Der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa wurde am 25. November 1990 vor der Gastwirtschaft Hüttengasthof von 15 Rechtsradikalen eingekreist und angegriffen. (Quelle: imago images//Kai Horstmann)
Audio: rbb | 24.11.2020 | Robert Schwaß | Bild: imago images//Kai Horstmann

Gedenken in Eberswalde - Vor 30 Jahren wurde Amadeu Antonio zu Tode geprügelt

Er war einer der ersten tödlichen rassistischen Angriffe nach der Wende: Vor 30 Jahren wurde der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde von Neonazis ins Koma geprügelt, er starb weniger Tage später. In Eberswalde wird an das Verbrechen erinnert.

Vor genau 30 Jahren wurde der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde (Barnim) von rechten Schlägern ins Koma geprügelt. Kurz darauf, am 6. Dezember 1990, erlag der 28-Jährige seinen Verletzungen. Amadeu Antonio gilt als eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung.

Sechs Jugendliche wurden damals angeklagt, fünf von ihnen wurden 1992 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu Haft- beziehungsweise Bewährungsstrafen verurteilt. Die Ermittlungen gegen 21 weitere Beteiligte wurden eingestellt. Diese Gerichtsentscheidungen wurden vielfach als zu mild kritisiert.

Ins Koma geprügelt und getreten

Der Angolaner wurde 1962 in der Stadt Quimbele als ältestes von zwölf Kindern geboren. 1987 kam Amadeu Antonio als Vertragsarbeiter in die DDR und wurde in Eberswalde als Fleischer ausgebildet. Er sei mit dem Traum nach Deutschland gekommen, Flugzeugtechnik zu studieren. Dieser Wunsch sei ihm jedoch von der DDR-Verwaltung nicht gestattet worden, schreibt die Amadeu-Antonio-Stiftung über ihn.

In Eberswalde wollte Amadeu Antonio eine Familie gründen. Seine Freundin war von ihm schwanger, als er am Abend des 24. November 1990 auf die Schläger traf, die für seinen Tod verantwortlich waren. Er hatte mit Freunden ein Lokal verlassen und traf auf eine Horde Skinheads, die die Gruppe attackierte. Während seine Freunde verletzt entkamen, wurde Amadeu Antonio unter anderem mit Baseballschlägern geschlagen und getreten. Einer der Angreifer sprang dem jungen Angolaner mit beiden Füßen auf den Kopf. Aus dem Koma erwachte der 28-Jährige nicht mehr.

Polizisten griffen nicht ein

Mehrere Polizeibeamte in Zivil beobachteten den Angriff, griffen aber nicht ein. Eine Anklage gegen die Beamten wurde vier Jahre später vom Landgericht Frankfurt (Oder) zurückgewiesen.

"Rechtsextreme Straßenbanden zogen durch die Städte und Gemeinden und bedrohten all jene, die nicht in ihr Weltbild passten. Es kam zu regelrechten Gewaltexzessen durch Neonazis. Die Politik reagierte nicht, Gemeinden befürchteten einen Imageschaden und bagatellisierten den anwachsenden Rechtsextremismus. Die Gewalt wurde vielerorts stillschweigend in Kauf genommen", schreibt die 1998 gegründete Amadeu-Antonio-Stiftung über diese Zeit. Sie unterstützt nach eigenen Angaben unter anderem Initiativen und Projekte, die sich für den Schutz von Minderheiten einsetzen. Das wichtigste Ziel sei aber, "das Thema Rechtsextremismus dauerhaft auf die Tagesordnung zu bringen".

Reportage-Reihe "Baseballschlägerjahre" im rbb

Der rbb beschäftigt sich in sechs Kurzfilmen mit der Gewalt in der Nachwendezeit. In der Reihe "Baseballschlägerjahre" sind ab dem 1. Dezember in der Mediathek, auf Youtube und Facbook sechs 15-minütige Filme zu sehen, die in Zusammenarbeit mit "Zeit online" entstanden sind. Im rbb Fernsehen wird am 2. Dezember dann eine Kompilation aller sechs Filme gezeigt.

Den Begriff "Baseballschlägerjahre" prägte der Journalist und Autor Christian Bangel, der in Frankfurt (Oder) geboren und aufgewachsen ist. Er hatte Ende 2019 mit diesem Hashtag dazu aufgerufen, Erinnerungen an diese Zeit zu teilen.

Erinnern in Eberswalde

Lange Zeit rang Eberswalde um ein angemessenes Erinnern an Amadeu Antonio. Immer wieder wird gefordert, eine Straße nach dem Angolaner zu benennen. Inzwischen setzen sich mehrere Bürgerinitiativen in der Stadt für eine aktive Erinnerungskultur und gegen Rassismus ein. Seit 2014 ist das Bürgerbildungszentrum nach Amadeu Antonio benannt, das nach Angaben der Stadt ein "Ort der gelebten Vielfalt, Toleranz und Diskriminierungssensibilität" ist.

Am Ort des Verbrechens in Eberswalde findet am Dienstag eine Kranzniederlegung statt. Aufgerufen dazu haben verschiedene Bürgerinitiativen, darunter das Bündnis "Unteilbar". Auch am Todestag von Amadeu Antonio am 6. Dezember sind Gedenkveranstaltungen in Eberswalde geplant.

Sendung: Antenne Brandenburg, 24.11.2020, 14 Uhr

17 Kommentare

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  1. 17.

    Ich kenne Eberswalde ganz gut und kann Ihren Ausführungen nicht zustimmen. Die Stadt ist auch aufgrund der Forst-Uni und derer Studenten ein recht lebendiges Örtchen; zumindest im Vergleich zu vielen anderen Brandenburger Städten in weitem Umkreis. Man muss allerdings konstatieren, dass die AfD, die Null Politik in EW betreibt und deren Vertreter dort nahezu unbekannt sind, bei der letzten Wahl auf 23,3/23,8 % Stimmen gekommen ist. Das hat mich doch einigermaßen 'erschreckt'.

    https://www.rbb24.de/politik/wahl/Landtagswahl/ergebnisse-wahlkreise/landtagswahl-brandenburg-wahlkreis-13-barnim-1.html

    Einige dieser Schläger im Fall Antonio Amadeo kenne ich sogar persönlich. Das waren zu großem Teil HM-Anhänger, die sich nach "der Wende" darin gefallen haben rechtsextrem zu sein. Wobei dieses Gedankengut in der HM-Szene aber schon zuvor mehr oder weniger ausgeprägt war. In Eberswalde gab es aber auch schon immer eine starke Gegenbewegung zu den Rechtsextremen.



  2. 16.

    Nun fetzt euch mal nicht wer die "älteren" Nazis hat, ob zuviel Rotlicht braun macht oder die Himmelsrichtung einen Unterschied macht. Dieses Geschmeiss und das "unter den Teppich kehren" gab und gibt es hüben wie drüben. Gemeinsam ist allen, das sie einen IQ haben der einem Mensaessen vom Vortag entspricht. Wenn der Rest der denkenden Bevölkerung sich darauf einigen könnte, das sich sowas nicht mehr wiederholen kann, wären wir schon ein gutes Stück weiter.

  3. 15.

    Immer lächeln! Wir Westberliner hatten nur eine Himmelsrichtung: überall gings "Richtung Osten"! ;-)
    Rechtsextremismus ist leider nicht nur ein gesamtdeutsches Problem. Die unterschiedliche Herangehensweise der zwei deutschen Staaten an dieses Problem hat zu zwei verschiedenen Historien geführt, die wie alles andere im Einigungsprozess auch irgendwie zueinander finden werden... falls diese Historie nicht doch irgendwann einmal durchbrochen werden kann.

    "Ich bin ein Berliner!" "... und das ist auch gut so!"
    Wenn wir nicht mal die Ost-West-Spaltung überwinden, machen wir es den politischen Spaltern nur leichter.
    Horizonte erweitern! ;-)

  4. 14.

    Was soll das werden? Verharmlosung von Rechtsextremismus auf dem Gebiet der ehemaligen DDR? Beiseite schieben von Extremismus und Kriminalität, weil es auch woanders auf der Welt böse Menschen gibt? Genau sowas hat die rechtsextreme Szene doch erst so stark gemacht. Weil es ignoriert wurde, verniedlicht wurde - und weil man Angst um das Image seiner Region hatte. Dass sich die Szene dadurch über Jahrzehnte hinweg verfestigen konnte, lässt sich kaum mehr leugnen. Beim NSU wollte man den Opfern sogar zuerst noch kriminelle Verstickungen andichten. Es konnte ja nicht sein, was nicht sein darf: Neonazis aus ostdeutschen Gefilden töten bundesweit sogenannte "Ausländer".

  5. 13.

    Nur die Berliner aus dem Westteil waren immer rechtsstaatlich, haben alle Gesetze beachtet und ganz lammfromm. Ich verstehe bis heute nicht warum es da überhaupt Polizei gab. Der Horizont hört an den Zehenspitzen auf.

  6. 12.

    Guten Tag,
    vielen Dank für Ihre oberflächliche Ortsbewertung. Ich hoffe Sie waren freiwillig in Eberswalde und Gott sei Dank haben Sie das Ereignis überlebt.
    Komisch ist nur das Eberswalde seit Jahren Zuwächse aus Berlin verzeichnet mit Berlinern die händeringend Immobilien erwerben um sich heimisch einzurichten . Genauso haben wir an den Wochenenden eine Vielzahl an Besuchern aus der Hauptstadt.
    Naja wahrscheinlich mögen diese Menschen alle diesen düsteren tristen Ort.
    Bitte bleiben Sie in Ihrer Heimat wenn Sie sich nicht wohlfühlen.

  7. 11.

    Rechtsextreme Leute hat es schon in der DDR gegeben. Die sind nicht 1990 über Nacht plötzlich zu Neonazis geworden, sondern waren es schon vorher. Das Problem wurde nur von der DDR und ihren Medien totgeschwiegen, weil es ja nicht zum Sozialismus passte. Wenn mal eine Schlägerei bekannt wurde, dann hieß es verharmlosend nur: "Das waren betrunkene Raudis".

    Neulich habe ich bei YouTube eine interessante Fernsehreportage des ORB von 1993 gesehen. Da ging es um rechtsradikale Jugendbanden in Schwedt/Oder. Neonazis hatten damals für massive Kriminalität, Schlägereien, Bedrohungen und Verunsicherung in der Stadt gesorgt. Einer von ihnen wurde von den Reporter gefragt: "Was sagen eigentlich deine Eltern dazu?". Antwort: "Die sagen nichts. Weil: Die sind selber genauso rechts wie wir". Das war 1993! Die Jugendlichen hatten bereits ihre DDR-Kindheit in rechtsextremen Familien verbracht. Die Wurzel liegt also sehr tief - bis heute hin.

  8. 10.

    ,,Wir " haben doch in Eberswalde alles platt gemacht !
    war 88 ( beruflich) dort, wenn ich nur an das Bahnwerk denke

  9. 9.

    Mal so, als "Wessi" ...
    Wenn man irgendwohin fährt, unterschwellig eine vorgefasste Meinung hat und flexibel wie eine Brechstange ist, wird man nur das sehen, was man sehen will.
    Schonmal im Eberswalder Zoo gewesen? Löwengehege? Nur als Beispiel.
    Alles grau?
    https://www.tourismus-eberswalde.de/
    Naja, auf Tortuga gibts vermutlich auch kein Wiener Schnitzel.

  10. 8.

    Vor ein paar Jahren war ich mal in Eberswalde notgedrungen. Kann nur sagen, ein trüber Ort, von anfang bis zum ende. Ein Ort, bestens geeignet um düstere, triste Filme zu drehen. Wir waren froh, dort wieder weg zu sein. Kein Platz wo man sich wohlgefühlt hatte. Man hatte den Eindruck, die Zeit ist stehen geblieben.

  11. 7.

    In einer Gegend mit 56 Jahren Diktatur im Gepäckt ist/war es bestimmt nicht immer leicht, die Gesamtheit aller Einwohner mit Dingen wie Demokratie, Pluarlismus, dem GG derart zu begeistern, dass auch jeder dafür einstehen und es verteidigen mag. Auch heute noch ist es oft sehr schade, wenn man feststellt, welche Werte in manchen Regionen tradiert sind und auch Nachwendejahrgänge sich davon blenden lassen :-(

  12. 4.

    "Mehrere Polizeibeamte in Zivil beobachteten den Angriff, griffen aber nicht ein. Eine Anklage gegen die Beamten wurde vier Jahre später vom Landgericht Frankfurt (Oder) zurückgewiesen."

    Das ist das, was am meisten sprachlos macht.

  13. 3.

    Es war damals schon noch viel zu tun - und seitdem hat sich noch nicht viel verändert.
    Zitat "Mehrere Polizeibeamte in Zivil beobachteten den Angriff, griffen aber nicht ein. Eine Anklage gegen die Beamten wurde vier Jahre später vom Landgericht Frankfurt (Oder) zurückgewiesen."

    Zur Entlastung der Polizeibeamte wäre evt. noch zu klären, in wie weit die Situation für sie selbst "zu gefährlich" gewesen sei - ansonsten ist eine unterlassene Hilfeleistung immer auch ein Zeichen der Toleranz an die Täter. Wenn man dann verschiedenste Berichte über "Polizeiaktivitäten" auch in der letzten Zeit heranzieht, in denen z.B. von "racial profiling" oder auch vom "Tag X" im Zusammenhang mit gewissen "Eliteeinheiten" zu lesen ist, muß man konstatieren:

    Es hat sich noch nicht viel geändert.
    Keine "Rechtsstaatsfeindlichkeit" in rechtsstaatlichen Organen!

  14. 2.

    Man hat nach so vielen Jahren leider immer noch den Eindruck, im Osten wird der Rechtsextremismus systematisch ausgeblendet, dagegen Linke und bürgerliche Antifaschisten regelmäßig kriminalisiert.
    Dazu heute der MDR:
    "Demnach geht die [...] genannte Verdopplung linksextremistischer Straftaten fast vollständig auf das neue "Angriffsziel Wahlplakate" zurück, das es im Vorjahr noch nicht gab."
    https://www.mdr.de/sachsen/verfassungsschutzbericht-extremismus-politisch-motivierte-kriminalitaet-100.html

    Das kanns auch nicht sein!

  15. 1.

    Eine Schande. Für Eberswalde. Für Brandenburg. Für Deutschland. Vor allem, wie im Nachgang damit umgegangen wurde. Urteile. Erinnerungskultur. Hat sich denn wenigstens was verändert dort?

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