Interview | "Ciocia Basia" hilft bei Abtreibungen - Wie Polinnen in Berlin ihre Schwangerschaft beenden

Demonstrantinnen halten in Polen Kleiderbügel in die Höhe, als Symbol für illegale unsichere Abtreibungen. (Bild: dpa/Artur Widakdpa)
Bild: dpa/Artur Widakdpa

Polen hatte bereits eines der härtesten Abtreibungsgesetze Europas, nun wurde es weiter verschärft. Viele Betroffene müssen sich daher Hilfe im Ausland suchen. Die Berliner Organisation "Ciocia Basia" organisiert Schwangerschaftsabbrüche in Berlin.

rbb|24: In Polen sind im vergangenen Jahr laut einer offiziellen Statistik des polnischen Gesundheitsministeriums 1.100 Abtreibungen durchgeführt worden. In Deutschland waren es laut Statistischem Bundesamt 100.893 [destatis.de]. Das ist ein großer Unterschied. Wie hoch ist die Dunkelziffer in Polen?

Urszula Bertin: Die Dunkelziffer ist hundertmal größer als die offiziellen Angaben, also mehr als 100.000 Fälle. Das ist von der Anzahl her ähnlich wie in anderen Ländern.

Nach neuem Gesetz sind Abbrüche nur noch bei Lebensgefahr für die Mutter oder nach Straftaten erlaubt. Zuvor galt auch eine Fehlbildung des Embryos als Grund. Was ändert sich nun?

Das trifft es nicht genau, weil sich die Ärzte bereits seit ungefähr einem Jahr weigern, eine Abtreibung durchzuführen oder diese zu erlauben, auch wenn der Embryo schwere Erkrankungen aufweist. Wir hatten mit vielen solchen Fällen zu tun und haben die Frauen dann nach Holland, Großbritannien, Schweden oder andere EU-Länder vermittelt, wo Abtreibungen auch nach der der 14. Schwangerschaftswoche erlaubt sind. Das ist für unsere Organisation nichts Neues. Nur gibt es jetzt noch mehr Frauen, die bei uns aus Angst anrufen, dass ihre Ärzte einen Abbruch ablehnen. Die Ärzte sagen dann, die Frauen könnten das Baby doch erstmal zur Welt bringen und anschließend weitersehen.

In welcher sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation sind die Betroffenen?

Es zieht sich durch jede Schicht. Manche Frauen sind selbst nicht im Stande, Hilfe vor Ort zu suchen oder wohnen in kleinen Ortschaften in Polen, in denen es keine Hilfe gibt.

Wie hilft "Ciocia Basia" Betroffenen in der Praxis?

Wir haben eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse, unter denen sich die Frauen melden. Je nachdem, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten ist, werden die Betroffenen in Berlin behandelt oder in andere Länder vermittelt.

Die Frauen reisen zum vereinbarten Termin nach Berlin. Wir helfen dann beim vorgeschriebenen Beratungsgespräch, wenn beispielsweise ein Dolmetscher benötigt wird. Wenn sie die notwendige Bescheinigung der Schwangerschaftsberatungsstelle haben, können wir einen Termin für den Abbruch vereinbaren. Haben die Frauen in Berlin keine Unterkunft, können wir auch ein Hotel buchen. Im Einzelfall kommen wir für Reise- und Unterbringungskosten auf. Für den Abbruch sind zwei Tage nötig und dann fahren die Frauen, je nachdem wie sie sich fühlen, wieder nach Hause. Wir verschicken aber keine Medikamente für eine pharmakologische Abtreibung.

Bis zu welchem Stadium der Schwangerschaft können Sie helfen?

Wir können theoretisch in jedem Stadium helfen, sind aber an die jeweiligen Gesetze des Landes gebunden. In Deutschland darf nach einem vorherigen Beratungsgespräch bis zur 9. Woche pharmakologisch abgetrieben und bis zur 14. Woche ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden. Wir helfen aber nicht nur bei Abtreibungen, sondern auch bei anonymen Geburten. Wir helfen Schwangeren im Allgemeinen, die Probleme haben und auf welche Weise auch immer Hilfe brauchen.

Kommen die Betroffenen alleine oder in Begleitung?

Das ist sehr unterschiedlich. Oft kommen die Frauen in Begleitung ihres Partners oder einer Freundin, manchmal kommen auch ganze Familien. Die Familie ist aber in den seltensten Fällen über den Abbruch informiert. Momentan ist die Lage durch Corona aber sehr kompliziert.

Was passiert, wenn es durch den Abbruch zu Komplikationen kommt?

Dann kommen die Frauen natürlich in ein Krankenhaus und wir unterstützen sie, zum Beispiel beim Dolmetschen. Das ist uns zum Glück aber noch nie passiert. Wir arbeiten mit sehr erfahrenen Ärztinnen und Ärzten zusammen.

Hält "Tante Barbara" nach dem Eingriff Kontakt zu den Betroffenen, um den Verlauf zu prüfen?

Nein. Es gibt aber ab und zu Situationen, in denen uns Frauen ein zweites Mal aufsuchen.

Selbst wenn Betroffene in Polen legal einen Abbruch vornehmen lassen könnten, gibt es überhaupt Ärztinnen oder Ärzte, die diesen vornehmen?

Ja, es gibt noch welche. Aber diese machen das sehr ungern und bleiben daher im Verborgenen. Sie können schnell Ärger bekommen oder Schlimmeres, wenn sie die Eingriffe vornehmen.

Seit Wochen gibt es Proteste in Polen und entlang der deutsch-polnischen Grenze. Werden diese eine Wirkung haben?

Ich hoffe es. Es geht momentan nicht nur um das Gesetz, sondern um die Freiheit im Allgemeinen. Mein Wunsch wäre, dass eine neue Regierung in Polen gebildet wird. Aber das ist nicht machbar. Die Frauen sollten vor allem die Möglichkeit haben, Informationen darüber zu bekommen, welche Optionen sie haben. Sie und vielleicht die Partner sollten wählen können.

Wie hat die Corona-Krise Ihre Arbeit verändert?

Wir haben seitdem mehr Arbeit und bekommen mehr E-Mails. Wir müssen Frauen häufiger nach Holland, England oder Schweden vermitteln, weil die Schwangerschaften so weit fortgeschritten sind, dass eine legale Abtreibung in Deutschland nicht mehr möglich ist. Wir gehören zu dem europäischen Netzwerk "Abortion Without Borders", die das ermöglichen und eine ähnliche Arbeit machen wie wir.

Verzeichnen Sie einen Anstieg der Fälle ungewollter Schwangerschaften in der Corona-Krise durch häusliche Gewalt?

Ja, man spürt häufiger, dass Schwangerschaften ungewollt sind und die Frauen darüber sprechen wollen. Besonders während der schwierigen Monate des Lockdowns gab es mehr Frauen, die Hilfe gesucht haben.

Mit Urszula Bertin von "Ciocia Basia" sprach Lisa Schwesig, rbb|24.

Beitrag von Lisa Schwesig

17 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 17.

    Eine Jugendliche sagte mal zu mir-Gut das Männer keine Kinder kriegen können.
    Und wenn ich hier einige Kommentare lese,man hatte das Mädel recht.

  2. 16.

    Ich finde nun nicht, dass man Abtreibungen idealisieren muss.

  3. 15.

    Lieber Martin und alle ihm gleichgesinnten. Kümmern Sie sich doch bitte um ihren eigenen Körper und überlassen die Entscheidungen was im und mit dem eigenen Körper passiert bitte den Besitzer*innen. Wenn dies alle tun sind sie alle Lebensschützer*innen.

  4. 14.

    Sie nennen Leute, die sich gegen Abtreibungen stellen, "selbsternannte Lebensschützer". Bitte teilen Sie mir mit, Wer Ihrer Meinung nach denn die "echten Lebenschützer" sind. Und was zeichnet einen sochen aus? Was macht er oder sie?

  5. 13.

    Das ist faktenfreie Propanda der selbsternannten "Lebensschützer". Kümmert euch lieber um die lebenden Kinder statt dummes Zeug zu erzählen.

  6. 12.

    Was genau tun die selbsternannten "Lebensschützer" eigentlich für die Kinder wenn sie geboren sind?

  7. 11.

    Ich bin ausdrücklich dafür, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen können. Sie können die Pille oder andere Verhütungsmittel benutzen, den Mann zur Benutzung von Kondomen oder zur Sterilisation auffordern und wenn alles nichts hilft, sexuellen Kontakt verwehren. Soweit mir bekannt ist, sind Schwangerschaften keine plötzlich auftretende Naturerscheinungen, sondern erfordern aktives Zutun und wie man schwanger wird, lernt man heute in der Grundschule. Insofern ist in den allermeisten Fällen ist eine Abtreibung durch nichts zu rechtfertigen.

  8. 10.

    Die Polinnen suchen sich keine Hilfe, sondern Beihilfe zur Tötung von Leben. Und wo kann man das besser finden, als in Berlin.

  9. 9.

    Mittelalter also? Aha. Wer eigentlich denkt auch nur eine Sekunde an das wehrloseste Geschöpf überhaupt? Und seinen hoffnungslosen Todeskampf vor dem Eingriff? Selbstverwirklichung zählt-wohl weitaus mehr als das Wunder eines Menschenlebens und diesem das Leben gegeben haben zu dürfen. Ich jedenfalls bin glücklich über meine drei Kinder, egal, wie schwer das zuweilen ist.

  10. 8.

    Danke für diesen ehrlichen Artikel. Ich finde es furchtbar, dass Mitten in Europa wieder das Mittelalter ausgebrochen ist. Und die Männer, die in solchen Ländern an der Macht sind, Frauen wie ein Stück Ware behandeln.

  11. 7.

    Vielen Dank für dieses Interview!
    Wenn Abtreibungen gesetzlich verboten werden, haben Frauen nicht weniger Abtreibungen, sondern erfahren nur noch mehr Leid und Gewalt. Abtreibungsverbote kosten Leben und retten keins!
    Polen ist unser direkter Nachbar und EU-Mitglied, es muss mehr darüber in deutschen Medien berichtet werden.

  12. 6.

    Ist es jedem hier bewusst, dass es bei einem Schwangerschaftsabbruch um nicht weniger, als die Tötung eines Menschen geht? Darum dass jeder, der dies liest, einen Konflikt seiner Eltern in dieser Sache glücklich überlebt hat?
    Es muss viel mehr in Hifen für Schwangere investiert werden, als in irgendwelche Hlfen Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Wieviele Frauen gibt es, die es bereuen, dem Kind das Leben geschenkt zu haben?

  13. 5.

    Vergessen wir nicht den unsäglichen Einfluß religöser Vorstellungen zum Thema. Diese haben ja auch in D zu einer Verschlechterung geführt.

  14. 4.


    Keiner hat das Recht anderen ihre Würde und ihre Selbstbestimmung zu nehmen, weder einer Frau noch einem Mann und auch keinem Kind. Es gibt zu viele Länder wo dies mit Füßen getreten wird und vor allem auch in reichen Industriestaaten.

  15. 3.

    Traurig ist das das selbsternannte "progressive" Establishment in Deutschland sich seit Jahren mehr für Trump und die USA interessiert statt für seine europäischen Nachbarn, Brüdern und Schwestern.

  16. 2.

    So sehen die praktischen Folgen aus, wenn Rechte Regierungen gewählt werden. Radikaler Fundamentalismus und Leid.

  17. 1.

    Ich kann es nicht nachvollziehen was ich eben gelesen habe. Als Mann kann ich über meinen Körper selbst bestimmen wieso die Frau nicht leben wir noch im Altertum wo Frauen keine Rechte hatten Nein. Im einunzwangsten Jahrhundert sollten doch alle gleich sein da sollte auch eine Frau bestimmen dürfen ob Sie Mutter werden möchte(ein Kind zur Welt bringen möchte oder nicht). Ich bin ein Mann und stehe zur dieser Meinung wir hatten dieses schon mal in der DDR wo Frauen darüber entscheiden konnten ob Kind ja oder nein(mit Abstimmung des Partners wenn vorhanden). Ich hoffe und wünsche den Frauen in Polen und der ganzen Welt daß Sie durch friedliche Proteste ihre Rechte erreichen in meinen Augen sind Frau und Mann gleichberechtigt.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren