Kunstaktion - Friday for Future vor dem Bundestag am 24.04.2020 (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
dpa/Kay Nietfeld
Audio: Radioeins | 16.11.2020 | Interview mit Kathrin Pitterling | Bild: dpa/Kay Nietfeld

Interview | Doku "Aufschrei der Jugend" - Über die Sisyphoskräfte der Fridays for Future

Anderthalb Jahre hat die Filmemacherin Kathrin Pitterling Berliner "Fridays for Future"-Aktivisten begleitet. Sie wollte herausfinden, wer die jungen Menschen sind und was sie antreibt. Schul-Unlust, wie oftmals unterstellt, ist es jedenfalls nicht, sagt die Regisseurin.

Das Erste zeigt "Aufschrei der Jugend" am Mittwoch, 18.11., um 23:20 Uhr

rbb|24: Frau Pitterling, Sie haben eine Doku über Fridays for Future gemacht. Sie haben etwa zehn Protagonisten begleitet. Wie haben Sie die gefunden?

Kathrin Pitterling: Das war sehr spontan und insofern auch sehr authentisch. Mitunter wird für solche Filme ja auch gecastet. Aber ich wollte erst einmal ohne Kamerateam wissen, was das für Menschen sind. Da saß ich dann direkt neben einer Gruppe von jungen Leuten, bei denen ich das Gefühl hatte, die kennen sich trotz ihres unterschiedlichen Alters schon ewig - dabei hatten sie sich gerade erst getroffen. Sie sprachen auf eine Art und Weise miteinander, die unglaublich vertraut und themenorientiert war. Diese Gruppe, unter anderem waren Willi, Paul und Elias dabei, sprach ich an und sagte, dass ich vielleicht Interesse hätte, sie filmisch zu begleiten. Und tatsächlich sind das auch die Menschen, die jetzt in der Doku zu sehen sind.

Wie lange haben Sie die jungen Menschen dann begleitet?

Wir haben im Februar 2019 angefangen und haben bis Ende September 2020 gedreht.

Haben Sie sich absichtlich nicht auf die bekannteren Gesichter wie Luisa Neubauer oder Greta Thunberg fokussiert?

Ja, denn ich wollte wirklich tiefer in die Bewegung eintauchen. Ich wollte die Menschen kennenlernen und begleiten, die jede Woche die Freitagsdemo auf die Beine gestellt haben – und die ganzen anderen Aktionen drumherum.

Rein äußerlich sind das sehr unterschiedliche junge Menschen. Ganz junge Schüler sind darunter und schon ältere, sehr versiert wirkende, Studenten. Was eint sie? Angst um ihre Zukunft oder doch Schulunlust – wie oft unterstellt?

Schulunlust ist das, was ich überhaupt nicht erlebt habe. Im Gegenteil. Von Famke, einer der Protagonistinnen, habe ich viele Videos, wo wir abends zwischen 23 und 24 Uhr sprechen und sie mir erzählt, dass sie nun erst zum Lernen für ihren MSA kommt. Da kam sie gerade von mehreren Plenumsbesuchen, von denen sie das eine auch noch geleitet und vorbereitet hatte, nach Hause.

Die jungen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, haben mit aller Kraft versucht, alles auf die Beine und unter einen Hut zu kriegen. Die Motivation liegt im Begreifen, dass sie etwas tun müssen, um für sich und für ihre späteren Kinder – und ich finde es wirklich berührend, dass sie von ihren Kindern sprechen, die sie vielleicht mal haben möchten – eine Zukunft zu schaffen, in der sie noch leben können. Deshalb engagieren sie sich in diesem Ausmaß.

Den jungen Leuten schlägt viel Hass und Ablehnung entgegen. Was macht das mit ihnen?

Der Hass verunsichert zutiefst. Aber mit dem kann man fast noch leben, wenn man sieht, dass das Sinn macht, was man tut. Doch es macht unheimlich viel mit ihnen, dass sie nicht gehört werden. Begreifen zu müssen, dass sie trotz des Einsatzes mit ihrer ganzen Kraft politisch nicht das erreichen konnten, was sie schaffen wollten – nämlich, dass Deutschland versucht, das 1,5 Grad Klimaziel vom Pariser Klimaabkommen einzuhalten – hat sie immens erschöpft und deprimiert.

Ich habe in der Zeit, in der der Film entstanden ist, unglaublich viele Menschen kommen und gehen sehen. Die sich, soweit sie die Kraft dafür hatten, eine gewisse Zeit engagiert haben und dann wieder zurückgegangen sind in ihr normales Leben. Aber es gibt auch Protagonisten, und einige davon sind auch im Film, die heute noch dabei sind.

Hat die Corona-Krise die Fridays for Future-Bewegung beschädigt oder liegt darin eine Chance?

Beides. Es war mit Sicherheit eine immense Herausforderung. Sie haben auch etwas Zeit gebraucht, um zu begreifen, was da wirklich passiert. Obwohl sie natürlich sehr schnell das Netz für sich genutzt haben. Sie haben sich dann da zu Netz-Streiks verbunden, Plakate gestaltet und die gepostet. Um das Gemeinschaftsgefühl und der Präsenz aufrecht zu erhalten. Es war ihnen klar, dass sie öffentlich sichtbar sein müssen. Sie finden unglaublich kreativ immer wieder neue Möglichkeiten, sich auszudrücken. Beeindruckt hat mich auch die Sorgfalt, mit der die jungen Leute auf Corona reagiert haben. Beispielsweise als sie für die Plakat-Aktion 13.000 Schilder gesammelt haben im April 2020 sind diese Schilder erstmal für 72 Stunden in Quarantäne gegangen. Weil da noch niemand wirklich wusste, wie die Übertragungswege des Virus sind.

Wie ist, unter Corona-Bedingungen, jetzt der Ausstrahlungszeitpunkt Ihrer Doku? Ist er gut, damit die Sache nicht in Vergessenheit gerät?

Das passt absolut gut. Auch dass die Doku im Rahmen der ARD-Themenwoche #WieLeben gezeigt wird. Da passt der Kontext sehr gut.

Gab es bei den Dreharbeiten irgend etwas, was Sie besonders berührt oder überrascht hat?

Bei der letzten Demo am 25. September – das war ein absolut mieser und regnerischer Tag – kam ich an und wusste, viele der jungen Menschen waren schon seit 5 Uhr in den Morgenstunden vor Ort. Als ich dann kam, sah ich ein Mädchen, das trotz des Regens, immer noch auf die durchnässte Straße des 17. Juni Punkte aus Mehl als Abstandsmarker malte. Obwohl das immer wieder verlief, hat sie das unermüdlich weitergemacht. Das war ein unheimlich starkes Bild für die Menschen, die diese Bewegung vorantreiben.

Sie meinen, die jungen Leute haben sich darauf eingestellt, sisyphosartig vorzugehen?

Ganz genau. So kann man es auf den Punkt bringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

21 Kommentare

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  1. 21.

    Es sagt einem schon viel wenn den Freitagskindern nicht anderes einfällt als Lebensmittel zu vergeuden. Diese fordern die größten Umstellungen in der Geschichte der Menschheit sind aber selber unfähig nachhaltig ein paar Markierungen zu erstellen.

  2. 20.

    jaja die bösen Kapitalisten. Schön wenn einer seine F**********r hat. Woher haben sie die Zahl 11 Millionen Tonnen und wie schlüsselt sich diese auf? Edeka gibt Waren günstiger vor Ende des Verbrauchsdatum ab. Aber sowas passt ja nicht in das F**********d. Wenn die Kühlung ausgefallen ist, was macht sie mit der Ware zum Beispiel?

  3. 19.

    "Aufschrei der Jugend.... lächerlich" ???
    Autsch!
    Schon länger her dass Ihre Jugendideale in die Tonne geklopt wurden, oder?
    Als Vater von vier Jugendlichen stimmt mich jeder negative Kommentar auf diese Jugendbewegung traurig.
    Unsere Kinder haben das Recht uns Erwachsenen Fragen zu Problemen zu stellen, die wir bisher nicht zu lösen wussten.
    Das tut uns vielleicht weh, müssen wir aber ertragen.
    Also, an die Arbeit! Auf dass wir unseren Kindern zumindest nicht den Mut für eine lebenswerte Zukunft nehmen!

  4. 18.

    Weil der IPCC zwar ständig meckert aber leider keine realistischen Lösung anbietet. Leider wird den Freitagskindern vorgegaukelt es gäbe Lösungen. Interessant ist auch diese fordern nur immer von anderen, machen aber nichts selber. Die Grünen hätten als sie an der Macht waren nichts gemacht, dass wird auch gern verschwiegen.

  5. 17.

    Unreflektierte ist wohl ihr Kommentar, da Sie nicht im Ansatz verstanden habe was ich schreib. Ich bin im Gegensatz zu ihnen aber auch in der Lage eine Co2 Umlage richtig zu berechnen.

  6. 16.

    Die menschenverachtende Lebensmittelverschwendung in Deutschland schreit zum Himmel!!!
    Leider lässt sich mehr Wertschätzung für Lebensmittel offenbar nur über das Portemonnaie und den Preis erreichen.
    Fakt ist, das in Deutschland Jahr für Jahr immer noch 11 Millionen Tonnen noch brauchbare Lebensmittel im Müll landen.
    Der volkswirtschaftliche Schaden beträgt 20 Milliarden Euro - allein in Deutschland. Die Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt sind verheerend.
    In Frankreich ist es mittlerweile verboten, Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums wegzuwerfen.
    Sie müssen kostenlos an Bedürftige verteilt werden.
    Der größte Lebensmittelhändler in Deutschland EDEKA wirbt mit dem Spruch "Wir lieben Lebensmittel!" - und werfen Sie nach Geschäftsschluss in die Tonne!
    Das ist an Heuchelei kaum zu überbieten!!!

  7. 15.

    Moin,
    es gibt ja nicht nur den IPCC, Umweltprobleme werden schon viel viel länger angemahnt.
    Die Frage ist doch, warum will das niemand hören?

    Ob diese Frage in der ARD Themenwoche beantwortet werden wird bezweifle ich.

    Mfg

  8. 14.

    Lieber Preuße,

    wenn ihnen nichts anderes einfällt, als gegen 10 Packungen Mehl zu lamentieren,
    die Abstandspunkte kennzeichnen sollen,
    finde ich das ausgesprochen gut.

  9. 13.

    "...Menschen wollen sehen, wie Wir untergehen.
    Menschen wollen sehen, dass Wir aufgeben.
    Menschen wollen, dass Wir aufhören unbequeme Fragen zu stellen.
    Menschen wollen, dass Wir aufhören für unsere Zukunft zu kämpfen.
    Menschen wollen unsere Resignation.
    Aber, dass kriegen sie nicht ! "

    Eine feine und starke Dokumentation.
    Einblicke in eine der stärksten und wichtigsten Jugendbewegungen dieser Zeit,
    die sich aus der sehr berechtigten Sorge, um ihre eigene Zukunft, autark zu dieser Grösse entwickelt hat.

    Es stimmt, was darin auch gesagt wurde, die Klimaziele von Paris werden wir nicht erreichen, wenn jetzt nicht radikal umgedacht und sofort gehandelt wird.
    Leider kam dieser beschissenen Virus, bremst auch diese Bewegung aus, aber zeigt auch auf, es gibt genügend
    Geld bzw.Bereitschaft für Schulden in der Politik , für Hilfsprogramme jeglicher Art, die zeitnah bereitstehen.
    Ich finde das gut. Diese Bereitschaft erwarte ich aber auch zur Rettung der Zukunft unserer Kinder.

  10. 12.

    Vielleicht setzen Sie sich mit der Thematik zuerst richtig auseinander bevor Sie unreflektierte Kommentare machen. Der Klimawandel wird um so teurer, je länger man mit Lösungen wartet. Wenn man gar nichts tut wird es am Teuersten.

  11. 11.

    Sie haben vollkommen recht. Bedenklich wie da Ressourcen wie Lebensmittel verschwendet werden von Fridays for Future. Passt aber in das Bild. Letztens hat die Chefin vom Verband "UnternehmensGrün e. V" höhere Preise für Lebensmittel gefordert. Sowas sagt einem doch alles. Der Hunger in der Welt ist den Bio-Lobbyisten eben egal.

  12. 10.

    Unsinn ist dass der IPCC nicht aufzeigt, dass es gar keine wirklichen und bezahlbaren Lösungen gibt. Das konzeptlose Wichtig-Getue der Ökos hat Milliarden gekostet und bislang nichts gebracht. Kann jeder an der Co2-Kurve Deutschlands nachvollziehen. Aber mit Fakten welche nicht in deren Weltbild passen hat es der IPCC nicht so.

  13. 9.

    Das ist Unsinn. Das IPCC wurde nicht geschaffen um den Klimawandel nachzuweisen, sondern um den Stand der Forschung für die Politik aufzubereiten. Das IPCC forscht nicht, es fasst lediglich den Stand der Wissenschaft zusammen. Der Streit findet beim Schreiben der Quellpaper und der Auswahl der Formulierungen im Bericht statt.

  14. 8.

    Das IPCC vertritt aber nicht die Wissenschaft sondern wurde geschaffen, um den Klimawandel nachzuweisen. Deren Publikationen sind entsprechend einseitig. Man kann darauf vertrauen, muss es aber nicht. Wissenschaft ist beständiger Streit, der wird beim Klimawandel aber nicht zugelassen. Damit nimmt man sich die Glaubwürdigkeit selbst. Wir haben als Menschen unbestritten Einfluss, worauf dieser in Summe basiert und wie groß der ist, ist wissenschaftlich eben nicht einheitlich bewertet.

  15. 7.

    Das IPCC wurde 1988 gegründet um politikverträgliche Konsensstandpunkte in Berichte zu fassen, die regelmäßig veröffentlicht werden. Auf die könnte man zum Beispiel hören.

    Mit dem Klima kann man nicht verhandeln. Man kann sich entscheiden wie viel Grad Erwärmung man in Kauf nehmen möchte und hat dann ziemlich harte CO2 Grenzen einzuhalten. Die 1.5-2° die im Pariser Klimaabkommen abgepeilt wurden SIND bereits ein Kompromiss und in keiner Weise eine Maximalforderung. Wenn man sich auf die geeinigt hat muss man halt auch entsprechende Politik machen um das umzusetzen.

  16. 6.


    Wie lächerlich!

    Aufschrei der Jugend...?

    wenn sich einer von 1.000 Jugendlichen für dieses Thema interessiert, ist das hoch angesetzt.

    Wenn man immer wieder dieselben Demonstranten zeigt und behauptet, dass sei "die Jugend" ist das völlig irreführend

    .

  17. 5.

    Auf welche Wissenschaftler sollen wir da genau hören? Es wird ja immer so getan und hingestellt, als wären die sich zu 100% in allen Punkten einig. Dem ist aber eben nicht so. Dieser Panikmodus ist weder richtig noch zielführend und es ist schlicht zu einfach, alles auf den Klimawandel zu schieben. Ja, wir müssen was ändern und das auch zeitnah, aber mit Bedacht und Vernunft. Da sehe ich weder FFF auf der einen, noch die echten Klimawandelleugner auf der anderen Seite im Recht. Die Wahrheit und auch die Lösung liegen dazwischen. Maximalforderungen sind selten richtig, auch hier nicht.

  18. 4.

    Danke fürs Wahrnehmen, Zuhören und Dokumentieren.

  19. 3.

    Fleißig gelernt haben die Wissenschaftler die seit über dreißig Jahren Alarm schlagen schon. Es wird langsam Zeit, dass man auf sie hört und handelt.

  20. 2.

    Es ist um ein vielfaches nachhaltiger, wenn fleißig gelernt wird, damit man an der Entwicklung geschlossener Stoffkreisläufe mitarbeiten kann statt "rumzuhängen". Was gibt es da für großartige Erfolge und noch mehr neu zu erfinden - Schaffen und Bildung kann man nicht ausgleichen, schon gar nicht wenn man anderen erzählen will, was die zu tun haben. Der Wert eines Menschen ist auch daran zu messen, wie hoch sein "Einzahlen" in die Solidargemeinschaft ist. Ja, Moral ist messbar...

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