klassikern wie dem Monk oder Budapester. Inzwischen nimmt er sich mehr Freiheiten und kombiniert zum Beispiel Jeansstoff mit Leder. Um ein Paar Schuhe anzufertigen, benötigt er zwischen 50 und 60 Stunden reine Arbeitszeit. Der gesamte Prozess dauert etwa vier Monate. Das Paar kostet dann ab 1.800 Euro aufwärts. "Früher war es normal, ein Monatsgehalt für neue Schuhe auszugeben, heute ist das Luxus", sagt er.

Luna Schröer experimentiert viel mit veganem Leder, zum Beispiel aus Apfel, Ananas oder Trauben. "Bei Taschen ist das einfacher als bei Schuhen, weil sie nicht direkt am Körper anliegen", sagt sie. Ihr Traum ist, einmal eine schicke, klassische Tasche zu entwerfen, die gleichzeitig praktisch ist: "Ich stelle mir zum Beispiel eine Koffertasche vor, aber für 2020, mit der es sich auch Fahrrad fahren lässt."

Beitrag von Judith Jenner

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