Stickstoffdioxid-Belastung - Berliner Luft bleibt 2020 erstmals so sauber wie vorgeschrieben

Zahlreiche LKWs, PkWs und Radfahrer fahren auf der Wahrschauer Straße (Bild: dpa/Jens Kalaene | Grafik: rbb24))
Audio: Inforadio | 13.01.2021 | Alexander Schmidt-Hirschfelder | Bild: dpa/Jens Kalaene | Grafik: rbb24

Im vergangenen Jahr sind in Berlin erstmals die gesetzlichen Grenzwerte bei der Belastung mit Stickstoffdioxid eingehalten worden. Das zeigt eine Auswertung des rbb|24-Datenteams. Corona spielt dabei auch eine Rolle. Von Dominik Wurnig

Im Jahr 2020 hat Berlin erstmals den seit 2010 geltenden Grenzwert für die Stickstoffdioxid-Belastung eingehalten. Bei allen Referenz-Messstellen blieb die durchschnittliche Belastung unter 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das zeigt eine exklusive Auswertung der vorläufigen Messdaten durch das rbb|24-Datenteam.

Die am stärksten belastete Luft wurde wie im Jahr davor an der Neuköllner Karl-Marx-Straße mit 36 Mikrogramm im Jahresdurchschnitt gemessen. Die Hauptverursacher von Stickstoffdioxid sind Diesel-Fahrzeuge. Nur modernere Autos mit Schadstoffklasse Euro 6d-temp schaffen es auf der Straße tatsächlich die Vorgaben einzuhalten.

Die höchste Belastung im automatischen Messsystem wurde 2019 mit 43 Mikrogramm in der Neuköllner Karl-Marx-Straße festgestellt. Das Land Berlin betreibt noch ein zweites Messnetz mit sogenannten Passivsammlern, deren Daten für 2020 noch ausgewertet werden müssen. Eine noch höhere Belastung hat 2019 der Passivsammler am Spandauer Damm 103 mit 49 Mikrogramm/m³ gemessen.

17 Prozent weniger Stickstoffdioxid-Belastung

Über alle 17 Berliner Referenz-Messstellen sank die Belastung im Schnitt um 17 Prozent im Vergleich zu 2019. In der rbb-Auswertung fehlen momentan noch die sogenannten Passivsammler, deren Messergebnisse die Senatsverwaltung üblicherweise erst Monate später veröffentlicht. Die Senatsumweltverwaltung hält sich dazu bisher noch bedeckt: "Durch die Maßnahmen des Luftreinhalteplans wurde eine deutliche Verbesserung erzielt im Hinblick auf die Grenzwerte. Darauf deuten die Daten in den Straßen mit automatisch messenden Luftgüte-Stationen hin", sagt Dorothee Winden, Sprecherin der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. "Für eine definitive Aussage, ob der Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid berlinweit eingehalten wurde, ist es deshalb noch zu früh."

Corona-Pandemie beeinflusst auch die Luftqualität

Für die verbesserte Luftqualität gibt es mutmaßlich mehrere Gründe: zum einen Verkehrsmaßnahmen wie etwa Tempo 30 auf 33 Berliner Straßen oder Durchfahrtsverbote für bestimmte Dieselfahrzeuge. Andererseits wirkt sich auch der ganz normale Flottenwechsel aus: Alte Autos werden stillgelegt, moderne Autos mit besserer Abgastechnik kommen auf die Straße. Laut der Luftqualitäts-Expertin Ute Dauert vom Umweltbundesamt macht die Flottenerneuerung jährlich eine Verbesserung von zwei bis drei Mikrogramm pro Kubikmeter aus.

Außerdem wirkte sich auch die Corona-Pandemie auf die Luftqualität aus. Die Berliner Senatsverwaltung hat ausgerechnet, dass weniger Verkehr während des ersten Lockdowns im Frühling 2020 zu 15 bis 20 Prozent weniger Stickoxid-Ausstoß führte. Im Sommer und Herbst stieg das Verkehrsaufkommen dann wieder. "Hochgerechnet auf das Kalenderjahr 2020 beträgt der Corona-Effekt bei Stickstoffdioxid deshalb höchstens fünf Prozent und damit nicht mehr als zwei Mikrogramm/m³", sagt Sprecherin Winden.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) geht ebenfalls davon aus, dass die Corona-Maßnahmen am Jahresende zu weniger Verkehr und damit weniger Stickstoffdioxid geführt haben. Durch die Pandemie ist auch der Flugreiseverkehr eingebrochen - für die Stadtluft spielt das aber kaum eine Rolle, sagt Dauert: "Dass weniger geflogen wird, hat keine Auswirkung auf die Stickstoffdioxid-Belastung vor Ort in den Städten."

Aktuelle Luftbelastung

Tempo 30 und Fahrverbote bleiben

Dass sich die Luftwerte verbessert haben, sieht die Deutsche Umwelthilfe auch als ihren eigenen Verdienst: Die Umweltorganisation hatte das Land Berlin sowie etliche andere Kommunen wegen schlechter Luftwerte erfolgreich verklagt, so war die Berliner Regierung zu strengeren Maßnahmen gezwungen. "Vom Jahr 2018 auf das Jahr 2019 ist die NO2-Belastung in Städten in denen die DUH geklagt hat, doppelt so stark zurückgegangen, als in Städten, wo wir nicht geklagt haben" sagt der DUH-Chef Jürgen Resch. Durch Corona und die unterschiedlichen Maßnahmen in den Bundesländern sei so ein Vergleich für 2020 aber nicht möglich.

Wenn nun die Berliner Luftwerte wieder im erlaubten Bereich sind, stellt sich die Frage, wie es mit den Maßnahmen zur Luftreinhaltung weitergeht. Die DUH sieht noch großen Verbesserungsbedarf und fürchtet eine Verschlechterung in der Zeit nach der Pandemie: "Der Corona-Effekt wird verpuffen", sagt Resch. "Würde man die Maßnahmen wieder rückgängig machen, würde man wieder deutlich oberhalb des Grenzwertes liegen."

Bei der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz verkauft man die einstige Niederlage vor Gericht heute als Erfolg. "SenUVK hatte den neuen Berliner Luftreinhalteplan mit über 30 Maßnahmen ja schon weitgehend fertiggestellt, bevor das Verwaltungsgericht sein Urteil fällte", sagt Sprecherin Winden. "Das Verwaltungsgericht hat uns in unserer Auffassung bestätigt."

Zufrieden gibt man sich in der Umweltverwaltung mit der Luftqualität allerdings noch nicht. "Die Bilanz bei den Stickoxiden hat sich erheblich verbessert. Auch die Luftqualitätsgrenzwerte für Feinstaub halten wir nun schon seit fünf Jahren ein", sagt Winden. "Aber wahr ist auch, dass die mehr als 20 Jahre alten EU-Grenzwerte längst auf den Prüfstand gehören und eigentlich nicht mehr ausreichen."

Kein Problem in Brandenburg

In Brandenburg lagen im Jahr 2020 alle Stickstoffdioxid-Messstellen - wie auch schon in 2019 - deutlich unter dem Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm im Jahresmittel. Im Durchschnitt sank die Belastung um knapp über zehn Prozent.

Auch die Werte an bisherigen Hotspots in anderen deutschen Städten, wie Am Neckartor in Stuttgart (2020: 38,5 Mikrogramm), haben sich deutlich verbessert. Einziges Sorgenkind bleibt die bayrische Hauptstadt, wo der gesetzliche Grenzwert weiterhin nicht eingehalten wird: An der Messstelle Landshuter Allee lag die Belastung 2020 laut rbb-Berechnungen bei 54 Mikrogramm im Jahresmittel.

 

Korrektur: In einer ursprünglichen Version des Artikel hatte rbb|24 gemeldet, dass die höchste Belastung 2019 in der Leipziger Straße 23 mit 48 Mikrogramm gemessen worden wäre. Das ist nicht korrekt; die 48 Mikrogramm wurden durch einen sogenannten Passivsammler ermittelt und sind mit dem Referenzmesssystem nur bedingt vergleichbar. Dieser Artikel bezieht sich auf die Daten aus dem automatischen Referenzmesssystem. Die höchste Belastung hat das automatische Messsystem 2019 in der Karl-Marx-Straße festgestellt.

Beitrag von Dominik Wurnig

24 Kommentare

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  1. 24.

    Wie bei Corona: dann können wir ja jetzt alles wieder lockern.

  2. 21.

    "Aber das will u.a. die DUH nicht, da diese nur ein Ziel haben, das Abschaffen des Autos." Was für ein Unsinn!

    Selbst Autofanatikern wie ihnen müßte doch aufgefallen sein dass in Berlin 365 Tage im Jahr der Verkehrskollaps herrscht, da sind die paar Ampelschaltungen nur Makulatur. Dafür staut es sich woanders. Wir kommen nicht umhin den MIV massiv zu verringern.

  3. 20.

    DVU?
    Bestimmt meinen Sie die DUH - die Deutsche UmweltHilfe. Ja, Geiselhaft trifft für diese Institution zu. Aber gewonnene Klagen weisen diese Gruppierung gerne mal wieder in ihre Schranken

  4. 19.

    Glaube, dem Oliver fiel auch der Artikelteil sofort ins Auge, über den ich gestolpert bin: "Dass sich die Luftwerte verbessert haben, sieht die Deutsche Umwelthilfe auch als ihren eigenen Verdienst: Die Umweltorganisation hatte das Land Berlin sowie etliche andere Kommunen wegen schlechter Luftwerte erfolgreich verklagt, so war die Berliner Regierung zu strengeren Maßnahmen gezwungen." - Das klang schon nach Selbstbeweihräucherung (und sei das Ergebnis noch so winzig.) Insofern finde ich sein Posting nachvollziehbar und legitim.

  5. 18.

    Gut erkannt, die DVU-Spitze trifft mit Sicherheit auch nicht immer den Nerv ihrer nur gut 400 Mitglieder. Es ist also legitim, dass wir uns als Mehrheit nicht in "Geiselhaft" nehmen lassen. Eine demokratische Legitimation erhält man ja auf anderer Ebene, wenn man Mehrheiten organisiert hat. Da hilft auch lautes Schreien nichts. Deshalb werden mitunter wenige berechtigte Anliegen, durch radikale Methoden in Wort und Tat der Sprecher, so als unerträglich wahrgenommen.

  6. 17.

    Na wat für'n Glück, das Meckerei nur heisse Luft und nicht noch Feinstaub erzeugt, Stickoxid gar. China wäre dann ein Land der Luftkurorte.

    Der "Mieffaktor" weltweit:
    https://aqicn.org

  7. 16.

    Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht für die weiterhin notwendige Verbesserung der Luftqualität sowohl draußen als auch in Innenräumen [!] dringenden Handlungsbedarf, um die Gesundheit aller vor giftigen Gefahren zu schützen. Auch für gute Luftqualität in Innenräumen kann Corona eine Chance sein.
    "The World Health Assembly resolution for the first time recognized the role of WHO air quality guidelines (AQGs) for both ambient air quality and indoor air quality in providing guidance and recommendations for clean air that protect human health. In particular, it requested the Director-General to strengthen WHO capacities in the field of air pollution and health through the development and regular update of the guidelines, in order to facilitate effective decision making, and to provide support and guidance to member states in their efficient implementation." Leider keine dt. Übersetzung verfügbar.
    www.euro.who.int/en/health-topics/environment-and-health/air-quality/policy

  8. 15.

    @rbb Jetzt, wo endlich die uralten Grenzwerte eingehalten werden, sind bereits neue niedrigere Grenzwerte für die Zukunft beschlossen. Also bitte mit Nachdruck weitermachen und endlich z.B. den "Vorrang für den ÖPNV" umsetzen.
    "2005 wurde im Rahmen des 6. Umweltaktionsprogrammes der EU eine thematische Strategie zur Luftreinhaltung beschlossen. Richtlinie 2008/50/EG des Europäischen Parlaments und des Rates von 2008 über Luftqualität und saubere Luft für Europa. Art. 31 der Luftqualitätsrichtlinie hob 2010 die Richtlinien 1999/30/EG, ... auf, ließ die Verpflichtungen der Mitgliedstaaten hinsichtlich der Fristen für die Umsetzung oder Anwendung dieser Richtlinien aber unberührt. 2016 wurde die neue NEC-Richtlinie verabschiedet mit nationalen Reduktionsverpflichtungen für unterschiedliche Luftschadstoffe für den Zeitraum 2020 bis 2029 sowie die Jahre ab 2030, für die nochmals deutlich größere Reduktionen vorgesehen sind."
    wikipedia.org/wiki/Luftreinhaltung

  9. 14.

    „Es stirbt niemand an Feinstaub...“??? Ernsthaft?
    Ich kann es nicht mehr hören...

    Dann stirbt ja auch niemand an einem Verkehrsunfall... sondern am Organversagen.
    Und es stirbt auch niemand durch einen Messerstich... sondern am Blutverlust... oder an COVID... da wäre dann nur Lungenversagen schuld.

    Ehrlich: Luftverschmutzung tötet.

  10. 13.

    Ist doch schön wenn alles so ist wie es sein soll . Also kein Grund durchzudrehen FFF ihr könnt zu Hause bleiben , alles ist gut .

  11. 12.

    Alles nur Augenwischerei der Umweltlobby. Würde man den Verkehr durch intelligente Ampelschaltungen leiten, z.B. in der Leipziger oder Herrmannstr. würden die Werte nochmal um die Hälfte sinken. Aber das will u.a. die DUH nicht, da diese nur ein Ziel haben, das Abschaffen des Autos.

  12. 11.

    Ist ja schön, dass die Berliner Luft besser geworden ist. Paul Linke wird es erfreuen. Aber das die Luft beser geworden ist wegen Fahrverbotszonen für bestimmte Dieselfahrzeuge halte ich für einen Scherz. Ich wohne in solch einer Strasse und die LKW´s und Dieselfahrzeuge stinken weiter wie vorher. Ich habe hier noch nie eine Kontrolle gesehen.

  13. 10.

    Schön. Ich vermisse immer noch eine Messstandort in Südwest. Z.B. an der B1 oder Teltower Damm/Clayallee, auch Drakestraße wäre mal eine gute Idee.

    Schade, dass die Gelegenheit des geringeren Verkehrs jetzt mal nicht genutzt wird, die unsägliche Hildburghauser Straße z sanieren. Schlimm und das bereits seitdem ich existiere, also Jahrzehnte! Wer da als Radfahrer im oberen Teil ein Schlagloch im Dunklen erwischt, der darf froh sein, wenn nur die Felge ne 8 hat.

  14. 9.

    Die Überschrift hat mich erheitert. Da hat die Luft also sich an die Vorgabe gehalten. Sehr brav liebe Berliner Luft. Vielleicht könnten wir auch Corona Mal vorschreiben, wie es sich zu verhalten hat.

  15. 8.

    Auch nicht zu vergessen: fehlende Schadstoffbelastung durch Silvesterfeuerwerk.

  16. 7.

    Na, den Text nicht richtig gelesen? 5%...!

    "Hochgerechnet auf das Kalenderjahr 2020 beträgt der Corona-Effekt bei Stickstoffdioxid deshalb höchstens fünf Prozent und damit nicht mehr als zwei Mikrogramm/m³"

  17. 6.

    Wie kann die Luft sauberer sein, wenn doch viel mehr Individualverkehr da ist.???

  18. 5.

    Nun, daran wird gearbeitet. Ostern hängt wie ein Damoklesschwert über uns.
    Anders werden doch die hochgesteckten Klimaziele kaum erreicht.
    Theater, Kinos, Gastronomie, der Mittelstand geschlossen. Bald ist die Industrie dran, wenn es nach einigen Schreihälsen geht. Dann die Infrastruktur.
    Und schon haben wir die Reduktion von Co2 auf dem ambitionierten Stand. DU und die Grünen, Greenpeace und sonst wer freuen sich und deklarieren es als ihren Sieg für uns, für die Umwelt.
    Danach geht es ans Fleisch, das uns verhgählt werden soll, danach die Kleidung. Strom ist nur noch für wenige bezahlbar, ob der Umweltzulagen.
    Schöne neue Welt - ich freu' mich drauf.

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