Frau mit Kinderwagen sitzt auf einer Bank im Flur des Amtsgerichts Berlin-Neukölln (Quelle: dpa/Rolf Kremming)
Bild: dpa/Rolf Kremming

Trotz steigender Gewaltkriminalität - In Berlin suchen Opfer von Straftaten seltener Unterstützung

Im neuen Jahresbericht lobt der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber steigende Staatsausgaben für Opfer. Gleichzeitig beklagt er, dass 2019 weniger Opfer Hilfe suchten - trotz steigender Gewaltkriminalität. Der rbb berichtet exklusiv. Von Ulf Morling

So hoch waren die Berliner Opferzahlen in den letzten Jahren nie: Allein 2019 gab es insgesamt 82.954 registrierte Opfer von Straftaten. Das entspricht zwar nur einer Steigerung von etwa zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr - es sind aber immerhin 1.691 Berlinerinnen und Berliner mehr, die Opfer von Straftaten wurden. "Das ist ein besorgniserregender Zustand", beklagt der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber, der jetzt den "Siebten Bericht zur Situation der Opfer von Straftaten im Land Berlin (2019)" vorlegt.

In den Opferzahlen enthalten sind Mord- und Totschlag, die im letzten Jahr um zwölf Fälle zunahmen. Die schweren Sexualstraftaten nahmen laut polizeilicher Kriminalstatistik um 18,5 Prozent zu - das allein sind 142 Menschen, die für ihr Leben geschädigt sein können.

Doch während in München im Berichtszeitraum bis zu zwölf Mal mehr Opfer Hilfe suchten oder sich als Nebenklägerinnen und Nebenkläger im Strafprozess unter staatlicher Mithilfe beteiligten, geht eben diese Zahl in Berlin zurück - ausgerechnet in dem Bundesland, das als erstes im Jahr 2012 einen Opferschutzbeauftragten ernannte. "Das können wir nicht hinnehmen! Wir müssen dringend etwas tun", sagt Opferschutzbeauftragter Weber dem rbb.

Opfer fühlen sich allein gelassen

Doch warum suchen in Berlin so wenige Opfer Hilfe? Im Opferbericht 2019 führt Weber unter anderem an, dass es in der Hauptstadt ein "dichtes Angebot in allen Teilbereichen des Opferschutzes" gebe, das von den Betroffenen angenommen würde - wenn sie denn davon wüssten.

Genau da liegt das Problem, so der Opferbeauftragte. Trotz der gesetzlich vorgeschriebenen frühzeitigen Informationspflicht würde in Berlin nur ein Teil der hilfesuchenden Opfer von der Polizei über mögliche Hilfsangebote früh informiert. Wie viele das genau sind, ist unklar. Laut einer Befragung von 1.000 Opfern, die in der Zeugenbetreuungsstelle im Amtsgericht Tiergarten durchgeführt wurde, sind die meisten Opfer erst von der Gewaltschutzambulanz (30 Prozent) und von Richtern über die Anlaufstellen in Berlin informiert worden. Im letzteren Fall also zu einem sehr späten Zeitpunkt - oft mindestens Monate nach der Tat. Nur 0,5 Prozent gaben an, dass sie von der Polizei auf die Zeugenbetreuung aufmerksam gemacht wurden. Laut Webers Opferbericht nehmen "unter 10 Prozent" aller Betroffenen die Opferhilfen überhaupt in Anspruch.

Möglichkeiten in Berlin für Opfer

Dabei gibt es zahlreiche Anlaufstellen in Berlin. Unter anderem das Opferschutzgesetz von 1986, das Zeugenschutzgesetz zwei Jahre später und die gesetzliche Reform der Opferrechte 2004 hatten bundesweit die Rechte von Opfern verbessert und gestärkt. Seit über einem Vierteljahrhundert existiert die Landeskommission Berlin gegen Gewalt [berlin.de]. Auf deren Homepage sind auch viele kostenfreie Hilfsmöglichkeiten für Opfer aufgeführt, angefangen von der Opferhilfe e.V. bis hin zur Berliner Gewaltschutzambulanz. Die Gewaltschutzambulanz kann seit 2014 Körperverletzungen auch bei häuslicher Gewalt rechtsmedizinisch beweissicher feststellen. Die Opfer können später entscheiden, ob sie Polizei hinzuziehen und Anzeige erstatten.

Im letzten Jahr sind laut Opferbeauftragtem die "Rohheitsdelikte" an Opfern von Straftaten auf dem höchsten Stand seit 2010. Die Inanspruchnahme der Gewaltschutzambulanz an der Charité ist, so Weber, entsprechend stark angestiegen: von 1.381 Opfern im Jahr 2018 auf 1.540 Opfer im Jahr darauf, die die Untersuchungsstelle aufsuchten. Zur Gründung vor knapp sechs Jahren kamen nur 307 Opfer in die Gewaltschutzambulanz.

Die Opferhilfe Berlin e.V. vermittelt Beratung und unterstützt Opfer. Ihre Zeugenbetreuungsstelle im Kriminalgericht Moabit informiert und begleitet Betroffene und deren Angehörige zu Prozessen, in denen sie aussagen müssen. Neben der meist kostenlosen Bestellung von Anwältinnen und Anwälten als Nebenklagevertreter gibt es seit 2017 auch die Möglichkeit, als Opfer einer schweren Gewaltstraftat eine kostenfreie psychosoziale Prozessbegleitung beim Gericht zu beantragen, um den Prozess durchstehen zu können.

Berlin: Schlusslicht bei Opferbetreuung unter vier Großstädten

Zügig, zeitnah und schriftlich müssen Opfer von Straftaten über Hilfsangebote, deren Adressen und rechtliche Möglichkeiten laut Gesetz informiert werden. Da Polizisten oft als Erste am Tatort sind oder bei der Anzeigenaufnahme die Opfer und möglicherweise deren Angerhörige sehen, sollten sie dies übernehmen. Doch das sei personell und zeitlich oft gar nicht zu schaffen, zumal sie schnell zum nächsten Einsatz gerufen würden, hätten viele Beamte ihm gegenüber beklagt, sagt Opferbeauftragter Weber. Zu seinen Aufgaben gehört auch, zu den Hilfseinrichtungen des Opferschutzes Kontakt zu halten, Verbesserungen in der Senatsverwaltung vorzuschlagen und die Umsetzung zu beobachten. Zwar sollten die Polizisten mittlerweile ein Informationsblatt aushändigen, doch geschehe das nicht immer.

"Auf Betroffene mit einem Informationsblatt zu reagieren, funktioniert in der Praxis schlecht", sagt Weber. Die Menschen hätten es schnell wieder vergessen oder verdrängt. Eine wichtige Unterstützung sei es hingegen, zwei bis drei Tage nach dem Vorfall noch einmal aktiv auf die Opfer zuzugehen, "um ihnen eine individuelle, auf sie zugeschnittene Hilfe anzubieten", die obendrein kostenlos sei, heißt es im Opferbericht 2019. "Das klappt dann häufig wieder nicht aus personellen Gründen", sagt der Opferbeauftragte.

Ein kurzes informatives Gespräch der Polizisten nach einer Tat mit dem Opfern helfe hingegen "enorm". So würden in der bayerischen Landeshauptstadt fast doppelt so viele Opfer als Nebenkläger in einem Strafprozess auftreten - und das bei einer deutlich geringeren Kriminalität als in Berlin. Laut Weber "liegt Berlin hinten" im Vergleich mit München, Köln und Hamburg, wenn es um die Teilnahme von Opfern als Nebenkläger beim Strafprozess oder den Täter-Opfer-Ausgleich geht, der einen angeleiteten Kontakt zwischen Opfer und Täter zur Wiedergutmachung möglich machen soll.

Opferhilfe: Hälfte der Opfer wird nicht angemessen unterstützt

Die Polizei habe auf den Missstand bereits reagiert, sagt Weber. Neben den örtlich zuständigen Opferschutzbeauftragten in den fünf Berliner Direktionen gäbe es inzwischen beim LKA1, das für "Delikte am Menschen" zuständig sei, eine Opferschutzbeauftragte, "die mit hohem Fachwissen und Empathie mit den Hinterbliebenen spricht". Insbesondere zeige sie unterschiedliche Möglichkeiten und Wege zur schnellen Hilfe auf.

Allerdings gebe es insgesamt ein personelles Problem: Die Polizei habe nicht die Räumlichkeiten und finanziellen Mittel, "um eine solch gute Hilfe auf allen Ebenen, wie es geboten wäre, anbieten zu können." Vielfach würden hochtraumatisierte Opfer von Sexualstraftaten und Körperverletzungen deshalb nicht angesprochen werden können. "Das kann die Polizei leider nicht bieten. Sie bräuchte eine Vielzahl geschulter Kräfte. Das gibt der Haushalt leider nicht her."

Modul "Opferschutz" soll dauerhaft in Polizeiausbildung

Um mit vorhandenen Ressourcen trotzdem die Opfer von Straftaten bestmöglich informieren zu können, soll das Modul "Opferschutz" dauerhaft in die Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten integriert werden. Da sei er sich mit der Polizei einig, so Roland Weber. So könne man hoffentlich erreichen, die Opfer noch am Tatort eventuell besser über ihre Rechte und Möglichkeiten der Unterstützung aufzuklären. Das im letzten Jahr in der Senatsverwaltung für Justiz gegründetem Referat "Opferschutz und Opferhilfe" sei eine "entscheidende Verbesserung".

So könne er seine Erfahrungen und Erkenntnisse in der Senatsverwaltung vortragen, wodurch schnelle Verbesserungen für Opfer möglich seien. Das Referat halte auch direkten Kontakt zu den Opferhilfeeinrichtungen Berlins. Für das laufende Jahr 2020 sieht der Opferbeauftragte eine leichte Entspannung: Aufgrund der Corona-Pandemie rechnet er mit weniger angezeigten Vergewaltigungen und Körperverletzungen zumindet auf der Straße. Damit würde sich die Situation der Opfer von Straftaten wahrscheinlich verbessern.

6 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 6.

    Immer wieder interessant, wenn man bei allen Beschwichtigungen, Kriminalität gehe immer mehr zurück, solche Beiträge gewisse Probleme an die Oberfläche bringen.
    Aber es ist gut, dass dies thematisiert wird.
    Was im Bericht allerdings untergeht: Dass viele Bürger wissen, dass mit einer Anzeige ihre Probleme doch erst losgehen.

  2. 5.

    Da kann ja mal der Autor U. Morling sich mit einem Opfer unterhalten, dass man 2017 südlich von Berlin zum Krüppel geschossen hat! Welche Opferhilfe diesem Opfer vom Staat bis jetzt gewährt wurden und wie dieser Staat diesem Opfer bis jetzt bei der Erlangung von Entschädigungen Unterstützung leistete, den der Täter hat sich kurz nach der Tat selbst erschossen. Solche Schlaraffenlandberichte sind nicht immer sinnvoll.

  3. 4.

    Opfer, Zeugen, Anghörige bräuchten Hilfe ?
    Und bekommen ein Blatt Papier mit Adressen und Telefon-Nr. von Organisationrn die helfen ? Nein, Hilfe vermitteln ! - Warum soll sich ein Nichttäter der Polizei oder der Justiz anvertrauen ? Wo doch die Politik davor warnt der Polizei zu vertrauen und Ihr hinterher spioniert ..

  4. 3.

    Es gibt ganz deutlich in Berlin eine Tendenz in allen Bereichen und Ebenen der Verwaltung, der Justiz, der Rechtsbeistände, auf der Seite der Täter zu stehen. Das erfahre ich in dieser Stadt seit Jahrzehnten in zum Glück vergleichsweise harmloseren Fällen. Ich möchte gar nicht wissen, was mir als "Opfer" schwerer Straftaten blühen würde.

  5. 2.

    Die OPFER werden selbst am besten wissen warum. Wer nach gut zehnjährigen Erfahrungen mit dem LAGeSo hier in Berlin, sowie der Judikative nicht die gleichen Erfahrungen möchte wie ich...
    keine Empathie, wenig Fachwissen, keine Ünterstützung, bis hin zur groben Fahrlässigkeit, vielleicht sogar Vorsatz bei den Ermittlungen, bzw Unterdrückung von Beweismitteln, dem kann ich nur dringend davon abraten es mir gleich zu tun.

  6. 1.

    ...vielleicht ein Ausdruck mangelnden Vertrauens in die Landes-/ Justizpolitik?

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren