Archäologen und Ausgrabungshelfer arbeiten am 25.07.2016 in Berlin auf dem Gelände der Freien Universität (FU). Dort sind bei Grabungen erneut menschliche Knochen gefunden worden. (Quelle: dpa/Bernd Wannenmacher)
Bild: dpa/Bernd Wannenmacher

Ausgrabungen in Berlin-Dahlem - Knochenfunde auf FU-Gelände könnten von KZ-Opfern stammen

In den vergangenen Jahren sind auf dem Gelände der FU Berlin wiederholt menschliche Knochen ausgegraben worden. Archäologen konnten Zusammenhänge mit dem Nationalsozialismus nicht ausschließen. Jetzt liegen ihre Forschungsergebnisse vor.

In den Jahren 2014 und 2016 sind auf dem Gelände der Freien Universität in Berlin-Dahlem in der Harnackstraße menschliche Knochen gefunden worden. Seit Jahren rätseln Archäologen, ob es sich dabei auch um die sterblichen Überreste von Opfern des Nationalsozialismus handeln könnte. Am Mittwoch hat die FU Berlin nun ihre Forschungsergebnisse vorgestellt. Demnach kann ein Zusammenhang mit Verbrechen im Nationalsozialismus "nicht komplett" ausgeschlossen werden. Die Herkunft könne grundsätzlich nicht mehr eindeutig rekonstruiert werden, hieß es bei der Veröffentlichung der Freien Universität [fu-berlin.de].

Mengele schickte Leichenteile an das Institut

Die ersten menschlichen Skelett-Teile waren 2014 zufällig bei Bauarbeiten nahe des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik entdeckt worden. Dorthin hatte der KZ-Arzt Josef Mengele bis Kriegsende Leichenteile von Menschen geschickt, die im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden waren. In dem Gebäude befand sich bis 1945 auch eine Sammlung menschlicher Gebeine aus kolonialen Zeiten.

Das Kaiser-Wilhelm-Institut zählte nach Angaben der FU zu einer der wichtigsten Einrichtungen für die vermeintlich wissenschaftliche Legitimation der mörderischen nationalsozialistischen Rassenpolitik. Deshalb gab es in Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft und dem Landesdenkmalamt Berlin bis 2016 weitere Grabungen nahe der Fundstelle. Insgesamt entdeckten die Forscher rund 16.000 Knochen, darunter auch von Tieren.

Viele Funde aus archäologischen Sammlungen

Die Ergebnisse zeigten, dass die menschlichen Knochen von Männern und Frauen aller Altersgruppen stammten, berichtete FU-Archäologin Susan Pollock. Reste vom Klebstoff und Beschriftung auf manchen Knochen sowie das Fehlen moderner medizinischer Eingriffe hätten für viele Funde in Richtung einer Herkunft aus anthropologischen oder archäologischen Sammlungen gedeutet.

Die Zusammensetzung entspreche jedoch keiner typischen Sammlung aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Es sei deshalb nicht völlig auszuschließen, dass manche Knochen auch aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen könnten. "Wenn wir die Herkunft auch nicht genau bestimmen können, so müssen wir bedauern, dass sie mit einer menschenverachtenden Respektlosigkeit in Gruben auf dem Institutsgelände verscharrt wurden", sagte Pollock.

FU will Gedenkort auf Campus einrichten

In Zukunft solle es auch um eine würdige, nicht-religiöse Bestattung sowie über Möglichkeiten für einen Gedenkort auf dem Campus der Freien Universität Berlin gehen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wurden nach FU-Angaben in die Beratungen über den Umgang mit den Funden und die Untersuchungsmethoden einbezogen.

Die Tierknochen, die zum Teil mit den menschlichen Knochenfragmenten vermischt waren, stammen den Ergebnissen zufolge vor allem von Kaninchen und Ratten, wahrscheinlich spezifische Laborzüchtungen.

Sendung: Inforadio, 23.02.2021, 16:50 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    eine Altersbestimmung der Knochen könnte doch hilfreich sein ,Zumindest wüßte man dann aus welcher Zeit die Knochen nicht stammen

  2. 2.

    Könnte aber auch mit der deutschen Kolonialgeschichte zu tun haben!

  3. 1.

    Wie und warum kommen die Autoren des Artikels von der exakten wissenschaftlichen Aussage:
    "Die Herkunft könne grundsätzlich nicht mehr eindeutig rekonstruiert werden..."
    durch "...kann ein Zusammenhang mit Verbrechen im Nationalsozialismus "nicht komplett" ausgeschlossen werden"
    nur auf die EINE Schlussfolgerung, die in der Überschrift dieser Meldung endet: "...könnten von KZ-Opfern stammen" ?

    Ist es das "... KZ-Opfer ...", dass den Artikel interessanter und schockierender machen soll?

    Für die Knochenfunde gilt schließlich auch - mit ähnlich schwacher Wahrscheinlichkeit - die VERMUTUNG:
    "... könnten aus dem 30-lährigen Krieg stammen"
    Dann müsste allerdings die Überschrift genauso lauten...

    Ist der Artikel so uninteressant, dass er - künstlich - durch einen aus den Fingern gesogenen Zusammenhang zu KZ-Opfern gepusht werden muss?

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