Ein Igel läuft während des Sonnenuntergangs durch ein Wäldchen, Archivbild (Quelle: Picture Alliance/Photoshot)
Audio: rbbKultur | 28.01.2021 | Interview mit Jörns Fickel | Bild: Picture Alliance/Photoshot

Interview | Wildtiere in der Großstadt - "Der Igel hat in Berlin mehr oder weniger ideale Bedingungen"

Der Igel, ein unbeholfenes Tier, dem geholfen werden muss? Das stimmt so nicht ganz, sagt Jörns Fickel. Er hat Igelpopulationen untersucht, die Berliner Parks und Grünanlagen bevölkern. Er sagt, Igel kommen überraschend gut in der Großstadt zurecht.

Auch wenn Igel oftmals hilflos scheinen, kommen sie mit den Bedingungen in der Stadt überraschend gut zurecht. Zu dieser Erkenntnis kommt eine neue wissenschaftliche Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung. Jörns Fickel leitet dort die Abteilung für Evolutionsgenetik und ist zudem Professor am Institut für Biochemie und Biologie an der Uni Potsdam.

rbb: Herr Fickel, im ländlichen Raum haben es Igel zunehmend schwerer, die Bestände gehen zurück. Ist der Igel zu einem Städter geworden?

Jörns Fickel: Diese Tatsache war schon länger bekannt, dass der Igel mit städtischer Umgebung gut zurechtkommt, also tatsächlich in die Städte eingewandert ist. Das ist historisch auch wunderbar begründbar. Zu Zeiten, als der Igel in die Städte eingewandert ist, war der Druck durch Prädatoren sehr gering.

Prädatoren? Sie meinen Füchse und andere andere Fressfeinde?

Genau. Die Füchse sind erst viel später in die Städte eingewandert. Insofern hatte der Igel in Berlin mehr oder weniger ideale Bedingungen: wunderbare Verstecke in den Schrebergärten oder Laubhaufen und gute Nahrungsquellen, wie die vielen Parks sie bieten. Dies hat dem Igel hervorragende Umwelt- und Lebensbedingungen geschaffen. So ist der Igel relativ frühzeitig mit der Entstehung der ersten Städte auch in sie eingewandert. Das war für uns nicht die große Überraschung.

Vielmehr haben wir uns mit dem Thema beschäftigt: Wenn Tiere in Städte einwandern, müssen sie natürlich mit den städtischen Strukturen auch klarkommen. Das ist für einen Fuchs oder für einen Vogel überhaupt kein Problem. Sie können Barrieren ganz einfach überwinden. Für Igel, diese süßen, kleinen, stachligen Tiere mit den sehr kurzen Beinchen, ist es relativ schwierig, große Straßen oder Mauern zu überwinden. Berlin ist auch sehr reich an Gewässern. Igel können zwar gut schwimmen, aber sie tun es nicht gerne.

Die Frage, die wir uns gestellt hatten, war: Ist es für den Igel zum Nachteil geworden, die Städte besiedelt zu haben, die ja immer größer werden? Also der urbane Raum, der wächst und wächst und wächst, sodass die eigentliche Igelpopulation, die vorher noch gut zusammenhängend gelebt hat, jetzt zerschnitten wird durch diese zahlreichen Barrieren in sehr viele sehr kleine Populationen. Die dann eben nicht mehr im genetischen Austausch stehen, sodass dann Inzucht Überhand nimmt und der genetische Pool der einzelnen kleinen Populationen verarmt.

Es gibt also so eine Art Igel-Großfamilie in Berlin, einen Igel-Clan?

Es gibt mehrere Clans, das war das Ergebnis der Studie. Wir haben in vielen großen Parks und Friedhöfen mit Wattestäbchen Proben aus der Mundschleimhaut der Tiere genommen. Die haben wir dann genetisch untersucht und dabei festgestellt, dass in diesen einzelnen Parks die Igel schon relativ stark miteinander verwandt sind. Also das ist das, was wir als Familienclans bezeichnen. Das ist nicht weiter verwunderlich.

Was verwunderlich war, ist, wenn wir die engsten Verwandten aus der Analyse rausgenommen haben und uns das Verwandtschaftsverhältnis dieser Clans untereinander angeschaut haben, dann waren auch diese Clans populationsgenetisch nicht sehr stark voneinander verschieden. Das bedeutet, dass es offensichtlich in der gesamtberliner Igelpopulation immer noch einen ausreichenden genetischen Austausch gibt, der verhindert, dass ebenso kleine lokale Inseln entstehen. Es gibt also keine Einzelpopulationen, die überhaupt nicht mehr im Austausch mit anderen stehen. Das war für uns sehr überraschend.

Wie ist das eigentlich: Wenn man einen Igel am Bürgersteig oder solchen Orten entlang laufen sieht, soll man ihm dann helfen? Was sollte man tun, wenn weit und breit kein Park in der Nähe ist?

Es gibt natürlich in Berlin relativ viele Igel-Auffangstationen. Die werden auch oft von Bürgern aufgesucht, die Igel aufgenommen haben und dann dort abgeben. Da ist mein Herz so ein bisschen zwiegespalten. Wir haben uns natürlich gefragt, wie kann es eigentlich sein, dass der Igel, der diese Barrieren nicht überwinden kann, es trotzdem schafft, einen guten genetischen Austausch zu betreiben? Also diese verschiedenen einzelnen Populationen, die wir festgestellt haben. Zwei Erklärungen fallen da sofort ins Auge.

Zum einen ist Berlin eine sehr grüne Stadt. Es gibt ganz viele Friedhöfe und Kleingartenanlagen und natürlich auch Parks. Und insofern gibt es viele sogenannte "Stepping Stones", wie wir das nennen, also kleine Patches, deren Zwischenräume die Igel überwinden können, um von Patch zu Patch zu gelangen. Auf diese Art und Weise können sie genetischen Austausch sicherstellen in der Gesamtpopulation.

Die zweite Begründung hat mit diesen Auffang-Centern zu tun, in denen Bürger Igel abgeben, die oftmals ein Versteck zum Überwintern suchen. Diese Tiere wirken dann oft ein bisschen hilflos, dabei sind sie relativ zielstrebig unterwegs. Nun werden sie aber eingesammelt und daran gehindert, ihr Winterversteck aufzusuchen. Stattdessen landen sie in diesen Centern und diese Auffangstationen setzen die Igel ungern dort wieder aus, wo sie eingesammelt wurden. In den Centern geht man natürlich davon aus, dass die Igel eingesammelt wurden, weil es an dem Ort ein Problem gab. Und dann versuchen sie die Tiere woanders wieder auszusetzen.

Igel sind also wilde Tiere, die durchaus fähig sind, sich allein in der Stadt fortzubewegen?

Ja, absolut. Wenn das Tier verletzt ist, dann ist das natürlich etwas anderes.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bei diesem Text handelt es sich um eine redigierte Fassung eines Interviews mit Jörns Fickel, dass Susanne Papawassiliu für rbbKultur geführt hat. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: rbbKultur, 28.01.2021, 09:10 Uhr

12 Kommentare

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  1. 12.

    Hi Markus, aber es klang schon so nach echte Ackerei;-) Aber danke für diese Info. Wieder was dazugelernt. Grüße.

  2. 11.

    Hallo Lothar, ist mir beim zelten im heimischen Garten auch schon passiert. :) Ich habe aber auch mal in einem Igelbuch gelesen, dass diese oft von Lungenparasiten befallen sind und deshalb auch so laut keuchen...

  3. 10.

    Mach ich auch so: Der abgestorbene Baum wird eingekürzt und dann werden rankende Pflanzen rangepflanzt. Abgesehen, dass es gut für die Tiere ist, sieht es auch noch toll aus. Und der Mensch freut sich. Meine Nachbarin hat übrigens auch einen extrem cleanen Garten. Nach 2 Jahren hab ich sie soweit, dass sie nicht immer alles Laub abtransportieren lässt und in der Ecke auch mal ein paar Äste rumliegen.

  4. 9.

    Ach, das find ich ja gut. Dann ist heute ein guter Tag - werde ich mir merken :-))

  5. 8.

    Und wer se nich sieht, kann sie zumindest hören beim bumsen:-) So erging es mir mal beim Zelten im Grünen, wo ich durch lautes ächzen in den frühen Morgenstunden wach wurde.

  6. 7.

    Übrigens .... heute ist "Igel-Tag" ... https://www.kuriose-feiertage.de/tag-des-igels/
    Damit fängt der Tag schonmal mit 'ner guten Nachricht an :-) .

  7. 6.

    So'nen Garten kann man gezielt "unaufräumen". Erst gucken die Nachbarn blöd und finden dann die Schmetterlinge auf der kleinen Wildblumenwiese ganz toll. Einen "toten" Obstbaum muss man auch nicht fällen - schön zurecht kürzen und dann im Sommer heimische Blumen und eine Vogeltränke raufbasteln - im Winter macht man halt einen "Vogel-Etagen-Imbiss" draus. Haselnussträucher finden Eichhörnchen ganz toll, und, wie Lothar schon geschrieben hat, Strauch- , Astschnitt und Restlaub in einer ruhigen Ecke laden die Stachelviecher geradezu ein. Ist der Zaun zum Nachbarn zu tief wird halt auf heimischer Seite eine "Igelvertiefung" angelegt. Die finden sowas. Immergrünes Baumarktzeugs kommt mir jedenfalls nicht auf den Acker ;-).

  8. 5.

    Finde ich sehr schade. Allerdings kenne ich Gartenfreunde, die extra für die Igel Rückzugsorte schaffen. Da genügen schon ein paar Äste und Laub drüber. Fertig ist die Bude.

  9. 4.

    @Lucky:"Ich wette meine Nachbarn würden mich am liebsten lynchen, für meinen "unaufgeräumten" naturnahen Garten :-)" Das kann ich mir gut vorstellen, habe auch mal so gelebt, noch dazu in Schwaben, da war das gar nicht gern gesehen. :-) Ich finde es gut, dass Sie Ihren Garten naturnah belassen und wünsche Ihnen, dass Sie mal einen Igel dort sichten.

    Ich hatte mal eines Abends einen bei mir in der Straße in Friedrichshain auf dem Gehweg (vermutlich vom ziemlich grünen Spielplatz kommend oder dorthin unterwegs) sitzen sehen. Ich bin ein paar Schritte vor ihm stehen geblieben und habe mich gefreut und ihn beobachtet. Bis ein Mann mit Handy vorm Gesicht auf uns zu geschritten kam, der vermutlich in den Igel hineingetreten wäre, wenn dieser dann nicht die Flucht ergriffen hätte.

    @rbb: Danke für den interessanten Bericht. Ich hoffe mal, dass die verschiedenen Igel-Clans weiterhin gut miteinander auskommen und Berlin nicht in Zukunft eine Igel-Clan-Kriminalität zu verzeichnen hat. ;-)

  10. 3.

    Also ich habe auch so einen "unaufgeräumten Garten" und eigentlich fast jedes Jahr Igel da. Am schönsten war es, als mal eine ganze Igelfamilie im Gänsemarsch durch den Garten marschierte; die hatten sich in meinem Kompostaufen eingenistet.

  11. 2.

    Ich finde die Medien sollten öfter negativ über diese Gärten des Grauens berichten: Statt diese wasserverschlingenden Möbel wie Thuja, Kirschlorbeer und Rasen einen naturnahen Garten als Norm propagieren!! Vielleicht wäre auch ein Schritt getan, wenn die Baumärkte das Sortiment ändern..da kommt das Zeug her! Nicht jeder hat das Geld und das Transport mittel um in einer Baumschule zu kaufen.

  12. 1.

    Na, so ganz optimal ist Berlin für die Igel nicht. Ich wohne eher ruhig, doch seit einigen Jahren habe ich keinen Igel mehr in meinem Garten bemerkt. Unsere Nachbarn haben wunderbar aufgeräumte Gärten, keine Schlupfwege, weil die Zäune keine Öffnungen haben, nur schnöden langeweiligen Rasen, weil Natur halt stört. Das geht in unserer ganzen Siedlung so, und wahrscheinlich in vielen anderen Gegenden/Siedlungen genauso - echt schade für die niedlichen hilfreichen Igel. Ich wette meine Nachbarn würden mich am liebsten lynchen, für meinen "unaufgeräumten" naturnahen Garten :-)

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