Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) stehen am 01.02.2021 an einer Baugrube neben Wohnhäusern in der Pohlestraße in Köpenick. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
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Baupfusch in Köpenick? - Wenn die neue Wohnung plötzlich unbewohnbar ist

Rund 300 Menschen mussten Anfang Februar ihre Wohnungen in Berlin-Köpenick verlassen - mitten in der Nacht. "Baupfusch" an einer angrenzenden Baustelle soll die Häuser instabil gemacht haben. Einige Mieter dürfen immer noch nicht zurück. Von Jana Strauß

Schon beim Einzug im Dezember 2020 waren Oliver Gellrich feine Risse an den Wänden seiner neuen Wohnung aufgefallen. Doch erst als diese im Januar von Woche zu Woche größer wurden, bekam er es mit der Angst zu tun. Am 31. Januar, einem Sonntag, schien das gesamte Haus abzusacken. "Die Türen ließen sich nicht mehr schließen, die Fenster nicht mehr öffnen", beschreibt Gellrich. "Bei einem Nachbarn war es genauso, und daraufhin haben wir Sonntagnachmittag erst die Feuerwehr und dann die Polizei verständigt."

Als erstes seien zwei Polizisten gekommen, die etwa nach einer Stunde die Ansage machten, dass das Haus geräumt werden müsse. Der Grund: offenbar eine mehrfach mit Wasser vollgelaufene Baugrube direkt neben dem Wohnhaus von Gellrich, sie verursache die Risse. Hier sollen eigentlich Eigentumswohnungen entstehen. Nicht nur Oliver Gellrich und seine direkten Nachbarn mussten aus ihren Wohnungen raus: Mitten in der Nacht auf den 1. Februar wurden mehr als 300 weitere Anwohner der gesamten Straße aufgerufen, ihre Wohnungen zu räumen.

"Dahinter ist alles, was man besitzt"

Gellrich habe bei der Räumungsaktion nicht mal richtig packen können, sagt er. "Ich habe meine zwei Koffer genommen, meine Klamotten reingeschmissen. In der Hektik habe ich nicht mal an meine Winterjacke gedacht, meine Brille liegt auch noch drinnen." Wenn er jetzt an seinem Zuhause vorbeigeht, ist er fassungslos. "Es ist schon sehr befremdlich, wenn man sieht, wie die eigenen vier Wände mit irgendwelchen Stahlträgern zusammengehalten werden, man Löcher in seiner Wohnzimmerwand hat und Holzplatten davor und man weiß: Dahinter ist alles, was man besitzt."

Sophie Willjam wohnt im selben Haus wie Gellrich. Ihr erster Gedanke bei der Räumungsanweisung war: "Ist das hier ein schlechter Film? Soll das jetzt ein Witz sein?" Nach zwei Tagen durften zumindest die meisten Anwohner wieder zurück in ihre Wohnungen, doch eben nicht diejenigen, die direkt an der Baugrube wohnen. Ihr Haus galt zu dem Zeitpunkt weiterhin als einsturzgefährdet. Willjam und Gellrich durften nach eigenen Angaben nichts aus der Wohnung holen. Sie wussten auch nicht, ob und wann sie wieder in ihre Wohnungen können.

Genau wie viele der anderen Hausbewohner hat Sophie Willjam nach der Räumung Existenzängste. "Weil man nicht weiß: Wer kommt denn für die ganzen Kosten eigentlich auf?" Willjam und Gellrich stehen mit dem Rücken zur Wand, während zwischen dem Bauherrn, dem Bauunternehmen und dem Bezirksamt Schuldzuweisungen ausgetauscht werden.

Mieterverein: Mieter kann keine Ersatzwohnung verlangen

Aber wer ist dafür zuständig, für eine Ersatzunterkunft zu sorgen? Wiebke Werner vom Berliner Mieterverein erklärt, dass der Vermieter von Willjam und Gellrich, in dem Fall die degewo, nicht zuständig sei. "Das Problem ist, dass in diesem Fall der Vermieter keinen Schadensersatz schuldet, denn er hat diese Unbewohnbarkeit der Wohnung nicht zu vertreten. Im Gegenzug muss ich auch keine Miete für die Wohnung zahlen, denn ich kann sie nicht nutzen." Der Mieter kann keine Ersatzwohnung vom Vermieter verlangen, weil es am Verschulden fehlt.

Obdachlos sind die Mieter trotzdem nicht, erläutert Oliver Igel (SPD), Bezirksbürgmeister in Treptow-Köpenick. "Wenn es nicht möglich ist, dass Anwohner sich selbst helfen und zum Beispiel bei Freunden unterkommen, dann hilft das Bezirksamt sofort und übernimmt auch die Kosten. Wir suchen dann eine Ersatzunterkunft, meistens ein Hotel, eine Pension oder eine andere Unterkunft."

Umzugskosten, Bett, Kühlschrank

Willjam kommt bei ihrem Freund unter, Gellrich bei einer Freundin im Ankleidezimmer. Da Gellrich zunächst nicht weiß, wer zuständig ist, wendet er sich an die degewo. Die reagiert schnell - vielleicht auch, weil Gellrich laut eigener Aussage dort Druck gemacht habe. Ihm werden zwei Wohnungsvorschläge gemacht. Er nimmt eines der unverbindlichen Angebote an, plant den Einzug, und zahlt zukünftig dann entsprechend wieder Miete, sogar etwas weniger als vorher.

Tatsächlich kann er aber unter bestimmten Voraussetzungen einen Ersatzanspruch geltend machen. "Unabhängig davon, wer der Schadensverursacher ist, habe ich gegenüber dem Vermieter einen Aufwendungsersatzanspruch", erklärt Mietrechts-Expertin Werner. Im Zuge des Anspruchs hat der Vermieter dem Mieter Aufwendungen, die der Mieter infolge der Maßnahmen machen muss, zu ersetzen. "Eine Voraussetzung dafür ist, dass der Vermieter schon mit der Instandsetzung für die unbewohnbare Wohnung begonnen hat. Unter diesen Aufwendungsersatzanspruch fallen zum Beispiel die Umzugskosten, auch die erste Ausstattung der Wohnung. Ein Bett, ein Kühlschrank solche Sachen. Wichtig ist, dass diese angemessen sind und dass sie erforderlich sind." Die degewo habe Oliver Gellrich unter anderem zugesagt, die Umzugskosten zu tragen.

"Es hätte auch anders kommen können"

Viele andere Betroffene erhalten positive Nachrichten: Das Bezirksamt gab für die meisten Mieter des angrenzenden Hauses Entwarnung. Einige konnten mittlerweile wieder einziehen. Der Bezirksbürgmeister erklärte, dass es den Einsatzkräften gelungen sei, dass Haus zu stabilisieren. Lediglich vier Wohnungen werden weiterhin als nicht bewohnbar eingestuft. "Es hätte natürlich anders kommen können", so Oliver Igel. "Wenn Lebensgefahr besteht, wenn Einsturzgefahr herrscht, dann darf ein Haus nicht betreten werden. Wenn das auf Dauer so ist, dann kommen die Mieter auch nicht mehr an ihr Eigentum heran. Weil dieses Haus möglicherweise abgerissen wird."

Im Extremfall kann das Hab und Gut also vollständig verloren gehen. Die Hausratsversicherungen von Willjams und Gellrich wären für diesen Schaden nicht aufgekommen. Nur eine sogenannte "Allgefahrenversicherung" für den Hausrat könnte in so einem besonderen Fall greifen. Doch die ist wenig verbreitet. Generell rät der Mieterverein Betroffenen: "Ist klar, dass die Wohnung längerfristig nicht bewohnbar ist und ist vor allem für mich absehbar, dass auf mich ziemlich hohe Kosten zukommen, ist es durchaus ratsam, sich anwaltliche Unterstützung zu holen, und in dem Zusammenhang mit anderen Betroffenen zu vernetzen, um eventuell auch gemeinsam die Durchsetzung der Ansprüche gegen den Schadensverursacher abzustimmen", sagt Expertin Werner. Die Frage, wer am Ende die Unbewohnbarkeit zu verantworten hat, ist also von großer Relevanz.

Im Köpenicker Baugruben-Fall ist es für den Bauherrn menschliches Versagen seitens der Baufirma, das zu dem Schaden geführt haben soll - inzwischen läuft in der Sache ein Verfahren. Der Bezirksbürgermeister wirft hingegen dem Bauunternehmen Pfusch vor.

Für Oliver Gellrich ist die Situation ein Totalschaden: Anders als seine Nachbarin darf er weiterhin nicht in die alte Wohnung zurückziehen. Angesichts der Bilder, die sich ihm bei einem Kurzbesuch seiner alten Wohnung boten, will er das allerdings auch gar nicht mehr. Er will nur endlich seine Sachen rausholen.

Sendung: Super.Markt, 15.02.2021, 20:15 Uhr

Beitrag von Jana Strauß

9 Kommentare

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  1. 9.

    Alles Eigentum durch einen Unglücksfall zu verlieren ist einer meiner schlimmsten Alpträume. Gewisse Dokumente, Fotos usw. sind ja unwiederbringlich. Das würde mir sehr, sehr, sehr schwer fallen, dann wieder nach vorne zu schauen.

  2. 8.

    Schlimmer noch! Gutachter Klaus hat es schon erwähnt und beim RBB ist der Unternehmer auch schon bekannt.

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/01/koepenick-baugrube-wasser-nachbargebaeude-evakuiert.html

    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/02/bauherr-schepers-menschliche-versagen-baugrube-pohlestrasse-mehrfamilienhaus.html

  3. 7.

    Dieser Baumeister trägt den unschönen, aber einprägsamen Namen "Profitgier".

  4. 6.

    Die Baufirma wird in die Insolvenz gehen und kurz darauf unter neuem Namen wieder aufmachen. Natürlich ist es eine GmbH, da kann den Eigentümern bzw. deren Strohmännern nichts passieren. Menschliches Versagen, tut uns ja leid, aber da kann man halt nichts machen!

    Die Immobilienfirma wird ihre Einnahmen neu kalkulieren müssen, aber das wird sie locker verkraften, denn Kosten werden ihr aus diesem Vorgang kaum erwachsen. Das Bauträgermodell macht’s möglich: Verantwortung und Haftung werden an Sub- und Subsubunternehmen ausgegliedert, die nach Belieben "abgeschaltet" werden, wenn es Probleme gibt. Da hat sich ein ganzer Berufsstand von "Geschäftsführern" entwickelt, die nur dazu da sind, als Strohmänner in diesem Modell aufzutreten, und alle paar Wochen eine "neue" alte Firma anzumelden.

    Das klappt bei "kleinen" Fällen wie diesem; das klappt in großen Fällen wie dem Lohnbetrug bei der "Mall of Berlin". Und alle, die "Bauen, Bauen, Bauen!" schreien, wollen, dass das so bleibt.

  5. 5.

    Vermutlich war hier der Baumeister von Köpenick am Werk. Der Nachfolger vom berühtmen Hauptmann.

  6. 4.

    Da haben die Mieter der 11 ja Glück, dass sie bei bei Degewo gemietet haben. Die Bewohner der 7 haben mit ihren Privateigentümern anscheinend dann Pech.
    Wenn man die Unternehmensgruppe fructuosus GmbH bzw. BONAFIDE IMMOBILIEN GMBH als Eigentümer der Baugrube genauer betrachtet, wundert mich der vorsätzlich in Kauf genommene Schaden gar nicht. Dieses typisch für die Bauwirtschaft angewendete System vom Nachunternehmern, damit der Bauherr bzw. das Generalunternehmen nie als Täter verklagt werden kann ist einfach nur noch absurd und überschreitet schon lange den einfachen Tatbestandes des Betruges und Verschleiherung von Baumängeln.

  7. 3.

    "Hier sollen eigentlich Eigentumswohnungen entstehen." Laut is24.de sind 50% der ETWs Pohlestr. 9 noch nicht verkauft. Laut Kaufpreisliste vom 09.0221: 7 verkauft, 3 reserviert, 6 frei. Der Verkäufer muss jetzt wohl neu kalkulieren, ob er noch mit ca. 5.200 eur/qm auskommt und ob der Fertigstellungstermin IV/2021 noch zu halten ist.

  8. 2.

    Vielen Dank für den hoch interessanten Artikel. Alles Fragen, die mich beschäftigt haben nach der Meldung von dem Unglück.
    Traurige Realität, die sich da für die (Ex-)Mieter ergibt. Wünsche den Betroffenen Mut, Durchhaltevermögen (im Kampf um ihr Recht) und Glück.

  9. 1.

    Für die Betroffenen ist das Ganze schlicht ein Katastrophe, egal wer wie, wo und wie schnell hilft. Das Dilemma beginnt mit der Baufirma die den Schaden mehr oder weniger verursacht hat. Möglicherweise wird sie die Schuld bestreiten und solange kein Schuldiger feststeht, zahlt auch die Versicherung nix. Oft läuft das dann auf einen endlosen Rechtsstreit hinaus, wo das eine Gutachten das andere jagd. Die Betroffenen tun mich echt leid, aber das ist wohl so, wenn “Profis” auf dem Bau tätig sind.

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