"Salzwasserkur" für Schwangerschaft - Prozess um tödliche "islamische Teufelsaustreibung" in Berlin

Die Al Nur Moschee in der Haberstraße, Berlin (Bild: dpa/Schoening)
Audio: Inforadio | 02.11.2020 | Ulf Morling | Bild: dpa/Schoening

Ein Berliner Hodscha soll eine "Teufelsaustreibung" begleitet haben, weil eine 22-Jährige nicht schwanger wurde. Der Ehemann und seine Eltern sollen ihr eine Woche lang Salzwasser eingeflößt haben, bis sie starb. Vier Angeklagte stehen vor Gericht.

Eine Woche lang musste Nesma M. (22) Salzwasser trinken. Der Teufel sollte ihr ausgetrieben werden, denn ein Hodscha (türkisch für islamischer Lehrer, Mentor, Imam, Anm.d.Red.) wollte erkannt haben, dass böse Geister für die Kinderlosigkeit Nesmas und ihres Ehemannes Wajdi verantwortlich waren, so die Anklage. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge müssen sich die vier Angeklagten jetzt vor dem Landgericht verantworten.

Der Ehemann Wajdi H. (35) und dessen mitangeklagte Eltern, Widad A. (57) und Mohamad H. (58) sollen dem Rat des islamischen Gelehrten laut Ermittlern gefolgt sein und eine Woche lang täglich anderthalb Liter einer hoch konzentrierten Salzlösung der jungen Frau eingeflößt haben. Acht Tage später starb Nesma M. völlig entkräftet und vergiftet, werfen die Ermittler den vier Angeklagten vor.

Fast fünf Jahre nach ihrem Tod beginnt der Prozess gegen den Ehemann von Nesma M., ihre Schwiegereltern und den Hodscha, der immer wieder Koranverse und Gebete zur "Teufelsaustreibung" am Bett der 22-Jährigen rezitiert haben soll.

Auch Hodscha Mazen K. (49) wird von der Staatsanwaltschaft als Mittäter gesehen.
Vater und Mutter der mutmaßlich Getöteten treten als Nebenkläger im Prozess auf.

"Salzwasserkur" gegen böse Geister

Am Montag, dem 30. November 2015, soll das tödliche Ritual begonnen haben. Nesma M. hatte sich gefügt, auch sie wollte den jahrelangen Kinderwunsch von sich und ihrem Ehemann Wajdi H. wohl erfüllen. Zuvor hatten ihr Mann und sie bei spezialisierten Kinderwunschärzten in Berlin erfahren, dass es keinen organischen Grund für ihre Kinderlosigkeit gäbe.

Wegen dieser Diagnose soll der Schwiegervater den Hodscha Mazen K. um Hilfe gebeten haben. Der 49-Jährige sei als Geistlicher dafür bekannt gewesen, dass er unter anderem traditionelle islamische Heilbehandlungen anbot, ermittelte die Polizei. Schwiegereltern und Ehemann hätten einer einwöchigen "Salzwasserkur" zur Austreibung des bösen Geistes zugestimmt und so sei kurz darauf die "Behandlung" an Nesma M. begonnen worden.

Sieben Tage lang soll Nesma M. auf der Couch im Wohnzimmer der Tempelhofer Wohnung des Ehepaares gelegen haben, überwacht und betreut von Ehemann Wajdi. Der nach Abitur und Studium im Technikbereich tätige Fachmann hatte extra Urlaub genommen. Auch die Schwiegereltern Nesmas sollen laut Staatsanwaltschaft Nesma einerseits vor ihren Eltern und ihrer Tante abgeschirmt und andererseits ebenfalls für die "erfolgreiche" Durchführung der "Salzwassertherapie" gesorgt haben.

Schon kurz nach Beginn der "Behandlung" soll die 22-Jährige geschwächt gewesen sein. Zusätzlich hatte sie bereits seit Wochen Erkältungssymptome. Ob auch eine wenige Jahre zuvor erkannte Gerinnungsstörung ihres Blutes zu der Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes beitrug, muss im Prozess geklärt werden. Laut Ermittlern soll M. bereits nach kurzer Zeit so geschwächt gewesen sein, dass sie von ihrem Mann getragen werden musste, um das Sofa verlassen zu können. Außerdem mussten ihr die täglichen anderthalb Liter Salzwasser eingeflößt werden von den Angeklagten, so die Ermittler.

Ärztliche Hilfe soll nicht in Anspruch genommen worden sein. Hodscha K. soll die täglichen Trinkprozeduren oft mit Lesungen aus dem Koran und Gebeten begleitet haben. Der Tante sollen bis zum Tod ihrer Nichte Besuche verwehrt worden sein, bis auf eine Begegnung während der einwöchigen "Behandlung". Ebenso sollen die Angeklagten unter anderem Telefonate M.s mit ihrer Mutter im Libanon verhindert haben, um die "Teufelsaustreibung" geheim zu halten.

Am 7. Dezember war M. nach Einnahme einer Portion Wasser, die mit einer tödlichen Dosis Salz von mindestens 64 Gramm versetzt worden war, zusammengebrochen und kurz darauf verstorben.

Hodscha in Al-Nur-Moschee?

Alle vier Angeklagten stammen aus dem Libanon. Wajdi H. kam mit fünf Jahren gemeinsam mit den jetzt mitangeklagten Eltern aus einem Flüchtlingslager im Libanon nach Berlin. Inzwischen besitzt er, wie auch der mitangeklagte Hodscha, die deutsche Staatsbürgerschaft.

Auf Reisen in die alte Heimat hatte Wajdi H. seine spätere Ehefrau kennengelernt. Sie hatte 2011 Abitur gemacht und im selben Jahr heirateten die beiden. Nesma M. kam im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland und belegte intensiv Deutschkurse, um sich schneller zu integrieren und ihr ersehntes Ziel zu erreichen: Sie wollte an der Technischen Universität studieren.

Hodscha Mazen K. (49) soll nach den Ermittlungen der Polizei islamisch traditionell und religiös leben. Er soll in einer der drei Berliner Moscheen verkehren, die von Salafisten besonders gern besucht werden.

Sechs Verhandlungstage angesetzt

In dem im Mai 2020 erschienenen Berliner Verfassungsschutzbericht wird die von K. besuchte Neuköllner Al-Nur-Moschee als eine der drei islamischen Gebetshäuser erwähnt, die von Salafisten bevorzugt würden. Ein Viertel der Besucher seien dort salafistisch geprägt. Da auch der Vorstand und die Hauptakteure diesem Spektrum zuzuordnen seien, handele es sich bei dieser Moschee "um eine salafistisch dominierte Einrichtung". Ob das mit dem tödlichen Geschehen zu tun haben könnte, wird mutmaßlich ebenfalls Gegenstand des Prozesses werden.

Sechs Verhandlungstage bis zum 18. Dezember sind geplant für den Prozess um den Tod von Nesma M. Wichtige Zeugen werden, neben medizinischen Gutachtern, die über die wahrscheinlichste Todesursache der 22-Jährigen zu berichten haben, auch die Tante der jungen Frau sein, die ihre Nichte während der "Salzwasserkur" kurz vor deren Tod einmal besuchen durfte.

Korrektur: In einer ersten Fassung dieses Beitrags wurde der Hodscha in einem Satz als "inzwischen verstorben" bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Der Mann steht zurzeit mit vor Gericht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Inforadio, 02.11.2020, 18 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 03.11.2020 um 11:39 Uhr geschlossen

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37 Kommentare

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  1. 37.

    Hallo Herr Aleman,
    Wir haben Informationen zu dem Straftatbestand ergänzt. Danke für ihren Hinweis.

    Beste Grüße aus der Redaktion

  2. 36.

    Der Vorstand des Islamischen Zentrums Al Nur Moschee besteht überwiegend aus Mitgliedern, die hier studiert und fast ihr ganzes Leben nur in Berlin verbracht haben.
    Ich selber bin Mitbegründer des Islamischen Zentrums und gehöre dem Vorstand an.
    Unsere Gemeinde besteht schon seit den 80er Jahren. Wir waren damals ein paar Studenten, welche eine Fabrikhalle gemietet haben, um das Freitagsgebet ausrichten zu können und einen Ort der Begegnung zu schaffen.
    Unsere Moschee ist offen für alle und wir laden jeden ein vorbeizukommen und sich ein eigenes Bild zu machen.
    Der Vorstand hat heute diesen Artikel über die Teufelsaustreibung gelesen und war schockiert und bestürzt über das große Unwissen vieler Muslime über den Islam. Das traurige Schicksal dieser jungen Frau ist mit nichts zu rechtfertigen. Was dieser Hodja oder Imam getan hat, hat mit der Lehre des Islams nichts zu tun.
    Der Vorstand der Al Nur Moschee versichert, dass dieser Imam nicht zum Vorstand gehört oder ihm bekannt is

  3. 35.

    Ist ja nicht gerade sehr subtil Ihre Relativierung....
    und was ich zum Salafismus und den Rest der Muslimischen Bevölkerung sagen würde und eigentlich müsste, würde dann hier nicht erscheinen

  4. 34.

    Herr Morling,
    Sie beschreiben das Wort „Hodscha“ als ein türkisches Wort. Ich würde Sie bitten in Ihrer Berichterstattung die Herkunft des Wortes zu berichtigen und sorgfältiger zu recherchieren. Vielleicht können Sie das nächste mal jemanden fragen, der sich damit besser auskennt.

  5. 33.

    Ich denke, wir sollten in diesem Punkt, von Frankreich und seinen Fehlern lernen. Die die glauben eine Zeichnung rechtfertigt eine Enthauptung müssen sich ändern oder gehen. Genauso sollten die Graue Wölfe u.a. verboten werden. Für diese Gruppen ist Mord ein legitimes Mittel.

  6. 32.

    Gehört die Al Nur Moschee zum gewalttätigen Zweig des Salafismus? Vielleicht könnte der rbb mal die Unterschiede im Salafismus herausstellen? Für interessierte Leser:
    Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de)
    Info aktuell 29/2018: Salafismus - Ideologie der Moderne

    Das fand ich sehr interessant denn ich kannte bislang den Salafismus auch nur als Terrororganisation.

  7. 31.

    Spontan fällt mir ein verstorbenes Mädchen aus Ba-Wü aus den 70ern ein, die dies nicht überlebt hat. Es gibt auch einen sehr beeindruckenden Film darüber.
    Beim googeln fand ich u.a.
    https://www.welt.de/vermischtes/kurioses/article145542251/Warum-in-Polen-der-Exorzismus-so-boomt.html
    https://www.blick.ch/life/wissen/religion/7-fakten-zur-teufelsaustreibung-id15113362.html
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geistliche-als-teufelsaustreiber-exorzismus-ist-wieder-in-mode-12816920.html
    https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/zwanzigstes-jahrhundert/exorzismus-deutschland-polen-schweiz-oesterreich-100.html
    Erst 1999 wurde da mal was vom Vatikan oberarbeitet

  8. 30.

    Den Sachverhalt wird uns Ulf Morling bestimmt z. B. auf inforadio mitteilen. Dessen Stimme ist so passend für Gerichtsberichte etc. Insbesondere hat U.M. die Fähigkeit unausgesprochen ein Urteil über die betreffende Straftat abzugeben.

  9. 29.

    OK, Artikel wurde nochmal aktualisiert. Jjetzt ist links im Text eine kleine Box: "Prozess vertagt wegen Corona."-- Hier übrigens die hier von einigen nachgefragte Straftat: "Die Anklage gegen den Ehemann und dessen Eltern lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Der vierte Angeklagte, der islamische angebliche Wunderheiler, soll die Behandlungen mit Lesungen aus dem Koran begleitet haben. Ihm wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mittäterschaft vorgeworfen." Quelle: .berliner-zeitung.de/news/teufelsaustreibung-in-berlin-junge-frau-mit-salzwasser-zu-tode-gefoltert-li.115714

  10. 28.

    Hey Frank, den hatten SIe weiter unten doch auch schon mal verlinkt ;-) (Oder war das jetzt nur noch mal, um gezielt Herrn M. anzusprechen)

  11. 26.

    Beim ersten Lesen zuckt man zusammen und hat vielleicht die Vorurteilsbrille auf...
    aber: Mir sind auch ein paar hier geborene Christen bekannt, die mit Wasserstoffperoxid gurgeln und glauben, deswegen gegen alles incl. Corona immun zu sein.
    Wissen und Glauben sind zwei verschiedene Ebenen und können in einem Körper wohnen.

  12. 25.

    Gern hier nochmal ein Link zu einem Artikel des mdr, den ich nach 10 Sekunden Suche im www gefunden habe:
    https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/zwanzigstes-jahrhundert/exorzismus-deutschland-polen-schweiz-oesterreich-100.html
    Bin gespannt auf Ihre Rückmeldung.

  13. 23.

    So ein langer Artikel, aber man erfährt nicht einmal welchen Straftatbestand die Angeklagten nach Auffassung der Staatsanwaltschaft verwirklicht haben sollen.
    War es Mord, gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge oder "nur" fahrlässige Tötung?
    Auch wäre es interessant zu erfahren, weshalb es 5 jahre vom Tod der jungen Frau bis zum Prozessbeginn dauerte. War das tatsächlich notwendig? oder liegt ein Behördenversagen vor? Oder ist es Ergebnis der gegen Justiz und Rechtsstaat gerichteten Politik unseres Senats, möglichst keine Richter und Staatsanwälte anzustellen und diese auch verfassungswidrig zu schlecht zu bezahlen, so dass sich auf die zu wenigen Staatsanwaltsstellen nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts dann auch noch zu wenig qualifizierte Bewerber melden?
    Insgesamt schlechter Jounalismus, der dem Leser nicht die Fakten vermittelt, die er zur demokratischen Willensbildung benötigen würde.

  14. 22.

    Waldi:
    "Der Ehemann soll ein Abitur haben?"

    Es soll auch in Deutschland immer noch Menschen geben, die Abitur haben und trotzdem an Elfen, Geister, Zahnfeen, Spaghettimonster oder andere GÖtter glauben. Man kann diesen Geister- und Götterglauben sogar an staatlichen Unis studieren und wird exmatrikuliert, wenn man von diesem Geister- und Götterglauben abfällt. Und man kann sogar einen Lehrstuhl für Elfen-, Zahnfeen-, Spaghettimonster-, Geister- und Götterglauben bekommen, den man aber sofort wieder verliert, wenn man vom Geisterglauben abfällt. Das alles mitten in Deutschland!

    Das macht natürlich die hier verhandelte grausame Folterung und Tötung nicht besser.

  15. 21.

    Falsch; Woltersdorf ist Deutschland ! Obendrein unser Nachbarort und obendrein von echten Berlinern gern besucht. Anständige Berliner dürfen sich hier sogar ein Häuschen bauen und fühlen sich hier verdammt wohl. Bei Kinderwunsch hilft "Haus Gottesfriede". Salzgurken gibt es aber dennoch-bei LIDL.

  16. 20.

    Dieser Fall sollte uns ganz allgemein eine Warnung sein, immer möglichst klar zwischen Glauben und Wissen zu unterscheiden. Exorzismen werden auch heute z.B. auch in christlichen Religionen durchgeführt - wohl wieder mit steigender Tendenz. Verhaltensmaßregeln ohne sachliche Begründungen werden von Religiösen und Nicht-Religiösen immer wieder aufgestellt. Nicht immer muss das schlecht sein, denn nicht alles, was erfahrungsgemäß richtig ist, lässt sich bisher wissenschaftlich zweifelsfrei nachweisen. Dennoch muss man in allen solchen Fällen sehr vorsichtig sein: Leute, die nur aufgrund irgendwelcher Eingebungen zu wissen glauben, was gut und richtig ist, und das anderen dann als das einzig Wahre aufzwingen wollen, müssen stets ganz klar in die Schranken gewiesen werden.
    https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/zwanzigstes-jahrhundert/exorzismus-deutschland-polen-schweiz-oesterreich-100.html

  17. 19.

    Dann berichten Sie mal über die letzte dokumentierte Teufelsaustreibung unter den Christen in Europa. Wann war das noch mal, gestern?

  18. 18.

    Reichlich viele, die geistig stark unrund laufen und sich schuldig gemacht haben.

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