Der Berliner Pflege-Azubi Tim bei seiner Arbeit, Bild vom 06.01.21 (Quelle: privat).
Audio: Inforadio | 07.01.20201 | Anna Corves | Bild: Privat

Gesprächsprotokoll | Krankenpfleger-Azubi - "Das Lernen bleibt auf der Strecke, obwohl ich das so gerne will"

Tim, 21, ist im dritten und damit letzten Lehrjahr der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Für den Pflegeberuf hat er sich aus voller Überzeugung entschieden, aber die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen frustrieren ihn häufig - ein Gesprächsprotoll.

"Der Pflegenotstand wirkt sich stark auf meine Ausbildung aus. Das geht schon los bei der Stimmung auf den Stationen – da fühle ich mich als Azubi nicht immer willkommen. Eigentlich bin ich da, um zu lernen. Aber oft gibt's so viel zu tun, dass man einfach versucht, irgendwie mitzuhelfen. Und das Lernen bleibt auf der Strecke, obwohl ich das so gerne will.

Zum Beispiel, einen Blasenkatheter zu legen. Das ist eine echt anspruchsvolle Aufgabe, die für den Patienten unangenehm sein kann, auch einen Eingriff in die Intimsphäre darstellt. Und bei der man auch was verletzen kann. Das muss man als Azubi laut Ausbildungsverordnung dreimal gemacht haben, um zum Examen zugelassen zu werden. Das ist innerhalb von drei Jahren eigentlich nicht viel. Aber trotzdem geht das im Arbeitsalltag oft unter, weil keine Zeit ist. Und das ist nur eins von vielen Beispielen.

Porträt Pflegeazubi Tim (Quelle: rbb)
Tim, 21, ist im dritten Lehrjahr der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger | Bild: rbb

Ich versuche, mir Anleitung einzufordern, frage immer wieder nach: "Kannst du mir das mal zeigen." Aber das kostet Überwindung, die Pflegekräfte sind meistens im Stress, ihre eigene Arbeit zu bewältigen. Oft heißt es dann: "Nächstes Mal. Jetzt ist gerade zu viel zu tun. Ich mache das schnell selbst und du kannst zuschauen." Die Qualität der Ausbildung leidet darunter auf jeden Fall.

Wenn es doch mal einen etwas ruhigeren Tag gibt, an dem ich mit einer Fachkraft zusammenarbeiten kann, die Lust hat, mir etwas zu zeigen, habe ich richtige Aha-Momente. Denn gerade die Praxisanleiter – also die Pflegekräfte, die eine Weiterbildung gemacht haben, um Auszubildende anzuleiten – sind ja grundsätzlich motiviert. Das sind meistens schöne Erfahrungen, für die ich sehr dankbar bin.

Ich hatte auch eine Ausbildungsstation in einem Hospiz. Da waren die Arbeitsbedingungen viel besser und ich konnte so arbeiten, wie wir es in der Schule lernen – so, wie gute Pflege eigentlich geht, mit viel Zuwendung zum Patienten. Umso frustrierender ist es dann, wenn man wieder auf einer Station arbeitet mit dem üblichen Stress.

Ich bin auch schon in Situationen geraten, in denen Sachen von mir verlangt wurden, die ich noch gar nicht konnte. Dann ist es an sich natürlich wichtig zu sagen: Ich kann das nicht. Aber das ist auch nicht immer leicht. Zumindest gefühlt ist der Druck groß, im Team zu funktionieren. Man möchte die Kollegen unterstützen und vor allem schon voll der gute Auszubildende sein. Aber wenn man der Aufgabe nicht gewachsen ist, ist die Patientensicherheit gefährdet.

Zum Beispiel beim Infusionen richten und verabreichen. Da muss man richtig aufpassen, das ist kompliziert. Eigentlich dürfen das außer den Ärzten nur die examinierten Pflegekräfte machen. Als Azubi darf ich das nur unter Anleitung. Aber tatsächlich wird man auch öfter alleine losgeschickt, Dinge zu tun, bei denen man sich noch nicht sicher ist. Das ist die Realität. Es passiert ja auch in den seltensten Fällen etwas. Trotzdem ist es kein gutes Gefühl, etwas zu machen, bei dem ich unsicher bin. Grundsätzlich finde ich es zwar schön, einen verantwortungsvollen Beruf zu haben. Aber manchmal lastet die Verantwortung schon auf mir.

Nach dem Examen Vollzeit im Krankenhaus zu arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen. Auch wenn ich Stationen kennengelernt habe, auf denen es mir grundsätzlich gefallen hat. Die Arbeitsbedingungen sind einfach schlecht. Da komme ich schon ins Grübeln, klar. Viele steigen ja auch nach ein paar Jahren aus oder arbeiten nur Teilzeit, was ich sehr gut verstehen kann. Wenn die Rahmenbedingungen nicht verbessert werden, sinkt die Qualität der Pflege. Die Patienten bekommen ja jetzt schon oft nicht die Versorgung, die sie verdienen.

Was ich davon halte, jetzt noch deutlich mehr Azubis auszubilden, wie es die Politik fordert? Klar werden die gebraucht – aber das kann in diesem System einfach nicht funktionieren Dazu müssten die Praxisanleiter massiv gefördert werden – mehr Geld und mehr Zeit für ihre Arbeit mit den Azubis bekommen. Sonst wird das nichts – was schade ist. Denn Pflege an sich ist ein total schöner Beruf. Ich hoffe, dass diejenigen, die Lust darauf haben, sich trotz allem nicht abschrecken lassen und ihr Bestes geben.

Ich will versuchen, ein bisschen was zu bewegen. Deswegen gehe ich auch auf die Straße, demonstriere beim "Walk of Care", immer mittwochs vor dem Bundesgesundheitsministerium. Wir brauchen einfach bessere Arbeits- und bessere Ausbildungsbedingungen.

Aufgezeichnet von Anna Corves

Sendung: Abendschau, 07.01.2020, 19:30 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Heul heul... Die meisten Pfleger sind ja noch nicht mal in einer Gewerkschaft!!! Also nicht alles auf die Politik schieben. Die rührt sich erst richtig wenn man denen anständig auf die Füsse tritt.

  2. 2.

    Azubis brauchen generell einen besseren Schutz, der ihre ordentliche Ausbildung gewährleistet, ist meine pers. Beobachtung aus ca. 10 Berufsjahren in div. Betrieben. Ich sehe da den Staat als Unabhängigen noch stärker in der Pflicht. In Ausbildung investieren heißt Effizienz und Effektivität von Personal förderen, das sollte selbst Geldhaien einleuchten.

    Als Azubi ist man zu sehr dem Betriebsklima ausgesetzt und gerät in wie im Beitrag geschildert in die Situation, dass man die Unterfinanzierung von Arbeitsbereichen als fühlender Mitmensch nicht ertragen kann und dann selbständig in die Bresche springt.

  3. 1.

    Ich glaube, er spricht für viele Pflegende und Azubis und die Beispiele die aufgeführt werden, kennt jede Pflegekraft. Es ist toll, dass es überhaupt noch junge Menschen gibt, die die Ausbildung ergreifen - aber viel zu schnell kommt Enttäuschung und Frust über einen Beruf, der so viel leistet und erreichen kann. In den Schulen wird die Ganzheitlichkeit gelehrt und am Patientenbett erfolgt nur notdürftige Mimimalversorgung. Ich habe meine Ausbildung 2011-2014 gemacht und nach 4 Jahren Vollzeit im Krankenhaus, war ich einfach "durch" und würde auch nie wieder Vollzeit im Krankenhaus arbeiten wollen - wozu mich kaputt machen?

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