Praxismanagerin Felicitas von Wietersheim (Quelle: rbb/Josefine Janert )
Audio: Inforadio | 09.01.2021 | Josefine Janert | Bild: rbb/Josefine Janert

Zehntausende Betroffene - Wie Menschen ohne Krankenversicherung in Berlin geholfen wird

Bis zu 60.000 Menschen in Berlin haben keine ausreichende Krankenversicherung. Sie finden Hilfe in einer Arztpraxis der Malteser, einer katholischen Organisation. Rund 300 Menschen stehen dort jeden Monat vor der Tür. Von Josefine Janert

"Ich komme seit einem Jahr hierher, weil ich Bluthochdruck und Herzschmerzen habe", sagt Patricia, eine 49-jährige Frau aus dem westafrikanischen Land Elfenbeinküste. "Wenn du krank bist, brauchst du Medikamente, brauchst du Unterstützung."

Patricia sitzt in dem kargen Wartezimmer der Malteser in der Aachener Straße 12 in Berlin-Wilmersdorf. An einer Pinnwand hängen Informationen in Deutsch, Englisch und Französisch. Das Fenster steht wegen Corona auf, zwei asiatische Frauen unterhalten sich leise.

Neben Patricia wartet Inge Lux, ehrenamtliche Koordinatorin eines Projektes für Geflüchtete in Marienfelde. Sie hat Patricia zum Arzt begleitet. "Das ist eine gute Sache, dieser medizinische Dienst für Menschen, die noch keine Krankenkasse haben", sagt Lux. "Die Mitarbeiter hier sind sehr freundlich und zugewandt."

Ehrenamtliche medizinische Fachkräfte gesucht

Vor 20 Jahren begann der gemeinnützige Malteser Hilfsdienst e.V. mit einem einzigen Behandlungszimmer. Inzwischen gehen von einem langen Gang sechs Arztzimmer ab – für Allgemeinmedizin, Gynäkologie, Orthopädie, Dermatologie, Kinderheilkunde und Zahnmedizin. Das Team ist auf 40 Personen angewachsen, von denen 29 ehrenamtlich tätig sind. Es sucht dringend weitere ehrenamtliche medizinische Fachkräfte.

Jan Hirsch war selbst lange Zeit ehrenamtlich tätig, ehe er im Hauptberuf die Leitung der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung in Berlin übernahm. Heute hält der 35-jährige Arzt die allgemeinärztliche Sprechstunde. Er zählt auf, was ihm dort häufig begegnet: Infektionskrankheiten, Bluthochdruck, chronische Lungenerkrankungen, Diabetes und Wundinfektionen gehören dazu.

Auf seinem Tisch liegt ein Blutdruckmessgerät. "Wir haben hier auch ein EKG und ein Ultraschallgerät", sagt Hirsch. "Wir können Blut abnehmen und Laboruntersuchungen durchführen. Eine Röntgenuntersuchung ist meistens nicht so teuer. Da können wir die Kosten auch mal übernehmen oder Patienten zu einer Praxis schicken, mit der wir zusammenarbeiten."

Für aufwändigere Diagnostik und Behandlung würden die Malteser auf ihr Netzwerk zurückgreifen. Dazu gehört die Clearingstelle unter dem Dach der Berliner Stadtmission. Deren Mitarbeiterinnen versuchen, Menschen in das Gesundheitssystem zurückzuführen. Das ist nötig, wenn etwa Selbständige mit einer Geschäftsidee gescheitert sind und die Beiträge zu ihrer Krankenversicherung nicht mehr gezahlt haben.

Die Zahl des Statistischen Bundesamtes ist zu niedrig

61.000 Menschen ohne ausreichende Krankenversicherung habe es 2019 bundesweit gegeben, teilte das Statistische Bundesamt mit. Die Zahl sei seit 2015 gesunken.

"Wir gehen von Hunderttausenden Personen in Deutschland aus", widerspricht Stephanie Kirchner von der Nicht-Regierungs-Organisation Ärzte der Welt. Sie kritisiert, dass das Statistische Bundesamt auf der Basis einer Haushaltsbefragung rechnet. Diese Befragung könne zwei Hauptgruppen nicht erreichen, weil sie eben keinen Haushalt haben: Wohnungslose und Personen ohne geregelten Aufenthalt. Die Berliner Stadtmission spricht von 60.000 Menschen ohne ausreichende Krankenversicherung allein in der Hauptstadt.

"Sie warften, bis eine Krankheit weit fortgeschritten ist"

Im Februar 2020 standen 700 Menschen ohne Termin vor der Berliner Praxis der Malteser. Vor Corona war eine Behandlung ohne Termin möglich, jetzt nicht mehr – und es kommen noch 300 Patienten pro Monat. "Sie warten oft, bis eine Krankheit schon weiter fortgeschritten ist", berichtet Praxismanagerin Felicitas von Wietersheim. "Dann haben sie akuten Bedarf und stehen vor unserem Schild 'Terminsprechstunde – bitte rufen Sie an!'"

Doch diese Menschen würden sofort etwa einen Zahnarzt brauchen. Zwar müssen im Notfall Krankenhäuser solche Patienten aufnehmen – auch ohne Versicherung. "Aber eine Zahnwurzelbehandlung ist kein Notfall – und trotzdem dringend nötig", sagt die Praxismanagerin.

Sie erzählt, dass die Malteser auch die Kosten der Medikamente übernehmen, wenn es sich die Patienten nicht leisten können. Das kostet allein 60.000 Euro im Jahr. Die Praxis der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung wird zur Hälfte vom Land Berlin getragen. Die andere Hälfte kommt aus Eigenmitteln der Malteser sowie aus Spenden.

Prekär beschäftigt im Nagelstudio

Viele Patienten sind legal oder illegal nach Deutschland eingereist, um hier zu arbeiten. Einige haben eine Reisekrankenversicherung, aber sie reicht nicht aus. Vietnamesen machen die größte Gruppe aus. Viele von ihnen sind unter prekären Bedingungen in Blumenläden und Nagelstudios tätig, weshalb sie nicht sozialversichert sind. Serbien, Bulgarien und Westafrika sind weitere wichtige Herkunftsregionen – aber auch Deutschland.

Deutsche etwa, die ins Ausland gezogen sind und sich nicht mehr um ihren Papierkram gekümmert haben. Und Menschen, die psychisch labil sind. "Sie haben eigentlich eine solide Ausbildung, sind aber aus dem täglichen Lebensrhythmus rausgefallen", sagt von Wietersheim. Und schließlich seien da noch Berufsgruppen, von denen man es nicht erwartet: In der Aachener Straße 12 haben auch schon eine Psychoanalytikerin und etliche Juristen vorgesprochen, die an der Armutsgrenze leben, "weil sie dem harten Wettbewerb nicht standhalten".

Beitrag von Josefine Janert

30 Kommentare

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  1. 30.

    Das wäre möglich bei:
    Stadtmissionen, Malteser, ASB, Johanniter, DRK, kirchlichen Einrichtungen, usw. - eigentlich bei allen "NGOs", wie es manche Foristen hier bestimmt auch nennen würden, die Anderen helfen.

  2. 29.

    Ist es eigentlich schon aufgefallen, das es in dem Bericht um echte "arme Schweine" geht. Kaum einer stellt auch nur sinngemäß die Frage, warum es in einem reichen Deutschland, das Abermillionen irgendwo in Sinnlosprojekte versenkt, nicht möglich ist, eine einfache Behandlung eines Kranken, unabhängig seiner Herkunft oder seines "Status", kostenfrei für den Betroffenen zu gewährleisten.
    Hier geht es nicht um GKV vs. PKV, Kassenbeiträge, Sozialneid, den Zusammenbruch der UdSSR, gar der EU. Stattdessen wird unthematisch gemault und Ansichten rausgehauen, was in einem freien Land ja jedem freisteht, die einen Erkenntnishorizont erkennen lassen, der am Blumenkasten endet.

  3. 28.

    Sie haben recht, die EU ist zum Scheitern verurteilt. Ich hoffe jedenfalls, daß wir zur alten europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wieder zurückkehren, wie wir sie bis Anfang 1990 hatten.
    Im Moment bleibt D nur der Zahlmeister und es wird immer mehr von den anderen gefordert und wie es mit der Solidarität aussieht von den anderen, hat man ja bei der Aufnahme der Migranten gesehen. Wenn es unangenehm wird oder es etwas kostet, ist es einzelne Ländersache und wenn man davon profitiert, ist man UNSOLIDARISCH, wenn Deutschland nicht darauf eingeht.

  4. 27.

    Da haben Sie völlig recht mit Ihrer Aussage: "Den privilegierten Standard den Privatversicherte erwarten mit ihrer privaten Krankenversorgung finanzieren die gesetzlich Versicherten."
    Diesen Satz kenne ich auch von meiner Tochter die Krankenhauskinderärztin ist. Sie sagte mir schon, keine Arztpraxis und kein Krankenhaus kann existieren durch die Privatversicherungen. Die Einnahmen durch Privatversicherte ist nur ein Zubrot.

  5. 26.

    Na ja, es gilt das Prinzip "erst einzahlen, dann die Leistung" und es muss Konsequenzen haben, wenn man versucht "durchzuschlüpfen" - ist bitter, aber notwendig für den Erhalt des Systems. Verbesserungen immer gerne...

  6. 25.

    "600,- Euro. Hab und werde ich natürlich nie bezahlen, folglich bleibe ich unversichert." - genau so ist es, erst einzahlen, dann die Leistung. Trotz erfindungsreiche Ausreden kann man dieses Prinzip nicht kippen, weil sonst...(beende den Satz)

  7. 24.

    "Prinzipiell kann man nicht Nichtversichert sein" ist richtig, weil unser System dafür sorgt, das nur derjenige eine Leistung erhält, der auch einzahlt. Das ist wichtig für den Solidargedanken. Warum hier im Artikel 61.000 Menschen ohne KV von anderen Einzahlern bezahlt werden sollen, wird nicht erklärt. Und eine Private KV ist auch eine Solidargemeinschaft, wichtig für den Erhalt unseres Systems - ist aber ein anderes Thema, was sich lohnt hier mal gesondert gerne zu diskutieren.

  8. 23.

    Ein ganz großer Teil der heutigen Misere mit den Krankenkassen geht auf das Konto von der damaligen Gesundheitsministerin ULLA SCHMIDT/SPD unter der Regierung von Schröder SPD und den GRÜNEN zurück und das sollte jedem mal klar werden. Und daß dieser gravierende Fehler inzwischen von der CDU etc. nicht geändert wird ist in meinen Augen logisch.
    Ich war 29 Jahre lang SPD-Mitglied und habe mich besonders auch für die Sozialpolitik interessiert, aber damals bin ich gerade aus diesen Gründen aus der SPD ausgetreten. Ein aktives SPD-Mitglied fragte mich mal vor nicht allzu langer Zeit, wann ich aus der SPD ausgetreten bin in einem völlig anderen Bundesland und da bekam ich zur Antwort, auch bei ihnen gab es zu diesem Zeitpunkt eine richtige Austrittswelle.

  9. 22.

    Das ist ein sehr egoistische Einstellungen. Ärztliche Leistungen wollen sie im Notfall aber sicher in Anspruch nehmen. Null Einkommen???? Und wovon leben sie??? Ich kenne eine Reihe von Selbständigen die ihre Einkünfte solange schön rechnen, bis sie bei Null ankommen.

  10. 21.

    Nichts,
    Leute mit Beitragsschulden bekommen regelmäßig Besuch vom Zoll um Beiträge zu pfänden, Anspruch auf Krankenversicherung und Behandlung haben sie nicht.
    Können sie nicht zahlen wird die Vermögensauskunft erzwungen. Menschen mit Vorerkrankungen werden von der PKV auch im Basistarifen nicht aufgenommen. Die GKV nimmt Bürger nur auf, die in den letzten 5 Jahren gesetzlich versichert waren.
    Somit ist diese Gruppe schlechter dran, als mancher Neuankömmling. Der Arzt verlangt sofortige Barzahlung, Apotheker sowieso. Für eine Klinik ist selbst ein zertrümmerter Knochen nach einem Unfall kein Notfall und man wird weggeschickt.
    Dies ist keine Fiktion, sondern Realität.

  11. 20.

    Sie sollten in volkswirtschaftlichen Fragen nicht Rummelplatz- und Kirmesrednern zuhören. Werden die referiert, kommt raus, was Sie hier verbreiten. Vulgär-Betriebswirtschaft. Krämerseelen-Wirtschaftsliberalismus. Zum einen: Den (privilegierten)Standard den Privatversicherte in ihrer Krankenversorgung dann erwarten, finanzieren die gesetzlich Versicherten. Ansonsten hat man nämlich katastrophen-prekäre medizinische Grundversorgung, wie die USA oder Grossbritannien. Ist also nur ne Option für höchstens ein oberes Drittel einer Gesellschaft. Gibt darüber historisch-kritisch kein Informationsdefizit. Demagogie hat keinen US-Bürger in eine Krankenversicherung gebracht.
    Und ja.
    Kann überfordern. Wir bewegen uns tendenziell zunehmend in einem einheitlichen Wirtschaftsraum. Ist dann halt auch ein Sozialraum und auch - oooooh Gott! - es treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Der "Rumäne, Bulgare und Westafrika" schuftet in Leiharbeitsfirmen unversichert. Für Ihre Wurst. Auf Ihrem Bau

  12. 19.

    Ich hoffe Sie haben sich nicht die billigste Krankenkasse ausgesucht. Das wäre unsolidarisch gegen die die in einer teureren KK sind. Wenn Ihre Kasse die Beiträge erhöhen sollte, müsste Ihnen verboten werden zu wechseln. Auch Steuergestaltung sei Ihnen nicht gestattet, das wäre auch unsolidarisch gegen die die mehr Steuern bezahlen. Ich hoffe, ihnen wird ihr egoistisches Weltbild offenbar.

  13. 18.

    Dieses Thema ist für mich als ehemaligen DDR Bürger
    immer noch sehr befremdlich. Manchmal denke ich, in welchem Land ( System) lebe ich. Ich fühle mich dann teilweise in die "Steinzeit" zurückkatapultiert.

  14. 17.

    Da wird man/frau als junger Mensch mit geringen Beiträgen geködert. Und wenn man/frau alt ist, können Viele die Beiträge nicht mehr bezahlen. Die Versicherungspflicht gibt es erst seit 2007. Menschen, die vorher ihre Beiträge nicht bezahlen konnten, wurden gekündigt. Sie können wieder in der privaten Krankenversicherung einen Aufnahmeantrag stellen. Es gilt dann der Basistarif. Dieser würde bei meiner Versicherung 700,00 Euro betragen. Dieser Beitrag würde dann auch für die Zeit fällig, die man/frau nicht versichert waren.

  15. 16.

    Das stimmt nicht. Viele Deutsche, die auch mal gesetzlich krankenversichert waren, sind ohne Krankenkasse. Ohne je etwas mit den privaten zu tun gehabt haben. Gründe ?ziemlich einfache - z.B. vollkommen überzogene Nachzahlungsforderungen und ähnliches, die dann manch einen zur Abkehr zwingen bzw. bringen.
    Kann da aus eigener Erfahrung sprechen. Von mir wollte die AOK, obwohl ich nachweislich keinerlei Einkommen hatte, einen Monatsbeitrag von 600,- Euro. Hab und werde ich natürlich nie bezahlen, folglich bleibe ich unversichert.

  16. 15.

    Die EU ist zum Scheitern verurteilt...wie damals die SU

  17. 14.

    Die 61.000 bundesweit ist eine offizielle Zahl, die aber offensichtlich fehlerhaft ist. Die 60.000 in Berlin sind eine Schätzung, die wahrscheinlich näher an der Realität ist. Das wird auch im Text erklärt.

  18. 13.

    Da sollten Sie Dank der "Euro-Rettung" nicht zuviel erwarten. Denn die Privatkassen, bei denen der Staat nicht zubuttert, können die Beitragssätze nicht mehr halten, weil das Anlagegeld wegen der Negativzinspolitik der EZB nicht nur die Sparer in D enteignet, sondern auch die Beitragssätze der Privatversicherungen explodieren läßt.
    Was bei den Privaten Kassen passiert, setzt sich mit Verzug auch bei den Gesetzlichen Kassen , denn irgendwo her kommen müssen ja die Aufwendungen für immer mehr Versicherte, die nie eingezahlt haben, im Artikel bezeichnet herkommend aus "Serbien, Bulgarien und Westafrika".

  19. 12.

    Was stimmt denn nun. Laut Headline gibt es in Berlin 60000 Menschen ohne ausreichende KV. Im Artikel wird festgestellt, dass bundesweit im Jahr 2019 ca. 61000 Fälle bekannt sind. Heisst das, daß die alle in Berlin wohnen?

  20. 11.

    Und alle Corona Maßnahmen Kritiker sollen ihre Kosten selber tragen, obwohl sie jahrzehntelang in die Krankenkasse eingezahlt haben, was für eine krude Gutmenschen Logik.

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