Archivbild: Eine U-Bahn fährt als Schulungsfahrt durch die neue U5-Station "Rotes Rathaus". (Quelle: dpa/A. Riedl)
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Video: rbb|24 | 04.12.2020 | Sophia Bernert | Bild: dpa/A. Riedl

Interview | U-Bahn-Fan Patrick Popiol - Warum es in Berlin 20 ungenutzte U-Bahn-Tunnel gibt

Unter anderem, weil man in West-Berlin die von der DDR betriebene S-Bahn meiden wollte, finden sich unter Berlin viele niemals in Betrieb genommene U-Bahn-Tunnel und Bahnhöfe. 20 Tunnel und Teilstrecken sind es an der Zahl, weiß Patrick Popiol, der sich auskennt.

rbb|24: Herr Popiol, Sie sind Fan und Auskenner des Berliner-U-Bahn-Systems und betreiben sogar eine Website dazu. Woher kommt Ihre Begeisterung?

Patrick Popiol: Es hat ja jede Stadt ihre Spezialitäten. Da ich Berliner bin, bin ich mit der U-Bahn in Berlin groß geworden. Ich habe sie auch in meiner Kindheit oft genutzt. Immer, wenns zu meiner Oma nach Rudow ging, zum Beispiel. So habe ich mich mit der U-Bahn angefreundet. Ich fand die Geräusche toll und habe immer aus dem Fenster geschaut, obwohl es da dunkel war. Das hat mich fasziniert.

Welche Besonderheiten weist das Berliner U-Bahn-System denn auf? Die in St. Petersburg soll ja zum Beispiel sehr tief liegen.

Die Berliner U-Bahn ist sehr abwechslungsreich. Sie hat sehr alte Bahnhöfe – und darunter gibt es besonders schöne. Aber es gibt auch schlichte Bahnhöfe, die eigentlich langweilig sind. Und das zusammengenommen macht die Berliner U-Bahn zu etwas Besonderem.

Haben Sie einen Lieblings-U-Bahnhof?

Ja. Rathaus Spandau und Herrmannplatz. Aber zwischen diesen beiden liegen 60 Jahre. Der U-Bahnhof Herrmannplatz wurde in den 20er Jahren gebaut. Er ist sehr hoch. Wenn man dort in der geräumigen Halle steht, staunt man schon ein bisschen. Außerdem ist da noch ein Kasten für die U8, den Kreuzungsbahnhof, eingebaut. Interessant ist auch, dass die Bahnhöfe davor und danach sehr schlicht sind und auch nicht so tief liegen.

Was halten Sie von der neuen U5-Linie, die am Freitag eröffnet wird?

Sie ist architektonisch schön gestaltet. Modern, aber nicht zu extravagant. Sie ist Hauptstadt-entsprechend.

Haben Sie immer daran geglaubt, dass die Linie eröffnet wird?

Ja, habe ich. Ich habe sogar schon früher damit gerechnet. Das war ja nun etwas spät.

Nicht alle einmal vorgesehenen Linien sind auch eröffnet worden. Es gibt unter Berlin einige U-Bahn-Tunnel und Bahnhöfe, die gebaut, aber nie befahren wurden. Ist das denn eine Berliner Spezialität oder gibt es das so in vielen Städten?

Das gibt es auch in anderen Städten. Es handelt sich dabei meist um so genannte Bauvorleistungen von Planungen, die später geändert worden sind. Aber es gibt in Berlin tatsächlich ein ganz spezielles Phänomen, das es in keiner anderen Stadt gibt. Es wurden in den 70er Jahren Bahnhöfe im Rohbau gebaut, um einen Parallelverkehr zur S-Bahn zu errichten. Denn während Berlin geteilt war, wurde die S-Bahn in West-Berlin boykottiert. Es wurden Busse eingesetzt, die parallel zu den S-Bahn-Linien gefahren sind, damit die Westberliner die S-Bahn nicht nutzen mussten. Denn die S-Bahn wurde von der Deutschen Reichsbahn der DDR betrieben.

Archivbild: Das unterirdische Bauwerk entstand als eine Bauvorleistung im Rahmen der Reichshauptstadtplanung der Nationalsozialisten im Jahre 1939. Der Tunnel verfügt über eine besondere Akustik und hat eine Nachhallzeit von etwa 15 Sekunden. Zurzeit wird von der Berliner Bürgerinitiative "unter berlin" geprüft, ob sich der Tunnel für eine temporäre kulturelle Nutzung eignet. (Quelle: dpa/P. Kneffel)
Bild: dpa/P. Keffel

Die BVG plante mehr U-Bahn-Linien, um die Verbindungen trotzdem zu gewährleisten. Wenn man sich beispielsweise die U10 von Steglitz bis Richtung Reichstag anschaut, wäre sie dann parallel zur S1 gefahren. Dort, wie zum Beispiel am Rathaus Steglitz, der Schloßstraße und am Walter-Schreiber-Platz, wurden dann solche Bauvorleistungen errichtet. Weil die BVG die S-Bahn in den 80er Jahren dann bekam, wurden diese Planungen dann oft nicht weiter verfolgt. Und so kommt es zu einigen nicht genutzten Tunneln in Berlin. Das gilt aber nicht für alle nicht genutzten Tunnel oder Bahnhöfe.

Am Oranienplatz beispielsweise sollte die U8 fahren. Aber vermutlich weil Wertheim am Moritzplatz saß und unbedingt einen Bahnhof vor der Haustür haben wollte, der von Wertheim auch finanziert worden sein soll, hat man den Knick Richtung Moritzplatz. Und erst dann geht es zurück auf die ursprünglich geplante Linie. Den zuvor schon angelegten Rohbau des Bahnhofs Oranienplatz hat man 2015 wieder verfüllt. Der Tunnel jedoch existiert noch. Anfang der 60er Jahre wurden dort sogar noch alte Fahrzeuge abgestellt.

Wie viele Tunnel gibt es insgesamt in Berlin, die nicht genutzt werden?

Je nach Zählweise sind es 20. Tunnel ist da aber ein Oberbegriff. Es handelt sich entweder um Tunnelabschnitte oder Teile eines Tunnels, die verbunden sind, wo ein Teil genutzt wird und ein anderer nicht.

Wo und vor allem wie haben Sie Ihre Informationen gesammelt?

Es gibt tatsächlich viele Bücher, in denen ich das nachgelesen habe. Und es gibt monatliche Hefte, wie die Berliner Verkehrsblätter, wo immer wieder Aktuelles drin steht zum Verlauf der U- und S-Bahnen. Aber es kommt auch vor, dass ich Informationen bekomme von Leuten, die ich bei der BVG kenne. Ich bin zudem auch in Foren unterwegs, wo sich Fans unterhalten.

Und die BVG weiß von Ihrer Website?

Ja, sie wird geduldet.

Gibt es neue Routen, die Sie sich wünschen würden?

Genial wäre es, wenn die Linie U5 direkt weiter verlängert würde Richtung Turmstraße. Auch dort gibt es nämlich oberhalb des Bahnhofs der U9 schon eine kleine Bauvorleistung für einen Bahnhof der U5. Noch besser wäre es, man hätte die U5 direkt bis nach Jungfernheide ausgebaut. Auch wird der Bahnhof der U7 dort nur zum Teil genutzt. Er ist mit Gittern abgesperrt. Da war die U5 ebenfalls geplant. Dieser Plan ist auch bislang offiziell nicht verworfen. Es wäre also immer noch möglich.

Waren sie in den in allen ungenutzten Tunnels selbst vor Ort?

Einige habe ich selber sehen können. Manchmal gibt es da Führungen. Aber es gibt glücklicherweise auch Literatur mit Bildern der Teilstücke und Rohbauten.

Es ist doch schade, dass diese Bauten ungenutzt sind. Könnte man die nicht alternativ nutzen?

Teilweise nutzt der Senat sie zu Lagerzwecken. Es gab auch mal ein BVG-Archiv im Kleistpark. Der Bahnhof Potsdamer Platz war ja auch mal Party-Location.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

Sendung: Inforadio, 04.12.2020, 10 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Im Prinzip sind nahezu alle genannten 20 Tunnel- oder Tunnelteilstücke nur das Eingeständnis tatsächlicher Planänderungen, teilweise auch Fehlplanungen von Anfang an. Da ist Berlin in der Tat nicht allein und das hat auch nichts mit der jeweiligen "Farbe" der Regierenden zu tun. Es ist einfach nur der Ausdruck eines Denkens, dass da, wo bereits zuvor eine Linie gezogen wurde, diese auch bis zur endlichsten Konsquenz weiterverfolgt werden müsse.

    Das ist, mit Verlaub, natürlich Unsinn. Jeder Mensch kann sich irren und auch jene Gemeinschaft kann sich irren. Je früher dies eingestanden wird, umso besser.

    Das Sein-Lassen ist keine psychische Niederlage, nur eine pure Selbstverständlichkeit.

  2. 4.

    es gibt schon noch potenzial fuer intelligente lueckenschluesse und/oder erweiterungen bevor ueberhaupt ueber neubau auch nur nachgedacht wird, der lueckenschluss zwischen u krumme lanke und s-bahn mexicoplatz oder die verlaengerung der u8 ins maerkische viertel oder die verlaengerung der u7 von rudow zum flughafen ber. denkbar waere auch die verlaengerung der u1/3 zwischen warschauer und u5 frankfurter tor, mit direkter kreuzung des s bahnhofes warschauer, statt der absurden idee, die u von der warschauer zum ostkreuz zu verlaengern. geradezu straeflich ist die freigabe des gelaendes am u2 bhf pankow, das mal fuer ein reparaturwerk vorgesehen war. typisch berlin werden da jetzt wohnungen hingeklotzt, aber natuerlich wieder mal keine sozialwohnungen. der groesste gegner der u-bahn in berlin ist nicht das geld oder der schwierige untergrund, sondern politische ideologen.

  3. 3.

    Hallo,
    es wäre sinnvoll wenn die U5 weiter in Richtung Turmstraße zur Jungfernheide und die U1 weiter in Richtung Adenauerplatz nach Helensee verlängert würde. Die Straßenbahn M$ könnte über die Potsdamer Straße weiter bis Steglitz verlängert werden. Vielleicht kann da der U-Bahnhof im Bahnhof am Potsdamer Platz für die Straßenbahn mit genutzt werde. Ein Abzweig der Straßenbahn kann dann zum Hauptbahnhof geführt werden. Unter der Turmstraße befindet sich auch ein Tunnel..

  4. 1.

    @rbb24 Wie heißt die Website von dem Herren?

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