Blick auf den Gasometer Schoeneberg und den Berliner Fernsehturm. (Quelle: imago images/Frank Sorge)
Bild: Audio: Inforadio | 17.02.2021 | Ann Kristin Schenten

Gasometer soll bebaut werden - Streit über die Schöneberger Skyline

Bis 2023 soll der Gasometer auf der roten Insel im Berliner Stadtteil Schöneberg bebaut werden. Büros, ein Konferenzraum und eine Skylounge sollen entstehen. Doch die Anwohner fürchten um das Industriedenkmal. Von Ann Kristin Schenten

Eine Bürgerinitiative auf der einen Seite, und die Baupläne der Euref-AG auf der anderen: Das Gasometer auf der roten Insel im Berliner Stadtteil Schöneberg sorgt derzeit für Streit. Denn das Industiedenkmal soll bis 2023 umgebaut werden. Büros, ein Konferenzraum und eine Skylounge sollen entstehen. Doch die Anwohner fürchten um die Anlage und auf einem Online-Forum sollten sich am Dienstagabend alle Interessierten zum Stand austauschen: 140 Teilnehmende hatten sich eingeloggt und hörten der Diskussion zwischen Bezirksbaurat Jörn Ortmann, Bauherr und Chef der Euref-AG Reinhard Müller und der Bürgerinitiative "Gasometer retten!" zu.

Der Gasometer ist fester Bestandteil der Berliner Skyline. 1910 wurde er erbaut und versorgte bis in die 1990er Jahre hinein, als Gasspeicher, hunderte Berliner Haushalte und Straßen. Doch eigentlich gefiel er den Menschen in Schöneberg damals gar nicht so sehr. Sie störten sich an der Ästhetik und der Koloss nahm ihnen viel Licht. Erst mit der Stilllegung 1995 freundete man sich mit dem heutigen Industriedenkmal an. Denn der Gasspeicher im Inneren wurde entfernt und es blieb nur das heute deutschlandweit bekannte Stahlgerüst. Das ist für die Anwohnerinnen und Anwohner nicht von der roten Insel wegzudenken. Doch so wie es jetzt ist, wird es nicht bleiben.

Innenbebauung bis fast an den oberen Rand

Mittlerweile ist um den Gasometer herum der Euref-Campus entstanden, Berlins klimaneutrales Prestige-Projekt unter der Federführung von Bauherr Reinhard Müller. Und der möchte aus dem "Gastank", wie er es nennt, einen Thinktank machen. Arbeitsplätze für mindestens 2.000 Menschen sollen in dem Gasometer geschaffen werden, aktuell steht die Bahn AG als Mieter hoch im Kurs. Doch die Pläne sind nicht einzusehen, wurde von einigen Teilnehmenden der Infoveranstaltung kritisiert.

Die Kern-Kritik der Bürgerinitiative "Gasometer retten!" ist die zu hohe Bebauung des Gasometers. Aktuell misst er 78 Meter, eine Bebauung auf 71 Meter ist vorgesehen. Damit würde nur ein Feld des Stahlgerüsts frei bleiben - eine Maßnahme, mit der sich auch die Denkmalpflege nicht so richtig anfreunden kann, doch die meldete sich bei der Diskussion nicht zu Wort.

Euref-Chef versucht, Bedenken zu zerstreuen

Johannes Zerger von der BI "Gasometer retten" betont allerdings, man sei gar nicht generell gegen eine Bebauung des Gasometersi. Man könne sich mit zwei freien Stahlfeldern nach oben hin sehr gut anfreunden, auch die Absichten des klimaneutralen Euref-Campus wolle man gar nicht bewerten.

Euref-Chef Reinhard Müller präsentierte auf der Infoveranstaltung nochmal die Lösungsvorschläge, mit denen man der Kritik entgegenkommen wolle. Gegen Lichtverschmutzung am Abend könnten Jalousien in den Büros helfen. Die meisten der in Post-Pandemie-Zeiten zu erwartenden 7.000 Mitarbeiter auf dem Gelände, würden mit dem ÖPNV anreisen. Die Torgauer Straße, die einzige Zufahrtsstraße zum Gelände, würde so nicht stark belastet und Anwohner müssten nicht um ihre Parkplätze fürchten. Und: Es seien Gutachten erstellt worden, damit die rote Insel nicht im Schatten verschwinde.

Die Kritik war an diesem Abend trotzdem weiter laut. Johannes Zerger freute sich aber darüber, dass man jetzt immerhin mal zusammen an einem Tisch gesessen hätte. Lobende Worte fand eine der Kreisvorsitzenden der Grünen im Bezirk, Nina Freund: "Das alles so bleibt, wie es ist, steht nicht zur Debatte."

Doch ob es so wird, wie es sich die Menschen in Schöneberg wünschen, ist fraglich. Bis zum 24. Februar liegen die aktuellen Bebauungspläne im Rathaus Schöneberg aus. Beschwerde einlegen kann bis dahin jeder.

Sendung: Inforadio, 17.02.2021

Beitrag von Ann Kristin Schenten

15 Kommentare

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  1. 15.

    Die Diskussion über Wohn- oder Büroraum ist für dieses Bauwerk müßig. Dafür bieten sich eher klassische Bürogebäude an, die ggf. umgebaut werden könnten, gerade wenn es sich um Gebäude handelt, die heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen. In Frankfurt/M. hat man damit bereits Erfahrungen sammeln können. Wenn z.B. wie im Artikel erinnert die DB hier als Mieter einzieht, werden andernorts Flächen frei, die konvertiert werden können.

    So sah das gut, aber nicht ganz gefüllte Gasometer aus:
    https://www.pinterest.de/pin/406520303835775830/



  2. 14.

    Sie haben leider recht: Am Ende setzt sich in der Regel doch der Investor durch - wenn irgendwo noch ein paar hundert Quadratmeter Bruttogeschossfläche gestrichen oder ein paar Wohnungen reingefummelt werden, so ist das nur das von vornherein eingeplante Feigenblatt, um ordentlich Profit machen zu können, ohne Rücksicht auf Anwohner, Denkmalschutz, Umwelt, Ästhetik usw.

    Die Partei der Besserverdienenden "Die Grünen" scheint ja auch schon überzeugt worden zu sein.

  3. 13.

    Ihr Vorschlag soll in den Ohren der Bezirksabgeordneten in Schöneberg klingeln. Habe lange mit meinen Kindern dort im Eck gewohnt, es wäre bereichernd.

  4. 12.

    In Zeiten von Home Office und Digitalisierung großflächig weitere Büros zu schaffen, ist nicht mehr zeitgemäß. Bezahlbarer Wohnraum ist in Berlin viel wichtiger, gerade jetzt. Viele Firmen werden auch nach Corona mehr auf Home Office setzten als früher. Das ist einfach der Lauf der Zeit. Büroraum kann dann eingespart werden. Auch bei mir in der Firma wird beabsichtigt, unabhängig von Corona feste Home Office Arbeitsplätze auch weiterhin anzubieten. Das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Es wird in Zukunft nicht mehr so viel Bürofläche gebraucht wie früher. Man sollte lieber mal mehr an den Wohnungsbau denken. Da drückt der Schuh nämlich.

  5. 11.

    Es wäre vielleicht gut mal ein Bild in den Artikel zu stellen, wie der Ausbau aussehen soll. Dann können sich alle anschauen, ob der Bau gefällt: https://euref.de/entry/gasometer-neugestaltung/ Ich finde ihn gelungen und denke nicht, dass der jetzige Zustand schöner ist. Warum sollte der Gasometer für immer und ewig leer bleiben? War früher auch nicht.

  6. 10.

    Anderswo werden Büroräume in Wohnungen umgewandelt, hier wird wieder beste Lage bebaut ohne Wohnraum zu schaffen. Dann aber eine Bebauung des Tempelhofer Feldes fordern. Wie passt das zussammen? Kann man im 21. Jahrhundert nicht mal endlich zur sinnvollen Mischnutzung wechseln?

  7. 9.

    Selbstverständlich muss bei einem technischen Zweckbauwerk, was der Gasometer ja nun einmal ist, nichts 1 : 1 so bleiben, wie es ist. Doch sein wesentliches Gepräge, was ihm seinen überragenden Wiedererkennungswert verleiht, sollte schon erkennbar bleiben. Das wird durch die Höhe der beabsichtigten Binnenbebauung ausgeschlossen; deshalb ist sie, pardon, in diesem Punkt verlogen. Den Gasometer in seiner Struktur unkenntlich zu machen, hieße, ihn faktisch abzureißen.

    Das Gepräge beim Gasometer wird erhalten dadurch, dass zwei Querringe frei bleiben. In Höhe wären das auf jeden Fall 1,5 "Fächer".

  8. 8.

    An dem Wachschutz zum Euref Campus kommt "Normalsterblicher" nur mit angemeldetem Termin vorbei ;) Betuchte dürfen dann mit Anmeldung in der Skylounge reservieren, wie im Fernsehturm. "Es seien Gutachten erstellt worden, damit die rote Insel nicht im Schatten verschwinde." Ja, klar! Die um den Euref Campus gelegenen Kitas und Schulen, werden sich freuen, dass auch die angrenzenden Grünanlagen vor ihren Türen verschattet werden. Ähnlich wie bei den geplanten Hochhäusern am Gleisdreieckpark und am Alex.
    Schau mal hier: https://gleisdreieck-blog.de/2021/02/11/die-hochhaeuser-aus-der-perspektive-der-parkbesucher/#more-11031
    Über 100.000 Quadratmeter Büroflächen standen schon vor Corona in Berlin leer.

  9. 7.

    Der EUREF Campus hat viel zu viel Lobbyisten die das Pferd vor Ort schon schaukeln werden. Was auf dem Gelände in den letzten drei Jahren bereits gebaut wurde, ist der Wahnsinn.
    Das es keine Mehrbelastung der Torgauer Straße geben wird, ist übrigens auch nur Beschwichtigung, denn es ist, wie geschrieben, die einzige Zufahrt (andere wurden in der Vergangenheit nicht erwünscht/abgelehnt) und alle neuen Gebäude haben großügige Garagenflächeb bekommen. Die Leute die dort zum Großteil arbeiten, werden auch ganz bestimmt nicht mit den Öffis kommen (Das Areal rund um Bahnhof Schöneberg ist ja echt keine Augenweide) . Gäste für den Euref Campus werden ja allein schon mit Busladungen angeschippert.

    Aber es ist typisch für Schöneberg solche Baufvorhaben durch zu boxen und Anwohner komplett zu ignorieren. Das war auch schon beim Neubau am Lockdepot an der Bezirksgrenze zu Kreuzberg so.

  10. 6.

    Ich kenne das Ding schon seit ich denken kann. Es ist zwar ein Industriedenkmal, aber trotzdem potthäslich.
    Wie heisst es im Beitrag so schön :
    " Doch eigentlich gefiel er den Menschen in Schöneberg damals gar nicht so sehr. Sie störten sich an der Ästhetik und der Koloss nahm ihnen viel Licht."
    Durch einen Umbau kann das Ding doch nur besser werden. Schlimmer gehts glaube ich nicht mehr...

  11. 5.

    Wir brauchen keine Büroräume, die hinterher leer stehen. Gebraucht wird bezahlbaren Wohnraum !

  12. 4.

    Wenn das so weitergeht, haben wir bald mehr Büros als Wohnungen in Berlin. Die Skylounge erscheint mir vor allem als sehr wichtig.

  13. 3.

    Ein aussichtsloser Kampf, den die Anwohner da führen. Gegen Hipster, die eine Skylounge für coole Selfies wollen, kommt keiner an.

  14. 2.

    Wozu braucht man noch Büroräume, wo doch jetzt Homeoffice in ist? Stehen nicht schon genügend Büroräume leer ??

  15. 1.

    Und ich dachte, wie hätten in Berlin ein Problem mit bezahlbarem Wohnraum. Diesem Teil würde ansonsten Räume für Kunst, Kultur und Sozialem sehr gut zu Gesicht stehen (gerne in umgekehrter Reihenfolge)- aber ganz sicher keine besonders coole Umgebung für den privaten Kommerz.

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