Foyer des Amtsgerichts Tiergarten (Bild: imago images/Olaf Wagner)
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Audio: rbb 88.8 | 20.11.2020 | Ulf Morling | Bild: imago images/Olaf Wagner

Bewährungsstrafe - Kind stirbt nach Badewannen-Unfall - Pflegemutter verurteilt

Nach dem Tod eines kleinen Mädchens in einer Badewanne ist die Berliner Pflegemutter zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das Amtsgericht Tiergarten sprach die Frau am Freitag der fahrlässigen Tötung schuldig.

Die 56-Jährige hatte im Mai 2019 den Stöpsel gezogen und war mit einem ein Jahr alten Kind schon aus dem Badezimmer gegangen. Das Mädchen im Alter von zwei Jahren und acht Monaten blieb noch in der noch gefüllten Wanne sitzen. Das unbeaufsichtigte Mädchen sei mit dem Kopf unter Wasser geraten und beinahe ertrunken. Das Kind habe zunächst mit schweren Hirnschäden überlebt. Zwei Wochen später sei es in einem Krankenhaus verstorben.

Gericht spricht von "kurzzeitigem Augenblicksversagen"

Die Frau soll zwei bis drei Minuten lang das Mädchen in der Badewanne sitzen gelassen haben, um sich um das einjährige Baby zu kümmern. Ein "kurzzeitiges Augenblicksversagen" habe letztlich zu dem tragischen Tod geführt, hieß es von den Richtern.

Der Staatsanwalt hatte zehn Monaten Haft auf Bewährung gefordert. Es habe sich um eine hohe Sorgfaltspflichtverletzung gehandelt, hieß es in seinem Plädoyer. Der Verteidiger sprach sich für eine Geldstrafe aus. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Pflegemutter: "Ich würde mit ihr tauschen, wenn ich könnte"

Die Angeklagte aus dem Stadtteil Hohenschönhausen war damals Pflegemutter von zwei Geschwistern. "Wir hatten sie in unser Herz geschlossen", so die 56-Jährige. Am Abend, als es zur Tragödie kam, sei ihr Ehemann nicht zu Hause gewesen. "Sonst war er da, wenn ich sie badete." Weil der damals einjährige Junge schrie und aus der Wanne wollte, habe sie mit ihm kurz das Badezimmer verlassen und ihn angezogen. Das Wasser in der Wanne habe maximal zehn Zentimeter hoch gestanden. Als sie zurückkam, habe das Mädchen "mit dem Gesicht im Wasser gelegen".

Unter Tränen erklärte die Angeklagte: "Ich würde mit ihr tauschen, wenn ich könnte. Es tut mir unendlich leid." Als sie kurz mit dem Einjährigen das Badezimmer verließ, habe sie gedacht, ihrer Pflegetochter, die sicher allein stehen konnte, könne in der mit einer Antirutschmatte ausgestatteten Badewanne nichts passieren. Bis heute befinde sie sich in psychologischer Behandlung.

11 Kommentare

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  1. 11.

    Wofür ist die Reaktion der leiblichen Mutter wichtig? Und was spricht dagegen, der Pflegemutter weitere Kinder anzuvertrauen? Erstens hat sie nach bestem Wissen und Gewissen und menschlich nachvollziehbar gehandelt, und zweitens wird sie künftig bestimmt kein Kind mehr unbeaufsichtigt lassen. Bitte etwas mehr Respekt vor Menschen, die wirklich viel leisten - auch wenn dabei einmal ein furchtbarer Unfall passiert.

  2. 10.

    Ich war zufällig Zuschauer der Verhandlung. Ich weiß nicht, ob ich jetzt diesen Zufall positiv oder negativ sehe, es ist mir recht nahe gegangen.
    In anderen Fällen sagen die Angeklagten, dass sie die moralische Verantwortung übernehmen, aber sich juristisch herauswinden. Hier ist es so, dass die Pflegemutter die juristischen Konsequenzen trägt, ohne dass ich ihr was moralisch vorwerfen kann.
    Ich habe selbst zwei Kinder, und ich muss sagen, dass hätte mir auch passieren können. Jeder hatte mal einen Moment der Unachtsamkeit, nur meistens ist nie etwas passiert. Das hat der Richter auch gesagt, er hat selbst noch minderjährige Kinder. Er hat es verglichen mit anderen Momenten der Unachtsamkeit, z.B. im Straßenverkehr, die auch jedem schon passiert sind. Über Unachtsamkeiten kann man auch hinwegblicken, aber wenn jemand zu Tode kommt, dann muss es geahndet werden.
    Selbst die Mutter hat gesagt, dass die Tagesmutter nichts falsch gemacht, beide haben heute noch ein gutes Verhältnis.

  3. 9.

    Ich sehe hier eher einen tragischen Unfall. Ein Kind von über 2 Jahren kann sich normalerweise in einer Badewanne über Wasser halten (aufstehen, hochziehen. Warum das dem Kind nicht gelang kann natürlich an hier nicht beschriebenen Umständen liegen. Das hätte mir und jedem anderen auch passieren können. Die Pflegemutter ist durch den Tod des Kindes getraft genug. Tragisch, aber aus meiner Sicht eher ein Unfall als eine Straftat.

  4. 8.

    War die leibliche Mutter Nebenklägerin und welche Reaktion kam von ihr? Der Pflegemutter dürfen in Zukunft keine jungen Kinder mehr anvertraut werden.

  5. 7.

    Hier haben alle verloren und werden die Bilder nie los werden....ein mehr als tragischer Schicksalsschlag.....unendlich bedauerlich.

  6. 6.

    Ja, eben: "Hätte". Grammatisch 'Konjunktiv II' genannt - oder 'Irrealis'. - Wie oft haben Sie bereits alleine ein einjähriges und ein knapp dreijähriges Kind betreut?

  7. 5.

    Der Unfall hätte auch praktisch verhindert werden könne. Man lässt kein Kind alleine in der Wanne. Das Alter der Pflegemutter lässt vermuten, dass sie genug Lebenserfahrung hat um dies zu7 wissen.

  8. 4.

    Wieso? Sie wurde nicht wirklich verurteilt, eher symbolisch. Das ist eine stärke des Rechtsstaates. Warum es hierfür nun ne Lobby bedarf, aber das ist heutzutage eh so ein Begriff der je nach Bedarf herhallten muss, erschließt sich mir nicht. Außerdem verwechseln sie Rechts- mit Sozialstaat.
    Sie hat einen Moment, aus nachvollziehbaren Gründen, nicht aufgepasst. In dem etwas sehr tragisches passierte. In der Strafhöhe , spiegelt sich ihre "Lebenslange " Gewissenstrafe wieder, die sie sich selbst auferlegt. Die Dame tut mir vom ganzen Herzen leid, das Urteil geht aber trotzdem in Ordnung.

  9. 3.

    Schrecklich. Ich denke, die Pflegemutter muss sich klar darüber werden, dass das ein schrecklicher Unfall war, an dem sie, wenn überhaupt nur eine minimale Schuld trägt. Sie hat versucht, alles richtig zu machen, und hat nach normalem menschlichen Ermessen eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen. Ganz bestimmt hat sie nicht aus Bequemlichkeit oder anderen egoistischen Motiven so gehandelt. Wenn die Staatsanwaltschaft hier von "hoher Sorgfaltspflichtverletzung" spricht, halte ich dies für realitätsfern. Es ist tragisch, aber es war ein Unfall. Wie alle Unfälle hätte er theoretisch verhindert werden können, doch das ist wie so oft eben vor allem Theorie.

  10. 2.

    Diese Pflegemutter zu verurteilen zeigt die fehlende Lobby der Pflege.
    Wo sind dabei die Angaben der Zeit, in der sie sich um fremde Kinder kümmerte, weil die eigenen Eltern versagten?
    Ich schäme mich für unseren angeblichen Sozialstaat.

  11. 1.

    Die arme Frau tut mir sehr leid. Das wird sie wohl ihr ganzes Leben lang begleiten.

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