Fallschirmspringerin Kaethe Paulus, 1890. (Quelle: dpa/akg-images)
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Flugpionierin Käthe Paulus - Ihre Spezialität war der Doppelabsturz

Als Flugpionierin musste Käthe Paulus nicht nur die Schwerkraft überwinden, sondern auch viele Vorurteile. Sie war eine Artistin der Lüfte - und der von ihr entwickelte Paketfallschirm aus Berlin-Reinickendorf wurde im Krieg zum Lebensretter. Von Franziska Walser

 

Käthe Paulus Aufstieg zur "Primadonna der Lüfte" beginnt mit einem harten Aufprall auf dem Boden der Realität: Bei einem tragischen Unfall verliert sie erst ihren Verlobten, wenig später den nur vier Jahre alten Sohn. Aber wenn die "Aeronautin" eines konnte, dann ins Risiko gehen: Statt aufzugeben investiert die junge Frau in den Kauf von vier Ballons. Bald danach tourt sie – ganz ohne männliche Begleitung – als "Miss Polly" durch die europäischen Großstädte und vollführt spektakuläre Stunts wie den von ihr erfundenen "Doppelabsturz".

In ihren Lebenserinnerungen schreibt sie rückblickend: "Ich gestehe gerne, dass der Entschluss zum Absturz in die Tiefe eine große Überwindung kostet ... Es erzeugt ein gruseliges Gefühl, aber: Den Mutigen gehört die Welt."

Er landete ihr zu Füßen

Am Anfang von Käthe Paulus' Leben deutet nichts darauf hin, dass ihr einmal die Welt – geschweige denn der Luftraum - gehören sollte. "Käthchen" wird am 22. Dezember 1868 in Zellhausen bei Offenbach in eine einfache Handwerkerfamilie geboren. Als der Vater früh stirbt, lernt sie "Kleidermacherin", um die Familie zu unterstützen. Im Nachhinein war es die perfekte Berufswahl für eine Fallschirmerfinderin.

Der Legende nach landet ihr zukünftiger Liebhaber und Flugpartner bei einer Kur in Wiesbaden mit seinem Fallschirm direkt vor den Füßen des 21-jährigen Mädchens: Der Luftschiffer und Fallschirmspringer Hermann Lattemann. "Seine Kühnheit und Unerschrockenheit imponierten mir, und als er mich einlud, eine Fahrt im Ballon mit ihm zu machen, war mein Entschluss gefasst: Ich musste Luftschifferin werden", schreibt Käthe Paulus später in ihren Erinnerungen.

Ohne Trauschein über den Wolken

Lattemann überträgt ihr die Aufgabe, die Ballone und Fallschirme nach seinen Flugabenteuern zu flicken. Ein echter Vertrauensbeweis, denn von diesem Material hängt sein Leben ab. Die beiden verlieben sich und bekommen einen Sohn, ganz ohne Trauschein. Um Konventionen scheint sich das tollkühne Paar herzlich wenig gekümmert zu haben. Dabei war schon die Vorstellung, dass ein unverheiratetes Paar ohne Aufsicht zu zweit in einem Ballon aufsteigt, für manchen Bürgermeister Grund genug die Aufstiegserlaubnis zu verweigern - aus sittlichen Gründen. Als Käthe Paulus 1893 als erste Frau in Deutschland aus einer Höhe von 1.200 Metern mit dem Fallschirm abspringt, ist die Sensation perfekt.

Wenige Monate später wagt sich das Paar an die nächste Herausforderung: Nachdem seine Partnerin mit dem Fallschirm abgesprungen war, wollte Lattemann den Ballon in einen Fallschirm verwandeln, indem er den unteren Teil nach oben stülpt. Der Trick misslingt. Käthe Paulus muss zusehen, wie ihr Liebhaber tödlich verunglückt. "Ich hing am Schirm, ohne helfen zu können, während er in rasender Fahrt, die Hülle wie ein umgekehrter Regenschirm nachflatternd, in die Tiefe stürzte", erinnert sie sich. Ein Jahr später stirbt ihr Sohn an Diphterie. Es ist ihr privater Doppelabsturz.

Selfmadefrau in Pluderhosen

Aber die Sehnsucht nach dem Fliegen ist letztlich stärker als die Trauer, auch weil sich Käthe Paulus der Leidenschaft verpflichtet fühlt, für die Hermann Lattemann sein Leben gelassen hat. Mit aller Kraft stürzt sie sich in die Organisation ihrer Auftritte: Auftrittsgenehmigungen, Vertragsverhandlungen, die Beschaffung von Ballongas, Werbung. Und natürlich die Flugvorführungen selbst, für die sich die Aeronautin immer neue Attraktionen ausdenkt, und bis zu 20.000 Zuschauer anlockt.

Käthe Paulus hängt sich an ein Lufttrapez oder steigt auf Tierattrappen in die Luft. Ihre Erfolgsnummer ist der Doppelabsturz: Dabei springt sie aus der Gondel des Ballons, lässt sich von einem Fallschirm tragen, löst sich im freien Fall und aktiviert dann einen zweiten Fallschirm. Dabei ist ihr Outfit für die Zeit so aufsehenerregend wie die Luftnummern: Käthe Paulus trägt kein Kleid, sondern Pluderhosen und Schnürstiefel.

Fallschirmspringerin Käthe Paulus, 1890 (Quelle: dpa/akg)
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Die Erfindung des Paketfallschirms

1915 zieht Käthe Paulus nach Berlin, in die Nähe des Flugplatz Johannisthal, wo Melli Beese und andere Pioniere ein neues Kapitel der Luftfahrtgeschichte schreiben. Sie nimmt Flugstunden, legt aber nie die Prüfung ab. Einige Quellen sagen, sie hätte kein Talent gehabt, andere vermuten, dass ihr die Stille im Ballon lieber war als die Motoren.

Luftfahrtgeschichte schreibt sie trotzdem mit dem von ihr entwickelten Paketfallschirm, dem Vorläufer der modernen Fallschirme. Die Näherin entwickelt eine Falttechnik, mit der die Fallschirmseide platzsparend in einem Sack untergebracht werden kann, der sich auf Zug öffnet. Das schont das empfindliche Material und verhindert, dass sich die Leinen verheddern, was tödliche Folgen haben kann. 1916 ordert das Preußische Kriegsministerium, das erst kein Interesse an der Erfindung der Zivilistin hatte, 7.000 Fallschirme. Ein Großauftrag für Käthe Paulus, die pro Woche 20.000 Meter Seide zuschneidet und über 30 Näherinnen beschäftigt. Nach Kriegsende erhält Käthe Paulus für ihren Paketfallschirm ein Schweizer Patent und das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Ihre Erfindung hatte zahlreichen "Ballonaufklärern" das Leben gerettet.

Der Ruhm währt nur kurz. Das Flugzeug hat den Sieg über den Ballon davongetragen. Niemand interessierte sich für die alternde Aeronautin. Käthe Paulus stirbt 1935 mit 67 Jahren weitgehend vergessen. Ihr Grabstein auf dem Friedhof Reinickendorf hat die Aufschrift "Käthe Paulus – die erste deutsche Fallschirmpilotin". Aber sie war weit mehr: wagemutige Artistin, Erfinderin und Unternehmerin.

Beitrag von Franziska Walser

2 Kommentare

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  1. 2.

    Sorry, aber selten so eine verquere Logik gelesen.
    Ob Käthe Paulus zu den bis zur Heiserkeit brüllenden Hurra-Brüllerinnen gehört ist ist mir zwar nicht bekannt.
    Fakt aber ist:
    Der von ihr erfundene moderne Fallschirm war zumindest im ersten Weltkrieg keine Angriffs- oder Verteidigungswaffe sondern ein Rettungsgerät.

    Käthe Paulus hat also im Weltkrieg Leben gerettet.

    Desweiteren hat danach niemand mehr weltweit den Nutzen dieses Rettungsgerätes in Frage gestellt.

    Nebenbei haben wir mit Käthes Erfindung noch eine Menge friedlichen Spaß, so wie sie ursprünglich auch ;)

    Blue Skies :)


  2. 1.

    Selten so eine undistanzierte Darstellung einer Unterstützerin eines Welktkrieges gelesen. Es gab andere starke Frauen zu ihren Lebzeiten vor und nach der Jahrhundertwende, die tatsächlich gesellschaftlich etwas bewegt haben und bis heute nachwirken.

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