Archivbild: Ruinen der Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz-Heilstätten. (Quelle: dpa/Eibner)
Audio: Inforadio | 04.02.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Eibner

Beelitz-Heilstätten - Auferstanden aus Ruinen

Einst waren die Heilstätten in Beelitz das größte Lungensanatorium in Deutschland. Nach der Wende wurde das Areal zu einem weltbekannten verlassenen Ort. Nun kehrt neues Leben ein, wie bei einem Rundgang klar wird. Von Thomas Rautenberg

Der Bahnhof an der Station Beelitz-Heilstätten ist frisch saniert, die dunkelrote Backsteinfassade, die langen Fenster und die große Eingangstür - alles tipptopp in Ordnung. Vor einigen Jahren war er noch nicht so schick und gehörte einem Privateigentümer, der sich eigentlich auch nicht davon trennen wollte, erzählt den neue Besitzer, Jan Kretzschmar. "Am Ende haben wir zweifellos das Mehrfache von dem bezahlt, was der ältere Herr seinerzeit dafür hingelegt hatte." Den 49-jährigen Bauunternehmer, Chef der KWD Development, scheint das nicht zu ärgern. Er hat, was er wollte: den historischen Bahnhof als Eingangspforte zur "neuen" Stadt.

Investor Jan Kretzschmar im sanierten Bahnhofsgebäude. (Quelle: rbb/Rautenberg)
Jan Kretzschmar im sanierten Bahnhof von Beelitz-Heilstätten | Bild: rbb/Rautenberg

Die Erschließungsstraße ist fast fertig

Vom Bahnhof aus geht es nach Süden in Richtung Beelitzer Altstadt. Der Bahnhofsvorplatz mündet in die neue Erschließungsstraße für das geplante Wohngebiet. Die Straße ist schon gezogen, es fehlt nur noch die letzte Asphaltschicht darauf. 300 Meter weiter stehen das alte Heizhaus und der historische Wasserturm von Beelitz-Heilstätten.

Die großen Bauten mit ihrer gelben Putzfassade und den rot abgesetzten Bogenfenstern sehen prächtig aus, zumindest soweit sie schon saniert sind. Die Kesselhalle Nord gleicht dagegen noch einer Ruine: Dach und Fenster sind kaputt, die markant gelben Fliesen am Schornstein haben jeden Glanz verloren. Wie kommt man auf die Idee, hier sein Geld reinzustecken?

Mottentouren durch die Heilstätten

Sein Vater habe zu seinem 75. Geburtstag zu einem Rundgang durch die Beelitzer Heilstätten eingeladen, erzählt Kretzschmar. Das war vor sieben Jahren. Mit Gästeführerin Irene Krause seien sie damals über das Gelände gestolpert: “Wir waren sehr überrascht, wie schön man damals hier gebaut hat! Und ein paar Monate später haben wir mit dem damaligen Eigentümer zusammengesessen, verhandelt und die ersten Flächen gekauft."

Altes Pumphaus soll restauriert werden. (Quelle: rbb/Rautenberg)
Dieses alte Pumpenhaus soll noch restauriert werden. | Bild: rbb/Rautenberg

Irene Krause hat vor 15 Jahren angefangen, ihre Rundgänge, die so genannten "Mottentouren", anzubieten. Mottentour heißt das, weil die Lungentuberkulose, die damals in Beelitz-Heilstätten behandelt worden ist, landläufig als "die Motten" bezeichnet wurde. Wie die Motten den Stoff zerfressen, zerfrisst die Tuberkulose die Lunge und da heißt es dann: "Du kriegst die Motten!"

Am Anfang standen drei Ruinen

Jan Kretzschmar kaufte und sanierte zuerst die frühere Küche, das alte Wäschereigebäude und den so genannten Frauen-Pavillon. Die Häuser gehören zum früheren Lungen-Sanatorium für Frauen, das jenseits der Hauptstraße war.

In den loftähnlichen Häusern wollte der Unternehmer Künstlern eine neue Bleibe bieten, die vor allem in Berlin mit ihren Ateliers keinen Platz mehr haben. Doch die Künstler scheuten das Risiko - sie glaubten nicht an die eine Zukunft der Ruinen. Inzwischen sind die Häuser saniert worden und werden - aufgeteilt - als Eigentumswohnngen verkauft. Irene Krause erinnert sich noch genau an den Moment, als in den früheren Ruinen neues Leben erwachte. "Ich habe dann immer gesagt: Jetzt brennt in der Küche endlich wieder Licht."

Früher war das der Kesselraum - über die künftige Nutzung ist noch nicht entschieden. (Quelle: rbb/Rautenberg)
Über die Nutzung des früheren Kesselraums ist bisher noch nicht entschieden. | Bild: rbb/Rautenberg

Auf der Südseite der Straße zwischen Beelitz und der Autobahn 9 entsteht ein neues Stadtquartier. Die Fläche mit den großen historischen Bauten wie dem Bahnhof, dem Heizwerk, der früheren Bäckerei und Fleischerei sowie rund 800 Einfamilien- und Reihenhäusern in bester Waldlage beträgt insgesamt 64 Hektar.

Mehr als 4.000 Zuzügler will Beelitz-Heilstätten nicht

Anderswo wird über solche Großprojekte heftig gestritten. In Beelitz war die Stadtverordnetenversammlung einstimmig für den Bebauungsplan, das Projekt habe überzeugt, sagt Bürgermeister Bernhard Knuth. Geplant sind eine Grundschule, eine Kita, ein Supermarkt, Cafés, medizinische Einrichtungen und ein Ärztehaus - und auch Museen. "Wir haben ja jetzt schon das historische Heizhaus, das bereits als Museum fungiert und ich weiß, dass der Investor plant, auch im Bahnhof eine Dauer-Ausstellung über die Geschichte der Beelitzer-Heilstätten zu etablieren", sagt Knuth.

Beelitz-Heistätten Waldsiedlung (Bild: rbb/Rautenberg)
So sehen die neuen Häuser in der Waldsiedlung aus. | Bild: rbb/Rautenberg

Wenn es nach der Brandenburger Landesplanung gegangen wäre, hätten in Beelitz-Heilstätten sogar deutlich mehr Häuser und Wohnungen gebaut werden können. Dem hat die Stadt einen Riegel vorgeschoben. Mehr als 4.000 Zuzügler sollten es nicht sein, sagt der Bürgermeister. Beelitz sei schließlich eine ländliche Region, und bei allen Veränderungen habe sich der Ort etwas Familiäres bewahrt. "Das bedeutet für uns Lebensqualität, die wir bewahren wollten", stellt der Bürgermeister fest.

500 Millionen Investition - das muss wieder reinkommen

An den anderen Gebäuden unmittelbar hinter dem früheren Heizwerk drehen sich Kräne und die historischen Fassaden sind hinter weißen Bauplanen verschwunden. Die Bäckerei, das Waschhaus und selbst die Fleischerei werden saniert. Letztere steht nicht in der Denkmalschutzliste, weil sie in den 1970er Jahren bei einem Brand schwer beschädigt wurde.

Rund 500 Millionen Euro steckt Jan Kretzschmar in das Projekt - das ist keine kleine Summe. In die sanierten Bauten sollen in diesem Jahr noch die ersten Mieter einziehen. Verkaufen will Kretzschmar die historischen Häuser nicht - anders als bei der geplanten Waldsiedlung.

In den kommenden zehn Jahren sollen rund 800 Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser entstehen - und die werden nicht ganz billig sein, denn die Gesamtkosten sollen auch die Sanierung der historischen Bausubstanz mit abdecken. Letztlich sei das aber immer noch preiswerter als in Berlin, sagt Kretzschmar.

Nach seinen Angaben stehen die Interessenten Schlange. Ein großer Teil komme direkt aus dem Umland, ein ebenso großer Teil aus dem benachbarten Potsdam. Überraschend viele hätten sich auch aus dem gesamten Bundesgebiet gemeldet - Hauptstädter stünden dagegen nicht so viele auf der Beelitzer Warteliste, sagt der Bauunternehmer.

Vor Kretzschmar haben sich eine Reihe von anderen Investoren am Heilstätten-Erbe versucht. Anfang der 2000er Jahre legte mit Roland Ernst einer der ganz Großen im Geschäft eine spektakuläre Pleite hin. Die Zeit war wohl einfach nicht reif für ein großes Wohnbauprojekt im Grünen, vermutet Irene Krause: "Als Roland Ernst das Ganze hier übernommen hatte, ging es ja los. Aber die Leute wollten einfach noch nicht aufs Land ziehen. Jetzt wird anders gedacht."

Beitrag von Thomas Rautenberg

9 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 9.

    "Lost Places" haben mal echt Spass gemacht. Nicht oder schlecht umzäunt, keine Security, kein Graffiti, nichts sinnlos abgefackelt, zerkloppt oder geklaut. Einfach "nur" verlassen oder wieder zugänglich. Schaurig schön zum Ansehen und Fotografieren. Wenn man sich so manche "Entdeckung" heute ansieht ... naja, so'n viertel Jahrhundert hinterlässt Spuren. Viele davon sind nicht natürlichen Ursprungs, in andere Objekte würde ich heute nicht mehr reingehen. Erstaunlich was sich die Natur wiederholt. Da hat es Beelitz noch ganz gut getroffen.
    Anfangs wurden solche Objekte nur in CuG's weitergegeben. Das änderte sich mit GoogleMaps fast schlagartig. Defintiv ein Nachteil der IT-Welt.

  2. 8.

    Was Ihren letzten Satz angeht, geht es mir exakt genauso.
    Wahre Schätze nahezu überall, wer denn genauer hinschauen will.

    Der schnelle Euro kann allerdings nur "halbseiden" die Oberfläche sanieren. Ohne besagtes Herzblut wird das nichts.

  3. 7.

    Für Interessierte empfehle ich die Sendung "Mit Mut, Mörtel und ohne Millionen" des NDR (auch bei Youtube). Hier werden Menschen ohne das große Geld über Jahre begleitet, wie sie riesige uralte Schlösser mit eigenen Anstrengungen sanieren. Vor allem aber muss nicht alles für's Hochglanzheftchen sein, sondern der Erhalt der alten Substanz (und Handwerkskunst) hat Vorrang.

  4. 6.

    Ich liebe diesen Lost Place! Ist schon fast schade, dass er renoviert wird ;-) aber dennoch, es ist gut, dass sich jemand findet, der es mal durchsaniert. Wir wollen schließlich, dass solche Perlen erhalten bleiben. Ich habe keine Kohle, um sowas zu tun, aber ich bin dankbar, wenn andere es machen. Ich muss da auch nicht drin wohnen, schon gar nicht teuer ;-) ich steh nicht so auf Lofts und Co, wo die Straßenbevölkerung bei dir die Fußballübertragungen aufm Gehsteig verfolgen kann und wie du im Bad eingerichtet bist, aber es gibt genug Leut, die das mögen.

    Mir wäre es in "meinem hohen Alter" auch zu weit draußen, Beelitz ist süß, aber die Infrastruktur, nunja. Nach Berlin isses schon wieder weit. Wir fahren oft als Ausflug hin und freuen uns, wenn wir zu Hause kurze Wege zum Einkaufen, SChule, Büro haben.

    Hat also Charme mit kleinen Nachteilen ;-)
    Und einen leichten Gruselfaktor.....

  5. 4.

    @Helmut Krüger: Dem kann ich nichts hinzufügen.
    Wenn Menschen mit den dicken Geldbörsen etwas Geld in alten Bauten in diesem Land, egal ob Stadt oder Dorf, stecken würden, wäre es erstmal was fürs Auge. Und wenn dann ein Gewinn unwichtig ist, wäre es auch gut für die Gesellschaft.
    Leider habe ich nicht die Möglichkeiten, aber in Brandenburg genug Objekte gesehen, wo mir solche Gedanken kamen.

  6. 3.

    Icke habe wieder was gelernt! Da kriegste die Motten kenn icke! Jetzt weees icke vorher es kommt! Danke! Und dann noch ne Anregung für ne Tour im Sommer mit dem Radl!
    Hier in Buch sind ja auch Häuser des ehem. Krankenhauses saniert worden! Sieht gut aus. Aber teuer, teuer, teuer!

  7. 2.

    Das scheint mir Inspiration im besten Sinne zu sein: Das rein spekulative Moment beim Handeln bleibt allenfalls im Hintergrund, die persönliche Liebhaberschaft und das Herzblut, so ist es wohl zu erkennen, hat die Oberhand gewonnen. Das dürfte auch damals zu Bauzeiten eine Rolle gespielt haben, denn derartige, von der Architektur her schöne Bauten lassen sich nicht auf obrigkeitsstaatliches Geheiß so errichten.

    Selbst in ihrem Verfallenen, was Menschen gewiss trübselig werden lässt, haben gut gestaltete Altbauten immer noch ihren Charme behalten. Das ist bei den jetzigen Neubauten rund um den Berliner Hauptbahnhof oder auch bei den 1970er Jahre-Bauten links und rechts der innerdeutschen Grenze nicht unbedingt zu erwarten und zu beobachten.

    Im Sommer letzten Jahres waren wir auf dem Gelände. Schon da waren die Bauarbeiten weit gedrungen, ohne dass ich im Einzelnen das vorher gewusst hätte.

    Dank für solche Initiativen und Ideen.

  8. 1.

    Das ruft doch wieder Neider auf den Plan.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Wartburg-Automobilwerk (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger(
dpa/Ralf Hirschberger

Produktionsstopp vor 30 Jahren - Echte Wartburg-Liebe endet nie

In der DDR heiß begehrt, nach der Wende ging die Ära der Ost-Karosse für immer zu Ende. Am Samstag vor 30 Jahren lief im thüringischen Eisenach der letzte Wartburg vom Band. In Briesen bei Frankfurt (Oder) ist der Wartburg noch immer die Nummer 1. Von Anna Bayer