Die Vorsitzende (Barbara Auer) leitet die Anhörung im Fall von Richard Gärtner (Matthias Habich, li.), der von Rechtsanwalt Biegler (Lars Eidinger) vertreten wird. (Quelle: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)
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Das Erste | "Gott" - Darf man einem Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen?

Unter welchen Umständen darf man einen Suizid unterstützen? Darum geht es in der TV-Verfilmung von Ferdinand von Schirachs "Gott". Abstimmen wird das Publikum. Beim zugrunde liegenden Theaterstück gingen die Meinungen weit auseinander. Von Oliver Kranz

 

Muss der Staat selbstbestimmtes Sterben ermöglichen? Diesem Streitthema widmet sich "Gott", die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks und Buchs von Ferdinand von Schirach. Ausgangspunkt ist die Aufhebung des Verbots der "geschäftsmäßigen" Sterbehilfe durch das Bundesverfassungsgericht im Februar dieses Jahres.

Matthias Habich spielt den 78-jährigen ehemaligen Architekten Richard Gärtner, der seinem Leben ein Ende setzen möchte. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Doch für diese kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem gesunden Patienten ein todbringendes Präparat zu besorgen. Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert.

Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?

Im Theaterstück "Gott", das bundesweit aufgeführt wird, gingen die Ergebnisse weit auseinander: Ferdinand von Schirachs Bühnenverlag hat im Internet eine Landkarte eingestellt, auf der man die Spielorte mit den jeweiligen Abstimmungsergebnissen einsehen kann [https://gott.theater]. Landesweit sind gut zwei Drittel der Zuschauer dafür, dass Sterbewillige ein tödliches Medikament bekommen.

Berliner Ensemble ist ein Sonderfall

Die einzige deutsche Bühne, in der das mehrheitlich abgelehnt wird, ist das Berliner Ensemble. "Die Frage, die Ferdinand von Schirach formuliert, heißt: 'Stellen Sie sich vor, Sie wären Arzt. Würden Sie dieses Medikament geben?'", erklärt BE-Intendant Oliver Reese. "Deswegen stellen wir nur diese Frage und die Leute können sagen: 'Ja', wenn sie das befürworten. Und das 'Nein', das ziehen wir von der Gesamtsumme der Zuschauer einfach ab". Das beeinträchtigt natürlich die Genauigkeit. Vielleicht würden weniger Nein-Stimmen zustande kommen, wenn explizit danach gefragt werden würde.

In Bautzen wird per Hammelsprung abgestimmt

Am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, wird per Hammelsprung abgestimmt. Befürworter der Sterbehilfe gehen durch die eine Tür, Gegner durch die andere.

Bisher liegen die Befürworter bei 67,8 Prozent. Der Intendant des Hauses, Lutz Hillmann, hat das Stück selbst inszeniert. "Ich habe als Regisseur versucht, ganz neutral zu sein. Es wäre leicht, das Abstimmungsergebnis zu manipulieren, indem man Befürworter oder Gegner der Sterbehilfe unsympathisch erscheinen lässt, aber dann wäre es weniger spannend. Je intensiver ich mich mit dem Stück beschäftigt habe, desto weniger entschieden neige ich mich einer der beiden Seiten zu. Das wird immer komplizierter, je mehr man sich hineindenkt in die Geschichte."

Darin liegt die Qualität des Stücks. Man erlebt eine Sitzung des Deutschen Ethikrats. Dort werden Ärzte, Juristen und ein Geistlicher befragt, die das Thema aus allen erdenklichen Blickwinkeln betrachten. Sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Sterbehilfe haben überzeugende Argumente. Dass die Abstimmung in Bautzen und den meisten anderen deutschen Theatern eindeutig für die Sterbehilfe ausgeht, hat mit dem geschilderten Fall zu tun.

Matthias Habich im TV-Film "Gott" von Ferdinand von Schirach (Quelle:RD Degeto/Moovie GmbH/Repro)Richard Gärtner (Matthias Habich) will sich das Leben nehmen

"Es geht darum, ob der Sterbewunsch glaubhaft, selbständig und dauerhaft ist"

Der Protagonist Herr Gärtner (im Film: Matthias Habich) ist 78 und hat erlebt, wie seine Frau qualvoll im Krankenhaus starb. Seitdem ist ihm das Leben eine Last. Er möchte sterben, bevor er selbst hilflos an Apparaten hängt. Das ist nachvollziehbar. Schwierig ist die Entscheidung aber dennoch. Im Stück weist eine Juristin darauf hin, dass vor dem Gesetz alle Bürger gleich sind. Wer dafür ist, dass alte und kranke Menschen Sterbehilfe in Anspruch nehmen können, muss dieses Recht also auch gesunden und jungen einräumen.

Darüber wird bei Publikumsdiskussionen im Berliner Ensemble oft gesprochen, erzählt Oliver Reese: "Es geht darum, ob der Sterbewunsch glaubhaft, selbstständig und dauerhaft ist. Bei jungen Menschen, die sterben wollen, weil sie in eine Notsituation geraten sind, sind durchaus Zweifel angebracht. Man muss fragen, ob da nicht noch anders geholfen werden kann als nur mit dem tödlichen Medikament."

Vielleicht haben die Zuschauer im Berliner Ensemble auch deshalb im Verhältnis von 60 zu 40 gegen die Sterbehilfe votiert. In den meisten anderen deutschen Theatern ist es genau umgekehrt.

Der Deutsche Ethikrat berät über einen Fall zum Thema Sterbehilfe. Links der medizinische Sachverständige Prof. Sperling (Götz Schubert), links Richard Gärtner (Matthias Habich), sein Anwalt Biegler (Lars Eidinger, Mitte) und die Vorsitzende (Barbar Auer, 2. v. re.) (Quelle: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)Rechtsanwalt Biegler (Lars Eidinger) plädiert für das Recht seines Mandanten, über sein Leben zu entscheiden.

Sendung: Das Erste, 23.11.2020, 20:15 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

24 Kommentare

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  1. 24.

    Doch noch ein P.S.

    Bereits 1996 entstand ein sehr guter Film zu diesem Thema: "Lamorte" mit Nicole Heesters und Senta Berger.

  2. 23.

    …..sollten keine allgemeine "Beratungsmöglichkeit" erhalten, sondern nur, wenn der Betroffene sich der entsprechenden Religion zugehörig fühlt - ein "Alleinvertretungsanspruch" der institionalisierten Kirchen zum Thema Leben und Tod hat sich doch schon lange überlebt.
    Auch der Hinweis auf die Verantwortung für die Gesellschaft ist irgendwann obsolet - der Betroffene wird sich sicherlich hinreichend Gedanken darüber gemacht haben (zumal er ja von fremden Medizinern vorher "begutachtet" wird...) - auch das eigentlich ein Eingriff in die persönliche Souveränität...

    Soweit in Kurzfassung meine persönliche Meinung zu diesem Thema.

  3. 22.

    Zitat Steven Moffat (englischer Drehbuchautor, SHERLOCK, DOCTOR WHO):

    "Der eigene Tod ist etwas, das immer den Anderen widerfährt."

    Ganz offensichtlich.

    Wir sind sowohl als Einzelpersonen wie auch als Gesellschaft nicht mehr willens und in der Lage, selbstbestimmte Entscheidungen von Menschen zum Thema Tod zu akzeptieren - die Crux der Zurückbleibenden eben. Aber genau um diese geht es nicht, es ist ausschließlich eine Frage, mit der sich die betroffene Person auseinandersetzen muß. Wenn diese Person, umfänglich gesund, zu einer Entscheidung kommt, die den Anderen nicht nachvollziehbar ist, muß man sie trotzdem akzeptieren.
    Die Skepsis der Mediziner ist durchaus nachvollziehbar, aber das einfache Überlassen des Medikamentes schließt ja einen Sinneswandel der entscheidenden Person nicht aus - so dieser Sinneswandel wirklich selbstbestimmt ist. Vertreter von Religionsgemeinschaften jeder Coleur hingegen...…. ff.

  4. 20.

    Als Großstädter weiß ich die Vorzüge einer Badewanne sehr zu schätzen. Aber danke für Ihre Ausführung.

  5. 19.

    Lars Eidinger war brilliant, wie auch schon in Babylon Berlin. Ferdinand von Schirach versteht es wunderbar, zu zeigen, wie starr Menschen sich an institutionalisierte Haltungen klammern (Arzt, Bischof) und überhaupt nicht in der Lage sind, sich in den Einzelnen hineinzufühlen.
    Jeder muss in ein Raster passen und seinen Willen bewerten lassen. Und diese Bewerter outen auch noch ungeniert ihre Unfähigkeit zur Empathie. Deren enge Auffassungen sollen dann verbindlich für alle sein. Das kann nicht mit Freiheit gemeint sein. Mich hat der Film sehr berührt, das Thema sowieso.

  6. 18.

    Dann hätten Sie sich den Film ansehen sollen und hätten gewußt, warum er „Gott“ heißt.
    Ich bin immer noch für NEIN, aber nur für den im Film genannten Fall. Wer schwer krank ist und unter Schmerzen leidet, dem sollte man seinen letzten Wunsch erfüllen.

  7. 17.

    Wieso heißt der Titel "Gott"?
    Bei der gewerblichen Sterbehilfe - das und nur das war eigentlich das Thema bei dem vom BVerfG entschiedenen Fall - geht es doch nicht um Gott. Was haben die Leute, die damit ihr Geld verdienen wollen, bitteschön mit Gott zu tun? Die sind doch Gottlose. Vielleicht wäre "Gottlos" als Titel passender. Oder ist das zu provokativ?

  8. 16.

    Während des Sterbefastens, das in der Regel durch nahestehende Menschen begleitet werden sollte, und in der Endphase auch medizinisch palliativ betreut werden muss, hat der Betroffene immer noch die Möglichkeit das Sterbefasten zu beenden solange er mental dazu noch in der Lage ist.
    Entscheidend ist, dass kein Mittel gegeben wird, das den Tod verursacht!
    Eine schwere endogene Depression ist nicht heilbar. Aber auch hier Sterbefasten eine Möglichkeit.

  9. 15.

    Natürlich nicht zu Unrecht besteht in diesem Land die Befürchtung, aus dem Recht darauf, aus dem Leben zu scheiden, würde ggf. irgendwann die Pflicht. So haben es schließlich die Nationalsozialisten mit Breitenwirkung vorexerziert und im anderen Land, wo dies auf vergleichbarer Weise - ohne planmäßige Judenverfolgung - praktiziert wurde, war Russland zu Stalins Zeiten, wobei dieser Aspekt in den Nachfolgegesellschaften weiterhin in der Tiefe unaufgearbeitet bleibt.

    In Deutschland allerdings, so mein Eindruck, wird die Nazi-Logik spiegelverkehrt umgedreht: Aus dem Recht auf Leben, gleich, wie es verfasst und beschaffen ist, faktisch eine Pflicht auf Leben zu machen, ist m. E. maßlos.

    Am besten wäre es natürlich, Menschen, die nicht mehr leben wollen, würden es Naturvölkern gleichtun und sitzend unter einem Baum sanft hinüberschlummern. Sterbehilfe ist da so gesehen nur Ausdruck eines (gesellsch.) Unvermögens, "nur" Notnagel.

    Ich lebe, also sterbe ich auch. Keine Angst!

  10. 14.

    "Du sollst nicht töten."
    (Eins der 10 Gebote)

  11. 13.

    Werbung für das sozialverträgliche Frühableben. Lang lebe die Rentenversicherung.

  12. 12.

    Mich wundert, dass es da überhaupt Diskussionsbedarf gibt... eines der ganz wenigen Themen, bei dem ich das nicht verstehe. noch mutiger wäre es gewesen, in dem Film bzw dem Stück einen jüngeren Menschen zur Hauptfigur zu machen. Wer bestimmt, dass man ein gewisses Alter erreicht haben muss? (Natürlich kann es dabei nicht um 16jährige mit kurzfristigem Liebeskummer gehen.... Doch ein glaubhafter, selbständiger und dauerhafter Sterbewunsch kann durchaus auch mit 30 schon bestehen: unheilbar krank, im medizinischen / psychiatrischen Sinne "austherapiert" und viele andere Gründe können dazu führen...)

    Was soll daran menschenwürdig sein, wenn Leben (um jedem Preis) vor Lebensqualität geht?

  13. 11.

    Interessantes Thema.
    Wenn ich es dem Text richtig entnehme, geht es bei der Antwort um eine generelle und nicht zum Einzelfall aus dem Film.
    Somit wäre ich bei der Abstimmung schon raus (also weder "ja" noch "nein"), da ich denke, dass in dieser äußerst schwierigen Sache immer die Umstände des Einzelfalls betrachtet werden müssen.

    @ Jens: Danke, dass Sie an die Lokführer denken und diese erwähnen. Es würde mich interessieren, ob z.B. die GdL mal etwas zum Thema formuliert hat.
    @ H.Haas: Gläubige Menschen und Atheisten mögen unterschiedliche Denkweisen zum Thema haben - wie damit umgehen?
    @ K.: Warum sollte z.B. ein schwer depressiver Mensch, der jahrzehntelang erfolglos gegen seine Erkrankung angekämpft und alles versucht hat, um ein für ihn lebenswertes Leben führen zu können, von dem von Ihnen erwähnten Sterbefasten ausgeschlossen sein?
    Wer gewichtet den Schweregrad eines Leidens und speziell den schwierigen Vergleich der körperlichen und seelischen Erkrankungen?

  14. 10.

    Ich habe es bei meiner Mutter genau anders erlebt. Sie wurde 7x operiert und konnte zum Schluss nur noch mit Morphium leben. Lag 4 Monate auf der ITS und viel dann ins Koma, bis die Ärzte uns Kinder fragten, ob wir sie schmerzfrei hinübergleiten lassen möchten. Wie waren einverstanden und dankbar.

  15. 9.

    Kann sein, dass alte Tiere und auch Ureinwohnerkulturen das Sterbefasten praktizieren.

  16. 8.

    Oh, oh! Was für ein Thema! Und wie oft schon diskutiert!!!
    Eigentlich sehr einfach: vermutlich wird kein Arzt:Ärztin einem Menschen ein Mittel geben um zu sterben!
    Aber: es ist möglich und erforderlich einen Menschen, der sterben möchte, aus welchem Grund auch immer ( ausgenommen sind psychisch Kranke!!) beim Sterbefasten zu begleiten!!!! Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig zu dieser Möglichkeit gesagt und geschrieben wird!
    Außerdem: in einer Patientenverfügung kann jeder festlegen, wann er sein Leben nicht mehr für lebenswert hält und daher sterben möchte!!!

  17. 7.

    Ein interessantes Thema. Ich bin auf die Abstimmung gespannt. Ich selbst bin für die Selbstbestimmung. Aus einem ein einfachen(?) Grund. Ich würde mein Leben selbstbestimmt beenden wollen, bevor ich jemandem zur Last falle oder/und die Einschränkungen nichts mehr mit Lebensqualität zu tun haben. Mit (einem Rest ) Lebensfreude sagen, liebe Familie das war es für mich. Dazu ein letztes Fest. Vorher und nicht als Leichenschmaus.
    Eine Regelung hätte den Vorteil, das man sich nicht "alternative Tötungen" ausdenken muss, die entweder schief gehen können, oder dritte Personen (z.B. Lokführer) betreffen.

  18. 6.

    Ist die Sache nicht bereits entschieden? Im Grundgesetz? Wer sterben will, der ...
    Die Frage ist, ob man dies in Würde, mit Sterbehilfe, möglich machen will? Wer dafür ist, wird unter dem Eindruck deutscher Geschichte, eine machbare, erstrittene Lösung finden. Wer dagegen ist, wird sich Unmenschlichkeit vorwerfen lassen müssen, insbesondere dann, wenn es ihn selber nicht betrifft.

  19. 5.

    Ich habe erlebt, wie jemand monatelang an Magenkrebs elendig verrecken musste. Sterbehilfe auf Wunsch? Ja!!! Wer kann so vermessen sein, jemand anderen zu zwingen, die schlimmsten Qualen (wie auch immer definiert)bis zum bitteren Ende durchleiden zu müssen...

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