Collage: Blick auf den Berliner Dom 2008 und 2020 (Quelle: imago images/Rolf Zöllner)
Bild: imago images/Rolf Zöllner

10 Jahre Google Street View - Gefangen in der Zeitkapsel

Vor zehn Jahren wurde Google Street View in Deutschland veröffentlicht. Wegen eines Datenschutzstreits stellte der Dienst nur wenige Orte hierzulande online - und hielt damit unfreiwillig Zeitgeschichte fest, zum Beispiel in Berlin. Von Sarah Mühlberger und John Hennig

Im Juli 2008 fuhren die ersten Google-Street-View-Autos durch Deutschland. Sie fotografierten die Straßenzüge der Städte. Doch in Deutschland regte sich Protest wie nirgends sonst auf der Welt. Menschen legten zu Tausenden Widerspruch gegen die Veröffentlichung der Bilder ihrer Hausfassaden ein.

Google verlor die Lust. Am 18. November 2010, also vor zehn Jahren, veröffentlichte der Dienst die deutschen Aufnahmen, nur aus ausgewählten Städten und viel weniger das Land abdeckend als anderswo - und seitdem, ebenso im Gegensatz zum großen restlichen Teil der Welt, hat der Online-Dienst sie auch nicht mehr aktualisiert.

So schuf Google unfreiwillig ein zeithistorisches Dokument. Der folgende Beitrag erschien erstmals am 23. Juli 2018 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Aufnahmen.

Wer sich bei Google Street View durch Berlin bewegt, macht eine kleine Zeitreise: Der Flughafen Tempelhof ist noch in Betrieb und für Unbefugte gesperrt, Flugzeuge starten und landen hier, die Deutschlandhalle hinter der Avus-Tribüne steht noch, hier spielt der ECC Preussen Berlin sogar noch Eishockey, und die Neuköllner Weserstraße ist eine verträumte Nebenstraße.

In der Brunnenstraße in Mitte sind die Transparente von Besetzern zu lesen. Die Berliner Polizei ist noch in grün unterwegs, die Stadt voller Internetcafés sowie Schlecker- und Kaiser's-Filialen. Vor Mustafa's Gemüse Kebap steht nur ein Kunde, stattdessen kehren ein paar vereinzelte Touristen ein paar Meter weiter bei Curry36 ein.

Zehn Jahre ist es her, dass Google schwarze und weiße Opel Corsa durchs Land schickte, auf dem Dach ein auffälliges Stativ und 360-Grad-Kamera. Anfangs noch weitgehend unbemerkt, fingen die Autos im Sommer 2008 an, Häuser und Straßen, Sehenswürdigkeiten, Geschäfte und Baustellen zu fotografieren.

Das Berlin, das die Kameras damals aufnahmen, ist bis heute das Berlin, das Google-Nutzer sehen, die den Dienst Street View nutzen: etwa, weil sie eine neue Wohnung oder Ferienunterkunft suchen und sich die Gegend schon einmal ansehen wollen. Während das Kartenmaterial bei Google Maps und die Luftbild- sowie Satelliten-Aufnahmen bei Google Earth seither mehrfach aktualisiert wurden, konserviert Google Street View das Berlin des Jahres 2008.

Das Sehen des eigenen Hauses weckte Ängste

Das hängt vor allem mit der Aufregung zusammen, die es 2010 rund um die Veröffentlichung der Aufnahmen gab. Die Sorgen waren damals groß und vielfältig: Was, wenn sich Einbrecher künftig im Netz die schönsten Häuser und besten Einstiege ausgucken und Bankberater mit einem Blick auf die Nachbarschaft des Kunden den Kredit verweigern würde? Und natürlich: Was würde Google mit all den Daten machen?

"Wir hatten in Deutschland eine ziemlich intensive Debatte über Street View, weil vielen Menschen erst über das plastische Sehen ihres Hauses bewusst wurde, welche Datenmacht ein Konzern wie Google hat", erinnert sich der Netzaktivist Markus Beckedahl, "und obwohl es eigentlich - im Gegensatz zu vielen anderen Daten, die Google über uns sammelt - nicht so invasive Daten waren, nämlich Häuser von außen, die jeder sehen kann, haben sie Ängste geweckt."

Deutschland als Sonderfall

Deutschland wurde für den Internetkonzern zum Sonderfall. Denn aufgrund der zunehmenden Nervosität wurde hierzulande den Menschen die Möglichkeit eingeräumt, der Veröffentlichung von Aufnahmen ihres Wohnhauses zu widersprechen; die Verbraucherzentralen rieten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. 244.000 Mieter und Hauseigentümer legten schließlich Einspruch ein, ihre Wohnhäuser waren zum offiziellen Start im November 2010 verpixelt - und werden es bleiben, selbst wenn in vielen Häusern heute schon andere Menschen wohnen und die Aufregung längst nachgelassen hat.

Während die restliche Welt seither weiter vermessen und bis in den letzten verschneiten Bergwinkel ausgeleuchtet wurde, ist Deutschland digital noch immer ähnlich unerforscht wie in Europa nur Weißrussland, Moldawien, Kosovo oder Bosnien-Herzegowina. Bis zuletzt stand noch Nachbar Österreich ähnlich blank im Netz. Doch dort startete Google Street View just vor zehn Tagen - und das sogar mit neuen Aufnahmen.

Ein Fahrzeug von Google Street View macht am 02.05.2018 im Bezirk Kreuzberg in Berlin Aufnahmen mit einer Spezialkamera (Quelle:dpa/Steinberg)
Google schickt weiterhin Kamera-Autos durch Deutschland - veröffentlicht werden die Bilder allerdings nicht. | Bild: dpa/Steinberg

Neue Aufnahmen soll es nicht geben

Deutschland dagegen kommt noch immer in der Optik von 2008 daher. Und selbst das gilt nur für die zwanzig größten Städte. Dabei wurde eigentlich - was viele nicht wissen - ganz Deutschland von den Kameras erfasst. Doch Google verzichtete darauf, sich nach den vielen Widersprüchen die Mühe zu machen, auch kleinere Orte und Straßen online zu stellen.

Daran wird sich auch vorerst nichts ändern. "Wir haben derzeit keine Pläne, neues Bildmaterial von deutschen Straßen in Street View verfügbar zu machen", teilt Google auf Anfrage von rbb|24 mit. "Wir würden gerne aktualisieren", sagt Lena Heuermann, Pressesprecherin von Google Deutschland, "aber deutsche Datenschutzbestimmungen verhindern das leider."

Der Standpunkt von Google verwundert

Das sorgt für Verwunderung, etwa bei Sven Müller, dem verantwortlichen Mitarbeiter der Brandenburger Landesbeauftragten für Datenschutz: Dass Google in seiner Stellungnahme behauptet, deutsche Bestimmungen würden die Aktualisierung des Bildmaterials verhindern, "erschließt sich uns nicht". Erstens seien die Aufnahmen aus zwanzig deutschen Städten ja längst online: "Auch diese Städte unterliegen dem Datenschutzrecht." Zweitens stelle das Datenschutzrecht seit dem 25. Mai 2018 in der gesamten Europäischen Union durch die neue Grundverordnung einen einheitlichen Standard dar. "Eine Google-Regelung nur für Deutschland gibt es jedenfalls nicht", so Müller.

"Möglicherweise spielt Google auf die Sonderregelung an, dass Menschen sagen konnten, ich möchte nicht, dass mein Haus sichtbar ist", glaubt Beckedahl. Durch Street View wurde eine öffentliche Debatte geführt, die dem Unternehmen nicht genehm war. Und Beckedahl glaubt, dass Google auch sehr davon überrascht wurde, wie massiv die Proteste und wie groß die Ängste waren und dass Deutschland ein sensibler Markt ist, was die Privatsphäre betrifft.

Private Aufnahmen ergänzen den Dienst

Die Kamera-Autos von Google sind trotzdem weiterhin regelmäßig auf deutschen Straßen zu sehen - so auch in diesem Sommer. Allerdings sollen die Aufnahmen nicht veröffentlicht werden, sondern dienen laut Google nur dazu, das Kartenmaterial des Unternehmens, etwa für Maps, zu verbessern. Denn mithilfe der 360-Grad-Kameras können auch neue Straßen- und Geschäftsnamen erfasst und abgeglichen werden.

Derweil umgeht Google das Problem der fehlenden Aktualisierung. Denn über die Street View App kann jeder selbst aktuelle Bilder hochladen und verorten. Die werden zwar nicht mit den existierenden abgeglichen, sondern zusätzlich als kleine Punkte an den Straßenrand verortet. Verantwortlich für die Einhaltung der Privatsphäre und das Verpixeln von Gesichtern und Nummernschildern sind die Nutzer. Fleißige Freizeit-Weltvermesser helfen Google damit aber erheblich, den Dienst zu erweitern - etwa Frank Mahnke, der an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern das längste zusammenhängende Wegenetz Brandenburgs in Street View einstellte, so dass man ihn virtuell auf seinen Spaziergängen und Wanderungen durch die Wälder und rund um die Seen nahe Rheinsberg begleiten kann.

Doch was hierzulande nicht möglich ist: Während in vielen anderen Ländern durch die aktualisierten Aufnahmen in einer Zeitleiste beobachtet werden kann, wie sich Orte verändern, bleiben Deutschland und Berlin weitgehend auf dem Stand von 2008.

Blick in die Kantstraße (Bild: rbb/Rike Runge)
| Bild: rbb/Rike Runge

Trotz der Probleme auf dem sensiblen deutschen Markt hat Google seine Marktposition gefestigt und sogar noch ausbauen können: "Kein Konkurrent war in der Lage, etwas ähnliches nachzubauen", sagt etwa Beckedahl.

Denn es gab und gibt durchaus Konkurrenten, die ebenfalls interaktive Kartendienste und Stadtbesichtigungen anbieten: Auch die setzen auf 360-Grad-Panoramen, Vogelperspektiven, Luft- und Satellitenbilder und zeigen sogar Hausfassaden. Man denke nur an Immobilienportale. Oder die Stadt Berlin, die über ihre Marketing-Gesellschaft Berlin Partner ein "Business Location Center" kreiert hat. "Alle zwei Jahre wird Berlin überflogen, um Ansiedlungen und Bauprojekte zu überblicken", erklärt Stefan Franzke von Berlin Partner. Mittlerweile gibt es die Stadt dort sogar als 3D- und Open-Data-Modell. Aber als erstes denken viele bei Karten trotzdem an Google, weil das Unternehmen am professionellsten und auffälligsten vorging, findet Beckedahl, "vor allem, weil es viele damit verbundene Dienstleistungen anbietet, was es schwer für Konkurrenten macht, den Wettbewerb aufzunehmen".

Blick in die Chausseestraße am BND (Bild: rbb/Rike Runge)
| Bild: rbb/Rike Runge

BND-Neubau, IGA-Gelände und Stadtschloss sind nur zu erahnen

Doch was bleibt, sind die gerade in der schnelllebigen Gegenwart seltsam unaktuellen Aufnahmen von Street View in Deutschland und Berlin. Die ein Land und eine Stadt zeigen, die es heute an vielen Orten gar nicht mehr so gibt.

Aus den Kindern, die auf den Aufnahmen noch im Kinderwagen geschoben werden, sind mittlerweile Fünftklässler geworden. Berlin ist zudem rasant gewachsen - heute leben 350.000 Menschen mehr hier als noch vor zehn Jahren. Wie das allgemeine Wachstum, der Zuzug, aber auch der Tourismus oder die Flüchtlinge samt der eingerichteten Unterkünfte das Stadtbild verändert haben, lässt sich außer anhand einiger Baustellengruben und -kräne nicht mal erahnen.

Mitunter führt Street View noch in Industriebrachen, Sackgassen oder auf grüne Wiesen, wo in der Zwischenzeit moderne Schnellstraßen oder ganze Stadtviertel hochgezogen wurden, etwa rund ums Südkreuz oder am Wissenschaftsstandort Adlershof. "Es ist nicht wirtschaftsschädlich für Berlin, wäre aber positiver, wenn es aktuelleres Material geben würde", sagt deshalb auch Franzke von Berlin Partner.

Denn wie sehr sich die Stadt seit 2008 gewandelt hat, zeigt sich gerade auch durch die Dinge, die Street View nicht zeigt: Primark-Filialen, Burgerläden, Tattoo-Studios, Shisha-Bars, neue Wohnareale und geschlossene Baulücken, aber eben auch Großprojekte wie den BND-Neubau, den Gleisdreieck-Park, das IGA-Gelände und (das bald fertig gestellte) Stadtschloss.

Wie diese Orte vor zehn Jahren und heute aussehen, zeigt unsere Bildergalerie.

Beitrag von Sarah Mühlberger und John Hennig

4 Kommentare

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  1. 4.

    Weiß doch jeder halbwegs rational denke Mensch, dass die Google Bilder (auch google maps) nie aktuell sind. Ganz klein unten rechts stehts ja auch, aus welchem Jahr die Aufnahmen sind. Eine Verpflichtung, dass private Anbieter die Aufnahmen ständig aktualisieren müssen, besteht ja nicht. Letztendlich steht auch bei den google Bildern die philosophische Aussage: Die Eindrücke von heute sind morgen schon Geschichte.

  2. 3.

    ..und keiner sieht die Schattenseiten.
    Beängstigend wie alles zubetoniert wird, hat weg die Bäume. Braucht ja eh kein Mensch oder Tier...
    Eine Schande, was aus dieser Stadt (in nur 10 Jahren) geworden ist.

  3. 2.

    Nicht nur für Bauwerke ist das interessant, sondern für Straßen mit Baumbestand in Prenzlauer Berg z.B. auch: man kann durch seine alte Heimat gehen, die man heute kaum wieder erkennt. Dann wird auch klar, welches Flair man dort jetzt vermisst. Zeitkapsel ist gut, ich habe mir Ansichten gesichert.

  4. 1.

    Jeder der sich vermeintlich versteckt, erweckt damit erstmal richtig Aufmerksamkeit für sich.
    Damit wird Google zum Wegweiser "interessanter Orte" Motto, ich bin/habe was besonderes, muss mich verstecken.

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