Symbolbild: Ein Arzt unterhält sich mit einer Patientin. (Quelle: dpa/Christin Klose)
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Interview | Ombudsmann für Missbrauch in ärztlichen Behandlungen - "Manche Ärzte glauben, dass übergriffiges Verhalten erlaubt ist"

Als einzige Ärztekammer in Deutschland hat die Landeskammer Hessen eine Ombudsstelle für Missbrauch in ärztlichen Behandlungen eingerichtet. Im Interview spricht Ombudsmann Meinhard Korte über Grenzen in der Arzt-Patient-Beziehung.

ARD-Kontraste: Herr Korte, Sie sind Ombudsmann für Fälle von Missbrauch in ärztlichen Behandlungen. Warum hat man sich in Hessen entschieden, eine Ombudsstelle für sexuelle Übergriffe einzurichten?

Meinhard Korte: Das Thema der Abstinenz in ärztlichen Behandlungen und die Frage der Abstinenz-Verletzungen beschäftigt die Ärzteschaft und auch die psychologischen Therapeuten immer wieder. Und es gab im Jahr 2012 eine Bestrebung in der hessischen Landesärztekammer, diesen Begriff der Abstinenz in die Berufsordnung zu übernehmen. Und in diesem Zusammenhang entstand die Idee, zusätzlich zu dem bisherigen Beschwerdemanagement eine Möglichkeit zu schaffen, Ratsuchenden ein niederschwelliges Angebot zu machen, um in Fällen von Missbrauch in ärztlichen Behandlungen Rat, Beratung und Unterstützung zu bekommen.

Warum machen das nicht alle Landesärztekammern? Dieses Problem tritt ja nicht nur in Hessen auf.

Das ist ganz zutreffend. Es ist so, dass es auch damals in Hessen eine gewisse Ambivalenz gab. Bei vielen Ärzten ist es so, dass sie schon wissen, dass es solche Missbrauchsfälle und Übergriffe gibt. Aber es gibt auch eine Scheu, sich damit zu befassen. Und es gab auch eine Vorstellung bei manchen: 'Warum müssen wir das machen, wenn die anderen Landesärztekammern das auch nicht haben? Ist das in Hessen besonders problematisch?' Dann hat sich aber doch damals im Präsidium der hessischen Kammer die Meinung durchgesetzt, dass wir das machen sollten. Und dann wurde auch durch Beratung mit den entsprechenden Gremien eine solche Ombudsstelle geschaffen, mit einem speziellen Konzept.

Ich habe relativ viel Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen in anderen Ärztekammern. Da gibt es auch Bestrebungen bei manchen, solch eine Ombudsstelle einzurichten. Manche haben mich auch schon mal um Rat gefragt, aber dieser Schritt, das dann wirklich zu tun, der ist bisher noch nicht in den anderen Kammern gegangen worden. Das führt übrigens auch dazu, dass ich immer wieder Anfragen von Ratsuchenden auch aus anderen Bundesländern bekomme.

Wie groß ist das Problem der Missbrauchsfälle? Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Also die Erfahrung ist, dass ich ungefähr 50 bis 70 Anfragen pro Jahr in der hessischen Ombudsstelle bekomme. Davon ist ein Teil von ungefähr zehn Prozent, vermute ich, von außerhalb Hessens. Die Dunkelziffer kann ich natürlich nicht benennen, aber ich gehe davon aus, dass es sehr, sehr viele Fälle gibt, in denen Ratsuchende sich gerne an eine Ombudsstelle wenden würden, wenn es die denn gäbe.

Das hängt einfach damit zusammen, dass die Schwelle, für ratsuchende betroffene Patienten sich an eine Ombudsstelle zu wenden, doch für viele sehr hoch ist. Das heißt, die Widerstände, die Ängste, die Sorgen, nicht ernst genommen zu werden, kein Gehör zu finden, vielleicht Schwierigkeiten zu bekommen - die sind leider sehr ausgeprägt, so dass das dazu führt, dass viele Ratsuchende lange warten oder eben sich gar nicht melden und versuchen, das Problem anders zu lösen.

Warum glauben Sie ist eine Ombudsstelle so wichtig für Betroffene?

Das Konzept unserer Ombudsstelle ist, dass wir allen Ratsuchenden ein niedrigschwelliges Angebot machen. Das bedeutet, dass sie sich jederzeit, wenn sie wollen, auch anonym an mich wenden können - telefonisch, per Fax, per Mail, auch per Post. Und dass sie die Möglichkeit haben, den Fall, um den es geht, und ihre Erfahrungen zu schildern, und die Erfahrung machen können, dass ich Ihnen zuhöre.

Ich will an dieser Stelle erwähnen, dass ich auch eine Stellvertreterin habe, eine ärztliche Kollegin. Das ist mir sehr wichtig, für den Fall, dass jemand auch mit einer Frau sprechen möchte. Und dieser niederschwellige Zugang bedeutet für die Ratsuchenden auch, dass sie das Gefühl haben, sich leichter an jemanden wenden können. Und sie machen die Erfahrung, dass die Ärztekammer durch die Einrichtung dieser Ombudsstelle zeigt, dass sie das Problem kennt und ernst nimmt und nicht verschweigt.

In dem konkreten Fall im Klinikum Elbe-Elster zweifelten zwei Frauen lange daran, ob ihnen jemanden glauben würde. Wie schwierig ist es zu sagen: 'Ja, das war wirklich eine Grenzüberschreitungen und so geht das nicht.'

Was Sie gerade geschildert haben, entspricht genau meinen Erfahrungen. Viele Betroffene - und das sind bei gravierenderen Grenzüberschreitungen häufiger Frauen als Männer - erleben das so, als hätten sie sich selber mitschuldig gemacht. Und das führt dann dazu, dass viele erst nach längerer Zeit - manche übrigens auch erst nach Jahren und erst im Rahmen einer Psychotherapie - dazu kommen, über diese Dinge zu sprechen.

Wie wichtig ist es, dass so etwas öffentlich gemacht wird?

Grundsätzlich ist es so, dass es sehr wichtig ist, das öffentlich gemacht wird, ins öffentliche Bewusstsein gerückt wird, dass es diese Übergriffe auch in ärztlichen Behandlungen gibt und dass es wichtig ist, darüber zu sprechen und dass es eben die Möglichkeit gibt, zu Lösungen zu kommen.

Die Arzt-Patient-Beziehung ist eine ganz besondere Beziehung, die davon lebt, dass der Patient Vertrauen haben kann darin, dass der Arzt seine Aufgabe erfüllt und nicht die eigenen Wünsche - Vorstellungen, private Bedürfnisbefriedigung - in der Arzt-Patient-Beziehung befriedigt. Wenn es in Einzelfällen eben doch dazu kommt, dann ist es ganz wichtig, dass Patienten wissen: Es gibt die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren und Rat zu bekommen in diesem Prozess, der sehr, sehr unterschiedlich aussehen kann.

Wie wichtig ist es, dass es klare Grenzen zwischen Arzt und Patienten gibt?

Die Arzt-Patient-Beziehung ist dadurch geprägt, dass der Patient in einer mehr oder weniger großen Not und in einer großen Erwartungshaltung zum Arzt kommt und deswegen bereit ist, die Wünsche des Arztes zu erfüllen. Das ist eine verständliche Einstellung, die, wenn der Arzt persönlich nicht genügend gefestigt ist, dazu führen kann, ein solche Bereitschaft auszunutzen.

Und genau darum geht es, dass die Ärzte grundsätzlich lernen, auch über solche Beziehungsmuster und Abhängigkeitsverhältnisse nachzudenken und die eigenen Bedürfnisse genügend gut zu kennen, um sie nicht in der Arzt-Patient-Beziehung zu befriedigen.

Es gibt ein Missverständnis diesbezüglich, dass in einer Arzt-Patient-Beziehung eine erotische Beziehung oder sexuelle Beziehung erlaubt sei, wenn beide einverstanden sind. Das ist aber ein großer Irrtum. Der Arzt ist nicht berechtigt, eine private Beziehung zu einem Patienten, den er in Behandlung hat, einzugehen, auch wenn der Betreffende einverstanden ist. Das ist ein Wissen, das leider auch manche Juristen und auch manche Ärzte nicht haben. Aber es bedeutet schlicht und einfach: Der Arzt wird aufgesucht als Arzt.

Das ist vergleichbar damit - auch wenn Vergleiche immer wieder hinken -, dass ein Lehrer keine private oder sexuelle Beziehung mit einem Schüler eingehen darf, selbst wenn der Schüler einverstanden ist. Auch in anderen Abhängigkeitsverhältnissen ist es nicht statthaft, wenn eine Abhängigkeit dazu benutzt wird, andere Bedürfnisse zu befriedigen. Und deswegen ist es so wichtig zu sagen, dass alles das, was nicht der ärztlichen Behandlung dient, eine Grenzüberschreitung darstellt.

Haben Sie persönliche Erfolge bei Ihrer Arbeit erlebt?

Erfolg kann ja nicht nur bedeuten, dass ein Arzt - berufsrechtlich oder strafrechtlich und zivilrechtlich - verurteilt wird. Erfolg kann ja auch bedeuten, dass ein Arzt Einsicht hat in die Übergriffigkeit des Geschehens. Es gibt auch Situationen, in denen ein Übergriff geschieht, ohne dass der primär von dem Arzt oder der Ärztin intendiert wurde. Wir sprechen im Moment besonders über körperliche und sexuelle Übergriffe, aber es gibt auch Missbrauch in ärztlichen Behandlungen anderer Art, wie zum Beispiel emotionalen Missbrauch, finanziellen Missbrauch. Das heißt, diese Übergriffe geschehen nicht immer in missbräuchlicher Absicht.

Das Angebot der Ombudsstelle an die Patienten, ist, dass ich ihnen zuhöre und ihnen eine Einschätzung über das Geschehen aus meiner Sicht gebe und dass ich dann in aller Regel auch anbiete, mit dem betreffenden Arzt oder der Ärztin zu sprechen. Wenn der Ratsuchende das möchte, entbindet er mich und den Arzt oder die Ärztin von der Schweigepflicht.

Wie reagieren Ärztinnen und Ärzte, wenn Sie sie auf ihr Fehlverhalten ansprechen?

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die sehr betroffen sind, denen es sehr leid tut und die sehr einsichtig sind. Vielleicht auch den Patienten um Verzeihung bitten. Und es gibt das andere Extrem, wo ich dann erfahren muss, dass der Betreffende überhaupt kein Gespür dafür hat und vielleicht sogar noch die Vorstellung hat, dass ihm ein solches Verhalten, auch wenn es übergriffig ist, ganz selbstverständlich erlaubt sei.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Wandt für ARD-Kontraste

2 Kommentare

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  1. 2.

    Danke für den Bericht. Erstaunlich, dass es in Berlin so eine Ombudsstelle noch nicht gibt. Der bereits verstorbene damals in Charlottenburg ansässige Psychiater meiner Mutter hat mit ihr vier Kinder gezeugt. Dieser extreme Fall von Mißbrauch ist in Fachkreisen bekannt. Aber auch bei sexuellem Mißbrauch ist bekanntlich nur die Spitze des Eisbergs öffentlich sichtbar.
    Dieser Satz schockiert mich: "Und es gibt das andere Extrem, wo ich dann erfahren muss, dass der Betreffende überhaupt kein Gespür dafür hat und vielleicht sogar noch die Vorstellung hat, dass ihm ein solches Verhalten, auch wenn es übergriffig ist, ganz selbstverständlich erlaubt sei." Wenn das immer noch so ist, kann bestimmt mehr getan werden um das zu ändern.

  2. 1.

    Tja, wenn man nur mit Einser-Abi Medizin studieren kann, kommen natürlich so Leute in den Beruf, die auf der Freien Wildbahn keine Chance hätten, jemals eine Frau äh... anzufassen. Aber als Arzt, da meinen sie, sie dürfen das. Logisch. Absolut ekelige Einstellung...

    Super, dass es so eine Stelle in Hessen gibt. Sollte es in jedem Bundesland geben. Oder was überregionales.

    Sind eigentlich auch Ärztinnen durch solches Verhalten aufgefallen?

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