Rose läuft durch einen Berliner Park. (Bild: rbb/Naomi Noa Donath)
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Video: rbb|24 | 25.02.2021 | Naomi Noa Donath | Bild: rbb/Naomi Noa Donath

Menschenhandel in der Corona-Pandemie - "Mein Körper und meine Psyche wurden gebrochen"

Die Berliner Polizei hat 2020 öfter wegen des Verdachts auf Zwangsprostitution ermittelt als im Vorjahr. Einfach ist das nicht, denn Menschenhändler nutzen die Angst der Ausgebeuteten aus. Und die haben oft einen längeren Leidensweg hinter sich. Von Roberto Jurkschat

An einem Tag im Oktober sieht Rose* durch die offene Zimmertür, wie der Menschenhändler das Haus verlässt. "Ich habe meinen Rucksack genommen und bin einfach rausgelaufen, in den Sachen, die ich gerade anhatte", erzählt die 30-jährige trans* Frau aus Thailand. Rose flüchtet aus dem sechsgeschossigen Hinterhaus in Prenzlauer Berg. Sie läuft zu Fuß durch die Stadt, bis sie die Wohnung einer Freundin erreicht.

Im Gespräch mit rbb|24 berichtet Rose, wie sie vor drei Jahren mit falschen Versprechen von Thailand nach Berlin gelockt und in einem illegalen Bordell in Berlin ausgebeutet wurde. "Ich wurde geschlagen und musste Sexarbeit machen, 24 Stunden am Tag", sagt sie. Mit zwei anderen Sexarbeiter*innen aus Thailand habe sie in dieser Zeit in einem kleinen Zimmer gelebt.

Das Hinterhaus des Wohnkomplexes in Prenzlauer Berg konnte sie nur selten verlassen. "Sie wussten immer, wo ich wann bin und ich musste Fotos machen, um zu beweisen, dass ich auch die Wahrheit sage."

Ihre Arbeit bestand zwei Wochen lang nur darin, das Haus zu putzen. Danach brachte man Tag und Nacht Kunden für Sexarbeit auf ihr Zimmer. "Egal wie müde ich war, egal ob ich krank war, ich musste arbeiten. Arbeiten, bis ich tot umfalle. Manche Tage konnte ich nicht schlafen, weil ich einfach durchgearbeitet habe. Wenn ich dann einschlief und ein Kunde kam, wurde ich geweckt", sagt Rose. "Mein Körper und meine Psyche wurden gebrochen."

Phuket, Bangkok, Berlin

Bis zum Jahr 2018 hatte Rose als Tänzerin und Sexarbeiterin in einem Nachtclub in der thailändischen Touristenhochburg Phuket gearbeitet. Ihre Reise nach Berlin begann mit einer WhatsApp-Nachricht von einer unbekannten Nummer: "Interessierst du dich für einen gut bezahlten Job als Sexarbeiterin? Ich zahl dir die gesamte Reise, du arbeitest und nach ein bis zwei Monaten hast du alles abbezahlt und du wirst legal hier in Deutschland leben."

Rose fragt sich, woher der Absender ihre Nummer haben könnte. Im Chat schreibt er, es gebe "gemeinsame Bekannte". Wer diese Bekannten sein sollen, weiß sie bis heute nicht, sagt sie.

Rose denkt nach. Sie ist das älteste Kind in ihrer Familie, die Eltern sind arm und leben in einem Dorf fernab von Phuket. Sie schickt ihnen regelmäßig Geld, weil sie kaum über die Runden kommen. "Ich dachte damals, die Reise nach Europa ist ein super Angebot, da ich nur ein oder zwei Monate für die Reisekosten arbeiten muss und danach selbstständig sein kann."

Ein paar Wochen später sitzt Rose am Flughafen in Bangkok. Sie folgt den Instruktionen aus dem WhatsApp-Chat. Ein erster Flieger bringt sie nach Istanbul. Der zweite nach Paris. Mit dem Zug fährt Rose weiter nach Berlin - ein Taxi bringt sie schließlich nach Prenzlauer Berg.

Volle Zufluchtswohnungen in der Pandemie

Seit ihrer Flucht im Oktober 2019 lebt Rose mit sieben weiteren Frauen in einer Zufluchtswohnung von Ban Ying, einer Beratungsstelle in der Anklamer Straße in Berlin-Mitte.

Im ganzen Stadtgebiet gibt es nur zwei solcher Schutzwohnungen speziell für Betroffene von Menschenhandel. Die Beratungsstellen, die Senatsverwaltung für Frauen und die Polizei halten die Adressen der Unterkünfte geheim. "Rose konnten wir vor der Corona-Pandemie noch unterbringen, kurz danach waren alle acht Plätze in der Wohnung belegt", sagt Ban Ying-Koordinatorin Lea Rakovsky.

Der Hauptgrund für den anhaltenden Platzmangel sei, dass die Bewohner*innen grundsätzlich kaum in andere Unterkünfte vermittelt werden können. Sozialarbeiterinnen von Ban Ying und andere Vermittler würden auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt kaum mehr normale Wohnungen für die Betroffenen finden. "Das Problem ist aber nicht nur der Wohnungsmarkt, sondern dass es viele Betroffene gibt und zu wenige Unterkünfte. Es fehlt der politische Wille, die Betroffenen mehr zu unterstützen", sagt Rakovsky. Das habe zur Folge, dass Ban Ying Betroffene von Menschenhandel teilweise an Notunterkünfte für Wohnungslose vermitteln muss. Diese bieten allerdings nicht denselben Schutz für Frauen, die vor Ausbeutung und Gewalt fliehen.

Mehr Ermittlungen wegen Menschenhandels im Corona-Jahr

Im vergangenen Jahr hat Rose Anzeige gegen den Menschenhändler erstattet, der nach ihrer Überzeugung den europäischen Teil eines kriminellen Netzwerks steuert, das von Berlin bis nach Bangkok reicht.

Die Ermittlungen der Polizei laufen in solchen Fällen unter dem Paragrafen 132a: Zwangsprostitution. In diesem Bereich hatte es im Corona-Jahr einen deutlichen Anstieg gegeben, von 48 Ermittlungsvorgängen 2019 auf 70 im vergangenen Jahr, wie die Senatsinnenverwaltung auf Anfrage von Marcel Luthe (parteilos) im Berliner Abgeordnetenhaus im Januar mitteilte.

Polizeisprecher Martin Halweg erklärte rbb|24, es sei unklar, weshalb es während der Pandemie einen solchen Anstieg gab. Die Schwankung könne etwa am Anzeigeverhalten der Betroffenen liegen oder an den Ermittlungsschwerpunkten der Polizei, die ihre Kapazitäten im Lockdown anders einsetzen kann als sonst. "Die jetzige Schwankung steht aus Sicht der Fachdienststellen für Menschenhandel und Zwangsprostitution kausal nicht im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie", erläutert Halweg.

Beratungsstellen warnen vor verstärktem Menschenhandel

Der Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK) warnt hingegen, dass die Corona-Krise Menschenhändlern durchaus in die Hände spielen könnte. Wirtschaftliche Notlagen wegen Arbeitslosigkeit, Einkommensverluste insbesondere im Niedriglohnbereich und dem informellen Sektor würden von Menschenhändlern gezielt ausgenutzt.

Die Frage ist, wie die Polizei diese Delikte feststellen kann und wie groß das Dunkelfeld im Bereich Menschenhandel ist. Der Berliner Senat hatte Prostitution mit dem zweiten Lockdown im November komplett verboten, Kontrollen auf der Straße und in Bordellen gibt es derzeit nicht. Der KOK und die Polizei nehmen allerdings an, dass die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen weiter besteht und Sexarbeit deshalb zunehmend in verborgenen Bereichen stattfindet. "Ausbeutung wird durch diese Situation noch mehr begünstigt. Gewaltsame Übergriffe, von Freiern etwa, werden aufgrund des Berufsverbots nicht mehr zur Anzeige gebracht", heißt es in der KOK-Stellungnahme.

Erschwerte Bedingungen für die Polizei

Benjamin Jendro von der Polizeigewerkschaft GdP in Berlin sagte im Gespräch mit rbb|24, die Polizei ermittle im Moment unter erschwerten Bedingungen. "Prostitution findet nicht mehr auf dem Straßenstrich oder in den registrierten Bordellen statt, deshalb können Kollegen dort auch keine Fälle von Menschenhandel feststellen. Wir sind da mitunter auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen."

Mitte November erreichte die Polizei ein solcher Hinweis über den Notruf. Ein Anrufer sagte, dass ein Haus mit Cocktailbar in der Rosenfelder Straße in Berlin-Lichtenberg möglicherweise als illegales Bordell genutzt werde. Als Polizisten das Gebäude betraten, fanden sie drei leicht bekleidete Männer, zusammen mit drei Frauen und einer 16-jährigen Jugendlichen. Es wurden Ermittlungen wegen des Verdachts eines illegalen Bordellbetriebs aufgenommen.

Gut möglich, dass die Polizei Prostitutionsbetriebe bald nicht mehr ohne weiteres für verdachtsunabhängig kontrollieren darf. Die Pläne des Senats zur Änderung des Berliner Polizeigesetzes (ASOG) sehen höhere Hürden für solche Aktionen vor. "Die Kollegen befürchten, dass das Dunkelfeld da weiter wachsen könnte", erklärt Jendro.

Menschenhändler nutzen Angst vor Abschiebung aus

Berater*innen in Berlin, wie etwa die Mitarbeiter*innen von Ban Ying, sind häufig die ersten, die auf mögliche Fälle von Menschenhandel aufmerksam werden. "Zu uns kommen Betroffene, die es geschafft haben zu fliehen, manche sind noch minderjährig und müssen erstmal in Sicherheit gebracht werden", sagt Lea Rakovsky.

Die Koordinatorin glaubt, dass es beim Menschenhandel in der Hauptstadt ein großes Dunkelfeld gibt. Denn viele Betroffene, die in Nagelstudios oder in der Sexbranche arbeiten, sind bei keinem Bürgeramt in Berlin registriert und besitzen keinen legalen Aufenthaltsstatus. "Wir unterstützen die Betroffnen in allen ihren Entscheidungen. Und falls sie eine Aussage gegen Menschenhändler machen wollen, dann begleiten wir sie. Viele wollen aber keine Aussage machen. Aus Angst, dass sie hinterher abgeschoben werden", sagt Rakovsky. "Die rechtliche Situation schützt deshalb auch immer wieder die Täter."

Benjamin Jendro von der Polizeigewerkschaft GdP betont, dass unmittelbar nach einer Anzeige und während eines laufenden Verfahrens keine Zeugen abgeschoben werden. Allerdings stimme es durchaus, dass Menschen als ausreisepflichtig eingestuft werden können, wenn sie sich als Opfer in Sachen Menschenhandel an die Behörden wenden und einen Asylantrag stellen. "Menschenhändler wissen genau, wie sie sich diese Angst zunutze machen können", sagt Jendro. Die Ermittlungen seien deshalb nicht leicht. "Die Polizei benötigt die Aussagen der Geschädigten natürlich."

Rose erzählt, sie habe ihren ganzen Mut aufbringen müssen, um mit Beraterinnen von Ban Ying zur Polizei zu gehen und Anzeige gegen den Menschenhändler zu erstatten. An eine Rückkehr nach Thailand denkt sie nicht. "Als nächstes möchte Deutsch lernen", erzählt sie.

*Name von der Redaktion geändert

Beitrag von Roberto Jurkschat

13 Kommentare

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  1. 13.

    Sehr richtig !
    Es ist inakzeptabel, was Berlin sich da erlaubt, von wegen Freiheit !
    Das sogenannte, viel zitierte,Dunkelfeld’ existiert doch bereits jetzt, die Gewalt findet schon statt, sobald die Tür sich schließt.
    Egal ob Bordell, Wohnung oder sonst irgendwo.
    Das ist alles pure Heuchelei und Menschenverachtung, das Nordische Modell muß her und zwar schnell.
    Die Freier, die diese Nachfrage schaffen, müssen unbedingt zur Verantwortung gezogen werden. Hier kann sich der Staat nicht schulterzuckend hinstellen und sagen ,na ja, Männer sind halt so, man muss ihnen erlauben, jederzeit einen Frauenkörper zu benutzen, wer weiß, was sonst passiert’ - nein meine Herren, so geht das nicht.

  2. 12.

    Diese Einstellung ist das Problem, Mann sollte nicht alles kaufen, was angeboten wird! Der Freier entscheidet aktiv, ob er Kriminalität unterstützt, das Land mit seinen "Freiheiten" für kriminelle Organisationen leider auch. Bei zu vielen von Befriedigung getriebenen setzt der Rest des Hirns aus, Egoismus eben! Armselig, wenn das diesen blinden Freiern Befriedigung gibt!

  3. 9.

    ...und mir wird schlecht, wenn ich an die Priester denke, die Kinder missbraucht haben und noch in Amt und Würde sind.

  4. 7.

    Es wird emotional, wenn es Leute gibt, die die Realitäten leugnen. So wie Klimlageugner, etc. und eben auch so Typen, die sich die Prostitution schön reden, weil sie evtl. Teil des Problems sind.
    Frauen kann man nicht kaufen, das sollte mal langsam in unserer tollen Gesellschaft verstanden worden sein.
    Wir haben zwar die Möglichkeit Bauvorhaben zu stoppen, weil irgendwo noch eine Echdechse auf dem Gelände wohnt, aber beim Menschenhandel bleibt man lieber still.
    iss mir schlecht!

  5. 5.

    Sexarbeit ist ein sehr emotional debattiertes Thema. Beide Seiten sollten einsehen, dass es sowohl freiwillige Sexarbeit wie auch Zwangsprostitution gibt und, dass sich Prostitution nicht verbieten lässt. Auch in Schweden gibt es Sexarbeiter:innen, Menschenhandel und Zwangsprostitution. Ich bin froh, dass wir in Berlin Vereine wie Olga haben, die Sexarbeitendenen und Zwangsprostituierten gleichermaßen zur Verfügung stehen. Würde die gesamte Prostitution in den Untergrund abgedrängt, wäre es auch für solche Vereine extrem schwer, an die Menschen heranzukommen --> das kann niemand wollen!

  6. 4.

    Fakt ist aber leider, dass der Berliner Senat hier an der Stelle ganz bewusst nichts unternimmt, um Zwangsprositutiion einzudämmen. Ganz im Gegenteil wird für deren Ausübung auch noch Infrastruktur von den Bezirken angeschafft, wie z.B. die Biotoiletten, die dann von Zuhältern für das "Geschäft" vermietet werden.
    Ich weiß wovon ich spreche, denn ich wohne in einer Gegend, die davon stark betroffen ist.
    Wenn mir jetzt noch jemand erzählt, dass die Frauen das freiwillig machen, den darf ich mal an die Kältewelle vor zwei Wochen erinnern, wo ich Prostituierte beobachten durfte, die bei -14 Halb Nackt auf der Strasse rumgelaufen sind (trotz Corona Verbot), während die Zuhälter es bei laufendem Motor schön warm im Auto hatten und aufgepasst haben.
    Polizei habe ich nicht sehen können, aber dafür jede Menge "Interessenten".
    Das ist die heuchlerische Realität zur Prostitution in unserer Stadt, von wegen sexuelle Selbstbestimmung ...

  7. 3.

    Diese Frauen* haben "Kunden", also gewissenlose W.chser, denen deren Schicksal einfach egal ist.
    Und die Justiz beschäftigt sich lieber mit kleinen Pupsdelikten oder Falschparkern. Wahnsinn.
    Es bricht mir das Herz solche Berichte zu lesen.

  8. 2.

    "Menschenhandel" und "Sexarbeiten" sind verharmlosende Worte der brutalen Realität. Unsere "freiheitliche" Gesellschaft verschleiert den sexuellen Mißbrauch und menschenverachtende Ausbeutung. Sexuelle "Befreiung" führt in die Versklavung! Bei uns herrscht massenhafter brutaler Sklavenhandel! Mit allen Kräften gegen diese Strukturen des Unrechts!

  9. 1.

    "..., dass die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen weiter besteht und Sexarbeit deshalb zunehmend in verborgenen Bereichen stattfindet."

    So verborgen nun auch wieder nicht, wenn weiter fleißig in den einschlägigen Portalen inseriert wird. Aber wahrscheinlich gibt es da auch wieder irgendwelche Hürden, die Ermittlungen verhindern.

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