Erzbischof Heiner Koch, Bischof des Erzbistums Berlin, äußert sich bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens «Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946» (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Missbrauch im Bistum Berlin - Gutachten macht mindestens 121 minderjährige Opfer aus

Mindestens 61 Geistliche waren im Bereich des katholischen Erzbistums Berlin zwischen 1946 bis Ende 2019 am sexuellen Missbrauch von Minderjährigen beteiligt. Das geht aus einem unabhängigen Gutachten im Auftrag der Kirche hervor, das am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.

Demnach sind in dieser Zeit insgesamt 121 Opfer aus den Akten bekannt geworden. Die Dunkelziffer könnte weit höher liegen, heißt es in dem Bericht der Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs. Bei den Beschuldigten handele es sich vor allem um Priester und Ordensmitglieder, die im Bereich des Bistums tätig waren.

Größere Empathie für die Täter als für die Opfer

Hierarchische Strukturen und mangelnde Kommunikation hätten Aufklärung und Prävention behindert, vermerkt das Papier. Der Jurist Peter-Andreas Brand, einer der Autoren, sprach von "systematischer Verantwortungslosigkeit".

Man habe mit allen Mitteln versucht, "Schaden von der Institution Kirche abzuwenden", sagte Mitautorin Sabine Wildfeuer. Die Kirchenleitung habe eine größere Empathie für die Täter als für die Opfer gehabt.

In 21 Fällen hat lauf Gutachten die Justiz ermittelt, davon seien in elf Fällen Gerichtsverfahren eröffnet worden. Mit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg habe es 2010 einen Paradigmenwechsel zu mehr Offenheit gegenüber Missbrauchsfällen gegeben.

Kommission soll Vorschläge für künftigen Umgang mit Missbrauchsfällen vorlegen

Erzbischof Heiner Koch sagte, er übernehme die Verantwortung, "wo vertuscht oder nicht angemessen mit Schuld umgegangen wurde, wo Menschen im 'System Kirche' das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten oder systematisch weggeschaut haben". Betroffene, die sich bisher noch nicht gemeldet hätten, sollten sich an die Kirche wenden.

Eine Kommission aus Priestern und Laien soll nun das Gutachten aufarbeiten und Vorschläge für den künftigen Umgang mit Missbrauchsfällen vorlegen

Betroffenen-Initiative kritisiert das Gutachten

Kritik am Erzbistum Berlin wegen des Gutachtens kam derweil von der bundesweiten Betroffenen-Initiative Eckiger Tisch. Konkrete Informationen über die Fälle würden nicht veröffentlicht, Verantwortliche nicht identifiziert, Täter nicht benannt, auch sei mit den Opfern nicht gesprochen worden, sagte der Geschäftsführer der Initiative, Matthias Katsch, am Freitag in Berlin.

Auf diese Weise werde verhindert, dass Betroffene voneinander erführen, sich austauschten und vernetzen könnten. "Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum", so Katsch. Die beauftragten Anwälte dienten "ihren Auftraggebern, nicht der Öffentlichkeit und schon gar nicht den Betroffenen".

Zugleich rügte die Initiative, dass die Frage der Entschädigung "immer wieder verzögert und verschleppt" worden sei. Dies gelte besonders für die Opfer katholischer Ordensgemeinschaften. Sie müssten sich in jedem Fall an ihr Bistum wenden können, um eine Anerkennungsleistung zu erhalten, unabhängig davon, ob die Ordensgemeinschaft willens oder in der Lage sei, Verantwortung zu übernehmen.

Zum Erzbistum gehören Berlin, der zentrale und nördliche Teil Brandenburgs, Vorpommern sowie die Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes war fälschlicherweise zu lesen, dass am Canisius-Kolleg ab 2002 ein Umdenken im Bezug auf Missbrauchsvorwürfen eingesetzt habe. Tatsächlich war dies erst ab 2010 der Fall. Die entsprechende Stelle wurde korrigiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Inforadio, 29.01.2021, 14:00 Uhr

24 Kommentare

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  1. 24.

    Ich kann mir nicht erklären, wo Sie bei meiner Aussage eine "Lächerlichkeit" erkennen.
    Ich bin eher so der "Hutzieher" als der "Schlittenfahrer"... jeder so, wie er's gelernt hat.

  2. 23.

    Ist doch noch harmlos ausgedrückt. Ich habe jedenfalls den Sinn dahinter sehr wohl verstanden. Und bitte, ziehen Sie doch das ganze jetzt nicht ins lächerliche.

  3. 22.

    Sie haben meine volle Zustimmung. Ich darf hier gar nicht schreiben, was ich über diese verlogenen Kirchenoberen halte. Mit denen sollte man schon von rechtswegen her, einen ganz anderen Schlitten fahren.

  4. 21.

    Das Bistum Berlin hat unzählige Heime in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Diese unterliegen der Genehmigung und Kontrolle der Heimaufsicht des jeweiligen Bundeslandes. Zudem müssen alle kindeswohlgefährdenden Ereignisse "unverzüglich" bei der Heimaufsicht angezeigt werden. Ebenso gibt es Personensorgeberechtigte die regelmäßige Kontakte pflegen. Allein deswegen müssen verdammt viele Ohren und Augen nicht funktioniert haben. UNd kein Landtagsabgeordneter dieser drei Bundesländer geht auf die Barrikaden? Sehr seltsam!

  5. 19.

    Vor tausenden Jahren konnten sich die Menschen Naturphänomene /-Abläufe nicht erklären. So sind Religionen - Erzählungen entstanden, die ein cleverer Klüngel genutzt hat, ohne Arbeit zu unglaublichen Reichtum und fettem Leben zu kommen. Das zieht sich bis heute. Die Kinderschänderei ist nur ein Teil der Verbrechen.
    Vor dem Gesetz sollen alle gleich sein. Die Verbrechen und die Vertuschung der Verbrechen müssen bestraft werden. Jeder der noch in diese Verbrecherorganisation "Kirchensteuer" einzahlt macht sich mitschuldig! Nebenbei bemerkt: die Kirchensteuer geht zu 100% in die "Verwaltung" und den Lebensunterhalt der Geschichtenerzähler. Alles "nützliche" was unter dem Namen der "Kirche" läuft, wie Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Altersheime,... all dies wird zu 100% aus normalen Steuern und anderen öffentlichen Mitteln finanziert und hat mit der Kirche und der Kirchensteuer nichts zu tun.
    Etwas Gutes hatte die DDR: sie hat den "Aberglauben" für einen großen Teil der Menschen unterbrochen. Ok, für viele Menschen kann der Glauben eine große Stütze sein. Aber wer selbstbewusst und aufgeklärt ist, braucht das nicht. Und all die Verbrechen und Kriege die weltweit im Namen Gottes oder einer Religion begangen werden - wiegt der Nutzen diesen Schaden wirklich auf?

  6. 18.

    "Die beauftragten Anwälte dienten "ihren Auftraggebern, nicht der Öffentlichkeit und schon gar nicht den Betroffenen".

    Ich möchte irgendwie nicht daran glauben, dass es das Jahr 2021 sein soll, in dem wir uns befinden. Und - es gibt immer noch Menschen die diesen verlogenen Sexualtriebtäter hinterherrennen um ihr Seelenheil zu finden. Ja da leck.......

    Alle, diejenigen die diese Veterinärtheologen (oder Schweinepriester) bezahlen(durch K-Steuer, Spenden) tragen ebenfalls Verantwortung.

    Ich bin zutiefst erschüttert und zornig darüber, dass Politik und Rechtsstaat und Alle einfach nur zuschauen.

  7. 17.

    Mein Tipp ist es aus der Kirche auszutreten und das gesparte Steuergeld regelmäßig einer seriösen Hilfsorganisation zu spenden. So habe ich es gemacht. Auf diese Art tut man mehr für sein persönliches Seelenheil. Meine bescheidenen drei Cent zur Thematik.

  8. 16.

    Das Dilemma nennt sich Säkularisierung... Trennung von Kirche und Staat... leider wird das in der westlichen Hämisphere auf totalitäre Weise um- und durchgesetzt... jeder der heutzutage noch dieser Kirche zuspricht sollte überlegen wie Beihilfe zu deuten ist...

  9. 15.

    Die katholische Kirche kann sich ihre Entschuldigung in die Haare schmieren - unglaubwürdig. Wasser predigen und Wein saufen. So lange diese "Menschen" nicht vor Gericht stehen, wird es so weiter gehen (Dunkel Ziffer).

  10. 14.

    " Johannes " Fragen Sie den vielen Opfern des Missbrauchs. Viele können Sie nicht mehr fragen, weil viele sich schon umgebracht haben. Früher war es noch so, dass Selbstmörder auf kath. Friedhöfe keinen Platz bekommen haben. Welch eine beschämende Ironie.

  11. 13.

    Leugnen, Lügen, Vertuschen. Das geht nun schon seit Jahren so. Wie ist so etwas möglich. Aber die korrupten Köpfe wachsen schneller nach als uns allen lieb ist.

  12. 12.

    Was anderes habe ich von der Katholischen Kirche in Sachen Aufklärung der Mißbrauchsopfer gar nicht erwartet. Die Kirche ist ein Staat im Staat und dagegen musste die Justiz angehen. Wenn die Oberen in der Katholischen Kirche meinen diese würde alles im Namen Gottes geschehen sind Sie aber falsch gewickelt. GEGEN ALLE DIESE NOCH LEBENDEN GEISTLICHEN GERICHTLICHE UNTERSUCHUNGEN EINFÜHREN.

  13. 11.

    Ich bin in der Kirche und finde auch schlimm, was da abgelaufen ist und das Kirchenrecht immer noch eine Art Paralleljustiz bildet. Eine Generation vor mir waren Lehrer und Priester noch absolute Autoritäten und die Leute regelrecht unterwürfig gegenüber Geistlichen, was z.B. bei meiner Tante (85) und meinem Onkel (79) immer noch deutlich zu merken bzw. bis heute so geblieben ist. Ich selber bin liberaler erzogen worden, hatte schöne Pfadfinder- und Ministrantenzeiten und habe von einem Familienmitglied (selber kath. Priester) als Teenie das -ganz witzig und ironische- Buch "Katholisch- und trotzdem okay" bekommen. Er ist z.B. ein sehr bodenständiger Typ und nicht einer von den Abgehobenen, die sich ala Gottes Sprachrohr auf Erden am liebsten selber anbeten lassen wollen ;-) -- Es gibt auf jeden Fall solche und solche. Und eben auch die, die "Katholisch und trotzdem okay" sind. LG ;-)

  14. 10.

    So sind sie unsere Kirchenmännerund Tugendwächter : Mit dem christlich moralischen Finger auf die vermeintlich Bösen zeigen und Anstand predigen, anstatt auf sich selbst zeigen und in den Spiegel zu schauen. Wenn das nicht verkommen und verlogen ist ?!

  15. 8.

    Wem dankt man als Atheist sinnvollerweise, daß man nicht "katholisch erzogen" wurde?
    Eine 'möglicherweise weitaus höher liegende Dunkelziffer' ergibt sich allein aus der Behinderung von "Aufklärung und Prävention" und auch aus "systematischer Verantwortungslosigkeit".

  16. 7.

    Sehe ich auch so! Recht und Gesetz dürfen nicht vor den Toren der Kirche (welcher auch immer) halt machen. Hier sollte mit allen Mitteln und mit der möglichsten Gesetzeshärte durchgegriffen werden - sowohl die lückenlose Aufklärung als auch die Strafen betreffend.

  17. 6.

    Glückwunsch, dass Sie schon vor 40 Jahren ausgetreten sind. Ich war zum Glück nie drin. Ich finde Ihre (willkürlich?) angesetzten Entschädigungszahlen für Missbrauchsopfer allerdings viel zu wenig!

  18. 5.

    Genau !
    Harte und konsequente Maßnahmen müssen her
    Aber oh Gott - söder neuer Bundeskanzler - dann hängt das Kreuz überall !!!

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