Kind spielt mit Bestatterlego (Quelle: rbb/Keuneke)
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Mit Kindern über den Tod reden - "Wenn die Trauer nicht verdrängt wird, wird es wieder gut"

Der Tod gehört zum Leben dazu. Und doch ist es für viele schwierig, darüber zu sprechen, gerade auch mit Kindern. Dabei sei es besonders wichtig, deren Fragen ehrlich zu beantworten, sagt die Berliner Bestatterin Birgit Scheffler. Von Wiebke Keuneke

Plattgedrückte Kindernasen am Schaufenster des "Fährhauses" in Berlin-Kreuzberg sind keine Seltenheit. Dort steht alles, was man für eine Beerdigung braucht: Ein Sarg, ein Leichenwagen, eine Kapelle, ein Friedhof mit vielen Blumen. Alles in Miniaturausgabe - ein Bestatter-Lego. Es gehört zum Konzept des Bestattungsinstituts "Das Fährhaus" von Birgit Scheffler und Sahra Ratgeber, offen mit dem Thema Tod umzugehen.

Die meisten Eltern reagieren auf das "Guck mal" oder "Was ist das?" ihres Kindes mit "Das ist traurig, komm wir gehen weiter", sagt Scheffler. Das sei verständlich, denn wer rede schon gerne über den Tod und setze sich mit seiner eigenen Endlichkeit auseinander? Noch dazu in Zeiten, wo um einen herum ein Virus wüte, das mitunter tödlich verlaufe. Da bleibe der kindliche Wissensdurst häufig ungestillt.

Bestatterin Birgit Scheffler (Quelle: rbb/Keuneke)
Bestatterin Birgit Scheffler | Bild: rbb/Keuneke

Birgit Scheffler, Bestatterin und Familienbegleiterin, bedauert das sehr. Gespräche über den Tod seien so heilsam – und meistens gehe man daraus sogar lebendiger hervor. Mindestens aber dankbarer. Gerade wenn in der Familie ein Todesfall eintritt, und das Kind trauert, gibt es wahrscheinlich auch gleichzeitig einen Erwachsenen, der in Trauer um denselben Menschen ist.

Schlimmster Fall: Kinder in Trauer

In dieser Zeit der Sprachlosigkeit können andere Menschen helfen, wie Birgit Scheffler. Wichtig ist es, Kinder in ihrer Trauer ernst zu nehmen und ehrlich mit ihnen zu sein, sagt sie. Das ist für die Angehörigen nicht immer einfach, denn Kinder trauern anders als Erwachsene, erklärt die Familienbegleiterin: Während Erwachsene oft in Konventionen denken, sind vor allem jüngere Kinder total wissbegierig. Sie wollen ganz genau wissen, was eigentlich bei einem Menschen geschieht, wenn er stirbt?

Die Bestatterin versucht daher ganz konkret, sachlich, aber kindgerecht zu erklären, was passiert ist: "Das Herz hat aufgehört zu schlagen, das Blut wird dadurch nicht mehr durch den Körper gepumpt und das Blut ist das, was uns warm hält. Deswegen wird der Körper dann kalt."

Vorausgesetzt die Kinder wollen das, kann man sie theoretisch in alle Schritte auf dem Weg zur Bestattung miteinbeziehen, sagt Birgit Scheffler. Wichtig sei aber, dass man sie immer auf das vorbereite, was gleich passiert und was sie sehen werden. Sie können helfen, die Verstorbene zu Hause abzuholen, sie können den toten Menschen mit in den Sarg reinlegen, sie können Bilder, Blumen, Kuscheltiere dazulegen, sie könnten den Sarg mitbauen oder anmalen, sie können sogar dabei sein, wenn der oder die Verstorbene gewaschen und angezogen wird, erklärt die Bestatterin.

Durch Berührung kommt die Botschaft an

Mit einer Fünfjährigen die Fingernägel der Oma noch einmal rot lackieren, weil sie das so schick fand, und dabei reden und Fragen beantworten, könne "Gold wert sein". Die Erfahrung der Familienbegleiterin ist, dass über das Sehen, Berühren, Streicheln, Feststellen, dass die Haut kalt ist, die Botschaft im Kopf ankommt.

Zu Problemen kann es hingegen manchmal führen, wenn Erwachsene den Tod vermeintlich sanft erklären wollen: Opa ist eingeschlafen, Oma ist auf ihre letzte Reise gegangen. Kinder verstehen diese Metaphern noch nicht und können gedanklich nicht abschließen, weil sie immer auf Omas Rückkehr warten, oder sie entwickeln im schlimmsten Fall sogar Schlafstörungen, weil sie panische Angst vorm Einschlafen bekommen.

Ehrlich, kindgerecht - und aktiv

Birgit Scheffler erzählt von einem Kind, dem aus Rücksicht nicht erklärt wurde, dass der tote Opa im Sarg kremiert, also verbrannt wird, und das dann später bei der Trauerfeier entsetzt fragt, ob dem Opa alle Knochen gebrochen worden sind, damit er in die Urne passt. Denn wenn Kinder keine Antworten auf ihre Fragen erhalten, dann füllen sie ihre Wissenslücken mit eigenen Erklärungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Trauerbegleitung sei es vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen, den Trauernden Angebote zu machen, die sie aus ihrer Passivität holen: etwas zu malen, zu erzählen, zu schreiben oder zu singen. Birgit Scheffler erzählt von einer Trauerfeier, wo der Sohn – mitten in der Pubertät – eine Rede auf seinen Vater geschrieben hat, der Suizid begangen hatte. Wenn sie daran denkt, bekommt auch die erfahrene Bestatterin einen Kloß im Hals.

Schutzmechanismus der eigenen Seele

In Trauerpausen sind Kinder oft fröhlich und lachen. Birgit Scheffler kennt dieses Verhalten und findet, dass Kinder es intuitiv völlig richtig machen. Wir Erwachsenen finden es eventuell befremdlich, wenn Kinder auf einer Trauerfeier rumrennen, spielen und lachen. "Das ist aber eigentlich sehr gesund, weil es ein Schutzmechanismus der eigenen Seele ist. Es ist einfach zu hart, die ganze Zeit traurig zu sein."

Birgt Scheffler befürwortet es, den Kindern genauestens zu erläutern, was rund um den Tod eines Menschen passiert. Doch es gibt auch für sie eine Grenze: Auf die Frage, wohin die Seele geht, will sie Kindern niemals Vorgaben machen oder gar vom Himmel reden, sondern das ganz der kindlichen Fantasie überlassen.

Wird es jemals wieder gut? Das werden Bestatterinnen oft gefragt. Anfangs scheint das für Trauernde noch unvorstellbar - egal, ob Kinder oder Erwachsene. Aber, erklärt Birgit Scheffler lächelnd: "Wenn die Trauer ausgelebt und nicht verdrängt wird, wird es wieder gut. Anders gut als vorher, aber gut."

Sendung: Radioeins, 2.3.2021, 10:40 Uhr

Beitrag von Wiebke Keuneke

2 Kommentare

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  1. 2.

    Sehr berührend.... eine schöne und offene Herangehensweise, so klug, so nachhaltig wirkend! Ein so wichtiger Beruf, gerade jetzt... "Leb wohl, lieber Dachs" ist ein wunderschönes Buch über das Trauern - jeder behält ein wenig (Spuren, Gelerntes) in seinem Leben zurück von dem, der da war, um uns zu bereichern... kleine Dinge, Schlittschuhlaufen, backen...

  2. 1.

    Es gibt für Kinder im Kita-Alter ein spezielles Heft zum Thema, und auch das Berliner FEZ hatte sich mal dem Thema "Erzähl mir was vom Tod" für Kinder angenommen:

    https://wamiki.de/shop/buecher/tod-projekte-mit-kitakindern/

    https://www.berliner-woche.de/oberschoeneweide/c-bildung/erzaehl-mir-was-vom-tod-ausstellung-kehrt-zurueck-ins-fez_a122386

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