ARCHIV - 15.11.2016, Berlin: Der Teststreifen an einem HIV-Schnelltest verfärbt sich bei der Berliner Aids-Hilfe e.v. nach der Anwendung mit dem Blut eines jungen Mannes. (Quelle: dpa/Pedersen)
Video: rbb|24 | 01.12.2020 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Pedersen

Lage in Berlin und Brandenburg - Hunderte Menschen wissen nichts von ihrer HIV-Infektion

Im Kampf gegen HIV gibt es viele gute Nachrichten: Medikamente wirken besser, die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Doch Baustellen bleiben. Das wird besonders deutlich beim Vergleich zwischen Stadt und Land, wie Berlin und Brandenburg zeigen. Von Oliver Noffke

In Berlin und Brandenburg bleiben nach wie vor viele HIV-Infektionen unerkannt. Das geht aus einem Bericht hervor, den das Robert-Koch-Institut (RKI) im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember veröffentlicht hat [rki.de]. Demnach wissen in Berlin etwa neun Prozent der HIV-positiven Menschen nichts von ihrer Erkrankung - was in etwa dem Bundestrend entspricht. Besonders hoch ist die Dunkelziffer in Brandenburg: Hier wird nur jede vierte Infektion erkannt.

"Uns beunruhigt weiterhin die hohe Zahl der Menschen, die nicht wissen, dass sie HIV haben, und die hohe Zahl der Menschen, die deswegen an Aids oder einem schweren Immundefekt erkranken", sagte Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, auf Anfrage. Bundesweit liege die Zahl der unerkannten HIV-Infektionen seit einigen Jahren konstant bei ungefähr 11.000, sagte Wicht; die Zahl der Menschen, die an Aids oder einem schweren Immundefekt erkranken, bewege sich stets über 1.100. "Beides dürfte nicht konstant sein, sondern müsste abnehmen, denn wir können ja HIV heute gut behandeln und schwere Erkrankungen verhindern", sagte er.

HIV kann nach wie vor nicht geheilt werden, unentdeckt verläuft die Krankheit tödlich. Wird die Infektion jedoch erkannt, kann sie mit hochwirksamen Medikamenten therapiert werden. Eine Weitergabe des Virus an andere ist so in den allermeisten Fällen unmöglich, die Patienten müssen oftmals nur mit geringen Einschränkungen leben.

Noch immer werden viele Infektionen spät entdeckt

Laut dem RKI-Bericht lebten in Berlin im vergangenen Jahr etwa 16.500 Personen mit HIV. In dieser Zahl ist auch eine Dunkelziffer enthalten: Das RKI geht davon aus, dass etwa 1.500 dieser Menschen nichts von ihrer Erkrankung wissen. Berlin gehört damit zu den am stärksten betroffenen Bundesländern.

Die Zahl der Neuinfektionen wird auf 310 geschätzt. Dies würde einen leichten Rückgang gegenüber 2018 bedeuten. Die meisten Übertragungen seien auf Sexualkontakte zwischen Männern zurückzuführen (220), etwa 50 entfielen auf Sex unter Heterosexuellen, etwa 40 auf Drogenkonsum.

In Berlin werden HIV-Infektionen überwiegend frühzeitig entdeckt - eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Das RKI geht aber auch davon aus, dass viele Betroffene erst Jahre nach der Infektion von ihr erfahren. Ein Drittel der Diagnosen erfolgt in Berlin, wenn die Betroffenen bereits einen fortgeschrittenen Immundefekt entwickelt haben. Jede sechste Erstdiagnose wird gestellt, wenn die Patienten bereits an Aids leiden [rki.de/.../EckdatenBerlin].

Im Bundesvergleich bedenklich hohe Dunkelziffer

Anders ist die Lage in Brandenburg: Das RKI schätzt, dass hier 370 HIV-positive Menschen leben. Allerdings weiß nur etwa ein Viertel (95) von der Infektion. Bei etwa 270 Menschen wurde die Krankheit nicht diagnostiziert - was sowohl ihre eigene Gesundheit gefährdet, als auch dazu führen kann, dass sie das Virus an andere weitergeben können. "Was klar ist: Im Bundesvergleich ist das bedenklich hoch, was die Dunkelziffer angeht", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Potsdam auf Anfrage von rbb|24.

Das RKI geht davon aus, dass es im Jahr 2019 in Brandenburg bei 75 Menschen zu einer Infektion gekommen ist. Die meisten gehen dabei ebenfalls auf Sex unter Männern zurück (40), relativ hoch ist der Anteil an Infektionen, die auf heterosexuelle Kontakte zurückgehen (30 Erkrankungen), Übertragungen durch Drogenkonsum bewegen sich im einstelligen Bereich. In Brandenburg wird mehr als die Hälfte der HIV-Infektionen diagnostiziert, wenn bereits ein fortgeschrittener Immundefekt vorliegt oder bereits Aids ausgebrochen ist [rki.de/.../EckdatenBrandenburg].

Anstieg auf niedrigem Niveau

"In den Metropolen leben besonders viele schwule und bisexuelle Männer, was ja nach wie vor die am stärksten betroffene Gruppe ist, sowohl bei den Neuinfektionen als auch insgesamt bei den HIV-Positiven", so Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe. In dieser Gruppe gebe es ein größeres Bewusstsein für HIV-Risiken und auch eine höhere Testbereitschaft. "Heterosexuelle Menschen ziehen oft nicht in Betracht, dass HIV sie auch betreffen könnte", so Wicht.

Im vergangenen Jahr habe es insgesamt 2.600 Neuinfektionen in Deutschland gegeben (+100 gegenüber 2018). 1.600 Fälle entfielen auf Männer, die Sex mit Männern hätten. Unter Infektionen, die auf Sexualkontakte unter Heterosexuellen zurückgeführt werden können, befinden sich laut RKI 400 Frauen. "Diese Zahlen steigen seit einigen Jahren", sagte Wicht, "aber sie ist im Vergleich mit anderen Ländern wirklich sehr niedrig."

Warum das RKI mit Schätzungen arbeitet

Eine HIV-Infektion ist meldepflichtig, dennoch gibt das RKI im Jahresbericht zu HIV und Aids stets Schätzungen an. Nur die Zahl der tatsächlichen Diagnosen anzugeben, würde ein verzerrtes Bild des Infektionsgeschehens anzeigen. Denn eine HIV-Infektionen kann bis zu 15 Jahre symptomfrei verlaufen. Für das RKI ist deshalb auch wichtig, in welchem Stadium eine Infektion erkannt wurde. Ist die Zahl der spät entdeckten Infektionen hoch, ist dies ein deutlicher Indikator für eine hohe Dunkelziffer. In Brandenburg ist dies der Fall. Das Infektionsgeschehen verläuft hier zwar auf niedrigem Niveau mit geringen absoluten Zahlen; für die Gesundheit und Lebenserwartung jeder betroffenen Person macht es allerdings einen gewaltigen Unterschied, ob sie von ihrer Infektion weiß oder nicht.

Wirksamkeit von Prep noch nicht sichtbar

Die Deutsche Aidshilfe hofft, dass die sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe, Prep, in den nächsten Jahren noch einen größeren Einfluss auf das Infektionsgeschehen zeige, so Wicht. Seit 2019 übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für diese Medikamententherapie für Menschen mit einem besonders hohen HIV-Risiko. "Der Trend der vergangenen Jahre war ja, dass die Zahlen bei den Neuinfektionen zurückgegangen waren und wir hatten gehofft, dass sich der Rückgang dank PrEP noch verstärkt."

"Prophylaxen brauchen Zeit, bis Ergebnisse messbar werden - zumal die Prep in 2019 nur vier Monate Kassenleistung war", teilte Robin Rüsenberg, Geschäftsführer des Vereins Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (Dagnä) auf Anfrage mit. Am Beispiel Darmkrebsvorsorge lasse sich die Dynamik prophylaktischer Maßnahmen erkennen: "Zunächst mehr Diagnostik, mehr Karzinome, später dann eine Abnahme der Zahlen."

Dass unter schwulen und bisexuellen Männern, der am stärksten betroffenen Gruppe, die Zahl der HIV-Neuinfektionen nun nicht angestiegen ist, sei bemerkenswert, so Rüsenberg. "Insofern gilt es, die Zahlen für 2020 abzuwarten."

Beitrag von Oliver Noffke

7 Kommentare

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  1. 7.

    Bei Schwerpunktpraxen und wenn man zur Risikogruppe gehört, ist das kostenlos.

  2. 6.

    Am besten gleich in Quarantäne und testen testen testen ! Ironie aus

  3. 5.

    Nein, HIV ist nicht in jedem Falle tödlich. Nur das Leben ist in jedem Fall durch den Tod begrenzt. Jedes Leben. Aber nicht durch HIV. Bestes Beispiel: Holly Johnson, Frankie-Goes-To-Hollywood-Sänger, gerade wieder vorweihnachtliches "The Power of Love"-Gedudel :-) Holly weiss seit Anfang 90er, dass er positiv ist. Man kann heute ohne wirklich große Einschränkungen damit alt werden. Tatsächlich. Deswegen ist es so wichtig, dass man WEISS, dass man es hat, nur so kann man sich behandeln lassen. Und überleben.

    Testen muss einfacher und anonymer werden. Wer Angst haben muss, danach nicht mehr die Krankenkasse wechseln zu können oder den Job zu verlieren, testet nicht. Jeden Mist kann man daheim testen, die meisten Tests gibts in der Drogerie oder Apo.

    Es MUSS Schnelltests für HIV UND CORONA für den Privatmann geben, und zwar schnell und frei zugänglich!

  4. 4.

    Ja, weitere Aufklärung und Angebote in Sachen HIV sind wichtig.
    Dies sieht man schon anhand Ihres Kommentars, dass eine Infektion in jedem Falle tödlich endet.
    Das war vielleicht mal vor über 30 Jahren so. Inzwischen ist eine Infektion sehr gut in den Griff zu bekommen - wenn man sie rechtzeitig entdeckt und behandelt. Hierauf muss das Augenmerk gelenkt werden.

    Letztes Jahr sind in Deutschland an HIV laut RKI etwa 400 Menschen gestorben, seit Beginn der Epidemie ca. 30.000.
    An Covid sind dieses Jahr bereits fast 17.000 Menschen in Deutschland gestorben.

    Dies soll auf keinen Fall die Risiken von HIV schmälern, aktuell ist Covid aber die sehr viel größere Herausforderung.

  5. 3.

    Wollte ich auch gerade schreiben :)))
    Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

  6. 2.

    Liebes RBB-Team,
    könntet ihr nicht unter einem solchen Artikel noch Informationen posten bzw. Links setzen, wo man sich im Verdachtsfall testen lassen kann (ganz allgemein auf STDs) und zu welchem Preis.
    Liebe Grüße

  7. 1.

    Ne, es gibt noch andere Viren als Corona?
    Ich finde, dass das Thema HIV/Aids viel zu kurz kommt. Diese Infektion endet in jedem Falle tödlich und bekommt so gut wie keine Aufmerksamkeit, dabei ist eine Infektion mit weitaus geringen Maßnahmen (mehr Kondomautomaten, Drogenprävention mehrmals jährlich in Schulen, bessere Aufklärung zur Prophylaxe durch Ärzte etc.) vermeidbar!

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