Kampf gegen Pflegenotstand - Warum es mit mehr Ausbildungsplätzen nicht getan ist

Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin misst den Blutdruck der Patientin. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Video: Abendschau | 07.01.2021 | Tina Friedrich | Gespräch mit Wolfgang Albers | Bild: dpa/Christophe Gateau

Der Pflegenotstand ist groß, nun soll es der Nachwuchs richten: Mehr Ausbildungsplätze gleich mehr Pflegekräfte, so das politische Kalkül auch in Berlin. Doch so einfach geht die Rechnung nicht auf. Von Tina Friedrich und Anna Corves

Nathalie ist fast fertig mit der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Im Februar 2021 macht sie ihr Examen. Examinierte Pflegekräfte werden händeringend gesucht, Nathalie wird sich aussuchen können, wo sie anfangen will. Trotzdem ist sie verunsichert, wenn sie an ihren Start ins Berufsleben denkt. "Ich habe noch nie einen Katheter gelegt, ich kam einfach nicht zum Üben", sagt sie. In ihren drei Ausbildungsjahren gab es im Stationsalltag dafür wenig Zeit. Nicht nur bei pflegerischen Tätigkeiten fiel ihr das auf. "Es gibt diese große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Ich lerne in der Schule, wie ich pflegen soll, und in der Praxis wird mir direkt gesagt: Guck dir bloß nicht ab, wie ich das mache."

Schüler sollen Arztaufgaben übernehmen

Pflegeazubi in Zeiten der Personalnot zu sein, bedeutet seit Jahren bei den Einsätzen in Kliniken und Altenheimen: wenig Anleitung, aber viel Verantwortung. Oft sogar zu viel Verantwortung. Auch Friedrich ist Auszubildender der Gesundheits- und Krankenpflege. Er lernt in einem anderen Krankenhaus als Nathalie, berichtet aber von ähnlichen Erlebnissen. Im Schichtbetrieb zähle jede Hand. Man werde einfach losgeschickt, Aufgaben am Patienten zu übernehmen, erzählt er. "Aber niemand vergewissert sich, ob ich das überhaupt schon kann."

Mehrere Azubis berichten, dass sie immer wieder Aufträge bekommen, die eigentlich nur examinierten Pflegekräften erlaubt sind. "Ich dürfte zum Beispiel ohne Aufsicht keine Infusionen vorbereiten, das ist aber gang und gäbe", sagt Friedrich. Die Patientensicherheit werde vernachlässigt, er hält das für fahrlässig.

Keine Zeit für Anleitung

Seit 2020 ist vorgeschrieben, dass zehn Prozent der Ausbildung durch geschulte "Praxisanleiter" erfolgen müssen. So steht es im Pflegeberufegesetz. Das entspricht 250 Arbeitsstunden verteilt auf drei Ausbildungsjahre, rechnerisch etwa 16 Stunden pro Praxismonat. De facto werden diese Praxisanleiter aber am Patienten gebraucht, haben kaum Zeit für die Ausbildung.

Aufpassen, dass die Azubis keine Fehler machen, müssen dann andere Fachkräfte, die regulär im Dienst sind. Eine von ihnen ist Sabrina Richardson. Sie arbeitet seit 28 Jahren in der Altenpflege. Als langjährige Leasingkraft hat sie viele Berliner Pflegeheime kennengelernt – und viele Azubis. "Die werden eigentlich die ganze Zeit für die Körperpflege der Bewohner eingesetzt." Richardson findet das unfair: So könne der Nachwuchs nichts lernen.

Richardson wurde schon Zeugin, wie ein frischgebackener Ausbildungsabsolvent einem Patienten jede Menge Blutverdünner in die Pillenschachtel sortierte – im Glauben, es handele sich um ein Diabetesmittel. Ein potenziell gefährlicher Fehler, der in diesem Fall jedoch rechtzeitig entdeckt wurde.

Verdoppelung der Azubizahlen illusorisch

2019 wurden rund 4.000 Pflegeazubis in Berlin ausgebildet. Bis 2023 soll sich diese Zahl verdoppeln, so steht es im "Pakt für die Pflege" von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Die ehrgeizigen Pläne der Berliner Senatorin hält Christine Vogler für nicht umsetzbar. Vogler leitet die größte der insgesamt 35 Pflege-Ausbildungsstätten in Berlin: den Bildungscampus für Gesundheitsberufe. Der Campus bildet den Nachwuchs für Vivantes und die Charité aus. Mehr als die Hälfte der Berliner Pflegeazubis lernten dort (Stand 2019).

Sie habe die Plätze bereits aufgestockt, aber eine Verdopplung sei nicht zu schaffen, sagt Vogler. Zum einen würden die Kliniken mit Azubis in der Praxisphase überflutet werden. Zum anderen fehlten Räume für den Unterricht – und vor allem Lehrkräfte. 60 bis 80 zusätzliche Pädagogen bräuchte Christine Vogler, um die Anforderungen der Gesundheitssenatorin zu erfüllen.

Senatsverwaltung besteht auf Verdopplung

Kalayci hält dennoch an der Forderung fest. "Eine Verdoppelung der Ausbildungszahlen ist ein notwendiges Ziel, um den Fachkräftebedarf in der Pflege in Berlin zu sichern", antwortet die Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine Anfrage von rbb24 Recherche. Die Bundesgesetzgebung werde umgesetzt. "Die Fortbildung von Praxisanleitenden sowie die Tätigkeit der Praxisanleitung selbst ist über den Ausbildungsfonds refinanzierbar. Damit wird die Arbeit der Praxisanleitenden aufgewertet und die Tätigkeit attraktiver."

Gemeinsam mit der Senatskanzlei, die für die Hochschulstudiengänge zuständig ist, habe man 40 Studienplätze in einem neuen Masterstudiengang für Pflegepädagogik eingerichtet. In Berlin gebe es darüber hinaus "großzügige Übergangsfristen", die den Pflegeschulen die Suche nach zusätzlichen Lehrkräften erleichtern würden.

Lehrpersonal fehlt

Von den 899 Lehrkräften, die 2019 an den Berliner Pflegeschulen unterrichtet haben, kamen mehr als 500 aus dem Praxisbetrieb – Ärzte, Pflegekräfte, Hebammen. Ihre Arbeitskraft fehlt dann auf den Stationen und in den Heimen und erhöht dort den Druck. Vogler kann den Wunsch und die Notwendigkeit, sehr schnell sehr viel mehr Pflegekräfte auszubilden, nachvollziehen.

Doch die politische Maßgabe setze die Schulen zu sehr unter Druck und führe letztlich dazu, auch Bewerber in die Ausbildung aufzunehmen, die man früher als ungeeignet abgelehnt hätte. "Seit 2009 werden die Schulabschlüsse für die Pflegeausbildung immer weiter runtergeschraubt. Jeder, der zehn Jahre Schule abgeschlossen hat, wird genommen. Bei einigen fehlt dann fachliche Kompetenz. Das fängt an beim Rechnen und hört auf beim Schreiben." Nicht alles könne man an der Schule auffangen.

Sorge vor Qualitätseinbußen

Die Senatsverwaltung entgegnet: "Die Pflegeausbildung findet auf einem sehr hohen Niveau statt, die Abschlussprüfungen folgen einheitlichen Standards." Christine Vogler macht sich dennoch Sorgen. Wenn nun immer mehr Azubis durch die Ausbildung "geschleust" werden müssten, könnte das Niveau der Ausbildung und damit letztlich die Pflegequalität am Bett sinken. "Wir haben schon jetzt mehr Schüler, die beim Examen zwei Mal antreten müssen. Und die Durchschnittsnote bei den Abschlüssen sinkt", sagt sie.

Auch Hedwig Francois-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit warnt davor, die Ansprüche an die Pflegenden der Zukunft herunterzuschrauben. "Es geht nicht um Masse, sondern um Klasse", sagt sie. "Wenn ich jeden in die Ausbildung schicke, der da gerade um die Ecke kommt, dann kommen auch ungeeignete Leute in die Pflege. Das müssen wir verhindern."

Akademisierung als Antwort

Aus ihrer Sicht müssten vielmehr die Ausbildung und das Berufsbild interessanter werden, um auch die besten Schülerinnen und Schüler für die Pflege zu gewinnen. Das funktioniere vor allem über ein entsprechendes Studienangebot.

Francois-Kettner war jahrzehntelang Pflegedirektorin der Charité und berichtet von sehr guten Erfahrungen mit studierten Pflegekräften. "Sie haben Routinen in der Patientenversorgung hinterfragt, neue Forschungsergebnisse eingebracht und sind den Ärzten auf Augenhöhe begegnet." Das erhöhe den Stellenwert der Pflege. So würde die Pflegeausbildung auch für Abiturienten wieder attraktiv. "Viele von denen gehen uns heute verloren, weil sie in Nachbarländer wie die Schweiz abwandern, wo das Studium attraktiver ist."

Nathalie bereut den Schritt in die Pflegeausbildung trotz aller Herausforderungen nicht. "Es klingt kitschig, aber es ist einfach schön, Menschen zu helfen", sagt sie. Gleichzeitig sei das eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Aufgabe. "Man muss einen Patienten sehen und sofort wissen, was er für ein Problem hat. Man muss viel wissen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Das fordert mich auch persönlich. Das finde ich einfach sehr spannend an dem Job."

Sendung: Abendschau, 07.01.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Tina Friedrich und Anna Corves

9 Kommentare

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  1. 9.

    Bei der Polizei das Gleiche mit dem Nachwuchsmangel, man muss inzwischen nehmen, wen man bekommen kann. Traurig, aber wahr. Die Anforderungen sinken seit Jahren. Wenn man hört, wie die Anwärter sich unterhalten ("Ey digga, isch war so broke, isch schwör auf mein Leben, Bruda!") und was für Leistungen von ihnen (nicht) erbracht werden, ist beschämend, wer da künftig auf die Bürger*innen losgelassen wird. Man versucht mittlerweile, Tendenz steigend, wirklich jeden durchzuwinken.

  2. 8.

    Wie war die Ausbildung vor 2020 geregelt, ohne Praxisanleiter ("seit 2020 10% durch Praxisanleiter")? Ich frage, weil ich jmd. kannte, die war ex. Krankenschwester und auf mich hatte es den Eindruck, das Ganze sei vollschulisch abgelaufen (ca. 2000 an der Wannseeschule in Berlin).

  3. 7.

    "Die Praxis lernt man in der Praxis." Das gilt wohl insbesondere für anspruchsvolle Berufe, deren theoretische Basis derart komplex ist wie die menschliche Gesundheit.

    Ein Optimierungspotential entsteht in jedem Moment, in dem sich neues Wissen manifestiert. Eine "Akademisierung" ist ja nur der "plakative Anstrich", die der Entwicklung des Umfanges einer Ausbildung hinterherrennt. Ob mir nun ein "Meister" oder ein "Professor" das entsprechende Wissen vermittelt, unterscheidet sich doch im Endeffekt nur durch den Ort der Wissensvermittlung - der auch nur eine Spiegelung der Anerkennung der Profession an sich ist.

    Als Chemo-Patient habe ich "praktische Tipps" beim Infosionsnadellegen "aus den passiven Erfahrungen heraus" geben können. Das war sicherlich nicht ganz uneigennützlich, aber diese praktische Erfahrung ist dadurch auch erst "gemacht worden".
    Ausbildungen brauchen Zeit. Das läßt sich nicht wegdiskutieren.

  4. 6.

    Pflege akademisieren? Ich weiß ja nicht.
    Ich kenne ein junges Mädchen, die auf einer Förderschule lernt und gern eine Ausbildung in der Pflege machen möchte. Von der Einstellung her wäre sie super geeignet, sie mag alte Menschen, hilft gern usw. Aber mit der Rechtschreibung z.B. könnte es schon hapern. Wenn die Ansprüche an die Ausbildung noch höher geschraubt werden, hat sie wahrscheinlich keine Chance, das wäre schade.

  5. 5.

    Die Probleme liegen doch viel grundlegender. Es fällt für einen Großteil der unteren Einkommensgruppe immer schwerer zu leben. Durch den Zinseszinseffekt wird Kapital nach oben akkumuliert und Lebenshaltungskosten, vor allem Mieten, steigen überproportional. Hinzu kommt in Deutschland der größte Billiglohnsektor Europas. Solange ich für Beautytipps oder Posieren in Fitnessposen bei Youtube oder Instagram wesentlich mehr Geld bekomme in weniger Zeit als bei einer "ordentlichen" Ausbildung, solange braucht sich niemand wundern.

  6. 4.

    Pfegenotstand?
    Sagte nicht noch vor Wochen unser Gesundheitsminister Spahn, dass es einen solchen in Deutschland nicht gebe?
    Gut, der Minister redete ja auch noch im März '20 die aufkommende Pandemie klein.

  7. 3.

    Die Politik wollte sich vor Jahren schon um mehr Personal, Krankenhausbetten und bessere Bezahlung kümmern aber wie immer nichts passiert. Vor der Wahl ist nicht nach der Wahl .

  8. 2.

    Als ehemaliger Krankenhaus Patient erlebte ich die oben beschriebenen Mängel. So wurde nach der Operation beim Fäden ziehen versucht den Knoten durch die Haut zu zerren. Eine hochwirksame Schmerztablette, die ich in einem anderen Krankenhaus unmittelbar nach der OP bekam, erhielt ich zur Entlassung. " Klasse statt Masse" ist der richtige Ansatzpunkt.
    Mit frdl. Gruß
    R. König

  9. 1.

    Ein Artikel der authentisch die Probleme aller Beteiligten darlegt - ich selbst habe die Ausbildung auch absolviert und ähnliche Erfahrungen gemacht - dies hängt individuell von der Station und dem Team ab. Es gab ein paar ganz ganz tolle, engagierte Praxisanleiter, ohne deren Unterstützung ich mein Examen nicht bestanden hätte, weil da eklatante Erfahrungslücken gewesen wären...es gibt aber auch Stationen, da sind Azubis nichts anderes als Lückenfüller und keinen interessiert es.
    In der Pflege geht es nicht nur darum, fachlich adäquaten Nachwuchs zu finden, sondern auch sozial muss es passen - Geld sollte nicht der einzige oder primäre Grund sein, warum ich mich entscheide, in die Pflege zu gehen, sondern die entsprechende Einstellung und Bereitschaft, diesen fordernden Job zu machen und für andere da zu sein - ABER eben auch nicht zu schlimmsten Bedingungen.
    Ich finde es ist ein toller Beruf, der einem viel abverlangt, aber der auch so viel "kann" - wenn die Umstände stimmen

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